Heiko Mell

Ich, weibl., schwanger, fast Dr. …

Ich bin Mitte 30, seit mehreren Jahren verheiratet, Dipl.-Ingenieurin, derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl einer Universität. Ziel meiner Arbeit ist die (baldige) Promotion.

Ich konnte viele Projekte in der Industrie durchführen, auch leitend, allerdings bleibt dabei natürlich die eigentliche Forschung etwas auf der Strecke und die Promotion verlängert sich. Mit der Promotion habe ich aber bereits begonnen und plane die Abgabe in ein paar Monaten.

Nun zum „Problem“. Ich bin schwanger (erstes Kind) und werde in ein paar Monaten in Mutterschutz gehen. Danach möchte ich natürlich wieder arbeiten, aber wann, ist offen. Eventuell möchte ich auch ein zweites Kind.

Es kann also sein, dass ich meine Promotion abschließe, danach zunächst nicht arbeite und erst nach einer Pause von einem Jahr oder mehreren Jahren in den Beruf zurückkehre. Mir stellt sich nun die Frage, ob ich die Promotion wirklich beenden soll oder nicht. Ich sehe die Gefahr, dass die hohe Qualifikation einer Dr.-Ing. ein Einstellungshindernis sein könnte. Dies vor allem, wenn ich zunächst nach einer Nicht-Vollzeitstelle suche.

Vor einigen Monaten hatte ich mich „aus gegebenem internen Anlass“ bei einem Unternehmen als Projektmanagerin mit simuliertem Abbruch der Promotion beworben und bekam die Zusage. Mir kam dann nur die Schwangerschaft „dazwischen“.

Fazit: Auch ohne Promotion finde ich sicherlich einen Job. Einziger Erklärungsbedarf wäre bei meinem bisher lückenlosen Lebenslauf die dann nicht beendete Promotion. Den „Dr.“ brauche ich für mich nicht.

Allerdings wäre das Aufgeben so kurz vor dem Ziel auch schade. Was meinen Sie?

Antwort:

Ich muss immer darauf achten, dass die anderen Leser alles verstehen. Und hier müssen wir erklären, warum Sie für Ihren akademischen Status doch schon recht alt sind: Sie kommen über den 2. Bildungsweg, so richtig mit Lehre, mehrjähriger Tätigkeit im Lehrberuf, dazu kommt dann die für Ingenieure übliche Promotionsdauer.

Ihre Frage will ich lieber auch noch einmal zusammenfassen, sie ist schon etwas ungewöhnlich: Sie werden jetzt wegen der Elternzeit für ein Kind oder zwei Kinder einige Jahre ausfallen und wollen danach wieder arbeiten, aber in Teilzeit. Und Sie befürchten, als Dr.-Ing. dann für die – wie zu vermuten ist – weniger hochwertigen Halbtagstätigkeiten überqualifiziert zu sein. Sie vermuten, ohne „Titel“ würde man Sie eher einstellen, daher erwägen Sie den Abbruch der Promotion.

Nix da, mit mir ist das nicht zu machen! Und zwar aus folgenden Gründen:

1. Sie sind in Ihrer speziellen Situation mit oder ohne Dr.-Grad eigentlich gleich qualifiziert. Ihr Können ist da, Ihre Projekterfahrung ist da, Ihre wissenschaftliche Basis ist da – wie immer Sie sich jetzt entscheiden. In den paar Monaten bis zum Abschluss der Promotion lernen Sie nichts mehr hinzu. Da wirken die Monate von Schwangerschaft und Hineinwachsen in die Mutterrolle viel persönlichkeitsfördernder.

2. Das Unternehmen, das Ihnen jetzt die Stelle angeboten hatte, ist mit Sicherheit von genau diesen Gedanken (gem. 1.) ausgegangen. Leider beweist das nichts: Jetzt kamen Sie aus Ihrer aktuellen Tätigkeit heraus und waren dadurch interessant, „Titel“ hin oder her. Nach einigen Jahren Pause könnte das anders aussehen – und es könnte eine völlig andere Konjunktursituation sein, in die Sie dann hineinkommen.

3. Menschen des 2. Bildungsweges promovieren besonders gern. Sie waren bei Beginn Ihres entsprechenden Vorhabens 31, da hätten Sie eigentlich gerade fertig sein sollen damit. Sie haben das auf sich genommen, obwohl es Ihnen nichts bedeutet? Sie pfeifen im Walde und machen sich Mut, mehr steckt nicht in Ihrer diesbezüglichen Aussage.

4. Was man anfängt, bringt man, so man kann, erfolgreich zu Ende. Es geht nicht um jetzt, um das ganze Chaos mit Schwangerschaft, Promotionsabschluss und den Gedanken an einen Halbtagsjob nach zwei Kindern. Es geht um einen Menschen, der etwas erreichen wollte, es geht um Sie mit 45, mit 50 und mit 60 Jahren. Immer würde Sie die Frage verfolgen, ob es richtig war, so kurz vor dem Ziel freiwillig und „ohne Not“ aufgehört zu haben. Dann hätten Sie vor fünf Jahren in die Praxis statt an den Lehrstuhl gehen sollen. Für den Abbruch hingegen hätten Sie nicht einmal überzeugende Gründe!

5. Was wollen Sie eines Tages Ihrer Tochter erzählen, wenn die wenige Monate vor dem Abitur erklärt, sie bräche das ab, ginge mit Klaus-Dieter nach Neuseeland und den Schafen dort sei das Abitur ohnehin wurscht? Ich freue mich auf eine Kopie Ihrer Promotionsurkunde.

Erlauben Sie mir noch eine allgemeine Erklärung, die Gelegenheit ist gerade so günstig:

Ich bin schon sehr für das Planen aller möglichen berufsrelevanten Vorhaben. Wer so denkt und handelt, passt besonders gut in die Industrie, die ja auch auf allen Ebenen und an allen Fronten zu ausgefeilten Planungsprozessen gezwungen ist.

Aber: Das Leben an sich ist nur in begrenztem Umfang planbar. Es funktioniert etwa wie ein etwas in die Jahre gekommener sehr großer und komplexer Schiffsdiesel, der behäbig vor sich hinarbeitet, aber dennoch an jeder Ecke gut ist für irgendeine schweißtreibende Überraschung. Zwei zentrale Erfahrungen haben die Leute, die ständig mit ihm umgehen: vorbeugende Instandhaltung in Ehren – aber immer ist damit zu rechnen, dass gerade jene Hydraulikleitung bricht, die sie nicht gewechselt hatten. Und wenn Sie zur Reparatur anrücken, nehmen Sie „großes“ Werkzeug mit, ein Uhrmacherschraubendreher richtet dort wenig aus.

Will heißen: Das Berufsleben ist bedingt planbar, aber wenigstens der Versuch muss immer wieder unternommen werden. Das „Leben an sich“ jedoch entzieht sich diesen Anstrengungen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2661
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-12-12

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