Heiko Mell

Rein in die Gewerkschaft?

Ein kurzer Kommentar zur Frage 2.677 vom 13.03.2014 „Wenn der Betriebsrat nicht zustimmt“:

Da in dem Unternehmen der Betriebsrat offenbar eine starke Position innehat, schadet es dem Neueinsteiger sicher nicht, positiv auf „Werbekontakte“ der Gewerkschaft zu reagieren, die die Mehrheit im Betriebsrat hält. Das könnte den für den Bereich arbeitenden Betriebsrat eventuell milde stimmen, sodass man das ganze Problem um die Besetzung der Stelle zumindest nicht mehr auf die Person des Neueinsteigers bezogen sieht. Man muss ja die Interessen der Gewerkschaften nicht uneingeschränkt teilen, aber auf der Arbeitsebene sind Kontakte zu den Betriebsräten durchaus hilfreich.

Antwort:

Zur Erinnerung: Ein junger Berufseinsteiger bekam ein Vertragsangebot seines „Traumarbeitgebers“ – mit der Einschränkung, der Betriebsrat verweigere seine erforderliche Zustimmung. Der potenzielle Arbeitgeber wollte dagegen klagen, wies aber vorsichtshalber darauf hin, dass er bei einer Niederlage vor Gericht gezwungen wäre, den Vertrag wieder zu kündigen. Es ging übrigens dabei nicht um die Person des Bewerbers, sondern um eine formale Frage (Einstufung der Position in eine bestimmte Gehaltsgruppe, zu der jener Kandidat nicht passte).

Auch ich riet dazu, den Kontakt mit dem Betriebsrat im Vorfeld zu suchen – um nicht als „Stein des Anstoßes“ unschuldig unter die Räder zu kommen. Und nun laden Sie, geehrter Einsender, mir dieses explosive Thema auf den Schreibtisch. Da ich mir aber geschworen habe, auch ganz heiße Eisen anzupacken, muss ich es wagen. Viele insbesondere der jungen Leser werden wenig über die Zusammenhänge wissen. Also versuche ich eine Erläuterung, die, so hoffe ich, zumindest in groben Zügen einigermaßen stimmt und nicht zum Aufschrei kampfstarker Interessengruppen führt.

Gewerkschaften sind Verbände von Arbeitnehmern, die deren Interessen vertreten und sich die Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage ihrer Mitglieder zum Ziel gesetzt haben. Sie vertreten ihre Belange gegenüber den Arbeitgebern, die ihrerseits in Verbänden organisiert sind. Ein typisches Resultat dieser gemeinsamen Arbeit sind Tarifverträge. Die schärfste Waffe der Gewerkschaften ist der Streik. Die Mitgliedschaft des einzelnen Arbeitnehmers in einer Gewerkschaft ist grundsätzlich freiwillig, sie ist mit Beitragszahlungen verbunden und besteht auch beim Arbeitgeberwechsel weiter.

Die Gewerkschaften sind meist nach Branchen und dann nach großen Regionen organisiert, ihre Interessen gehen generell weit über die Grenzen eines Unternehmens hinaus.

Der Betriebsrat (Einzelheiten sind im Betriebsverfassungsgesetz geregelt) wird von den Arbeitnehmern (keine Organmitglieder wie Vorstände und Geschäftsführer sowie keine leitenden Angestellten) eines Unternehmens gewählt und vertritt deren Interessen gegenüber diesem einen Arbeitgeber. Der einzelne Arbeitnehmer kann seinen Betriebsrat wählen, er kann es auch lassen, er wird in diesem Zusammenhang nirgends Mitglied, seine Verbindung zum Betriebsrat, so er sie überhaupt pflegt, endet mit dem Ausscheiden aus diesem Unternehmen.

Damit es komplizierter wird: Es gibt Unternehmenstypen (Ursprung: Montanbereich, also Kohle und Stahl) mit besonderen Mitbestimmungsrechten der Arbeitnehmerseite, insbesondere der Gewerkschaften, die weit über die Regelungen in klassischen Branchen hinausgehen. Darauf gehe ich hier bewusst nicht ein, ich spreche über Standard-Industrieunternehmen.

Eigentlich sind also Betriebsräte und Gewerkschaften völlig getrennte Institutionen. Der Arbeitnehmer eines Unternehmens kann Gewerkschaftsmitglied sein, ohne sich für die Arbeit des Betriebsrats zu engagieren oder sich auch nur zu interessieren, ein Betriebsratsmitglied kann zusätzlich Gewerkschaftsmitglied sein, muss es aber nicht.

In der Praxis führt nicht zuletzt die gemeinsame Zielsetzung „Vertretung der Interessen von Arbeitnehmern“ dazu, dass sich Menschen, die sich zur Betriebsratswahl stellen, auch in der Gewerkschaft engagieren und umgekehrt. Von daher trifft man öfter auf Betriebsratsmitglieder, die neu eingestellten Mitarbeitern die Mitgliedschaft in „ihrer“ Gewerkschaft nahelegen, gelegentlich auch nachdrücklich.

Für die Gewerkschaften ist übrigens ein hoher „Organisationsgrad“, also ein hoher Prozentsatz von Mitgliedern im Belegschaftsbereich eines Unternehmens, erstrebenswert, er erhöht die Kampfkraft im Konfliktfall.

Bei der Gelegenheit: Gewerkschaften und Betriebsräte sind oft Verhandlungsgegner der Arbeitgeber und ihrer Vertreter, ziehen aber ebenso oft mit ihnen am selben Strang. Man arbeitet offiziell gemeinsam in einer Art Koalition zum Wohle des einzelnen Unternehmens und der Volkswirtschaft, die man „Sozialpartnerschaft“ nennt. Sie funktioniert in Deutschland generell sehr gut, manches andere Land beneidet uns darum. Was nicht ausschließt, dass man mal offen, mal hinter verschlossenen Türen über seinen Partner auch herzhaft flucht bzw. alles versucht, die eigenen Interessen ihm gegenüber durchzusetzen.

Nun zum Kern der Frage: Der einzelne Arbeitnehmer muss selbst wissen, ob er der Gewerkschaft beitritt. Die werbenden Betriebsräte können dafür ganz sicher eine Reihe guter Gründe nennen. Diese sind auch alle irgendwo überzeugend und richtig. Aber: Sehr vereinfacht gesagt und in offiziellen Verlautbarungen sicher nicht so genannt, wird man Arbeitgeber und Arbeitnehmer oft als „Gegner“ dargestellt finden. Insbesondere so mancher Unternehmensinhaber mag das mitunter so sehen, nicht immer liebt man einander.

Und fest steht: Je höher der einzelne Arbeitnehmer im Laufe seiner Karriere hierarchisch aufsteigt, desto mehr nähert er sich zwangsläufig dem Arbeitgeberstandpunkt und -status an. Man kann das auch andersherum formulieren: Für Beförderungen ab einer gewissen Ebene wird vom Kandidaten mehr und mehr ein arbeitgebernaher Standpunkt erwartet. Das ist auch völlig verständlich: Schließlich ist der disziplinarische Vorgesetzte Vertreter des Arbeitgebers gegenüber dem Mitarbeiter. Das gilt sicher für alle leitenden Angestellten und ganz sicher für Vorstände und Geschäftsführer.

Hätte ich also für die nähere oder fernere Zukunft Karriereziele anspruchsvoller Art, dann wüsste ich schon heute, dass ich mich mehr und mehr auf die Arbeitgeberseite zubewegen müsste. Ob ich unter diesen Aspekten überhaupt erst Mitglied in einer reinen Arbeitnehmervertretungsorganisation werden wollte, müsste ich dann sorgfältig abwägen. Nur: Dies ist eine Denkanregung, kein Vorschlag für eine Abwehrargumentation gegen Anwerbungsversuche. Ein Berufseinsteiger, der da erklärte, er wolle ja ohnehin Vorstand werden, da lohne sich die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft erst gar nicht, macht sich lächerlich, dies als Warnung.

Nun fehlen mir noch vier abschließende Hinweise:

a) Sie merken es schon, wir haben es hier auch mit Machtkonstellationen, Grauzonen und von Unternehmen zu Unternehmen, ja mitunter von Bereich zu Bereich, unterschiedlichen Gepflogenheiten zu tun. Beim Arbeitgeberwechsel können Sie in eine Umgebung geraten, die völlig anders darüber denkt. Eine Mitgliedschaft, wie sie hier zur Debatte steht, nehmen Sie jedoch mit.

b) Natürlich könnte man sagen: „Dann trete ich eben irgendwann wieder aus, bevor ich Bereichsleiter werde.“ Aber viele für die Ziele ihrer Organisation stark engagierte Mitglieder sehen einen „Ausgetretenen“ kritischer als jemanden, der nie dazugehört hat.

c) Eigentlich ist kaum etwas gegen das Argument eines Berufseinsteigers vorzubringen, er sei völlig neu in dieser Arbeitswelt und wolle erst einmal Erfahrungen und Eindrücke sammeln sowie auch von Kollegen Informationen gewinnen, bevor er sich in einer so wichtigen Frage festlege.

d) Ich habe Hochachtung vor jedem, der aus wohlerwogenen Gründen Mitglied wird oder eben nicht. Aber mir gefällt es absolut nicht, den – hier besonders wichtigen – Betriebsrat mit einer Beitrittserklärung zu „seiner“ Gewerkschaft gegenüber eigenen Belangen gnädig zu stimmen. Man könnte das durchaus in die Nähe des „Einkaufens von Wohlwollen“ rücken. Zum Glück würden alle Betriebsräte einen solchen Zusammenhang als völlig absurd bezeichnen.

Kurzantwort:

Wer weiß oder ahnt, dass seine (späteren) beruflichen Ziele die Einnahme von Positionen mit sich bringen, die eher der Arbeitgeberseite zuzuordnen sind, wird über die Frage der Mitgliedschaft in einer reinen Arbeitnehmerorganisation sehr sorgfältig nachdenken.

Frage-Nr.: 2698
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-06-26

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