Heiko Mell

Schul- und Studiennoten; selbstständig

Frage/1: Seit vielen Jahren lese ich mit gleichbleibender Begeisterung die Karriereberatung, obwohl ich die von Ihnen sehr verständlich und nachvollziehbar formulierten Tipps und Tricks für meine eigene Karriere gar nicht anwenden konnte. Aber ich will potenzielle Nachahmer meines speziellen Weges warnen. Und ich will zeigen, dass man auch Glück haben kann, dies aber vielleicht doch nicht herausfordern sollte.

In Ihrer Frage 2585 hatte der Einsender mit einer Abi-Note von 3,4 ein Universitätsstudium aufgenommen. Das habe ich auch getan. Meine Abiturnote (in Hessen) im Jahre 1986 war eine 3,1. Als meine Mathematik- und Physiklehrer erfuhren, dass ich Elektrotechnik studieren wollte, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen – und zeigten mir sehr viele Argumente gegen ein solches Studium auf.

Da ich jedoch damals schon wusste, dass ich sehr faul gewesen war und mit ein wenig Arbeitseinsatz bestimmt bessere Leistungen erbringen würde, ließ ich mich von meinem Vorhaben nicht abbringen. Nach Bundeswehr und 3/4-Jahrespraktikum im Konstruktionsbüro für Elektrosteuerungen im elterlichen Betrieb habe ich 1988 das Studium an der Universität Karlsruhe begonnen. Das Vordiplom schloss ich nach drei Jahren mit 3,1 ab, die Diplomnote nach insgesamt knapp sieben Jahren war „gut“ (2,1). Die Idee, mindestens zwei bis drei Jahre als Elektroingenieur in einem „Fremdbetrieb“ tätig zu werden, bevor ich in den elterlichen Betrieb (Sondermaschinenbau mit damals ca. 85 Mitarbeitern) eintreten würde, habe ich nach ca. 50 erfolglosen Bewerbungen aufgegeben.

Fazit bis dahin: Ein Universitätsdiplom mit 2,1 nach dreizehn Semestern hilft nicht auf dem Arbeitsmarkt, wenn es sehr viele Kandidaten gibt, die nach zehn Semestern die Note 1,x auf dem Zeugnis haben.

Frage/2: Mein Weg vom angestellten Ingenieur („Mädchen“ für alles) im elterlichen Betrieb zur heutigen Selbstständigkeit war sehr steinig und hätte auch schiefgehen können. Inzwischen leite ich (seit 1999) erfolgreich ein eigenes Unternehmen aus dem Bereich des Sondermaschinenbaus mit derzeit 10 Mitarbeitern.

Lehren, die ich gezogen habe:Faulheit in der Schule rächt sich irgendwann, auch wenn später der Knoten platzt.

Eine sofortige Anstellung nach dem Studium im elterlichen Betrieb ist nicht vorteilhaft, wenn man später doch noch einmal in einem fremden Unternehmen tätig werden möchte/muss.

Die Selbstständigkeit ist die „negative“ Steigerung einer Anstellung im elterlichen Betrieb.

Bei mir ist alles glimpflich abgelaufen. Mein Unternehmen hat sich erfolgreich entwickelt. Somit bereue ich meinen Werdegang nicht, warne aber davor, ihn nachahmen zu wollen. Es kann auch heftig schiefgehen. Ein Vorteil meines Erfahrungspotenzials für mich: Ich schaue bei der Einstellung neuer Mitarbeiter etwas intensiver „hinter die Fassade“.

Ich werde die Karriereberatung weiter lesen, da immer wieder interessante neue Aspekte, auch für die Auswahl eigener Mitarbeiter zu finden sind.

Vielen Dank für Ihren Einsatz zu Gunsten des Wirtschaftsstandortes Deutschland (und Europa).

Antwort:

Antwort/1: Die Idee mit der beruflichen Basis in einem „fremden“ Unternehmen vor dem Einstieg in das elterliche Unternehmen war goldrichtig. Auf dieser Grundlage hat man dann eine bessere Rückkehrchance, wenn man sich nach zwei oder auch fünf Jahren gezwungen sieht (viele sehen sich!), das familieneigene Unternehmen wieder gegen einen klassischen (fremden) Arbeitgeber einzutauschen.Wer hingegen stets im eigenen Unternehmen tätig (und eventuell nach dem Studium dort gleich ziemlich „hoch“ eingestiegen) war, ist kein „Rückkehrer“, wenn er plötzlich Angestellter werden möchte – er war das ja noch nie. Er ist hingegen ein Mensch, der in fortgeschrittenem Alter erstmals in eine neue Dimension von beruflichem Umfeld strebt, für die ihn seine bis dahin allein maßgebliche (alte) Dimension unrettbar „verdorben“ hatte. So die allgemeine Auffassung.

Warum waren damals Ihre 50 Bewerbungen vergeblich? Als Begründungen kommen zunächst infrage:

a) schwere Fehler in der Bewerbungstechnik (wird hier nur pauschal erwähnt, da diese Ursache immer denkbar ist);

b) vielleicht haben Sie bewusst und ganz offen gesagt, dass Sie nur für eine begrenzte Übergangszeit dort arbeiten, dann aber das elterliche Unternehmen übernehmen wollten – das wäre „tödlich“ gewesen;

c) manchmal reicht es, wenn der Bewerbungsempfänger aus kleinen Details (z. B. einer Praktikumsbescheinigung von einem Betrieb, der den Namen des Bewerbers trägt) darauf schließt, es hier mit einem „Unternehmersohn“ zu tun zu haben (der nicht bleiben, sondern erben will; der das geradezu typische schlechte Abitur hat, weil es ja nicht darauf ankam; der vielleicht einfach den Neid des angestellten Entscheidungsträger weckt, weil der sich sein Studium hart hatte erkämpfen müssen).

An die 2,1 bei „nur“ dreizehn Semestern als zentrale Ablehnungsbasis glaube ich nicht so recht. Es ist ja nicht so, dass alle diese Leute arbeitslos bleiben.

Ich glaube eher an eine Art „Koppeleffekt“ mehrerer Faktoren. Die 2,1 an und für sich sind in diesem Sinne „harmlos“, wenn sie beispielsweise aus zehn guten, einer sehr guten und zwei befriedigenden Noten bestehen. Es gibt aber Diplomzeugnisse, die erschlagen den Leser erst einmal mit einer guten Handvoll ausreichender und befriedigender Noten. Dann reißt eine sehr gute Note für die Diplomarbeit in Verbindung mit einigen (sonst geht es ja nicht) guten und sehr guten Noten in bestimmten Fächern den Durchschnitt aus dem Tal – aber die „einseitige“ Ausrichtung auf einige wenige Fächer, in denen Wissen und Können zu erwarten sind, gefällt nicht jedem Bewerbungsempfänger.

Aber selbst das muss es nicht zwingend gewesen sein. Es gibt noch einen „Haken“ bei Ihnen. Damit sind wir dann endlich bei „des Pudels Kern“ (Goethe, Faust I): Wer ein Abitur von – sagen wir – 2,1 hat und ein Examen von 2,1 vorlegt, präsentiert sich vielleicht nicht als fachliches Genie, zeigt aber ein verlässliches, kalkulierbares, über unterschiedliche Anforderungsniveaus hinweg konstantes Leistungsbild. So etwas kann die Industrie gut gebrauchen! Wir haben ja gar nicht überall Jobs, die täglich einen Einser-Kandidaten bis an die Grenzen seiner geistigen Möglichkeiten fordern.

Aber im – gerade bei Erstanstellung nach dem Studium durchaus noch relevanten – Vergleich von Abitur und Examen fallen bei Ihnen erhebliche Differenzen auf. Schön, der Trend ist positiv, das ist deutlich besser als es umgekehrt sein würde. Aber: Ihre geistigen Fähigkeiten sind zwischen beiden Ereignissen gleich geblieben, die Resultate jedoch schwanken.

Heißt: mal lernt er, leistet er, strengt er sich an, mal auch nicht. Wovon das abhängt, mag der Himmel wissen. Niemand kann garantieren, dass als nächste Phase nicht wieder einmal ein Leistungsloch kommt. Das ist in normalen Zeiten nun nicht das Ende aller Bemühungen, kann aber in kritischen Arbeitsmarkt-Situationen, wenn genug „leistungsstabile“ Bewerber da sind, den Ausschlag geben.

Wenn Sie, liebe Leser, also Kinder in den Jahren vorm Abitur haben, zeigen Sie denen diesen Beitrag (nicht, dass es etwas bewirken würde, aber Sie fühlen sich dann besser). Vielleicht für die gern etwas „eigenwillig“ argumentierende Jugend noch ein Argument: Natürlich „beweist“ ein schwaches Abitur nichts. Aber wenn so 30 bis 50 Bewerbungen um eine(!) Position vorliegen, warum soll der Entscheider dann dem „stabilen“ Leistungsträger absagen und den „faulen“ Abiturienten bevorzugen? Was in aller Welt beweist partielle Faulheit?

Antwort/2: Es wird Zeit, dass ich etwas rundum Positives über Sie sage:

Ich habe hier oft geschrieben, dass Angestellten-Tätigkeit und Selbstständigkeit jeweils so deutlich „anders“ sind, dass es für Standard-Kandidaten kein Routine-Verfahren für den Wechsel zwischen beiden Welten gibt.

In der mir eigenen Art, die Dinge – die in der Praxis kompliziert genug sind – wegen der besseren Verständlichkeit so einfach wie möglich darzustellen, hier die besonders herausragenden Unterschiede:

a) Der Angestellte ist abhängig beschäftigt, ist weisungsgebunden, sein Wohl und Wehe hängt vorrangig von seinem Chef ab, den er von seinen Qualitäten überzeugen muss. Insbesondere in den unteren Rangebenen (etwa bis zur Abteilungsleiter-Grenze) reichen gute fachliche Qualifikationen einer- und Bereitschaft zur Einpassung in sowie zur Anpassung an das um ihn herum bestehende System andererseits aus, um die Existenz grundsätzlich zu sichern. Um „Arbeit“ braucht er sich nicht zu kümmern, die liegt morgens auf seinem „Tisch“, das Gehalt ist am Monatsende kalkulierbar auf dem Konto. In der Bewertung innerhalb eines bestehenden und vor allem beim Anstreben eines neuen Arbeitsverhältnisses unterliegt er Standards und Normen, die er besser nicht ignoriert (von der Examensnote und der Studiendauer bis hin zu Dienstzeiten und „roten Fäden“ im Werdegang). Was immer er wie und wo berufsrelevant getan hat, frisst sich unauslöschlich in seinen Lebenslauf und beeinflusst berufslebenslang seinen Marktwert, auf den er sorgfältig achten muss, der ist seine „Existenz-Versicherung“. Ach ja: Und er kann, niemand hindert ihn, jederzeit den Sprung in die Selbstständigkeit wagen.

b) Der Selbstständige ist auf einem Gebiet gefordert, das für ihn eine zentrale, alles überstrahlende Bedeutung hat: Er muss unternehmerisch erfolgreich sein. Das wiederum bedeutet, er muss eine überzeugende Geschäftsidee entwickeln oder anderweitig „adaptieren“ und im täglichen Kampf gegen die Tücken des Marktes erfolgreich umsetzen. Es nützt gar nichts, fachlich irgendwo „top“ zu sein, er muss Kunden gewinnen und begeistern. Hat er genug Kunden, kann er die erforderliche gute fachliche Leistung „einkaufen“, indem er Angestellte beschäftigt. Er muss sich um die Finanzierung des Geschäftes kümmern, um Baubehörden, Gewerbeaufsichtsämter, um Finanzämter und ähnliche „Störfaktoren“. Und immer wieder um Kunden, um Aufträge. Junge Unternehmen gehen meist wegen fehlender Aufträge in die Insolvenz, direkt danach aus Kapitalmangel. Märkte sind noch viel „gnadenloser“ als Arbeitgeber – und schwerer in ihrem zukünftigen Verhalten zu durchschauen. Der Unternehmer trägt das Risiko. Geht er in die Pleite, ist er weitgehend „tot“ – seine auch betroffenen Angestellten suchen sich in der Regel einen neuen Arbeitgeber.

Der Selbstständige hat keinen geregelten Markt (Arbeitsmarkt), auf dem er sein Lebenselixier „Aufträge“ beschaffen kann. Er muss Fantasie entfalten, braucht Akquisitionstalent, muss immer wieder Niederlagen einstecken und Enttäuschungen hinnehmen, sein Einkommen schwankt in Größenordnungen, die Angestellten völlig fremd sind. Wenn es gut läuft, ist er zwar nach außen noch abhängig von seinen Kunden, intern aber unkündbar und uneingeschränkt weisungsberechtigt. Niemand fragt ihn nach Examensnoten, Weltreisen nach dem Studium, Arbeitgeberwechseln und -zeugnissen. Es zählt der „geschäftliche Erfolg“, die Umsatzsteigerung, die Gewinnquote, der Marktanteil.

Dieses „Unternehmer sein“ kann man nicht systematisch und zielstrebig lernen, oft ist eine vorangegangene Angestelltenlaufbahn immerhin eine Einstiegsbasis. Aber wenn der Selbstständige eines Tages beschließt, warum auch immer, wieder Angestellter sein zu wollen, läuft er schnell vor eine Wand.

Fazit: Sie, geehrter Einsender, haben offensichtlich jenes unternehmerische Talent. Und das nun bedeutet „alles“ in Ihrem Metier, wiegt locker Probleme beim Abitur oder im Studium auf. Ob Sie irgendwann zwei Jahre arbeitslos oder im elterlichen Unternehmen tätig waren, ist jetzt – nach dem Sprung in die erfolgreiche Selbstständigkeit – ohne Bedeutung. Sie verkaufen heute das technische Leistungsvermögen Ihrer Firma (mit etwas Pech auch vor allem die kleinen Preise Ihres Hauses), aber Sie legen dem Kunden nicht Ihren Lebenslauf vor.

Aber bitte bleiben Sie erfolgreich und kommen Sie nicht in die Angestelltenwelt „zurück“ (was in Ihrem Fall nicht möglich wäre, da Sie niemals Angestellter waren. Außer im elterlichen Betrieb. Und das zählt gar nicht, ob Sie dort nun Sachbearbeiter oder Geschäftsführer gewesen wären. Weil „Blut dicker als Wasser“ ist).

Kurzantwort:

1. Wenn man in das elterliche Unternehmen einsteigt oder sich nach dem Studium sonst wie selbstständig macht, sind ein paar vorausgegangene Jahre erfolgreicher Angestelltentätigkeit bei „fremden“ Arbeitgebern sehr empfehlenswert. Dann können Sie eines Tages in die Angestelltenwelt zurückkehren (sehr schwer) und müssten nicht bei jenem Wechsel absolutes Neuland betreten (extrem schwer).

2. Ein gutes Studium nach schlechtem Abitur zeigt eine positive Tendenz, löst aber nicht endgültig das Problem „mal leistet er, mal wieder nicht“.

3. Der Angestellte arbeitet weisungsgebunden, die Arbeit wird ihm auf den Tisch gelegt, eine gute Fachqualifikation ist eine zentrale Säule seiner Existenz, sein Einkommen ist sicher. Der Selbstständige braucht unternehmerische Fähigkeiten, vor allem ein überzeugendes Konzept zur Auftragsbeschaffung; Fachqualifikation allein trägt ihn nicht, irgendeine finanzielle Sicherheit hat er nicht.

Frage-Nr.: 2616
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-04-03

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