Heiko Mell

Karriereberatung für Spätzünder

Vor mehreren Jahren hatte ich ein für mich symptomatisches Erlebnis während eines Laufwettbewerbs: Angetreten, als talentarmer Hobbyläufer eine bestimmte Zeit zu unterbieten, befand ich mich zwischen zwei Gruppen. Die hinter mir hatte ich verlassen, da war ich permanent ein klein wenig schneller. Zu der vor mir liegenden konnte ich nicht aufschließen. So war ich weg von der, wo ich nicht bleiben wollte und zu weit entfernt von der, welche mich reizte.

Diese Situation war damals ein Sinnbild für mein Leben: Wo gehöre ich hin, was kann ich, was will ich? Bedingt durch eine nicht so glückliche Erziehung und bestimmte Eigenschaften wie introvertiert und viel hinterfragend, war ich ein stark zweifelnder, unsicherer und nervöser Mensch. Was anderen scheinbar so mühelos gelang (toller Job, Frau und Kinder, Hausbau, angesehen und beliebt zu sein), war für mich schmerzlich unerreichbar.

Mit fast vierzig Jahren, nachdem der Leidensdruck immer größer geworden ist, habe ich eine umfangreiche Gesprächstherapie begonnen. Dadurch wurde aus Zweifeln Selbstsicherheit, aus Nervosität Gelassenheit – und ich habe durchlebt, wie eine Abwärtsspirale gestoppt und vor allem auch umgedreht werden kann. Mit dem Resultat, dass ich danach geheiratet habe (mit 48), Vater geworden bin (mit 49), den Job mit Mehrwert wechseln konnte (mit 48).

Und jetzt stehe ich vor der Situation, dass mir von meiner Vorgesetzten eine Führungstätigkeit als möglich avisiert wurde (mit jetzt 52 Jahren). Sie sieht entsprechendes Potenzial bei mir, unterstützt mich – auch um den Preis, mich als Mitarbeiter zu verlieren. Sie könne sich sogar vorstellen, dass ich auch ihre jetzige Position ausfüllen könnte. Allerdings würde nur sie das so sehen. Ihr Chef und dessen Vorgesetzter schätzten mich als Mitarbeiter, sähen mich aber nicht in einer Führungsposition. Ihrer Erfahrung nach begegnet man mir immer mit einer gewissen Zurückhaltung und Skepsis – von Leuten aber, die mich besser kennen, bekäme sie nur gutes Feedback über mich.

Wie denken Sie über die Erfolgschancen, jetzt mit professioneller Hilfe die Ursachen der Vorbehalte gegen mich zu ergründen und eine Gegenstrategie zu entwickeln? Ich habe (vor allem aus zeitlichen/Alters-Gründen) nur noch einen „Wurf“ frei. Wie soll ich vorgehen, um für die Beratung/das Coaching einen passenden Partner zu finden? Was könnte ich in meiner Situation, als erfahrener Mitarbeiter, aber Führungskraft-Neuling tun, um vermeidbare Fehler gar nicht erst zu begehen? Was ist Ihre Erfahrung mit „Spätberufenen“? Wie ist die mir vermittelte eher negative Haltung der höheren Vorgesetzten-Ebenen zu bewerten und wie gehe ich damit um?

PS: Sie haben mit Ihren Kommentaren eine große Vorbildfunktion. Nie habe ich gelesen „Heiko Mell macht Sommerpause“ oder „Wegen Krankheit heute keine Karriereberatung“. Woche für Woche steht der von vielen erwartete Text in den VDI nachrichten – und das in einer solch beeindruckenden Substanz und – nochmal erwähnt – Zuverlässigkeit, dass ich mich dafür bei Ihnen und vor allem auch dem unterstützenden Team herzlich bedanken möchte!

Antwort:

Liebe Leser, über ein so intensives Lob wie hier am Schluss der Einsendung hat der Angesprochene (ich) als Mann von Welt souverän hinwegzugehen, schließlich ist Lob selbstverständlich. Allein, mir fällt eine solch edle Haltung schwer: Ich freue mich darüber pauschal – und ganz besonders, dass auch dieser Aspekt der Zuverlässigkeit einmal anerkannt wird. Sie, geehrter Einsender, sind nämlich der Erste in all den Jahren. Was uns mitten ins Thema hineinführt.

Wenn die anderen Leser so etwas als selbstverständlich abhaken, Sie aber nicht – dann haben Sie schon wieder einen Sonderstatus weg: Sie sind, denken und fühlen offenbar irgendwie „anders“. Das aber ist stark risikobehaftet: Sie sollten im Idealfall nicht wesentlich anders sein, sondern so, wie die anderen auch, nur 5 bis 10% besser, das reicht.

Wenn man Ihre Geschichte liest, dann erkennt man sofort: Toll, was Sie hinbekommen haben, gar keine Frage. Aber so sein wie alle anderen, das können Sie bei diesem besonderen Weg nicht. In Ihrer für die Prägung der Persönlichkeit offenen Jugend waren Sie gehandicapt, Sie haben erst später und durch massive äußere Hilfe einen Entwicklungsstand erreicht, auf dessen Höhe andere gut 25 Jahre zuvor gestartet sind. Sie können, so meine feste Überzeugung, jenen Vorsprung der anderen nicht vollständig aufholen. Und wie solide das Fundament ist, auf dem Ihre heutige Persönlichkeit ruht, wissen wir auch nicht. Wie verkraften Sie massive Rückschläge, permanente Rivalitäten, persönliche Angriffe, ungerechtfertigte Zurücksetzungen (die „weiter oben“ eher mehr als weniger wahrscheinlich sind)?

Dann haben Sie bisher nur diese eine Chefin, die jenes Potenzial in Ihnen sieht. „Eine“ ist als statistische Basis äußerst schwach, das wissen Sie. Schön, Sie möchten gern – aber wenn wir das als Beweis für Qualität akzeptierten, wäre die halbe Bevölkerung Chef. Ein sehr deutliches Warnzeichen sind für mich die beiden Ober-Chefs, die Ihren Aufstiegsplänen sehr skeptisch gegenüberstehen, sie dürften die „typischen“ Industriemanager repräsentieren.

Bedenken Sie auch: Wer etwas wagt, sollte sich gegen die Risiken absichern. Wem noch ein paar Millionen Euro bleiben, wenn er andere Summen verliert, kann gewagt investieren. Und wer einen tollen Erfolgslebenslauf hat, kann trotz höheren Alters einen gewagten beruflichen Schritt unternehmen. Sie jedoch fielen ins Nichts zurück – begleitet vom Schulterzucken der Skeptiker, die es ja von Anfang an gesagt hatten.

Nein, in Würdigung aller Aspekte rate ich ab. Sie haben, gemessen an Ihrer Ausgangslage, sehr viel erreicht und Sie haben geltende Altersgrenzen überschritten. Lassen Sie es gut sein damit. Freuen Sie sich über den besonderen Erfolg, der im sehr positiven Urteil Ihrer Chefin liegt, träumen Sie ruhig gelegentlich davon, was eventuell(!) hätte gewesen sein können, aber beschränken Sie sich auf das, was Sie mit 50 erreicht hatten. Das entspräche nämlich auch einer goldenen Regel. Mir ist diese pauschale Empfehlung an Sie so wichtig, dass ich ein Eingehen auf Ihre Detailfragen nicht mehr für sinnvoll halte.

Kurzantwort:

Solange Altersgrenzen aller Art weiter bestehen, sollte man davon ausgehen, dass mit etwa 50 der Höhepunkt der beruflichen Entwicklung erreicht und das grundlegende Potenzial für den weiteren Aufstieg ausgeschöpft sind.

Frage-Nr.: 2708
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-09-18

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