Heiko Mell

Einser-Ingenieur auf Technikerstelle: unzufrieden

Vielleicht können Sie mich zumindest als abschreckendes Beispiel verwenden:

Während meines Maschinenbaustudiums (FH, im dualen System) absolvierte ich eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei einem mittelständischen Unternehmen (beide Abschlüsse 1,x). Nach kurzer Zeit geriet die Firma in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Noch vor dem Ende meiner Abschlussarbeit wurde meine zukünftige Stelle wegrationalisiert, ich musste mich extern neu orientieren (1).

Ich fand eine Anstellung als Entwicklungsingenieur an einem Produktionsstandort eines Konzerns einer sehr speziellen Branche (2). Diese Einheit war ein mittelständisches Unternehmen gewesen, das kürzlich gekauft worden war (3) und noch immer als eigenständige GmbH firmiert. Aktuell herrscht Einstellstopp.

Seit Beginn meiner Tätigkeit dort vor einigen Monaten durfte ich überwiegend Aufgaben mit geringem Anspruch übernehmen (4) (ich kenne so etwas aus meiner Lehrausbildung und aus studentischen Nebentätigkeiten). Beispielsweise habe ich … (Details sind uninteressant und gefährden die Vertraulichkeit; H. Mell).

Entwickelt habe ich bis heute noch nichts. Von den anderen Berufsanfängern dort weiß ich, dass sie extrem lange studiert hatten(5).

Das Projekt, dem ich zugeteilt wurde, läuft nicht gut. Ein cholerischer Manager, ehemaliger Unternehmensgründer, stutzt deshalb regelmäßig Mitarbeiter vor versammelter Mannschaft zusammen (6).

Soweit ich das mit meiner Berufsanfängerbrille beurteilen kann, geht es auch sonst sehr chaotisch zu. Ein Ingenieur mit etwas längerer Dienstzeit dort hat mir unverblümt empfohlen zu kündigen, bevor ich dort „hängen bleibe“ (7). Zu meinen Kollegen und meinem Vorgesetzten habe ich nach meiner Einschätzung ein sehr gutes Verhältnis (8). Dass ich nach Möglichkeit gerne auch anspruchsvollere Tätigkeiten übernehmen würde, habe ich bereits vorsichtig bei meinem Vorgesetzten angesprochen (9).

Ich könnte zwei Jahre dort aushalten. Das halte ich für Zeitverschwendung. Ich rechne allerdings mit Schwierigkeiten bei externen Bewerbungen. Denn der Bewerbungsempfänger könnte vermuten, dass ich bereits das Unternehmen, bei dem ich das duale Studium absolviert hatte, hängen ließ.

Wie würden Sie im Falle einer Bewerbung argumentieren und wie würde der entsprechende Absatz im Anschreiben aussehen (10)?

Antwort:

Analysieren wir erst einmal Ursachen und Hintergründe und nehmen eine gewisse Schuldzuweisung vor. Dann suchen wir nach Lösungen. Die Nummerierungen sind von mir, dann findet man den Bezug leichter:

Zu 1: Dass Ihr Partnerunternehmen beim dualen Studium Sie nicht übernehmen konnte, war einfach Pech. Schreiben Sie in Ihren Lebenslauf am Ende der Rubrik „Studium“ folgende Anmerkung, schön als deutlich abgesetzten eigenen Absatz:“(Leider war es meinem Ausbildungsunternehmen aus rein wirtschaftlichen Gründen nicht möglich, mich nach Studienende wie geplant zu übernehmen.)“

Ihr Zeugnis dieses Unternehmens über die praktische Tätigkeit während des Studiums sollte sicherheitshalber eine dies bestätigende Bemerkung enthalten.

Zu 2: Sie sind Maschinenbauer, Lehre und Studium geben das vor. Ob Sie das nun originell finden oder nicht, aber ein Chemiker ist grundsätzlich am besten in einem Chemieunternehmen aufgehoben, ein Pharmazeut am besten im Pharmabetrieb und ein Elektriker im Elektrounternehmen. Ein Maschinenbauer ist gut beraten, im Maschinenbauunternehmen seinen Weg zu gehen. Zwar gibt es auch in fachfremden Betrieben oft interessante Aufgaben, aber es fehlt meist an Chancen in der Breite, z. B. für interne Wechsel. Ihr Fehler.

Zu 3 und 6: Frisch gekaufte Firmen im neuen Konzernumfeld sind sehr oft ein schwieriges Pflaster. Der Käufer ist „Sieger“ und führt sich auch so auf, er stülpt dem Gekauften („Wehe den Besiegten“, sagte ein keltischer Feldherr zu besiegten Römern) seine Systeme über, selbst wenn sie im Detail schlechter sein sollten. Ein ehemaliger Gründer und Chef der alten Firma, der mit eingekauft wurde, ist generell ein ganz armer Teufel, der vom Herrn zum Knecht wurde (in seiner Wahrnehmung) und sich vermutlich für den Stil des Konzerns nicht eignet; nun schreit er halt, vermutlich aus Überforderung oder Frustration. Wer bei dieser „Historie“ dort anheuert, geht freiwillig ins Chaos (aus dem etwas werden kann, die Hoffnung besteht). Als Sie dort einstiegen, durften Sie genau das erwarten. Ihr Fehler, schon ein mittelgroßer.

Zu 4, dem Knüller schlechthin: Sie sind Ingenieur mit 1,x-Examen. Das ist schon ein wenig Elite. Und Ansprüche haben Sie auch, sonst würden Sie nicht über zu leichte Aufgaben klagen.Worauf haben Sie sich nun beworben (die Ausschreibung haben Sie mitgeschickt)? Auf eine Techniker-Stelle! Als 1,x-Ingenieur. Das kann man machen – aber man darf sich dann nicht über Unterforderung wundern. Schön, es heißt in der Schlagzeile der Ausschreibung: „Ingenieur/Techniker“ – aber was bedeutet denn das? Es gibt, ich kenne einige, sehr fähige Techniker, die nehmen es nahezu mit jedem Ingenieur auf. Meist sind es ältere, sie stammen aus einer Zeit, in der die Art der „Ausbildung“ stark vom Elternhaus geprägt war. Das ist heute praktisch nicht mehr der Fall, Bildungschancen liegen auf der Straße. Mit kleinen Ausnahmen kann jeder „ausbildungsmäßig“ aus sich herausholen, was drinsteckt. Und das Ingenieurstudium geht im Anspruch und im Inhalt über die Technikerschule hinaus. Wie immer sind die Qualifikationsbandbreiten nicht scharf abgegrenzt, sie überschneiden sich. Die besten Techniker und etwas schwächere Ingenieure mögen durchaus Einstellungsalternativen zueinander sein. Aber ein 1,x-Ingenieur ist nicht gemeint, wenn ein Techniker praktisch gleichberechtigt gesucht wird.

Warum man Sie dort eingestellt hat? Weil Sie unter den vorhandenen Bewerbern den besten Eindruck gemacht haben. An Ihre Unterforderung hat halt niemand gedacht … Sie müssen – wie überall im Berufsleben – auf sich selbst aufpassen. Die andere Seite denkt nur an ihre Belange und/oder macht schlicht Fehler.

Es bleibt dabei: Ein 1,x-Ingenieur, der sich um eine Stelle bewirbt, bei der es in der Schlagzeile heißt „Ingenieur/Techniker“ darf sich nicht wundern, wenn der Job ihn dann langweilt. Ihr Fehler, der große, zentrale; die Ursache Ihrer Frustrationen.

Zu 5: Was zu beweisen war, sagt der juristisch orientierte Lateiner (im Original auf Latein). Jetzt sind Sie also in einem Kreis von Kollegen, die fast doppelt so lange für ihr Studium gebraucht hatten. Nur Sie sollten nicht dort sein. Oder Sie hören auf, sich zu langweilen.

Zu 7: So ein richtiger Menschenfreund ist ein Kollege wie dieser auch nicht: Ihnen rät er zum Gehen, selbst bleibt er da. Vielleicht hofft er heimlich, es würde sich für die Verbleibenden etwas ändern, wenn jemand mit der ehrlichen Begründung geht, die Geschichte unterfordere ihn. Als Tipp: Lassen Sie sich niemals von Kollegen etwas einreden oder zu etwas treiben, was diese Ihnen raten ohne es selbst zu tun. Jeder kocht sein eigenes Süppchen. In der Sache übrigens kann dieser Kollege absolut Recht haben, was die Gefahr für Sie betrifft.

Zu 8 und 9: Beides ist der richtige Ansatz zur Lösung. Machen Sie die heutige, ungeliebte Arbeit so engagiert, so gut und mit so eindrucksvollen Gesamtresultaten, dass Sie eine Top-Bewertung „auf sich ziehen“. Und dann verstärken Sie den Druck auf den Vorgesetzten, Sie „mehr“ zu fordern – dort oder an anderer Stelle des Unternehmens.

Denn zunächst rate ich zum Bleiben, zum Durchstehen und Kämpfen. Immer schön unter dem Aspekt, die Suppe auszulöffeln, die Sie sich – vorhersehbar – selbst eingebrockt hatten. Als Trost: Wenn Sie nach zwei Jahren gehen, sieht später der Markt nur die begeistert klingende Beschreibung der Tätigkeit, die Sie selbst anfertigen und er liest dann die glänzenden Bewertungen, die Sie sich „mit links“ verdient haben. Dass Sie – zumindest am Anfang – etwas gelangweilt waren, merkt ja nur jemand, wenn Sie sich zu entsprechenden Aussagen hinreißen lassen.

Wenn Sie dennoch jetzt schon gehen, ist die Argumentation im Anschreiben nur ein ganz kleines Problemchen, das Sie schon irgendwie lösen werden. Aber die kurze Dienstzeit von wenigen Monaten beim weltbekannten Großkonzern (mit zu vermutender schwacher Beurteilung) würde sich in Ihre „Papiere“ einbrennen. Und niemand, absolut niemand garantiert Ihnen, dass sich beim nächsten Arbeitgeber nicht eine Wiederholung anbahnt, dann vielleicht wegen „Überforderung“. Denken Sie an meine Erkenntnis: „Sie tun es immer wieder“, was auf die Gewohnheit der Menschen anspielt, ihre Fehler mehrfach zu wiederholen.

Kurzantwort:

1. Sehr viele berufliche Probleme sind letztlich selbstverschuldet (wobei die Bereitschaft der Betroffenen, das einzugestehen, als eher gering eingeschätzt werden muss).

2. Lässt eine Stellenausschreibung als Alternative zum eigenen, mit Top-Resultat abgeschlossenen Studium alternativ auch eine in der Ausbildungshierarchie deutlich tiefer angesiedelte Kategorie zu, ist mit Unterforderung zu rechnen.

Frage-Nr.: 2652
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-11-07

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI-Nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI-Nachrichten.

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