Heiko Mell 02.01.2016, 08:53 Uhr

Nicht verzetteln!

Ich bin seit einigen Monaten in meinem ersten Job nach dem Studium. Arbeitgeber ist eine kleinere Managementberatung mit dem Fokus auf bestimmte Industriezweige.

Bereits während des Studiums stand fest, dass ich noch promovieren möchte. Aber ich wollte auch nach dem Studium einen Abstand zur Uni, damit ich Klarheit gewinne, auf welchem Gebiet ich promoviere. Deshalb hatte auch der Weg in die Unternehmensberatung seinen Reiz: Ich kann hier in kurzer Zeit in verschiedene Branchen hineinschnuppern und Praxiserfahrungen sammeln sowie mein Budget aufbessern.Nach diesen ersten Monaten steht für mich fest, dass Berater ein interessanter Beruf ist, aber dass ich diesen nur noch ein paar Monate lang ausüben möchte. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich nicht wohl. Vielleicht liegt es an den 70-Stunden-Wochen und daran, dass ich mich nicht komplett mit dem Job identifizieren kann und trotzdem viel Energie reinstecken muss.

Außerdem bleibt mir somit keine Zeit mehr für mein eigenes, vor einiger Zeit gegründetes Unternehmen. Könnte es zu Problemen kommen, wenn ich nur etwa ein dreiviertel Jahr in meinem ersten Job bleibe?

Da ich bereits mein erstes eigenes Unternehmen gegründet habe, möchte ich die mir vielleicht verbleibenden drei Monate zwischen Jobende und Promotionsbeginn für meine nächste Unternehmensgründung nutzen. Kann dieser Weg meinem Lebenslauf schaden? Können Sie mir außerdem einen Tipp geben, wie ich mein derzeitiges Arbeitsverhältnis am besten beenden soll, um keine verbrannte Erde zu hinterlassen.Als Promotionslehrstuhl würde ich den Lehrstuhl A der TU in B auswählen, da mich dieser bereits während meines Studiums begeisterte.

Antwort:

Wer etwas plant oder tut und von anderen abhängig ist (gilt pauschal für alle Angestellten und auch für Selbstständige), muss sich hinterher fragen lassen, was denn herausgekommen ist bei seinen Planungen und Taten. Nun zitiere ich Sie: „Ich wollte nach dem Studium Abstand zur Uni, damit ich Klarheit gewinne, auf welchem Gebiet ich promoviere.“ Und: „Als Promotionslehrstuhl würde ich A auswählen, da mich dieser bereits während des Studiums begeisterte.“

Ist das etwa logisch? Wenn jemand zwar promovieren will, aber nicht weiß, wo und auf welchem Gebiet und extra einen externen Job annimmt, um in Ruhe nachdenken zu können und dann, nach nur wenigen Monaten in diesem Job „seinen“ alten Lehrstuhl samt Gebiet gefunden hat, weil er den schon im Studium ganz toll fand, dann hätte er sich den Umweg über diese Berateranstellung sparen und gleich dorthin gehen können. So wie alle anderen jungen Akademiker das auch tun. Es ist übrigens der Lehrstuhl, an dem Sie Ihren Master gemacht haben. Mit Ihrem „Projekt“ der Promotionsfindung haben Sie einen Berg kreißen lassen, und er hat ein Mäuschen geboren.

Sie sind, was uneingeschränkt anerkennend festgestellt wird, über den zweiten Bildungsweg nach absolvierter Lehre gekommen und haben einen sehr guten TU-Abschluss. Das lässt auf ein eher nichtakademisches Elternhaus schließen – das Ihnen nichts mitgeben konnte über den sinnvollen Aufbau einer Akademiker-Karriere (dieses Argument soll erklären, es belastet Sie nicht, ganz im Gegenteil).Lehre vor und Promotion nach dem Studium passen oft nicht gut zusammen, auch weil beides Zeit kostet und der Kandidat zu alt wird. Das trifft bei Ihnen nicht zu, Sie waren schnell genug, um trotz der Lehre die Zeit noch zu haben.Bleibt die partielle Selbstständigkeit: Zur Studienfinanzierung passt sie noch, zur heutigen Angestelltentätigkeit schon nicht mehr. In sehr vielen Arbeitsverträgen ist „jede auf Erwerb gerichtete Nebentätigkeit“ strikt verboten. Dann wollen Sie sogar „auf die Schnelle“ noch eine zweite Firma gründen. Das kollidiert nun endgültig mit einer späteren Angestelltenlaufbahn.

Wenn Ihnen aber die „hauptamtliche“ Selbstständigkeit als Laufbahn vorschwebt, warum wollen Sie dann noch promovieren? Als Unternehmer brauchen Sie das nicht; widmen Sie sich dann lieber mit aller Kraft Ihrer ersten Firma und gründen Sie halt noch eine zweite und hängen Sie sich in beide voll rein. Wenn Ihre Ideen etwas taugen, kommen Sie damit weiter als auf dem stets etwas „langatmigen“ Standardweg über Promotion und Angestelltenlaufbahn.Also entscheiden Sie sich, beides gleichzeitig wird nicht funktionieren. Und: Ein Student mit eigener Firma (zur Studienfinanzierung, dann liquidiert oder verkauft) imponiert manchem Unternehmen, das einen Berufseinsteiger sucht. Jedoch ist ein promovierter Bewerber mit „Nebeninteressen“ in zwei eigenen Firmen, die er weiter betreibt, grundsätzlich nicht sehr begehrt.

Und zu dem Beratungsunternehmen, das Ihnen eine Chance gegeben hat und das Sie jetzt nicht mehr mögen, waren Sie auch nicht sehr nett. Besonders gut geplant und durchdacht kommt mir dieses ganze Engagement nicht vor. Mit wenigen Monaten Tätigkeit bei einem Arbeitgeber haben Sie als Bewerber noch Jahre später „schlechte Karten“.

Sie haben ganz gewiss Talent. Welcher Art, ist noch offen. Aber im Augenblick verzetteln Sie sich, Sie wollen zu vieles und das alles gleichzeitig. Ihnen fehlt die Disziplin, ein Vorhaben sorgfältig zu durchdenken und dann konsequent durchzuziehen und auch durchzustehen. Ein selbstständiger Unternehmer kann(!) durch ein Vorgehen, wie Sie es zeigen, in einer besonderen Situation durchaus einmal Erfolg haben, ein Angestellter wird sich damit Probleme bis an den Rand des endgültigen Scheiterns einhandeln.

Als Warnung: Intelligent und fachlich gut zu sein (Einser-Examen), ist nicht mehr als ein solides Fundament des späteren beruflichen „Hauses“. Man kann darauf auch mühelos eine schwerverkäufliche „Bruchbude“ errichten.

Ich glaube, Sie sollten:

1. Jetzt und hier eine klare berufliche Zielsetzung definieren. Von einem Menschen mit Ihrer Ausbildung und Ihren sonstigen Fähigkeiten kann man das erwarten. Fällig ist eine Entscheidung entweder für eine Angestelltenkarriere oder für die endgültige Selbstständigkeit. Eines geht nur – wie in so vielen Fällen im Leben ist die Festlegung für eine Richtung gleichzeitig der Verzicht auf eine andere. Wer das nicht kann, ist entscheidungsschwach und taugt ohnehin nicht für das Management.

2. Dann legen Sie den zum gefundenen Ziel passenden Weg fest. Mein Vorschlag:

a) Bei dem Ziel einer Angestelltenkarriere ist die Promotion bestimmt nicht falsch. Eine Weiterführung der heutigen Beratertätigkeit lohnt sich nicht, weil diese Erfahrungen nach den fünf Jahren, die Sie für die Promotion ansetzen müssen, ziemlich wertlos geworden sind, jetzt aber Zeit kosten. In diesem Fall also: rein in das Promotionsprojekt, so schnell wie möglich. Und: Bis zum Ende der Promotion sind Sie fast noch Student und dürfen beruflich noch ein wenig „experimentieren“.

Zu dieser Variante gehört auch: Spätestens bei Promotionsabschluss ist Schluss mit alten und neuen Firmen, die Ihnen gehören. Das verträgt sich nicht mit einer Angestelltenkarriere, der zu erwartende Interessenkonflikt bringt bloß Ärger.

b) Beim Ziel „Selbstständigkeit“ gilt: Kümmern Sie sich mit Hochdruck weiter um die alte und vielleicht auch noch um eine neue (Zeitkonflikt bei 70h/Woche droht!) eigene Firma und führen Sie die nun einmal angefangene Beratertätigkeit insgesamt zwei Jahre lang so engagiert aus, dass Sie eines Tages mit glänzendem, in seiner Note zu Ihrem Studienexamen passenden Zeugnis dort weggehen. Falls nämlich Ihre Selbstständigkeit scheitert, können Sie auf der Basis dieser Beratertätigkeit nach ein bis zwei Jahren späterer Selbstständigkeit noch relativ gut ins Angestelltendasein zurückgehen. Die Promotion geben Sie bei dieser Variante auf, Sie können in der Selbstständigkeit in den fünf Jahren mehr aufbauen.

Unabhängig von Ihrer Entscheidung nun zur Frage nach einer Argumentation bei der Kündigung als Berater nach viel zu kurzer, den Arbeitgeber enttäuschenden Dienstzeit:

Loben Sie Ihren Beratungsjob, die Firma und den Chef, betonen Sie, was Sie alles lernen durften und wie dankbar Sie dafür sind. Erklären Sie, dass Sie eigentlich unter gar keinen Umständen daran denken würden, diese Umgebung wieder zu verlassen, aber … Aber jetzt sei jener eine Umstand eingetreten, mit dem Sie absolut nicht mehr gerechnet hätten, aber es sei die eine, einmalige Chance Ihres Lebens: Ihr Traum wäre schon immer eine Promotion gewesen und damals, nach dem Examen, hätte es an Ihrer Uni keine Möglichkeit gegeben. Aber jetzt hätte Ihr alter Lehrstuhl Ihnen eine Stelle angeboten und nun würden Sie leider das tun, was sonst nie infrage gekommen wäre … Mehr können Sie nicht machen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2650
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-10-24

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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