Heiko Mell

Weiterbildung oder Höherqualifizierung?

Ich bin Anfang 30, habe eine Maschinenführer-, dann eine Mechaniker-Ausbildung, danach sieben Jahre im Ausbildungsberuf gearbeitet, konnte mich dann zum staatlich geprüften Techniker qualifizieren und arbeite seit knapp zwei Jahren in diesem Beruf (F&E sowie Montage, alles durchgängig in Branche A). Soweit finde ich meinen bisherigen Lebenslauf ganz in Ordnung und über die momentane Jobsituation kann ich mich nicht beklagen.Nun würde ich mir gerne noch kaufmännisches Wissen aneignen, da mich dieser Bereich schon immer interessiert hat. Anschließend möchte ich mich beruflich mehr in Richtung Reisetechniker, QS und Produktionsplanung orientieren.

Ich habe mir überlegt, entweder den Betriebswirt IHK nebenberuflich zu machen oder den staatlich geprüften Betriebswirt an einer Fachschule (Weiterbildungsdauer wäre hier zwei Jahre in Vollzeit).

Natürlich gäbe es noch die Möglichkeit, ein reguläres Bachelor-Studium zu beginnen. Nur dies möchte ich eigentlich nicht machen, da ich mich mehr im technischen Bereich beheimatet sehe. Es geht mir außerdem nur um eine „Wissenserweiterung“, ich strebe keinen kompletten Wechsel der Branche an.

Wie sehen Sie meine Weiterbildungsgedanken? Wäre es aus Ihrer Sicht sinnvoller, branchenspezifische Zusatzqualifikation (QM, QS …) in speziellen Seminaren zu erwerben?

Antwort:

Zunächst eine ganz klare Aussage: Niemand kann Ihnen so klar wie gewünscht auf diesem Wege helfen. Es ist ein wenig so als sollte ein Arzt Ferndiagnosen stellen, nachdem ihm ein Patient schriftlich diverse Beschwerden und Wünsche hinsichtlich seines künftigen Wohlbefindens geschildert hat.

Hintergrund des Problems ist, dass in Fragen der Aus- und Weiterbildung grundsätzlich in Rastern gedacht wird. Das führt zu Standards, mit denen wir täglich umgehen. Bei Ihnen ist alles ganz anders. Ihre Basis (Herkunft) ist unklar, Ihr Potenzial für weiterführende Ausbildungen ist völlig unklar, Ihre Ziele sind verschwommen, Ihre Kenntnisse der neuen Welt, in die die Sie eventuell hineinstreben, sind ungenügend, wir wissen nicht, ob Sie bereit sind, den „Preis“ zu zahlen, den manche der möglichen Weiterbildungen fordern. Ja wir wissen nicht einmal, ob Sie sich in einer neuen Qualifikationsebene überhaupt wohlfühlen würden. Und Sie haben auch nicht mehr das Alter, in dem man üblicherweise den Ausbildungsweg festlegt.

Auf dieser Basis ist keine eindeutige Aussage möglich. Dennoch will ich Ihnen helfen, Wege aufzeigen und Ihnen Orientierungshilfen für Festlegungen zu geben versuchen. Die dazugehörigen Entscheidungen können dann nur von Ihnen kommen. Beißen wir uns also durch:

1. Ihr Potenzial: Noch wichtiger als die Frage, was Sie wollen, scheint mir in Ihrem Fall die Suche nach dem zu sein, was Sie überhaupt noch könnten. Dabei gilt: Man soll ausnutzen, was man an Potenzial hat. Außerdem nützt es ja nichts, wenn Sie jetzt eine eher „harmlose“ Zusatzausbildung machen, die Sie wieder nicht endgültig fordert – und in drei Jahren erneut Fragen dieser Art stellen.Fangen wir vorn an: Sie kommen von „ganz unten“, vermutlich sowohl von der Schulbildung als auch vom sozialen Status des Elternhauses gesehen. Das ist nicht negativ oder positiv zu werten, es diskriminiert Sie weder noch adelt es Sie, das ist nur eine Feststellung. Sie haben vermutlich von zu Hause aus nichts mitbekommen können, was auch nur andeutungsweise mit „Studium und Karriere in der Industriegesellschaft“ zu tun hatte. Also ist Ihr Weg und sind Ihre verschwommenen Zielvorstellungen nicht Ausflüsse systematischer Planungsprozesse, sondern Folgen eines mitunter eher ziellosen Herumtastens in einer Ihnen letztlich unvertraut gewesenen Welt.

Wir müssen also wissen: Was könnten Sie noch erreichen, wie weit reicht Ihr Potenzial (noch)? Man löst das durch die Analyse bisheriger Leistungen auf ähnlichem Gebiet. Ihr Lehrabschluss ist nur bedingt geeignet, damals waren Sie noch zu jung und Ihr Ehrgeiz war noch nicht geweckt. Aber Ihr Technikerabschluss ist ein brauchbares Indiz. Ganz pauschal gesagt: Haben Sie diesen Technikerabschluss mit 1,x gemacht, schaffen Sie – Ehrgeiz und unbedingtes Wollen vorausgesetzt – mit Sicherheit den Bachelor, auch dabei können Sie wieder ein achtbares Ergebnis erzielen. Haben Sie den Technikerabschluss „gut“ gemacht, sollten Sie auch den Bachelor noch packen – wenn Sie sich anstrengen.

Mit einem „befriedigenden“ Technikerexamen wäre nichts bewiesen, aber ich rate dann doch eher zu weniger deutlich oberhalb Ihres bisherigen Ausbildungsniveaus angesiedelten Varianten.

2. Bachelor oder nicht: Vermutlich ist dies die letzte Chance Ihres Lebens, den Sprung auf die „echte Studienabschluss-Ebene“ noch zu schaffen. Lehnen Sie diese Variante nicht vorschnell ab, prüfen Sie sich, Ihre Möglichkeiten und Ihren Ehrgeiz (was würde es Ihnen bedeuten, einen „richtigen“ Studienabschluss zu haben?).

Aber: Ich würde bei Ihrer Ausgangssituation keinesfalls einen Bachelor in Betriebswirtschaft machen. Man „ist“ letztlich, was der hochwertigsten Ausbildung entspricht. Und Sie wären dann zu allererst Betriebswirt, wenn auch „mit früherer technischer Basis“. Damit passen Sie (Alter, fehlende kaufmännische Grundlagen) nirgends so richtig hin – und um etwas Betriebswirtschaft zusätzlich zum Techniker zu haben, wäre das eine Überqualifizierung.

Nein, ich würde den Bachelor in Ingenieurwissenschaften absolvieren. Dann wären Sie Dipl.-Ing., auch wenn der dann Bachelor of Engineering heißt. Das erschließt Ihnen neue Aufgaben, neue Stellen, neue Laufbahnen. Was das sein könnte, müssen Sie während des Studiums nebenbei herausarbeiten.

Wenn Sie dann später noch betriebswirtschaftliche Zusatzkenntnisse brauchen sollten, können Sie sich die selbst (autodidaktisch) aneignen oder Sie absolvieren nebenberuflich(!) Zusatzausbildungen unterhalb des Bachelor-Niveaus.

3. Wenn es der Bachelor partout nicht sein soll, rate ich zu nebenberuflichen Zusatzausbildungen entweder im betriebswirtschaftlichen oder in einem Sachgebiet (QS). Lassen Sie dann den Techniker Ihre Hauptqualifikationsbasis bleiben und ergänzen Sie diese im kaufmännischen Bereich, ohne eine neue Dimension zu erschließen. Setzen Sie dann Ihren Berufsweg behutsam so fort, dass immer die nächste Position (Tätigkeit inklusive Branche) möglichst gut zur vorangegangenen passt („roter Faden“).

Nur als Bachelor-Ingenieur erschlössen Sie sich eine ganz neue Dimension und könnten auch vom Aufgabengebiet her neu starten (vielleicht eine besonders reizvolle Möglichkeit).

4. Zum Abschluss erläutere ich Ihnen noch einmal ein paar „Grenzfälle“ aus Ihrer Darstellung: Ihre weiteren Interessengebiete im beruflichen Bereich geben Sie mit „kaufmännisches Wissen“, „Reisetechniker“, „QS“ und „Produktionsplanung“ an. Das ist sehr viel in sehr breiter Streuung. Viele dieser Bereiche haben nichts miteinander zu tun – und verlangen ganz andere Begabungen. Außerdem führen sie zu unterschiedlichen Laufbahnzielen. Hier sollten Sie an einer Reduzierung bzw. Präzisierung dieser Varianten arbeiten.

Zum Thema „nebenberuflich oder in Vollzeit“: Nebenberufliche Aktivitäten mögen anstrengend sein, sind aber unproblematisch. Wenn Sie mittendrin aufhören wollen oder den Abschluss nicht schaffen, taucht das nie im Lebenslauf auf. Daher der Rat: Gehen Sie eine neue Vollzeitausbildung nur an, wenn Sie sich damit eine neue Qualifikationsdimension erschließen, z. B. den Ingenieur auf Bachelorebene. Für kaufmännisches Zusatzwissen zum Technikerstatus ist das ein zu gewichtiges Instrument. Denn Sie müssten ja völlig aus dem Arbeitsleben ausscheiden.

Sie streben, sagen Sie, keinen kompletten Wechsel „der Branche“ an. Branchen sind z. B. Bergbau, Versicherungswirtschaft, Kfz-Industrie. Was Sie vermutlich meinen, ist eine Tätigkeitsrichtung. Beispiele dafür: Teilefertigung, Inbetriebnahme, technischer Einkauf, Qualitätswesen.

Nun müssen Sie sich entscheiden. Falls es Sie tröstet: So sind Entscheidungen nun einmal. Es gibt mehrere Möglichkeiten, die alle ihre Vor- und Nachteile haben – was immer man tut, es kann falsch sein. Die richtige Antwort darauf lautet: Na und? Manager müssen jeden Tag solche Situationen meistern. Man gewöhnt sich daran. Viel Glück.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2685
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 18
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-05-01

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