Heiko Mell

Jung, kreativ, Unternehmensgründer?

Ich lese Ihre Beiträge seit dem ersten Semester und hoffe immer, von Ihren Weisheiten über das Berufsleben Gebrauch machen zu können. Nun interessiert mich seit Längerem ein Berufsweg, der allgemein nicht als der klassische bekannt ist und in das Unternehmertum führt (nicht zwingend in die Selbstständigkeit).

Viele Universitäten und mittlerweile auch größere Firmen werben um junge, kreative Akademiker (in meinem Umfeld geht es meist um Ingenieure und Informatiker). Es geht um Ideenwettbewerbe mit hohen Preisen (Geld, Beratung) und Inkubatoren (Fördereinrichtungen für neu gegründete Wirtschaftsunternehmen; H. Mell), die junge Teams mit ihrer Idee möglichst bald zu einem kleinen, profitablen Unternehmen „heranzüchten“ möchten.

Ich habe in einer hiesigen Studentengruppe (in der man sich um alles kümmern muss und sich damit auch für alles zu interessieren hat) eine recht selbstständige Arbeitsweise kennengelernt. Danach kann ich es mir kaum noch vorstellen, mein ganzes Leben als Angestellter und Befehlsempfänger in einer Abteilung in immer derselben Branche zu arbeiten – überspitzt gesagt.

Ich fühle mein Interesse an der Thematik vom Wachstum der Innovationsförderkultur bestätigt, habe aber folgendes Problem:Wann wäre Ihrer Ansicht nach karrieretechnisch der optimale Zeitpunkt, ein Projekt in eine Unternehmensgründung zu überführen?

Denn diese muss ja nicht zwingend zum Erfolg führen. Und was schreibt man danach in seinen Lebenslauf? Ist man nach einiger Zeit bereits ein „kleiner“ Geschäftsführer, der als „lässt sich nicht mehr unterordnen“ und „könnte Probleme mit Autoritäten haben“ abgestempelt wird?

Wird einem der Versuch eher verziehen, je früher man ihn gewagt hat? Oder sollte man sich vorher erst einmal in der Industrie beweisen? Wenn man sich doch direkt nach dem Studium/der Promotion für diesen Schritt entschieden hat, wie viele Jahre darf man damit „verplempern“, diesem Traum nachzujagen, um hinterher nicht als unvermittelbar zu gelten?

Antwort:

Ich habe beim Lesen Ihrer Zeilen die ganze Zeit das Gefühl, in Ihnen gärt etwas – aber noch hat es sich nicht entschieden, was dabei herauskommen soll. Es klingt alles wie „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“. Konkret: Es klingt noch arg „studentisch“ und wenig „erwachsen“ (ich verbinde damit keinen Vorwurf).

Ein kleines Beispiel zeigt, wie unpräzise Ihre Vorstellungen noch sind: Sie befürchten, nach dem Scheitern eines Projekts als „lässt sich nicht mehr unterordnen“ zu gelten. Das ist Unfug. Man wird nirgends untergeordnet. Es wird erwartet, dass man sich selbst aktiv ein- und unterordnet. Das ist ein Unterschied von erheblicher Größenordnung!

Einen „Trost“ habe ich: Was immer Sie tun, ob Sie ein neues kleines Unternehmen gründen oder in ein altes großes eintreten: Sie sind ständig von irgendjemandem abhängig, müssen die Wünsche „anderer Leute“ erfüllen, oder, wenn Sie es so sagen wollen, „Befehle empfangen“.

Der Unternehmensgründer z. B. hat seinen finanziellen Förderer, der für sein Geld irgendetwas will, anderes absolut nicht will und ständig Anträge und Berichte verlangt. Sie müssen Businesspläne einreichen, sich mit Behörden herumschlagen, den Forderungen des Finanzamts entsprechen. Dann wollen die „dummen“ Kunden Ihr Angebot absolut nicht kaufen – und diejenigen, die gekauft haben, „motzen“, haben Sonderwünsche, reklamieren alles, wollen in Zukunft Rabatte und zahlen ihre Rechnung nicht, woraufhin Ihnen die Insolvenz droht.

Zum Ausgleich können Sie sich „innovationsmäßig“ austoben, Neuland betreten, Ihre volle Kreativität einsetzen. Wenn Sie das Thema Neugründung so stark anspricht, dann sollten Sie sich auch darauf einlassen. Damit sind Risiken verbunden, keine Frage. Aber mit dem Eintritt in einen 100.000 Mitarbeiter-Konzern ist z. B. das Risiko verbunden, dass Sie niemals bestimmen dürfen, wie der neue Golf oder die neue E-Klasse aussehen.

Unser System ist in einem Punkt recht ausgewogen: besondere Chance = besonderes Risiko. Letzteres lässt sich nicht vermeiden, wenn man erstere nutzen will. Wenn es gut geht, können Sie beruflich sehr glücklich werden. Geht es schief, müssen Sie besonders viel „strampeln“, um wieder auf die Beine zu kommen (wer hoch steigt, kann tief fallen).

Wenn 20 Kommilitonen von Ihnen beispielsweise zu VW gehen und weitere 20 in solche Neugründungsprogramme, dann dürfte nach 20 Jahren die Gesamtzufriedenheit beider Gruppen ähnlich sein. Nur bei der Gründungsgruppe wäre die Spreizung zwischen „sehr glücklich“ und „voll reingefallen“ größer.

Solange Sie noch so unentschlossen sind: Gehen Sie erst einmal für drei bis fünf Jahre in die klassische Industrie. Das würde – ein sehr gutes Zeugnis vorausgesetzt – eine spätere Rückkehr erleichtern. Und vielleicht gewöhnen Sie sich ja auch noch an das Los der Befehlsempfänger, so wie die anderen Mitarbeiter in Ihrem Konzern auch. Richtig frei ist man in diesem System nur als reicher Erbe, Lottogewinner oder zutiefst von sich überzeugter Künstler, der auch gegen den Geschmack des zahlenden Publikums malt und von einer vermögenden Muse lebt (was durchaus auch wieder Abhängigkeiten bedeuten dürfte).

Ich habe nie etwas Besseres gefunden als jenen Spruch unbekannter Herkunft, der zwar auf Poesiealbum-Niveau angesiedelt ist, aber als „Überlebensstrategie für Befehlsempfänger“ taugt:

Quält dich in tiefer Brustdas harte Wort „du musst“,dann setze dafür stark und stilldas stolze Wort „ich will“.

Ich, beispielsweise, muss das hier nicht tun, ich habe beschlossen, das zu wollen. Und bin noch immer recht zufrieden damit.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2691
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-05-22

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