Heiko Mell

Wechsel in der Probezeit?

Frage/1: Ich habe mein Ingenieurstudium vor wenigen Monaten abgeschlossen und bin für den Berufseinstieg 500 km umgezogen. Angefangen habe ich bei einem Dienstleister, davon habe ich mir Einblicke in verschiedene Aufgabenbereiche innerhalb des Fachbereichs erhofft, den ich studiert hatte. Dafür habe ich auf einen Berufseinstieg im Großkonzern verzichtet, bei dem ich zuvor mehrere Jahre lang Werkstudent war und meine Abschlussarbeit geschrieben hatte.

Frage/2: Nach wenigen Wochen merke ich nun, dass die mich erwartenden Aufgaben nicht denen entsprechen, die ich mir vorgestellt bzw. erhofft habe. Man führt die Aufgaben „stupide“ aus, übermittelt die Ergebnisse dem Auftraggeber und wartet auf neue Aufgaben. Am Entwicklungsprozess ist man eher selten beteiligt. Durch die Wartezeit entsteht oft Leerlauf.Ich möchte das Unternehmen verlassen und habe mir auch schon konkrete Stellenausschreibungen herausgesucht.

1. Wie lange soll ich in der Probezeit aushalten? Zwei bis drei Monate, die ich jetzt zusammenbringe, sind sicherlich sehr kurz. Meine Eindrücke sprechen jedoch für einen kurzfristigen Wechsel.Ich überlege jedoch auch, ob ich nicht noch zwei Monate warte – in der Hoffnung, dass sich meine bisherigen Eindrücke als falsch herausstellen. Denn alle übrigen Umfeldgegebenheiten sind echt super.

2. Wie stelle ich die aktuelle Tätigkeit im Lebenslauf dar? Ab welcher Dauer gibt man eine solche Tätigkeit überhaupt an? Wie umfangreich muss meine Vorstellung der Tätigkeitsfelder im Lebenslauf sein? Wie umfangreich muss die Begründung für den beabsichtigten Wechsel im Anschreiben sein?

3. Angenommen, man gibt die Tätigkeit wegen der kurzen Dauer gar nicht an: Wie kommuniziert man einen Wohnortwechsel? Im Vorstellungsgespräch werde ich vermutlich auf einen Wohnortwechsel angesprochen. Ich möchte ungern etwas verschweigen, weder in der schriftlichen Bewerbung, noch im Gespräch.

4. Muss ich befürchten, dass sich Bewerbungsempfänger beim derzeitigen Arbeitgeber über mich informieren?

5. Wem teile ich im Falle eines Wechsels meine Kündigung am besten mit? Wem sage ich es zuerst, dem Abteilungsleiter oder der Personalabteilung?

6. Wie kann man die zwei Wochen zwischen Kündigung und letztem Arbeitstag am besten gestalten?

Antwort:

Großkonzerne haben durchaus ihre Nachteile, gerade auch in den Augen von frischgebackenen Akademikern. Die oft den Kopf noch voller beruflicher Träume haben, die teilweise noch zu idealistischen Vorstellungen neigen und die nun vor allem möglichst viel lernen und ebenso möglichst viel bewegen oder gestalten wollen. Und die vielleicht nicht direkt die ganze Welt, aber dann doch wenigstens ihr berufliches Umfeld verbessern möchten.

Das alles geht im Konzern eher nicht: Er ist völlig immun gegen das Ansinnen des neuen Teammitgliedes. Er hat schon 10 000 Ingenieure unter Vertrag, da reagiert er auf einen weiteren recht gelassen. Der einzelne Mitarbeiter bewegt in der starren, festgezurrten und übermäßig durch Vorschriften eingeengten Arbeitswelt dieses Großbetriebes nichts; der Neue will ja erst einmal Mitarbeiter werden (ein Prozess, der wie alles dort, dauert). Dann sind durch die üblichen engen Aufgabenbereiche die Tätigkeitsgebiete eng begrenzt, um Angelegenheiten benachbarter Gruppen oder Abteilungen kümmert man sich besser nicht. Und wenn Sie in Fragen der Eigendarstellung unbegabt sind oder Pech haben, gehen Sie eines Tages in Rente und niemand vom Top-Management hat überhaupt registriert, dass Sie dort vierzig Jahre lang tätig waren.

Aber: Es ist der Weltkonzern XY. Und Sie sind Teil davon. Die Methoden auf Ihrem engen Spezialgebiet, das Sie dort betreuen, sind die effektivsten und modernsten, die es gibt. Wenn Sie aufmerksam um sich schauen, lernen Sie unendlich viel darüber, wie das ganze „System“ so funktioniert. Und: Der Name XY hat Sogwirkung auf sehr viele Bewerber in Deutschland. Die Chefs dort hätten „jeden“ haben können – und Sie hat man genommen. Jahre später imponiert der Arbeitgebername XY in Ihrem Lebenslauf immer noch fast jedem Bewerbungsempfänger. Das Image des Arbeitgebers ist gewaltig – und auf Image kommt es an in dieser Welt. Die Leute kaufen ja auch nicht das beste Auto, sie kaufen hingegen, was sie dafür halten. Wenn die XY AG Weltmarktführer ist, müssen ihre Produkte sehr gut sein. Wenn ihre Produkte sehr gut sind, müssen ihre Ingenieure sehr gut sein. Also ist ein Bewerber, der von XY kommt, grundsätzlich schon ein interessanter Kandidat. (Dass auch die XY AG nur mit Wasser kocht, unzulängliche Strukturen hat und unfähige Chefs in nennenswerter Zahl, steht auf einem anderen Blatt. Aber das Image, das Image ist super.)

Also lässt man als junger Berufseinsteiger die Chance zum Start bei einem Konzern nicht so einfach „sausen“. Und wenn man dort mehrere Jahre Werkstudent gewesen ist und seine Abschlussarbeit geschrieben hat, dann wirft man sogar noch Fragen auf, wenn ein anderer Name als erster Arbeitgeber im Lebenslauf auftaucht.

Die 500 Entfernungskilometer zum von Ihnen gewählten anderweitigen Startengagement sind demgegenüber bloß eine Lappalie.Sie nun, geehrter Einsender, hatten das Beste gewollt und das weniger Richtige getan. Und: Es ist zwar immer gut, in wichtigen Angelegenheiten selbst nachzudenken. Aber nur allzu oft findet man auf diesem Umweg etwas heraus, was längst „bekannter Stand der Technik“ dieses Metiers ist. Das bedeutet nicht pauschal, „man geht als Anfänger in jedem Fall immer zum Großbetrieb“, es bedeutet auch nicht, „man geht nicht zum Dienstleister“. Es bedeutet nur, dass man extrem gute Gründe haben müsste, um auf das durch studentische Tätigkeit und Diplomarbeit ausgelöste Einstiegsangebot eines Großkonzerns „zu verzichten“.

Antwort/2: Sie haben sorgfältig nachgedacht, alle denkbaren Probleme fein aufgelistet – und sehen nun selbst, vor was für einem „Berg von Schwierigkeiten“ Sie mit diesem Vorhaben stehen. Und ich muss noch ein weiteres Problem hinzufügen, das Sie noch nicht erkannt haben:

Sie haben nach eigener Definition einen Fehlstart hingelegt. Das kann Ihnen unbedingt noch einmal geschehen. Wenn Sie alles korrekt angeben, sehen Sie bei der dann fälligen dritten Bewerbungsaktion „alt“ aus.

Pauschal gilt für Sie: Anfängern fehlt es an Erfahrung, um ihr erstes Anstellungsumfeld abgewogen beurteilen zu können. Also sollten Sie abwarten und zumindest die ersten zwei Beschäftigungsjahre durchstehen, so engagiert und erfolgreich wie irgend möglich. Andererseits soll man erkannte bedeutende Fehler korrigieren – dann aber so schnell wie es überhaupt geht. Leider widersprechen sich beide Grundsätze, Sie können nur einen verwirklichen. Man nehme im Zweifelsfall den, der am wenigsten dem Grundsatz widerspricht: Halten Sie Ihre „Papiere“ sauber!

Zu 1: Da die anderen Mitarbeiter Ihres heutigen Arbeitgebers alle noch da sind, kann es dort so unerträglich gar nicht sein. Sie wollten dort unbedingt hin und haben gezielt die Chance zum Konzerneinstieg ausgeschlagen. Wegen des möglichen Schadens einer Extremkurzzeit und wegen der Wiederholungsgefahr (Sie haben einen Fehler gemacht und es heißt: „Sie machen es immer wieder“) rate ich dazu, zwei Jahre zu bleiben. Auch anderswo ist nicht das reine Ideal zu erwarten. Wer da immer weglaufen wollte, liefe permanent.

Zu 2: Es gibt böse Menschen, die würden eine so kurze, nur Monate umfassende Tätigkeit im Lebenslauf schlicht verschweigen und die Zeit unausgesprochen als „arbeitslos“ darstellen. Aber es wäre gelogen, es wäre eine Falschangabe im Bewerbungsprozess – und es gäbe die Gefahr einer Entlassung durch den nächsten Arbeitgeber, wenn die Geschichte später doch „rauskommt“. Ihr heutiges Problem ist klein, das Risiko wäre hoch, das Verschweigen wäre also ein „schlechtes Geschäft“.

Eine Begründung für den Wechsel müsste sachlich sein; „ich bin enttäuscht“ wäre nicht gut. Möglich wären „ungewisse Zukunftsaussichten wegen sehr unbefriedigenden Auftragseingangs“ – wenn sich das denn verantworten ließe.

Zu 3: Sie meinen wohl Ihren heutigen, 500 km vom früheren entfernten Wohnort. Der wird gar nicht auffallen. Sie wohnen irgendwo, bewerben sich irgendwo, betonen Ihre Umzugsbereitschaft, das reicht bei einem Anfänger.

Zu 4: Nein, nicht wenn Sie sachliche Gründe für den Wechsel angeben – und die beiden Personalchefs nicht zufällig Golfkameraden sind.

Zu 5: Sie schreiben der Personalabteilung und sagen es Ihrem Chef, bevor die Personalleute den Brief haben oder Sie sagen es erst dem Chef und schicken die schriftliche Nachricht dann ab. Aber trösten Sie sich: Ihr Chef wäre vermutlich so oder so ziemlich „sauer“.

Zu 6: Sie machen Ihre Arbeit weiter und zwar eher mit doppeltem Einsatz als bisher. Da Sie kundenbezogen arbeiten, stellt man Sie vielleicht sogar frei (schickt Sie bei vollem Gehalt nach Hause).

Noch ein besonderer Rat von mir: Ihre Darstellung zeigt, dass Sie hohe Erwartungen haben, sich viele Gedanken machen und sehr viele detaillierte Antworten suchen. Ich bin sehr für Planung und Nachdenken. Sie aber bieten, gemessen am Standard Gleichaltriger, fast schon zu viel davon (es ist wie mit dem berühmten Salz in der Suppe). Das (Berufs-)Leben ist sicher auch Planung, ist das Suchen von Antworten auf drängende oder auf der Hand liegende Fragen. Aber es ist auch das Akzeptieren einer Philosophie, in der Schein häufig mehr ist als Sein, in der Handlungen später vor allem „verkaufbar“ und weniger objektiv „richtig“ sein müssen (dafür gibt es ohnehin keine Maßstäbe).

Kurzantwort:

Man bedenke vor jedem gewichtigen Schritt im Berufsleben, wie sich dessen Darstellung wohl eines Tages im Lebenslauf „macht“.

Frage-Nr.: 2703
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 33
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-08-07

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