Heiko Mell

Und wenn die erste Ausrichtung falsch war?

Zuerst vielen Dank für Ihre tolle Serie. Solche wichtigen Punkte erzählt einem keiner an der Uni/FH.Ich bin Dipl.-Ing. (FH) und seit fünf Jahren bei einem mittelständischen Unternehmen der XY-Branche als Entwickler im Bereich Mechanik/Konstruktion tätig. Diese Tätigkeit passt von der Branche her zu meinem Studiengang. Vor dem Studium hatte ich eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen.

In die Entwicklung bin ich nicht auf eigenen Wunsch gekommen, sondern weil sich das über die Diplomarbeit (erstellt in R&D eines anderen Unternehmens der XY-Branche) so ergeben hat. Da ich mein Praxissemester bei einem Uni-Institut in Asien verbracht habe (der Fokus lag hier notgedrungen eher auf der kulturellen, sprachlichen Ebene), konnte ich diese Zeit nicht zur Orientierung nutzen, was ich denn als fertiger Ingenieur machen möchte.

Meine Stärken liegen nicht in der Konstruktion. Das hat mir mein Teamleiter (mit dem ich persönlich gut zurechtkomme) in einem Mitarbeitergespräch bestätigt. Trotzdem habe ich in den vergangenen Jahren regelmäßig Gehaltserhöhungen erhalten und wurde für eine von mir durchgeführte gut gelaufene Fertigungseinführung eines neuen Produktes gelobt. Wenn ich der Entwicklung treu bleiben sollte, dann sehe ich meine Zukunft in der Projektleitung. Ich bin mir nicht sicher, in welche Richtung ich mich weiterentwickeln soll. Ich könnte mir z. B. eine Tätigkeit im Einkauf vorstellen (mehr Kontakt mit Menschen, trotzdem noch technischer Hintergrund).

Nehmen wir an, ich würde mich extern um eine Stelle im Einkauf bewerben, bekäme aber eine Absage, weil ich keine Erfahrung in diesem Bereich vorweisen kann. Ein halbes Jahr später offeriert dieselbe Firma eine Stelle in der Entwicklung. Kann ich mich auch um diese Stelle bewerben oder geht das bei dieser Firma dann nicht mehr? Wie viel Zeit sollte zwischen den Bewerbungen verstreichen?

Antwort:

Besprechen wir erst einmal die allgemein, also für alle Leser geltenden Aspekte dieses Themas:

1. Die Festlegung auf Branche, Firmentyp und Tätigkeitsrichtung (z. B. Entwicklung oder Einkauf) in der ersten Anstellung nach dem Studium hat eine prägende Wirkung für den Rest des Berufslebens. Sie will also – während des Studiums – gut überlegt sein. Praktika, Werkstudententätigkeiten/Ferienjobs und die Diplomarbeit sind wichtige Informationsquellen dafür.Eine solche erste Festlegung kann später noch korrigiert werden. Aber diese Korrektur fordert einen Preis im Bereich der Karriereentwicklung, ist mit einem hohen Aufwand und nennenswertem Risiko verbunden – und sie kostet Zeit. Und genau das ist ein „Pfund“, mit dem Sie nicht leichtsinnig „wuchern“ dürfen. Denn Sie haben nur ein begrenztes Kontingent zur Verfügung: Verlorenes Geld kann man wiedergewinnen, verlorene Zeit ist unwiederbringlich verloren.

2. Wenn jemand nach einigen Jahren im Tätigkeitsbereich A in den Bereich B wechseln will, dann sind seine Chancen bei externen Bewerbungen nicht sehr groß:

a) Lebensalter und allgemeine Berufserfahrung sowie erreichtes Gehaltsniveau sind recht hoch, passen aber nicht zur „Null-Praxis“ im angestrebten neuen Tätigkeitsgebiet.

b) „Sie tun es immer wieder“ (sagt Mell über Menschen, die Fehler machen, sich an Regeln reiben, ihre Ziele ändern etc.). Die Bewerbungsempfänger wissen das auch. Ihre Einstellung: „Angenommen, wir arbeiten ihn im Einkauf ein. Wer garantiert uns, dass er in zwei Jahren nicht erklärt, die Normen- und Patentabteilung solle es jetzt werden?“

3. Wann immer jemand die Tätigkeitsrichtung wechseln möchte, ist der aktuelle Arbeitgeber ein besonders interessanter Partner dafür. Dort kennt man – und schätzt hoffentlich – die Person (der externe Bewerber ist dagegen ein völlig unbeschriebenes Blatt). Zwei, drei Jahre später (nach dem internen Wechsel) ist man dann auch extern wieder ein interessanter Partner.

Nun, geehrter Einsender, zu Ihnen speziell (1. bis 3. gelten auch für Sie):

4. „Sie tun es immer wieder“ – da war doch schon einmal etwas bei Ihnen! Erst machen Sie eine kaufmännische Lehre, dann studieren Sie Ingenieurwesen. Das kann man tun, darin könnte man sogar positive Aspekte erkennen (kaufmännisches Wissen schadet keinem Ingenieur), aber in Ihrem Fall überwiegt „er hat doch schon einmal die Richtung gewechselt“. Vielleicht ist diese tiefe Unsicherheit in der Frage des einzuschlagenden Weges ein Teil Ihrer Persönlichkeit. Dann werden Sie immer wieder zweifeln und einem nebulösen Ideal hinterherlaufen.

5. Sie haben sich eine entwicklungsbezogene Diplomarbeit „anhängen“ lassen (die Note kennen wir nicht) und waren danach noch weitere sechs Monate in der Entwicklungsabteilung jenes Unternehmens tätig, bevor Sie dann im heutigen Unternehmen Entwicklungsingenieur wurden (Lebenslauf war beigefügt). Eigentlich hätten Sie beim früheren Arbeitgeber schon erkennen sollen, dass Entwicklung „nicht Ihr Ding“ ist.

6. Sie sind jetzt Anfang 30, haben auf der Basis einer ja auch praxisorientierten Lehre fast sechs Jahre Berufserfahrung. Da ist es höchst unbefriedigend, nur zu wissen, was man eigentlich eher nicht will. Vergessen Sie nicht, dass andere das, was ich jetzt von Ihnen fordere, im letzten Studiensemester problemlos „bringen“ (ich habe nicht gesagt, alle anderen).

Ihr neues Ziel „Einkauf“ wirkt nicht durchdacht, nicht begründet, nicht auf solider Recherchearbeit aufbauend. „Kontakt mit Menschen“ – das gibt es woanders auch, besonders typisch für den Einkauf ist das nicht. Sie glauben ja selbst nicht an Ihr neues Ziel, siehe die etwas komplizierte Geschichte im letzten Absatz Ihrer Einsendung. Und: Wenn Sie sich bei jenem fremden Unternehmen dann doch wieder als Entwickler bewerben wollen, was soll denn überhaupt das ganze Theater mit dem Tätigkeitswechsel jetzt? (Die Antwort lautet: Nein, es geht nicht, einem Bewerbungsempfänger erst einen „Berufswechsel“ schmackhaft zu machen und später dort doch wieder in der alten Richtung arbeiten zu wollen.)

Als Rat für bzw. als Empfehlung an Sie:

a) Ich gebe Ihnen vier Wochen Planungs- und Selbstfindungszeit, das muss reichen.

b) In dieser Zeit schließen Sie sich abends und am Wochenende in Ihrer Wohnung ein und recherchieren: Was kann ich, was will ich, welche Ingenieurtätigkeiten gibt es, für welche eigne ich mich, welche sprechen mich an? Dann lesen Sie alle relevanten Stellenanzeigen aus diesem Bereich in den Internet-Stellenbörsen (das ist ein schöner „Haufen“ Arbeit).

c) Am Ende dieser vier Wochen haben Sie entweder eine bessere Einsatzmöglichkeit gefunden, die Sie rundum begeistert und auf die Sie mit voller Kraft und mit der Bereitschaft, jeden geforderten Preis (z. B. Umzug) zu zahlen, ganz entschlossen und ohne weitere Zweifel losmarschieren. Oder Sie begraben diese ganze Wechselidee und machen aus dem heutigen missmutigen Entwickler einen engagierten und brillanten. Mit Ihren bisherigen mehr als fünf Jahren könnten Sie durchaus wechseln und z. B. versuchen, mehr in Richtung „Projektleitung in der Entwicklung“ (oder Serienanlauf) unterzukommen. Und dann stellen Sie sich Fragen wie die hier eingereichte nie mehr.

Solange Sie selbst an sich zweifeln, merkt das auch Ihr heutiger Teamleiter. Ganz konkret: Versuchen Sie einmal, für etwa sechs Monate am heutigen Arbeitsplatz den engagierten, begeisterten und erfolgreichen Entwicklungsingenieur „zu geben“ (wie ein Schauspieler sagen würde). Und dann bewerben Sie sich ggf. auf dieser neu geschaffenen Basis. Intern um einen Tätigkeitswechsel oder extern als Projektingenieur in der Entwicklung Ihres vertrauten Metiers. Denn: Im alten Job gut gewesen zu sein, ist immer hilfreich bei der Suche nach einem neuen.

Kurzantwort:

Nach fünf bis sechs Jahren beruflichen Tuns ist der totale Wechsel der Tätigkeit ein schwieriges Vorhaben. Und man sollte dabei mehr auf das Neue zu- als vor dem Alten weglaufen. Nicht „bloß weg hier“, sondern „genau da will ich hin“ sei die Devise.

Frage-Nr.: 2692
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 22
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-05-29

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