Heiko Mell

Herausholen, was drinsteckt!

Frage/1: Ich bin Dipl.-Ing. (FH) mit zusätzlichem Master-Studium (beide sehr gut), Mitte 30, in einem Konzern tätig. Zunächst war ich „draußen“ in der Organisation als Projektingenieur tätig und wechselte dann vor ein paar Jahren in die Zentrale. Meine Abteilung hat von der Bezeichnung her wichtige unternehmensweite Planungsfunktionen und es begann damals auch recht vielversprechend mit interessanten Aufgaben.

Mittlerweile sind daraus überwiegend verwaltende Funktionen geworden. Es geht nur noch um Informationsaufbereitung für diverse Gremien und den Vorstand, eigene Impulse werden kaum noch gegeben. Entscheidende Aktivitäten finden ohnehin in den diversen Werken und Tochtergesellschaften statt. Für mich wird es zunehmend schwerer, nicht in rein verwaltende Tätigkeiten abzurutschen. Von Vorteil sind jedoch ein großes Netzwerk, das ich mir aufbauen konnte und auch die nicht allzu große Arbeitsbelastung, die Freiraum für ein ausgefülltes Privatleben lässt.

Frage/2: Im Zuge eines Projekts ist mir die Projektleitung für den Neuaufbau eines Produktbereichs an einem Standort angeboten worden. Im technischen Detail wäre das für mich Neuland. Aber unser Top-Management will das Projekt durchziehen. Da ich dieses Thema aus der Zentrale maßgeblich vorangetrieben hatte, soll ich auch die Umsetzung durchführen. Die Akzeptanz des Projekts geht in den verschiedenen Bereichen jenes Werkes von klarer Zustimmung bis zu klarer Ablehnung. Im Grunde muss eine neue kleine Betriebseinheit aufgebaut werden.Mittlerweile hat die Diskussion eine neue Dimension erreicht, weil das Thema Teil eines größeren Umgestaltungskonzepts geworden ist. Darum muss nun etwas geschehen. Mein Chef hier in der Zentrale hat mir eine Versetzung an jenen Standort nahegelegt, um das Konzept voranzutreiben. Bislang hatte ich mit ihm ein sehr ordentliches Verhältnis, von daher werte ich seinen Druck auf mich grundsätzlich positiv

.a) Wie bewerten Sie einen Wechsel an den anderen Standort? Generell im Hinblick auf meine berufliche Perspektive in Bezug auf ein Projekt, das nun durch aktive Gestaltung von mir vorangetrieben werden muss?

b) Ein „Nein“ von mir wird durch meinen Chef nicht mehr akzeptiert, da er nun selbst meinen Einsatz als Projektleiter in diversen Führungsgremien bestätigt hat. Wie sehen Sie ein mögliches Nein von mir im Hinblick auf meine Weiterentwicklung in diesem Unternehmen? Kann es überhaupt noch eine Begründung geben, bei der ich „überleben“ könnte? Oder ist die Gefahr, dass ich „politisch verbrannt“ werde, zu hoch?

c) Eine große Karriere ist eigentlich gar nicht mehr mein Ziel, da auch mein Privatleben für mich mittlerweile wichtig geworden ist. Wie kann mein Berufsleben noch aussehen, da die Ochsentour wohl darin bestehen wird, auch Einsätze an immer wieder neuen Standorten wie China oder Russland zu akzeptieren? Sollte ich versuchen, dieses Projekt umzusetzen und danach eine Rückkehr in die Zentrale anzuvisieren oder sollte ich dann doch weiterstreben?

Antwort:

Antwort/1: Gleichgültig, was im 2. Teil Ihrer Frage noch kommt: So kann und darf es mit Ihnen nicht weitergehen, keinesfalls! Ich werde hier einmal die ganz große Keule schwingen: Es heißt in Artikel 14 des Grundgesetzes: „Eigentum verpflichtet.“ Wie immer ist meine Argumentation nicht juristisch zu sehen. Aber: In unserem zentralen Gesetzeswerk ist davon die Rede, dass dem einzelnen Menschen aus dem, was er hat, auch eine Verpflichtung erwächst.Und Sie haben: Ihre Jugend, noch gut 30 Berufsjahre vor sich – und Fähigkeiten (beide Studienabschlüsse sehr gut). Und jetzt sage ich Ihnen in aller Gelassenheit etwas: Sie werden dieses Potenzial gefälligst nutzen und etwas daraus machen. In Ihrem Interesse und in jenem der Allgemeinheit, die Sie hat Schulen besuchen und Studien absolvieren lassen. Da die Geschichte mit der Allgemeinheit kaum jemand hören will, konzentrieren wir uns auf Ihre Interessen:

a) Die bewährte Grundregel für das Berufsleben: Holen Sie heraus, was in Ihnen steckt!Achtung: Boshafte Leute wie ich gehen z. B. bei Bewerbungsanalysen davon aus, dass Sie das selbstverständlich getan haben. Sprich, was erreicht wurde, war das, was drinsteckte. Mehr steckte nicht. Kommen Sie uns bloß nie mit verborgenen Talenten, die Sie nur nicht angewendet hätten und nicht mit Sprüchen wie: „Wenn ich gewollt hätte, wäre bei mir jederzeit dieses und jenes möglich gewesen.“ Das glaubt niemand.

Stellen Sie sich einen Mann mit der Fähigkeit vor, ein Fahrzeug schneller um eine Rennstrecke zu bewegen als jeder andere. Wenn der nun, statt mehrfacher Formel 1-Weltmeister zu werden, als Gokart-Meister seines Heimatstädtchens in Rente gegangen wäre, hätte man doch „schade drum“ sagen müssen. Oder nicht?

Also: Hören Sie mit dem Unfug Ihrer heutigen Tätigkeit auf und machen Sie etwas aus Ihren Talenten.Und wer es etwas gebildeter mag: Der griechische Fabeldichter Äsop soll im 6. Jhd. v. Chr. formuliert haben (später ins Lateinische so übersetzt): „Hic Rhodus, hic salta!“ Dahinter steht die Geschichte eines angeberischen Sportlers, der ständig erzählte, er sei auf Rhodos sehr weit gesprungen, wofür es wohl keinen Beweis gab. Man sagte ihm daraufhin: „Hier ist Rhodos, springe hier!“ So viel zu „wenn ich nur wollte …“.

b) In der modernen Unternehmensführung haben Mitarbeiter in einer Abteilung wie der Ihren keine Zukunft. Irgendwann kommt eine Restrukturierung, der solche ziemlich überflüssigen Stäbe zum Opfer fallen. Oder so: Eine Unternehmensleitung kann gar nicht so blind sein, um nicht zu merken, wie in ihrer engsten Umgebung derart ineffizient gearbeitet wird, dass junge (potenzielle) Leistungsträger übermäßigen „Freiraum für ein ausgefülltes Privatleben“ haben.

c) Ich gönne Ihnen ja Ihren „ruhigen Job“. Aber als Einser-Kandidat so gar nichts Konstruktives tun und das noch gut dreißig Jahre lang, das kann es nicht sein. Das halten auch Sie nicht aus. Man strebt doch danach, im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas geschaffen, etwas aus sich gemacht und Erfolge errungen zu haben.

Soll auf Ihrem Grabstein stehen: „Er hat seine Talente erfolgreich genutzt“ oder reicht ein „Er lebte, nahm ein Weib und starb“? (Letzteres nach Gellert, einem Aufklärungs-Dichter.)

Nun habe ich Ihren Ehrgeiz genug gekitzelt. Bitte halten Sie mir zugute, dass ich das alles ziemlich uneigennützig formuliere, ich habe ja nichts davon, wenn Sie sich tatsächlich aufraffen, in eine neue berufliche Umgebung zu streben.

(Damit Sie einmal sehen, wie sich ein Serienautor so langsam warmläuft, wenn ihn das Thema berührt, lasse ich Sie an einem ganz speziellen Gedanken teilhaben, den ich zwischendurch hatte. Irgendwann war mir noch ein Argument eingefallen: Wenn nun der große seefahrende Entdecker Kolumbus beschlossen hätte, sich auf eine Laufbahn als Binnenschiffer zu beschränken, dann wären die Amerikaner vielleicht immer noch nicht entdeckt und gar keine solchen und die Indianer liefen weiter zu Fuß über die Prärie. Und dann habe ich das lieber doch nicht verwendet.)

Antwort/2: Ich sehe das so:

1. Im derzeitigen Job sollten (s. Antwort/1) und können Sie nicht bleiben. Ihr Chef hat sich festgelegt, Ihr „Nein“ würde ihn bloßstellen, das verzeiht er Ihnen nie. Also müssen Sie da weg, wo Sie heute sind.

2. Das Projekt sehe ich als Chance für Sie. Leicht wird das nicht, aber Sie könnten einmal zeigen, was Sie drauf haben. Als Projektleiter stehen Sie vor einer stark fachlichen Herausforderung, ideal für Einser-Absolventen. Karriere käme erst später.

3. Nein, Sie sollen nicht „versuchen“, das Projekt zu machen, Sie sollen es konsequent zum Erfolg führen. Natürlich ist das ein Risiko, aber Hindernisse sind da, um überwunden zu werden. Wer von möglichen Niederlagen redet, hat schon verloren.

4. Sie waren kurz davor, sich als eine Art „beruflicher Rentner“ im Job zu etablieren, mit schönem Privatleben und allem. Jetzt kommt erst einmal die Ihrem Status und Alter angemessene fachliche Herausforderung. Das ist gut für Ihre Entwicklung, auch im persönlichen Bereich. Irgendwie steht Ihnen der Standortwechsel „vorm Kopf“. Sie nennen den neuen Sitz nicht, aber so schlimm wie China oder Russland scheint er nicht zu sein. Solche Ortswechsel gehören heute zu einem positiven Konzernwerdegang. Die Alternative ist ein Mittelständler mit nur einem Standort.

5. Was bedeutet Ihre Aussage, eine Karriere sei „eigentlich gar nicht mehr“ Ihr Ziel? Früher war das anders und nun ziehen Sie sich aufs Altenteil zurück? Mit Mitte 30? Und dafür zwei Studien und dafür zwei sehr gute Abschlüsse? Man möchte Sie schütteln.

6. Der normale nächste Schritt nach erfolgreichem Projektabschluss könnte die Übernahme einer Linien-Führungsposition im neu aufgebauten Projektbereich sein.

Als Warnung: Stab ist toll, Stab macht Spaß. Aber ausführender Mitarbeiter ohne Beförderung bis zur Rente im Stab ist hochgefährlich. Der Leiter eines Stabes hat dort seine Karriere gemacht, aber für seine Mitarbeiter ist das eher ein zeitlich begrenzter Einsatz in einer Art „Durchlauferhitzer“, bis der Absprung in die Linie gelingt. Natürlich ist das nur eine Durchschnittsbetrachtung. Aber: Der Arbeitsmarkt mag keine Stabsleute mit zwanzig Jahren Praxis dort. Und der Markt ist Ihre „Lebensversicherung“.

7. Machen Sie jetzt erst einmal Ihr Projekt erfolgreich fertig. Was dann wirklich kommt, muss man sehen. Falls man Ihnen denn als „Belohnung“ keine andere Chance gibt, als wieder irgendwo eine neue Produktlinie als Projektleiter hochzuziehen, müssen Sie den Konzern verlassen. Das ist heute ein normaler Vorgang.

PS: Sollten Sie sich über meine Worte ärgern, schlafen Sie drei Nächte darüber. Und dann schreiben Sie mir.

Kurzantwort:

1. Sie sollten herausholen, was in Ihnen steckt. Bewerbungsleser unterstellen auch, dass Sie genau das getan haben.

2. Stabsabteilungen sind generell „Durchlauferhitzer“ für junge Leute mit Potenzial, kein Platz, auf dem man in Rente geht.

3. Wenn der Chef und höhere Stellen Ihnen eine neue Aufgabe übertragen wollen, haben Sie zwei klare Chancen: annehmen oder das Unternehmen wechseln.

Frage-Nr.: 2619
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-04-17

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