Heiko Mell

Beitrag zur Energiewende

Die Energiewende ist ein vor allem politisch viel diskutiertes Thema. Mein Ziel und Wunsch ist es, nach dem Studium einen aktiven Beitrag zum Gelingen der Energiewende zu leisten.

Ständig liest man (z. B. in Kommentaren von Politikern oder Fachexperten) und hört man (z. B. in Diskussionsrunden zum Thema), dass gerade dafür Nachwuchskräfte benötigt werden, die eine breite Ausbildung zum Verständnis aller verschiedenen Aspekte die Energiewende betreffend besitzen. Zudem entstehen immer mehr Studiengänge vor allem im Bereich der erneuerbaren Energien, die keine klassischen Verfahrenstechniker oder Elektrotechnikingenieure ausbilden. Es scheint also tatsächlich ein Bedarf an diesen „eierlegenden Wollmilchsäuen“ zu existieren.

Ich studiere Elektrotechnik an einer TU, schreibe derzeit meine Masterarbeit in der Entwicklung von Lithium-Ionen-Batterien und habe mehrere Praktika bei einem Energieversorgungsunternehmen und einem Windturbinenhersteller absolviert. Bei der Auswahl meiner Wahlvorlesungen habe ich darauf Wert gelegt, mir auch aus anderen Ingenieurwissenschaften (Maschinenbau, Chemieingenieurwesen) theoretisches Wissen rund um Energie anzueignen.

Bei der Recherche nach für mich interessanten Stellenausschreibungen habe ich aber bisher den Eindruck gewonnen, dass in der Wirtschaft letztlich doch immer die klassischen Elektrotechnik- oder Maschinenbauingenieure gesucht werden. Hierbei meine ich nicht nur das geforderte Studienfach, sondern beziehe mich auch auf die anlässlich der Personalsuche beschriebenen Tätigkeiten.

Wo werden also die breit ausgebildeten Berufseinsteiger gesucht – in der Entwicklung, im Vertrieb, im Projektmanagement? Oder am Ende gar in der Wissenschaft oder Politik?

Antwort:

Sehr flüchtig gelesen, klingt Ihre Klage vermeintlich überzeugend, ist Ihre Argumentation scheinbar sogar logisch. Aber: So denkt und schreibt nur jemand, der die Praxis nicht kennt – denn sie ist anders, sehr anders sogar. Als Student bekommen Sie „Rabatt“ für Fehlinterpretationen dieser Art, später nicht mehr. Da nun jedoch Ihr Berufseintritt unmittelbar bevorsteht, sollten Sie mehr über die Gegebenheiten „da draußen“ wissen.

Sie haben anscheinend ein Buch gelesen mit dem Titel „Wie ich in wenigen Zeilen möglichst viele praxisfremde, ja gefährlich falsche Aussagen und Argumente unterbringen kann“. In der Reihenfolge Ihrer Darstellung versuche ich, die Dinge zurechtzurücken (dafür verzeihe ich Ihnen das unangebrachte „s“ mitten in Ihren „Ingenieurswissenschaften“, das ich still und heimlich gestrichen habe):

1. Der zweite Satz Ihrer Einsendung ist die „Wurzel allen Übels“, konkret: die Ursache aller Probleme, auf die Sie schon gestoßen sind bzw. noch stoßen werden.Sehen Sie, die Basis Ihres Vorhabens sieht doch so aus: Sie wollen irgendwo Angestellter werden. Die offizielle (tatsächlich!) Definition dafür ist: ein abhängig Beschäftigter. Das Kernwort ist „abhängig“. Ihre Existenz ist abhängig davon, dass Sie jemanden finden, der Sie einstellt, bezahlt – und möglichst lange beschäftigt. Sie können entlassen werden, um anderweitige Wiedereinstellung oder um einen Aufstieg müssen Sie kämpfen, oft müssen Sie das sogar, um Ihren Arbeitsplatz zu erhalten. Sie haben kein „Recht auf Arbeit“, sind, wenn Sie eine solche haben, weisungsgebunden. Und Sie sind den großen und kleinen Entscheidungen des Arbeitgebers ausgeliefert: Wenn der Ihren Geschäftsbereich schließen oder die ganze Firma an einen Finanzinvestor verkaufen will, dann schließt oder verkauft er. Und alle Ihre Planungen können hinfällig sein.

Dennoch kann das Berufsleben Erfüllung geben, Freude bereiten, gern absolviert werden – vielen gelingt das. Aber es ist eine Überforderung Ihrer Möglichkeiten, neben all den erwähnten Problemen – und es können viele sein und sie können äußerst drückend werden – durch Ihre Arbeit als Angestellter eines Wirtschaftsunternehmens ein (noch dazu schlecht geplantes) politisch-gesellschaftliches Projekt von gewaltigen Ausmaßen aktiv voranbringen zu wollen.Die Firmen, bei denen Sie sich anstellen lassen werden und deren Stellenanzeigen Sie lesen, haben als alles dominierendes Ziel, auf unterschiedlichen Wegen eine möglichst hohe Rendite des Kapitals ihrer Eigentümer zu erwirtschaften. Wenn die Energiewende dem dient, dann wird sie mitgenommen, es wird auf den Zug aufgesprungen. Aber Energiewende als Unternehmensziel? Sagte es ein Unternehmen, glaubte ich es nicht.Der Windturbinenhersteller will keine Energiewende, er will auch nicht, dass insgesamt von seiner Branche möglichst viele Windturbinen aufgestellt werden – davon hat er nichts. Er will, dass er die Chance hat, möglichst viele Anlagen mit seinem Markenzeichen darauf zu verkaufen. Wenn das im Rahmen einer Energiewende geht, ist es gut, wenn es im Rahmen eines anders zu nennenden Programms liefe, wäre es auch gut. So läuft das, ich stelle es hier nur fest – und das Prinzip ernährt uns alle.

Aber Sie verstehen auch, dass Sie das System überfordern. Kein Angestellter in der Industrie kann erwarten, in diesem Rahmen „nebenbei“ (denn sein Ziel Nr. 1 muss ein anderes sein) auch noch politisch gewollte Programme voranzubringen.

Konkret: Sie werden in einem kommerziell orientierten Unternehmen tätig sein. Das können Sie sich aussuchen. Es baut entweder Windturbinen, Photovoltaik-Anlagen oder Biogas-Kraftwerke. Darauf können Sie sich spezialisieren; die „Energiewende“ jedoch ist ein politisches Thema, das ist eine ganz andere Dimension.

2. Im ersten und im dritten Satz Ihrer Einsendung berufen Sie sich auf Politiker, vielleicht auch noch auf Medienvertreter („Diskussionsrunden“). Nennen wir die einmal zusammen die „Gruppe A“. Sie brauchen aber einen Job bei einem Wirtschaftsunternehmen der „Gruppe B“. Beide Gruppen sind nicht zwangsverzahnt und nicht einander untergeordnet, oft reden sie kaum miteinander. Sie haben sich von Gruppe A Jobs einer bestimmten Art versprechen lassen (was deren Vertreter stets leugnen werden), gehen nun zu B und fordern das Versprechen ein. Das ist naiv. Berufen könnten Sie sich allenfalls auf konkrete Aussagen von Vertretern jener Unternehmen, die nun jemanden einstellen sollen. Oder Sie bewerben sich um einen Job im Bundesumweltministerium, beispielsweise.

3. Dieses Thema taucht hier in Abständen immer wieder auf: „Ich betreibe bewusst eine breit aufgestellte Ausbildung, suche dann auch vorzugsweise eine generalistisch ausgerichtete Position und die anschließende entsprechende Laufbahn.“ Dem folgt fast immer eine Enttäuschung. Oh, es spricht nichts, absolut gar nichts gegen eine breit aufgestellte Ausbildung mit Kenntnissen von diesem und jenem. Aber es sind zwei Einschränkungen zu beachten:

a) „Breit“ allein zählt eher nicht viel. Erst einmal muss auf einem Gebiet Tiefe, also Spezialwissen, her. Zusätzliche Breite auf dieser Basis ist wertvoll, hilft dem Betroffenen irgendwann bestimmt weiter. „Ich sehe mich als Generalist“ jedoch ist eine Aussage junger Berufsanfänger, die bei Bewerbungsempfängern gefürchtet ist.

b) Von eher winzigen und zufällig gegebenen Ausnahmen abgesehen, gibt es in Wirtschaftsunternehmen keine Laufbahn für Generalisten, also etwa vom „Junior-Generalisten“ über den „leitenden Generalisten“ bis zum „Top-Manager im generalistischen Management“.

Wohl aber gibt es Jobs mit eindeutig generalistischer Ausrichtung. Dazu gehören der Alleingeschäftsführer einer kleinen GmbH ebenso wie der Vorstandsvorsitzende eines Großkonzerns. Aber der Weg dorthin führt im Normalfall über eine Laufbahn mit steigender Verantwortung in einem speziellen Fachgebiet (z. B. Entwicklung, Vertrieb, Produktion, Projektierung etc.) einer Branche. Wer etwa technischer Geschäftsführer werden will, fängt nicht etwa als „Geschäftsführer-Anwärter III. Klasse“ an und rückt dann über die II. Klasse langsam vor. Sondern er startet als Entwicklungsingenieur, spezialisiert auf ein Produkt bzw. eine Technologie. Und wird dann Gruppen- und Abteilungsleiter Entwicklung, später Entwicklungs- und Konstruktionsleiter, bekommt irgendwann die Planung/AV dazu, dann die Produktion eines Werkes, die Werksplanung und Instandhaltung, wird technischer Leiter dort und später eventuell technischer Geschäftsführer. Dann ist er technischer Generalist. Und bekommt danach ggf. die Leitung einer Tochtergesellschaft, was die Verantwortung für den Vertrieb und das Kaufmännische auch noch einschließt. Und dann ist er endlich Generalist. Diese Laufbahnschilderung ist nur ein Beispiel, aber kein unrealistisches.

4. Nun noch ein Wort zu den Studiengängen, die Sie als Indiz für die Berechtigung Ihrer Erwartungen nehmen: Im Normalfall führen Hochschulen nach Genehmigung durch das Kultusministerium neue Studiengänge ein. Deren Absolventen heuert die Wirtschaft dann an – oder auch nicht. Wenn Sie Glück haben, gab es vorher intensiven Gesprächskontakt zwischen beiden Parteien. Aber bestimmt ist gerade jenes Unternehmen, bei dem Sie sich dann später bewerben, nie gefragt worden. Und ganz bestimmt hat den für die Einstellung zuständigen Entwicklungsleiter überhaupt niemand gefragt, ich versichere es Ihnen. Und dann kommen Sie und wundern sich über sein Desinteresse.

Ich hatte ein Gespräch mit zwei Hochschulprofessoren. Die erzählten mir: „Wenn wir eine neue Studienrichtung aufbauen wollen, fragt das Ministerium nur, ob wir dafür genügend Studenten bekommen, die sich dort einschreiben. Man fragt uns jedoch nicht, ob die Betriebe ‚da draußen? solche derart ausgebildeten Leute wollen.“ Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln.

Nun, wir sind ein freies Land. Worin oder als was Sie sich ausbilden lassen, entscheiden Sie, auch das Risiko tragen Sie. In einer Marktwirtschaft ist die Tatsache, dass ein Angebot existiert, noch kein Beweis dafür, dass dieses Produkt oder diese Leistung sinnvoll ist oder gebraucht wird. Also Vorsicht mit dem Plan, eine „eierlegende Wollmilchsau“ werden zu wollen.

Kurzantwort:

1. Die erfolgreiche Gestaltung von Berufsweg und Karriere ist mühsam genug. Es ist äußerst schwierig, als Angestellter daneben den Beruf auch noch nutzen zu wollen, um politisch initiierten Programmen zu dienen.

2. Die ersten Berufsjahre (bis über zehn hinaus) sind fast immer durch Spezialisierung auf ein Fachgebiet geprägt. Erst danach setzt beim weiteren Aufstieg eventuell die Ausweitung der Verantwortung in die Breite („Generalist“) ein. Auch das Studium braucht also stets ein Spezialgebiet („Tiefe“), das dann durch Elemente der Breite ergänzt werden kann. Breite allein ist kaum zu verkaufen.

Frage-Nr.: 2626
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-05-22

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