Heiko Mell

Ich passe in kein Standard-Raster

Nach einer gewerblichen Ausbildung in der sehr speziellen, nicht industriellen Branche A1 habe ich in diesem Gebiet ein Studium absolviert und hatte drei kürzere Anstellungen unterschiedlicher Art.Nach einer Entlassung habe ich
a) eine kleine eigene Firma im Fachgebiet A1 gegründet, die ich im Nebenerwerb betreibe und
b) ein MBA-Studium im internationalen Management des etwas erweiterten Fachgebiets A2 absolviert.

Seit fast acht Jahren bin ich jetzt durch die Vermittlung des Arbeitsamtes als Marketingassistent und heute als Marketingmanager für ein mittelständisches Unternehmen des Sondermaschinenbaus (Branche B) tätig, bislang aus familiären Gründen nur in Teilzeit.

Gern würde ich für ein größeres Unternehmen in einer Marketingabteilung arbeiten, also den Arbeitgeber wechseln. Ich habe über zwanzig Bewerbungen geschrieben, vier Vorstellungsgespräche geführt und kein Angebot bekommen.

Ich vermute, dass ich oft von vornherein herausfalle, weil die aus Sicht meiner heutigen Tätigkeit/Firma/Branche so unpassend erscheinende frühere Richtung A überwiegt, auch wenn ich stets „Marketing“ als Schwerpunkt-/Diplomarbeitsfach wie auch „Management und Beratung“ gewählt hatte. Sicher spielen auch die kurzen Anstellungen in unterschiedlichen Fachgebieten am Beginn meines Berufslebens eine Rolle.

Ist das mein Dilemma? Oder liegt mein Problem woanders? Habe ich noch Chancen, in der Marketingabteilung eines großen Industrieunternehmens angestellt zu werden? Muss ich zurück zu Branche A, in der es auch Technik-Unternehmen gibt?

Muss ich noch weitere Qualifikationen im Marketing durch noch mehr Weiterbildungen oder durch belegbare Erfolge in der Tätigkeit im Marketing nachweisen?

Antwort:

Unabhängig von den Details der Aspekte „A“, „B“ und „Marketing“ eignet sich das Beispiel sehr gut zur Demonstration dessen, was man tun sollte oder besser nicht – und wie das „System“ denkt.

Um einmal mit einer positiven Nachricht anzufangen: Eines der von Ihnen vermuteten Probleme haben Sie nicht bzw. Sie können es leicht aus der Welt schaffen: Führen Sie im Lebenslauf eine Rubrik ein „Berufliche Tätigkeiten zwischen den beiden Studien“, dann wird die Bedeutung dieser Phase deutlich vermindert. Stets zählt berufliches Engagement „so richtig“ erst ab Ende des letzten Studiums, was davor lag, läuft eher unter Aspekten wie „Geld verdienen fürs teure Zweitstudium“ und „berufliche Orientierungsphase“. Ihnen war klar, dass Ihnen nach dem Erststudium noch irgendetwas fehlte, das Sie dann im Zweitstudium fanden. Seitdem ist Ihr Werdegang „Berufliche Tätigkeit seit Abschluss des zweiten Studiums“ ja recht solide (eigentlich nur fast, darauf kommen wir noch).

Gar nicht geht Ihre eigene, nebenbei betriebene Firma. Ein Angestellter, vor allem ein Bewerber, hat so etwas besser nicht, das riecht förmlich nach täglichem Interessenkonflikt. Halten Sie diesen Aspekt aus der schriftlichen Bewerbung völlig heraus, legen Sie die Fakten im Vorstellungsgespräch auf den Tisch – und erklären Sie dabei sofort, mit einer neuen Anstellung würden Sie die eigene Firma aufgeben. Anders geht es nicht.

Der Versuch, eine Tätigkeit X in einer kleinen Firma (Ihr heutiger Arbeitgeber) als Basis für einen X-Job in einem deutlich größeren Unternehmen zu „verkaufen“, ist schwierig bis unmöglich. Letzteres gilt besonders, wenn zusätzliche Belastungen hinzukommen – Sie haben davon reichlich. Als Rat an andere Leser: Umgekehrt wird ein Schuh daraus.

Dann: Seit fast acht Jahren arbeiten Sie halbtags. Entweder bewerben Sie sich auch um Halbtags-Positionen oder machen sonstwie deutlich, dass Sie nur in dieser Form arbeiten möchten – dann werden Sie auf nur sehr wenig echte Chancen treffen. Oder Sie wollen jetzt ganztags arbeiten (wäre langfristig besser), dann wird man auf Arbeitgeberseite Zweifel haben, ob Sie das können und durchstehen und/oder ob Ihre bisherigen „familiären“ Gründe wirklich dauerhaft endgültig gelöst sind. Schließlich sind Sie die Ganztagsarbeit seit vielen Jahren nicht mehr gewohnt. Das gilt auch dann, wenn Sie in der anderen Hälfte Ihrer Zeit etwas getan haben sollten, was „auch anspruchsvoll“ gewesen sein könnte: Ihnen fehlt die Erfahrung, einen gleichbleibenden Job täglich acht Stunden lang „durchgestanden“ zu haben.

Und dann das Zentralproblem: Gewerbliche Ausbildung, Erststudium und Schwerpunkt des Zweitstudiums liegen bei A, die einzige ernstzunehmende berufliche Tätigkeit liegt im Bereich B. Beide sind sehr, sehr weit weg voneinander. So etwas mögen die oft und gern in „Standard-Rastern“ denkenden Personalabteilungen in größeren Betrieben eher gar nicht.

Als Mahnung an mögliche Nachahmer: Sehen Sie zu, dass sich ein roter Faden durch Ihren gesamten berufsrelevanten Werdegang zieht, vom Studienschwerpunkt bis zum Karriereziel – das verkauft sich besser. Und dann planen Sie Firmengrößenwechsel nicht von unten nach oben (in der Unternehmensgröße), sondern umgekehrt.

Für Sie, geehrter Einsender, gilt: Ihre Zukunft liegt tatsächlich in A und verwandten Bereichen. Dort sind Ihre beruflichen Wurzeln, das ist in drei Ausbildungs-Stationen dokumentiert. Die Chance in Richtung B hätten Sie ergriffen, um ganz bewusst das „Handwerkszeug“ Ihrer künftigen Tätigkeit in einer anderen Branche zu lernen. Und außerdem hätte es damals auch kaum Halbtagsjobs in A gegeben, jedenfalls in Ihrer Region.

Dann bewerben Sie sich vorrangig bei einem Unternehmen im Fachgebiet A, das ebenfalls mittelständisch geprägt ist, allenfalls etwa doppelt so groß wie Ihr heutiges. Wenn Sie das in einer Vollzeitanstellung schaffen und dort dann vier bis sechs Jahre zur vollsten Zufriedenheit Ihrer Vorgesetzten arbeiten, haben Sie viele Ihrer heute dominierenden Probleme hinter sich gelassen.

Kurzantwort:

Ein extremer Branchensprung zwischen Studium und heutiger Tätigkeit, eine eigene Nebenerwerbsfirma, eine bisher ausschließliche Halbtagstätigkeit und ein beabsichtigter deutlicher „Aufstieg“ in der Firmengröße sind einzeln schon geeignet, Bewerbungschancen zu ruinieren. Kombiniert sind sie „tödlich“.

Frage-Nr.: 2668
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-01-30

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