Heiko Mell 02.01.2016, 09:02 Uhr

Über geldgierige Frauen, häufige Wechsel und lange Dienstzeiten

Am Anfang meiner Tätigkeit habe ich mir eine „Wanderpokalsammlung“ erworben (will heißen: viele Arbeitgeberwechsel in kurzer Zeit; H. Mell). Als Antwort auf die Frage nach dem Warum hätte ich ehrlich antworten müssen: geldgierige Frau. Immerhin hatte mich das in kurzer Zeit von 850 auf 3.500 DM hochgebracht. Ich habe das Problem dann dadurch gelöst, dass ich die Frau getauscht habe und bis ein Jahr über den Renteneintritt hinaus 27 Jahre in einer Firma gewesen bin.

Auch durch Gespräche mit Kollegen in anderen Firmen habe ich gelernt, dass es problemlose Arbeitsplätze nicht gibt. Wenn man die Tiefen im Arbeitsleben durch Stellenwechsel vermeiden will, geht das nicht. In einer anderen Firma hat man dann andere Probleme.

Rückblickend muss ich sagen, dass ich das nicht so verkehrt gemacht habe.

Antwort:

Die genannten Brutto-Einkommen sind, das sage ich besser noch einmal dazu, DM/Monat. Sie sind durchaus realistisch. Auch ich habe einmal mit 850 DM nach dem Studium angefangen. Ohne geldgierige Frau im Hintergrund habe ich etwa sechs Berufsjahre und zwei Arbeitgeberwechsel gebraucht, um jene 3.500 DM zu erreichen. Aus heutiger Sicht interessieren nur noch die Relationen, in Euro umgerechnet wären das geradezu lächerlich kleine Summe (für die jüngeren Leser: etwa die Hälfte in Euro).

Aber, man vergesse das nicht: Die Brötchen (und alles andere) waren billiger damals, ich erinnere mich an Preise von ca. 5 Pfennig, das wären dann etwa 2,5 Cent. Lassen wir das damit gut sein.

Die Geschichte mit dem Partner/der Partnerin, die einen Angestellten durchaus in den beruflichen Ruin treiben kann, habe ich hinreichend oft im Umfeld erlebt. Geldgier ist dabei nur eine der möglichen Varianten. Andere sind etwa: extremer Beförderungsehrgeiz, Aufstachelung zum ruinösen Widerstand gegenüber Chefs, Verweigerung jeglicher Überstunden und/oder Dienstreisen, extreme Unverträglichkeit mit den Partnern oder Partnerinnen von Chefs oder Kollegen. Die von Ihnen gewählte Lösung („getauscht“) kommentiere ich lieber nicht.

Der zweite Absatz Ihrer Einsendung enthält sehr wertvolle Erkenntnisse, denen ich nur zustimmen kann. Das Streben nach dem rundum idealen Arbeitsplatz ohne Fehl und Tadel gleicht der – ebenfalls vergeblichen – Suche nach dem Heiligen Gral. Bei allem, was wir haben, erwerben, anstreben oder sind, müssen Einschränkungen hingenommen werden. Das gilt uneingeschränkt auch für Jobs.

Ich bin sehr für Arbeitgeberwechsel – im richtigen Rahmen, zum richtigen Zeitpunkt und als Instrument mit spezieller Zielsetzung eingesetzt. Aber ich habe schon viele „Interessenten“ warnen müssen: Niemals können Sie erwarten, dass es gelingt, alle positiven Elemente des heutigen Jobs zu erhalten und zusätzlich noch einige gravierende Nachteile loszuwerden. Zwar ist Letzteres möglich. Aber Sie zahlen dafür den Preis, dass Sie einige der Vorteile Ihrer vorigen Position verlieren. Sie müssen nur darauf achten, dass die Summe aller positiven Aspekte in Ihrer subjektiven Betrachtung die Summe aller negativen Elemente übersteigt.

Beispiel: Sie wollen Abteilungsleiter werden. Heute sind Sie Gruppenleiter bei A. Alles ist gut, von der Solidität der Firma A über den fachlichen Anspruch der Aufgaben bis zu den Personen der Chefs und Kollegen. Aber Aufstiegschancen gibt es keine, Sie werden älter, die „Uhr tickt“.

Also ein Wechsel zu B. Der Aufstieg gelingt – sonst würden Sie ja nicht unterschreiben. Aber das Produkt ist weniger „spannend“, der Firma geht es „man so“. das ganze interne Klima ist eine Stufe weniger gut. Das ist normal, dafür haben Sie Ihr derzeitiges Ziel Nr. 1 erreicht. Wenn Ihnen das sehr wichtig war, hat sich der Wechsel dennoch gelohnt.

Übrigens wären Sie in diesem Beispiel in vorbildlicher Form auf ein erstrebenswertes Ziel zugegangen, nicht vorrangig vor irgendwelchen Belastungen weggelaufen.

Ja, ich habe auch schon Menschen erlebt, die haben beim Wechsel nicht nur ihr Ziel Nr. 1 erreicht, sondern auch noch in der Summe aller Faktoren einen großen Fortschritt erreicht. Aber rechnen Sie nicht damit – das Leben verteilt Hauptgewinne ähnlich zurückhaltend wie eine Lottogesellschaft (es gibt sie, aber sie sind extrem selten).

Bleibt Ihr letzter Satz: Sie erheben den Anspruch nicht, aber man kann ihn hineininterpretieren: So wie ich kann man, sollte man vielleicht sogar die Geschichte mit dem Berufsleben angehen.

Für die Betroffenen immer wieder verblüffend: Dass es jemand mit Methode X geschafft hat, beweist darüber hinaus gar nichts – weder dass die Methode optimal war, noch dass sie für ihn oder für andere ein Optimum war. Aus diesem Grund darf sich z. B. eine Serie wie diese nicht etwa darauf beschränken, hier vorrangig den Weg von Leuten abzubilden, die es zum Vorstand oder Geschäftsführer „gebracht“ haben. Weil niemand sagen könnte, ob sie trotz oder wegen bestimmter Handlungen und Maßnahmen so weit gekommen sind.

Stellen Sie sich vor, Soldaten treffen auf ein Minenfeld. Und einer geht fröhlich pfeifend hindurch, bleibt völlig unbeschädigt und erreicht Stunden vor den anderen sein Ziel. Weil diese erst mühsam Meter für Meter ihres Weges abtasten und erkannte Minen ausgraben. Der eine Beispielsoldat hat Erfolg gehabt, keine Frage. Aber eignet sich seine „Lösung“ als Muster für andere?

Oder wenn Ihnen das Minenfeld zu martialisch ist: Stellen Sie sich starken Nebel auf der Autobahn über eine Strecke von 50 km vor. Auf der linken Spur könnte durchaus eine ganze Schlange stehen oder doch zumindest ein einzelner Lkw mit Achsbruch. Und nun brettert unser einzelner Beispiel-Fahrer mit Vollgas durch den Nebel, überholt alle – trifft auf keine Schlange und kein Hindernis, erreicht sein Ziel termingerecht und bekommt als Bewerber den Traumjob seines Lebens. Kann man daraus ableiten, die Strategie für Autofahrer im Nebel laute: Bei wichtigen Terminen immer feste drauf, da steht schon keiner?

Sie, geehrter Einsender, sind nach Abschluss Ihres Berufslebens zufrieden mit dem, was Sie erreicht haben. Das ist schön, dazu gratuliere ich. Aber Ihr „Wanderpokal“ am Anfang war ein Minenfeld und Ihre 27 Dienstjahre beim letzten Unternehmen waren „dichter Nebel“. In beiden Fällen hätten Sie beim nächsten Wechsel scheitern können – mal am zu vielen „Wandern“, dann auch wieder am Gegenteil. Vielleicht hatten Sie jeweils Glück mit der Konjunktur – in einer Krise fassen Arbeitgeber derart belastete Werdegänge nicht mit der Kneifzange an, bei Arbeitskräftemangel jedoch ist ihnen das „Hemd näher als die Hose“, sie sehen über vieles hinweg, um überhaupt noch jemanden zu bekommen. Und Ihren eventuell erzielten Karriereerfolg, den wir nicht kennen, müsste man auch noch mit bewerten …

Kurzantwort:

Dass ein einzelner Werdegang, innerhalb dessen gegen wichtige Regeln verstoßen wurde, dennoch befriedigend verlief, beweist nichts. Auch mit völlig abgefahrenen Reifen kann(!) ein Auto problemlos von A nach B kommen, sogar im Regen. Aber zur Nachahmung empfehlen würde man das nicht.

Frage-Nr.: 2656
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-11-28

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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