Heiko Mell

Prioritäten

Frage/1: Nach meiner Promotion an einem sehr renommierten Institut bekam ich eine Einstiegsposition als Entwicklungsingenieur in einem großen Konzern. Nach kurzer Zeit wurde ich in dessen Förderprogramm für Führungsnachwuchs aufgenommen. In der darauf folgenden Zeit leitete ich erfolgreich verschiedene Projekte steigenden Umfangs und hatte außerdem einige z. T. „hoch aufgehängte“ Querschnittsaufgaben. Noch vor der eigentlichen Beförderung war ich jedoch aus persönlichen Gründen gezwungen, eine neue Stelle an einem günstigeren Standort mit der Möglichkeit zur Teilzeitarbeit zu suchen.

Mit meiner bisherigen Position musste ich natürlich auch das Nachwuchs-Förderprogramm aufgeben. Nach einigem Suchen fand ich eine entsprechende Stelle, die allerdings mehr kaufmännisch orientiert war, in einem anderen Bereich des Konzerns.

Frage/2: Nach jenen fünf Jahren in der entwicklungsfremden Tätigkeit in Teilzeit ergab sich die Chance, in einem anderen, neu aufgebauten Geschäftsbereich des Konzerns in die Entwicklung zurückzukehren. Ich griff gern zu. Nach kurzer Zeit fragte man mich, ob ich Interesse an der Übernahme einer Führungsposition hätte. Ich signalisierte Bereitschaft. Kurz danach wurde der Bereich aufgelöst, die Bruchstücke wurden anderen Einheiten zugeordnet. Nun finde ich mich in einer Situation wieder, in der sich nicht nur die potenzielle Führungsposition erledigt hat, sondern auch meine Tätigkeit so verändert wurde, dass sie anspruchslos und unattraktiv geworden ist.

Ein neuer Wechsel steht also an. Die Hypothek nehme ich mit (in mittlerweile etlichen Berufsjahren keine echte Beförderung), die Erfolge lasse ich zurück.

Wie schätzen Sie die Situation ein? Soll ich es bei einem anderen Arbeitgebertyp versuchen oder ist – trotz schlechter Erfahrungen – ein weiterer interner Wechsel vorzuziehen?

Antwort:

Antwort/1: Das ist irgendwie richtig, aber noch längst nicht alles. Um zu erkennen, was Sie da getan haben, müssen wir noch tiefer in die Details einsteigen: Die Sache beginnt damit, dass Sie kein „in der Wolle gefärbter“ Ingenieur sind. Sie haben eine andere, dem Ingenieur eigentlich eher etwas weniger nahestehende Naturwissenschaft studiert, sind also „Dipl.-XY“ und wurden dann vermutlich zum Dr.-Ing. auf einem Spezialgebiet promoviert. Ich will gar nicht darüber spekulieren, ob jemand mit dieser fachfremden Basisausbildung nun durch einen Dr.-Ing. überhaupt zum „Ingenieur“ oder, wie es in Anzeigen heißt, „Dipl.-Ing.“ wird, aber eine Auffälligkeit bleibt es berufslebenslang.

Dann stimmt es einfach nicht, wenn Sie sagen: „Nach meiner Promotion … bekam ich eine Einstiegsposition … in einem … Konzern.“ Schön, irgendwann hatten Sie promoviert und irgendwann später bekamen Sie diesen Einstieg, aber dazwischen lagen vier ganze Jahre, in denen Sie als promovierter wissenschaftlicher Mitarbeiter weiter am Institut verblieben. Vielleicht hat Ihre Tätigkeit dort den Konzern erst bewogen, Sie trotz der ungewöhnlichen „Grundausbildung“ (ich schätze, auf je 1.000 Ingenieure kommt in dem Unternehmen ein Dipl.-XY, der einen Studienabschluss wir Ihren mitbringt) zu akzeptieren.

Aber die Grundregel lautet: Nach Studienabschluss weg aus der Welt von Uni oder Institut, es sei denn, man promoviert. Und nach der Promotion weg aus der Welt von Uni oder Institut und hinein in die Industrie oder dazu passenden Unternehmen. Immer vorausgesetzt, dass diese Industriewelt das Karriereziel ist.

Durch die Kombination Ihrer beiden Besonderheiten (Dipl.-XY und vier Jahre Institut nach Promotionsabschluss) war Ihre berufliche Basis etwas außerhalb der Norm, das „Fundament“ Ihres „Hauses“ wies – je nach Betrachter – Schwachpunkte auf; es war, so könnte man es nennen, nicht zu 100% belastbar. Will heißen: Möglichst keine weiteren Auffälligkeiten im Lebenslauf begründen, diese hier reichten völlig.

Dann haben Sie es geschafft, trotz – im Einzelfall vielleicht sogar wegen, aber das zählt nicht – dieser Besonderheiten einen tollen Job bei einem Top-Konzern zu erringen und dort mehrfache „Auszeichnungen“ zu bekommen. Die „eigentliche Beförderung“ stand an, Sie waren mehr als fünf Jahre dort, es lief prächtig – und alles war gut. Niemand hätte mehr Ihre etwas außerhalb der Norm liegenden „Fundamente“ kritisch betrachtet. Sie hatten „es“ (was immer das ist) geschafft! Fachlich leiteten Sie inzwischen Entwicklungsteams; die Produkte hatten, weit weg vom Dipl.-XY, mit Elektronik zu tun.Dann kam die Sache mit den „persönlichen Gründen“. Ich muss hier etwas in die Details gehen, sonst versteht das kein Leser. Nein, es war nicht die neue Freundin in Hamburg, die nicht zum alten Job in München passte. Sie fühlten sich verpflichtet, sich um betreuungsbedürftige Angehörige an einem anderen Ort zu kümmern. Das ist absolut ehrenwert, verdient hohe Anerkennung, niemand hat das Recht, über diesen Schritt zu richten, natürlich auch ich nicht. Aber: Nun hatten Sie – aus den edelsten Motiven, aber eben doch – dem soliden „Erdgeschoss“ Ihres Hauses (das auf dem nicht so ganz problemlosen Fundament stand) mit der Baggerschaufel einen Stoß versetzt, bis es in Trümmern lag.

Ihr neuer Job, mühsam im Konzern gefunden und dominiert von den beiden zwingenden Bedingungen „spezieller Standort“ und „muss Teilzeit erlauben“, sah genau so aus wie es unter diesen Voraussetzungen zu erwarten war und dauerte fünf Jahre an. Die frühere Entwicklungstätigkeit war tot, Ihr neues Aufgabenfeld ist mit „mehr kaufmännisch orientiert“ noch charmant umschrieben. Konsequenz: Niemand, der den Lebenslauf jetzt liest, versteht ihn.

Ich habe mir fest vorgenommen, Sie nicht zu kritisieren. Aber ich darf sagen: Sie haben einen verflixt hohen Preis gezahlt. Ich weiß nicht, ob es noch einen anderen Weg zur Lösung Ihrer persönlichen Probleme gegeben hätte – aber die berufliche Zukunft eines (relativ) jungen Menschen ist ein extrem hoher Einsatz. „Nur“ den Verzicht auf eine Beförderungsstufe und hingenommene Einschnitte beim Gehalt wegen Teilzeitarbeit, das hätte man „abgehakt“ und als zumutbar und angemessen betrachtet. Sie aber sind darüber hinausgegangen. Und wir wissen nicht, ob das überhaupt schon alles an gezahltem „Preis“ war oder was noch kommt und wie lange es noch dauert.

Um es einmal so zu formulieren: Vielleicht wäre insgesamt der zu zahlende Preis geringer gewesen, wenn Sie die zu betreuenden Angehörigen an Ihren alten Standort geholt und sich irgendwie dort eingerichtet.Lassen Sie mich diesen Aspekt so abschließen: Wäre ich in der Situation der Angehörigen, wäre ich glücklich, einer meiner Söhne wäre zu diesem Opfer bereit. Aber niemals würde ich wollen, er würde es meinetwegen tatsächlich bringen – auf unbestimmte Dauer, mit unbekannten Konsequenzen.

Antwort/2: Ihr neuester Job steht jetzt seit 1,5 Jahren im Lebenslauf, umreißt ein für Sie neues technisches Produktgebiet und ist fachlich eine neue, nunmehr die dritte Tätigkeitsausrichtung.Sie wollten meine Meinung hören, meine Empfehlung lesen. Als Trost: Sie müssen ja nicht tun, was ich sage. Mein Rat lautet:

1. Sie können so nicht weitermachen. Sie gehen daran kaputt. Eines Tages hat sich Ihr selbstgestellter Betreuungsauftrag erledigt und Sie stehen als „verbraucht + verbittert“ da. Niemandem ist damit geholfen.

2. Für Ihre Angehörigen haben Sie genug getan, jedenfalls in dieser radikalen Form. Setzen Sie jetzt „mein Beruf“ auf Nr. 1 Ihrer Prioritätenskala und richten Sie Ihre Betreuung nach den Möglichkeiten aus, die Sie dann noch haben. Man kann Opfer von Ihnen verlangen, aber nicht die totale Selbstaufgabe. Ihr Konzept steht ohnehin auf tönernen Füßen: Wenn Ihnen morgen irgendetwas geschieht, sind Ihre Angehörigen auch auf Lösungen angewiesen, die Sie schon heute ins Auge fassen sollten – mit Ihnen als vorhandener Person im Hintergrund, die sich kümmern kann.Natürlich müssen Sie diese Entscheidung ganz allein treffen.

3. Von dem ungeliebten heutigen Job müssen Sie weg, unbedingt und so schnell wie möglich.

4. Wer nur den Lebenslauf sieht, zuckt die Schultern. Er muss Sie für jemanden halten, der alle paar Jahre jeweils eine unverständliche und dann wieder eine sinnvolle Entscheidung trifft, dessen Qualifikation und Ehrgeiz gehen und kommen wie Ebbe und Flut.

a) Sie müssen die Hintergründe und Motive, die seit sechs Jahren Ihr Berufsleben bestimmen, ganz offen darlegen. Nur so können Sie begründen, dass Sie nicht etwa jetzt schon „kaputt“ sind oder so.

b) Eine tiefgreifende Lösung (das Erringen einer halbwegs befriedigenden und Ihrer früherer Qualifikation entsprechenden Position) erfordert es, dass Sie Ihren potenziellen Chefs versichern: „Es ist vorbei, ich habe mein privates Problem lösen können, ich will und kann mich nun wieder uneingeschränkt und mit vollem Engagement meiner beruflichen Tätigkeit widmen.“ Dass muss tatsächlich so sein, sonst hält es einer Überprüfung im Vorstellungsgespräch nicht stand. Dieser Aspekt ist zwingend.

5. Einen Konzern wie Ihren verlässt man nur aus guten Gründen. Bisher können Sie ihm nichts vorwerfen – Sie allein waren „ausgestiegen“ aus der üblichen Arbeitgeber-/Arbeitnehmer-Partnerschaft. Alles was danach geschah, hängt an Ihrem einseitigen Schritt.Hausintern haben Sie „von früher“ etwas aufzuweisen, kennen Sie alte Förderer, haben Sie Kontakte, gibt es Leute, die sich an Ihrem unmotiviert erscheinenden Dipl.-XY nicht (mehr) stören. Extern sind Sie ein unbeschriebenes Blatt mit höchst merkwürdigen Fakten und einer nicht jeden befriedigenden (vergessen Sie das nie) Erklärung. Es wird Leute geben, die meinen, Sie hätten das „so“ nicht tun sollen.Ich würde es also zunächst intern versuchen (konzernweit).

6. Ich rufe noch einmal die Punkte 2 und 4 in Erinnerung. Sonst geht gar nichts. Versuchen Sie nicht wieder, in Teilzeit zu arbeiten (sagen Sie nicht, es ginge nicht; wenn Sie morgen tot umfallen, muss es auch gehen).

Kurzantwort:

Es hat sich außerordentlich bewährt, rechtzeitig eine Prioritätenliste aufzustellen – und dabei zu entscheiden, wo „Berufliches“ und wo „Privates“ in der Langfristbetrachtung stehen. Versuchen Sie gar nicht erst, beides gemeinsam auf einen Platz zu quetschen. Das Prinzip: pro Rangzeile der Liste nur ein Begriff. Der Trost: Sie allein entscheiden.

Frage-Nr.: 2634
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-06-28

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