Heiko Mell

Was ich dürfte, will ich nicht, was ich möchte, darf ich nicht

Ich habe direkt nach dem Studium begonnen, auf freiberuflicher Basis als Konstrukteur und Projektingenieur in drei verschiedenen Unternehmen zu arbeiten, stets im Automotive-Bereich.

Ich arbeite dabei im Fachgebiet Innenraum, komme mir aber persönlich als Innenarchitekt eines Fahrzeugs vor, der keine Designberechtigung besitzt.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich aus Interesse gehandelt hatte und mich zeitgleich zum Freiberuflerdasein entschied. Da ich immerzu in diesem Bereich gearbeitet habe, jedoch während meiner Studienzeit auch privat sehr stark mit dem Thema Automobil beschäftige, gestaltet sich mein Wunsch einer Festanstellung bei den Firmen, welche mich interessieren, als schwierig (Wenn Sie, liebe Leser, diesen Absatz ebenfalls – wie ich – weder vom Inhalt noch von der Logik her verstehen, macht das nichts, überspringen wir ihn einfach; ich brauche ihn nur zur Demonstration; H. Mell).

Lange Rede kurzer Sinn (Ich kann nichts dafür, aber die Dinge sind nicht immer so einfach, wie sie zu sein scheinen: Hieße das so, wie Sie meinen, wäre es nur eine simple Aufzählung, die man durch Kommata trennen müsste. Es heißt aber nicht so, sondern im Original „Was ist der langen Rede kurzer Sinn?“ [Schiller in „Wallenstein“]. Daraus ist inzwischen im allgemeinen Gebrauch „Der langen Rede kurzer Sinn“ geworden, was man inhaltsgleich noch verkürzen könnte auf „Langer Rede kurzer Sinn“; aber Ihre Version ohne Kommata geht nicht. So viel Zeit muss sein. Auch bekomme ich in letzter Zeit oft zu hören, ich sei den Einsendern gegenüber wohl altersmilde geworden, was ich nicht auf mir sitzen lassen darf. Dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die nicht den geringsten Sinn für solche Wortspielereien hat, weiß ich, man muss es mir nicht erneut mitteilen; H. Mell).

Die Firmen, die mich wollen, will ich nicht und die Firmen, bei denen ich meinen Traumjob wittere, wollen mich nicht. Kurz, man schmachtet mit der Zeit nach dem Traumberuf, darunter leidet die Qualität des eigentlichen Jobs.

Gibt es eigentlich Aufstiegsmöglichkeiten für Freiberufler? Hauptsächlich hat sich ein Freiberufler vom Geld leiten lassen, mit dem gewunken wurde. Wie reagiert man im Gespräch, wenn es um die Gehaltsfrage geht?

In solchen Gesprächen habe ich das Gefühl, dass manche Firmen mir nicht glauben wollen, was ich als Freiberufler wirklich kann. Viele belächeln mich im Gespräch.

Zwei Firmen, bei denen ich freiberuflich gearbeitet habe, würden mich im bisher ausgeübten Tätigkeitsbereich anstellen. Wie jedoch finde ich Stellen, in denen ich mich verwirklichen kann?

Mein Traumberuf wäre in der Fahrwerktechnik/im Fahrversuch als Projektingenieur.

Antwort:

Die überzeugende Darstellung eines Problems in schriftlicher Form, dies nur am Rande gesagt, gehört nicht zu Ihren größten Stärken. Sie fügen z. B. eine Aufstellung Ihres Werdeganges in Kurzform bei, aus der ich nicht einmal entnehmen kann, wie viele Jahre Berufspraxis Sie nun insgesamt haben.

Aber lassen wir das einmal: Im Grunde ist die Sache doch ganz einfach: Sie sind nach Ihrem Studium sofort als freiberuflich/selbstständig arbeitender Konstrukteur in das Fachgebiet A eingestiegen. Nun wollen Sie als Angestellter im Fachgebiet B tätig werden. Aber man lässt Sie nicht – und Sie wundern sich.

Ich versuche, Ihnen die Zusammenhänge zu erklären: Sie versuchen etwas, das man einen „Doppelsprung“ nennen könnte. Sie wollen Ihren Status ändern (selbstständig/angestellt) und streben in ein neues Fachgebiet. Jeder dieser Sprünge ist schon einzeln sehr schwierig, beide zugleich führen zu jener Reaktion des Arbeitsmarktes, die Sie kennengelernt haben. Wenn Sie Ihr Vorhaben auf zwei nacheinander zu vollziehende Schritte aufteilen, haben Sie eher eine Chance. Betrachten wir Ihre Probleme einzeln, damit Sie die Arbeitgeber verstehen:

Selbstständigkeit: Was Sie jetzt werden wollen, ist ein angestellter Ingenieur. Wer angestellte Ingenieure sucht, meint „automatisch und selbstverständlich“ Ingenieure, die mit den Besonderheiten des Angestellten-Status vertraut sind und damit beweisbar(!) zurechtkommen! Wer selbstständig ist, steht unter „Generalverdacht“, er habe eben bewusst nicht Angestellter sein wollen. Vielleicht, weil er im engen Korsett des Angestellten nicht hätte arbeiten können.

Ein Angestellter ist abhängig beschäftigt. Er hat stets nur einen Arbeitgeber, ist sehr eng weisungsgebunden, hat einen weisungsberechtigten Chef, erhält seine Aufgaben zugeteilt und ein festes Gehalt. Er hat in der Regel feste Arbeitszeiten mit Anwesenheitspflicht und muss für jede kleine Abwesenheit vorher die Erlaubnis einholen. Beim Ausscheiden bekommt er ein Zeugnis. Im Krisenfall wird er arbeitslos.

Der Selbstständige hat lt. offizieller Definition einen anderen, davon deutlich abweichenden Status. Hätte er z. B. nur einen Auftraggeber, läge nicht erlaubte Scheinselbstständigkeit vor. Auch hat er keinen Chef, sondere mehrere Kunden. Er ist nicht so eng eingebunden in die betriebsinternen Strukturen wie ein Angestellter und kann im Betrieb auch nicht aufsteigen (in der Hierarchie). Im Krisenfall geht er in die Pleite (Insolvenz). In der Regel hat er keine Zeugnisse seiner Kunden. Dienstzeiten pro Unternehmen (Wechselhäufigkeit) spielen fast keine Rolle, auch beschäftigungslose Zeiten nicht.

Das sind Durchschnittsbetrachtungen, im Einzelfall gibt es durchaus Abweichungen.

Daraus folgen die Regeln, die hier seit fast 30 Jahren immer wieder dargestellt wurden und werden:

Vom Angestelltenstatus in die Selbstständigkeit geht immer, umgekehrt ist es deutlich(!) schwieriger. Dem Nur-Selbstständigen fehlt der „Stallgeruch“ eines Angestellten. Bei ihm ist offen, ob er sich in das engere Korsett eines Angestellten problemlos hineinzwängen lässt.

Achtung: Er als Bewerber muss beweisen, dass er das kann. Zweifel gehen zu seinen Lasten. Und die Zweifel sind gegeben! Eben weil er noch nie Angestellter war.

Daraus folgt: Man gehe tunlichst nicht nach dem Studium in die Selbstständigkeit, sondern werde erst einmal Angestellter – und zwar ein erfolgreicher, den Regeln gehorchender mit sehr guten Zeugnissen. Wenn man dann selbstständig wird und eines Tages ins Angestelltendasein wechseln möchte, ist das eine Rückkehr in vertrautes Umfeld, in dem man sich früher bereits bewährt hatte. Was man sogar beweisen kann.

Normal im Sinne von üblich ist, dass der Angestellte niemals selbstständig war und niemals wird. Man hält die beiden „Welten“ besser voneinander getrennt.

Der Wechsel von Tätigkeitsgebiet A (bei Ihnen Fahrzeuginnenraum) zu B (bei Ihnen Fahrwerktechnik) widerspricht leider auch der Lieblingsvorstellung von Arbeitgebern: Wer für B gesucht wird, soll Erfahrungen aus B mitbringen; nach Möglichkeit soll er die zu erledigenden Aufgaben aus heutiger Tätigkeit genau kennen (1:1-Umsetzung). Sie nun wären im Bereich B Anfänger, wollten aber Ihre Berufserfahrung allgemein bezahlt bekommen – das ist kompliziert genug. Wenn dann noch der fehlende Nachweis einer Eignung zum Angestellten hinzukommt, zuckt ein Bewerbungsempfänger zurück.

Noch eine Warnung: An einer anderen Stelle Ihrer (gekürzten) Einsendung schreiben Sie, dass Sie „auch private Zeit in den Fahrzeugbau investieren und eventuell begabt sind für den Beruf (des Fahrwerkkonstrukteurs)“. Das klingt nach Hobbybastler, einer eher gefürchteten Spezies. Nichts gegen Autoschrauber im Studium oder gegen das Restaurieren von Oldtimern als Hobby. Wenn Sie jedoch von „privatem Fahrzeugbau“ sprechen, dann bauen Sie selbst Fahrwerke zusammen. Das dürfte sich erheblich von dem Großprojekt „Wir entwickeln ein neues Fahrwerk für den neuen Golf“ unterscheiden. Profis lernen durchaus auch interessierte Neulinge an, neigen aber nicht dazu, erfahrene Hobbybastler auf ihr Niveau umzuschulen.

Ich rate Ihnen: Werden Sie zunächst einmal Angestellter und beweisen Sie über mindestens drei Jahre, das gut und erfolgreich sowie hochgelobt zu können. Um sich dafür zu empfehlen, müssen Sie fachliche Erfahrungen einschlägiger Art mitbringen. Das heißt: Einstieg als Angestellter im (ungeliebten, bisher aber ausschließlich von Ihnen bedienten) Gebiet Fahrzeuginnenraum. Nehmen Sie eines der Angebote eines jener Unternehmen an, die Sie aus der Selbstständigkeit kennen.

Später dann könnten Sie versuchen, aus einer Angestelltenposition zu einem anderen Zulieferer im Bereich Fahrwerk zu wechseln. Das wird noch einmal schwierig, aber heute geht es, wie Sie gesehen haben, gar nicht.

Und: Angestellt bedeutet, siehe oben, abhängig beschäftigt zu sein. Das und die von Ihnen angestrebte Selbstverwirklichung („Traumjob“) beißen sich ein bisschen. Wir alle leben mit irgendwelchen beruflichen Kompromissen. Als Trost: Ich als Autokäufer sehe meinen Innenraum sehr viel öfter als mein Fahrwerk.

Und noch etwas: Ich bekomme immer öfter Problemfälle auf den Tisch, bei denen erwachsene Menschen über viele Jahre hinweg etwas fachlich getan haben, das ihnen plötzlich nicht mehr zusagt. Das wäre originell nach drei Wochen im ungeliebten Job, wäre akzeptabel nach drei Monaten und ließe sich – mit Kopfschütteln – noch „verkaufen“ nach drei Jahren. Aber fünf, acht oder zehn Jahre und dann merken, dass man in den falschen Zug gestiegen ist?

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2665
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-01-16

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