Heiko Mell

Was halten Sie von meiner Situation?

Frage/1: Nach dem TU-Studium habe ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Institut gearbeitet und promoviert.

Seit etwa drei Jahren bin ich nun bei einem Großunternehmen als „Ingenieur + Spezialist“ (ich umschreibe die korrekte Bezeichnung aus Diskretionsgründen; H. Mell) tätig. Zurzeit arbeite ich in der Fachabteilung A, auf der Basis spezieller Erfahrungen aus dem Institut unterstütze ich auf meinem Tätigkeitsgebiet auch noch die Fachabteilung B.

Für mich stellt sich nach dieser Zeit die Frage der persönlichen Weiterentwicklung. Ein Grund für diese Überlegung ist, dass ich in meiner jetzigen Position nicht uneingeschränkt zufrieden bin.

Frage/2: Meine Unzufriedenheit liegt zum einen an Konflikten, die sich aus dem Einsatz in den zwei Fachabteilungen ergeben, hauptsächlich aber daran, dass in meiner Stammabteilung A ein selbstständiges Arbeiten nicht gefördert wird. Der mir vorgesetzte Teamleiter (ohne disziplinarische Verantwortung) ist nach eigenen Aussagen lieber Fachingenieur und nicht Leiter. Sein faktischer Stellvertreter, ein Kollege von mir, ist sehr gut im Unternehmen vernetzt und wird von den anderen Abteilungen als Ansprechpartner akzeptiert. Leider kommunizieren und verteilen weder mein Teamleiter noch dieser Kollege die Arbeit so, dass hinreichend Informationen bei mir oder den anderen Kollegen ankommen. Ebenso finde ich auf die fachlichen Fragen zu meinen Projekten bei diesen beiden keine Antworten.

Für andere Abteilungen bin ich quasi nicht sichtbar. In der Fachabteilung B verhält es sich genau entgegengesetzt. Dort kann ich eigenständig arbeiten und ich werde von den Nachbarabteilungen als Ansprechpartner wahrgenommen.Für meine Weiterentwicklung ergeben sich drei Möglichkeiten:

a) Ich bewerbe mich extern.

b) Ich könnte mich um die Stelle eines entsprechenden Fachingenieurs in der Fachabteilung B bewerben. Dort arbeite ich in einem mir fachlich gut vertrauten Gebiet und könnte eventuell die Stellvertretung des Abteilungsleiters in einem kleineren Bereich des Standortes übernehmen.

c) Ich bleibe, wo ich bin. Der Teamleiter wird in einem Jahr altersbedingt ausscheiden. Er hat angedeutet, dass er sich mich als Nachfolger vorstellen kann. Er ist sich aber nicht sicher, dass sein Vorgesetzter ihn fragen wird.

Meine Bewertung:
Möglichkeit a kommt nicht in Frage, da meine Dienstzeit noch nicht so lang ist, dass schon entsprechender Handlungsbedarf bestehen würde.

Mit Möglichkeit b würde ich mich fachlich praktisch wieder auf dem Stand befinden, den ich am Ende meiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut hatte.Außerdem hatte diese Abteilung grundsätzlich drei Jahre Zeit, mir ein gutes Angebot zu machen. Dies ist erst jetzt gemacht worden, als die Stelle auch offiziell zu besetzen war.

Somit bleibt nur Möglichkeit c: Abzuwarten, wie sich die Situation beim Ausscheiden meines Teamleiters entwickelt und, falls sich für mich keine Chance ergibt, nach einer Dienstzeit von dann vier Jahren eine Stelle in einer ganz anderen Abteilung oder bei einem anderen Arbeitgeber zu suchen.Ein Arbeiten „unter“ meinem derzeitigen Kollegen, der heute faktischer Stellvertreter meines Teamleiters ist und auch sein Nachfolger werden könnte, kann ich mir nicht vorstellen.

Mein Ziel ist im nächsten Schritt das Erreichen einer Leitungsfunktion, wobei ich eine fachliche Leitung zunächst als ausreichend ansehen würde. Die unterste disziplinarische Leitungsebene in meinem Bereich hat mehr als 100 Mitarbeiter und ist somit ein Projekt für die Zukunft, jedoch nichts für den ersten Schritt.

Es gibt noch einen Gesichtspunkt, den ich nicht eindeutig bewerten kann. Durch das Arbeiten in der Fachabteilung B entstehen häufig Kontakte zu Kunden, Lieferanten und Mitbewerbern. In meiner derzeitigen Hauptfunktion in Fachabteilung A sind die Kontakte eher hausintern. Für meine Weiterentwicklung im Konzern könnten solche hausinternen Kontakte hilfreich sein. Für die Entwicklung außerhalb des Konzerns wären die externen Kontakte wichtig, die man in B hat.

Antwort:

Antwort/1: Halten Sie mich nicht für besonders kleinlich, aber wenn man Probleme systematisch durchdenkt und auch darstellt, fällt die Lösung leichter. Sie jedoch konstruieren ein Problemgemenge, das uns unnötig den Blick für Zusammenhänge und Hintergründe verstellt. Die Sache ist doch diese:

a) Sie sind ein junger, ehrgeiziger und tatendurstiger Ingenieur mit Elite-Ausbildung, wenn auch Ihr Weg bis dahin auf manchen Stationen ein bisschen lange gedauert hat, auf anderen jedoch wieder nicht. Es ist völlig normal, dass Sie sich nach den drei ersten Praxisjahren jetzt für Ihre „persönliche Weiterentwicklung“ interessieren.

b) Sie sind ein bisschen unzufrieden. Das ist, zumal für einen der hier oft im Mittelpunkt stehenden „Einser-Kandidaten“ wie Sie, auch normal im Sinne von üblich.Aber: „Persönliche Weiterentwicklung“ ist keine Therapie gegen aufkeimende Unzufriedenheit im bisherigen Job. Weiterentwicklung ist ein Weg, um ein berufliches (Karriere-) Ziel zu erreichen. Die Therapie gegen Frustration ist Frustrationsabbau, z. B. durch spezielle Maßnahmen bis hin zur Veränderung. Aber nicht Weiterentwicklung. Der Vorstandsvorsitzer Ihres Konzerns wird auf die Frage, warum er sitzt, wo er sitzt, in der Regel antworten, weil er dorthin wollte – nicht weil er in den Stufen darunter „nicht uneingeschränkt zufrieden“ gewesen ist und jeweils als Lösung die Weiterentwicklung gesucht hat. Ich bin sicher, Sie verstehen den Unterschied.

Antwort/2: Reden wir über Sie. Wer als Amateur-Schreiber viel schreibt, gibt viel von sich preis, das geht kaum anders. Oft hat man als versierter Leser das Gefühl, auf einzelne Schlüsselsätze zu stoßen, die Rückschlüsse auf die Besonderheiten der Schreiberpersönlichkeit zulassen. Und es gibt Fakten, die eine Interpretation erlauben. Beides zusammen ergibt ein Bild. Versuchen wir es einmal:

Sie nennen Ihre Abiturnote nicht, aber ich kenne Ihr Alter zu jenem Zeitpunkt und ich kenne den (Um-)weg, den Sie dorthin gegangen sind. Und wenn ich das zu dem Mann ins Verhältnis setze, der eines Tages sein TU-Diplom mit „1“ macht, darüber auch freudig spricht und der für dieses Diplom nur wenig Zeit braucht, dann ist der Schulweg nicht begabungsgerecht verlaufen. Entweder waren Sie ehemals faul oder Sie kommen aus einem Elternhaus, das Ihnen in Sachen Ausbildung/Berufsgestaltung kaum etwas mitgeben konnte. Das wäre nicht etwa kritisch zu sehen, dürfte sich aber in früher Jugend persönlichkeitsprägend ausgewirkt haben. Wie? Ich bin nicht Sigmund Freud, ich schreibe angeblich nur wie er (sagt ein Computerprogramm der FAZ).

Wir sind alle das Resultat irgendwelcher Prägungen, vielleicht war das ja Ihre.

Ich brauche diesen Aspekt, wenn ich jetzt einen Eindruck wiedergebe, den ich von Ihnen gewonnen habe. Ich kann mich irren, aber falls nicht, haben Sie ein Problem, gegen das Sie etwas tun sollten – und das Sie in alle Planungen und Entscheidungen einbeziehen könnten. Dass ich Sie auch damit nicht kritisieren will, versteht sich von selbst – aber wenn ich helfen soll, müssen Sie auch wissen, wovon ich ausgehe:

Ich glaube, dass Sie von einer besonderen Empfindlichkeit geprägt sind, dass Sie viel eher dünnhäutig als robust auf Ihre Umwelt reagieren. Ihr Selbstbewusstsein ist nicht so stark wie es nach dem sehr erfolgreichen Abschluss Ihrer Ausbildungsphase sein sollte. Vielleicht ist auch Ihr Geltungsbedürfnis recht stark ausgeprägt, was Sie verletzlich machen würde (aber bei Managern keineswegs selten ist). Ansatzpunkte für diese Einschätzung sind Sätze von Ihnen wie „Für andere Abteilungen bin ich quasi nicht sichtbar“ und „Außerdem hatte diese Abteilung (B) grundsätzlich drei Jahre Zeit, mir ein gutes Angebot zu machen“.Sie zeigen eine fast mimosenhafte Empfindlichkeit, fühlen sich „unter Wert“ eingesetzt und behandelt, vor allem aber viel zu wenig anerkannt.

Ich verstehe das, aber die Ursache müssen Sie bei sich suchen. Vielleicht sind Sie zu introvertiert, verkaufen sich schlecht, präsentieren sich zu zurückhaltend. Diese Welt gehört den eher „lauten“ Menschen; nur etwas zu können genügt nicht. Oder wie wir Berater sagen: „Tue ein wenig Gutes – und dann sprich ausführlich darüber.“ Sie müssen sich ein wenig so darstellen wie Firmen ihre Produkte.

Außerdem hängen Sie noch immer an Ihrer Zeit im Uni-Institut: „Mit Möglichkeit b würde ich mich fachlich praktisch wieder auf dem Stand befinden, den ich am Ende meiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut hatte.“ Die dort angesprochene Möglichkeit b ist das Hinüberwechseln in die Nachbarabteilung, für die Sie heute schon arbeiten – in der Sie gut arbeiten können und in der Sie sich Hoffnungen auf die partielle Stellvertretung des Abteilungsleiters machen. Sie könnten sagen, mit dem Wechsel in diese Abteilung blieben Sie auf dem Stand von heute (hätten aber alle Vorteile des von Ihnen gelobten Arbeitens in Abteilung B). Aber der Vergleich mit der – für Sie erledigten – Welt der Uni hilft Ihnen doch nicht weiter.

Sagen wir es so (ein bisschen überspitzt): In der Uni und im Institut waren Sie mit einem Einser-Diplom und einer Einser-Promotion eine Art „King“, jetzt in der Praxis fühlen Sie sich wie ein Durchschnittsmensch behandelt, dem es droht, in Zukunft unter einem Kollegen arbeiten zu müssen, den der heutige Teamleiter Ihnen derzeit vorzieht. Das ist ein Teil dessen, was man „Praxisschock“ nennt. Diese Praxis ist nicht die Fortsetzung des Uni-Betriebs mit anderen Mitteln, sie ist vielfältig und tiefgreifend anders.Zu Ihren Möglichkeiten:

Zu a (extern): Zwei Jahre pro Arbeitgeber reichen in der Sicht des Marktes für einen solchen Schritt bereits aus (in der ersten Position). Aber Sie stecken derzeit in einer solchen „Problemchen-Gemengelage“, dass Sie mit einer Kündigung einfach aus einer ungeklärten Situation weglaufen würden. Sie erführen auch nie, was eigentlich in Ihrer heutigen Umgebung losgewesen ist, welche Chancen Sie hatten etc. Und: Es drängt auch nichts zu einer sofortigen Lösung.

Zu b (auf zunächst gleicher Ebene in die Fachabteilung B wechseln): Das würde Ihre heutige Frustration auflösen, Sie könnten dort glücklicher werden, hätten eine Chance (Abteilungsleiter-Stellvertreter), könnten ein externes Netzwerk aufbauen und sich bei Nachbarabteilungen (und damit im ganzen Hause) profilieren. Wenn Sie dort noch zwei Jahre blieben, loteten Sie Chancen aus und versäumten noch nichts. Freude an der Arbeit zu haben, wäre doch auch schon ein Fortschritt.

Zu c (in heutiger Abteilung A bleiben): Das hätte für den Fall, dass Sie etwas entscheidungsschwach sein sollten (dafür habe ich keine Anhaltspunkte), einen besonderen Charme: Sie müssten erst einmal gar nichts tun, machten also auch nichts aktiv falsch. Sie würfen für die anstehende Nachfolge Ihres Teamleiters bei dessen Vorgesetzten offiziell Ihren Hut in den Ring – und warteten auf die Entscheidung. Daraus könnten Sie viel darüber erfahren, wie das Management dort Sie nun beurteilt.

Wird Ihr Kollege Teamleiter, haben Sie vor sich selbst einen guten Grund zu wechseln, dann aber gleich das Unternehmen. Von der „Niederlage“, die Sie dann erlitten hätten, erführe draußen niemand etwas, Sie hätten die Chance zu einem unbelasteten Neuanfang.

Ich empfehle also b oder c. Vergessen Sie Argumente wie jenes, dass die Abteilung B drei Jahre ungenutzt verstreichen ließ, in denen sie hätte Ihre Begabung erkennen und Sie abwerben müssen. Beleidigt zu sein taugt nicht für künftige Manager.

Das Berufsleben ist in weiten Bereich mit der es umgebenden, alles beherrschenden Geschäftswelt vergleichbar. Und in der ist Erfolg gefragt. Dabei gilt: Erfolg ist ein „Ereignis an sich“, kaum jemand fragt nach den Gründen oder gar Hintergründen. Ob der Markt plötzlich kauft, was er gestern noch nicht wollte, ob Sie „nur“ befördert wurden, weil Ihr Chef plötzlich verstorben war – niemand durchleuchtet das, der Erfolg zählt (umgekehrt will auch niemand Gründe für Misserfolge hören). In diesem Umfeld ist kein Raum für beleidigte Reaktionen, weil B Ihnen nicht schon vor drei Jahren etwas anbot, sondern erst jetzt.

Lesen Sie meine Analyse (die ja durchaus auch richtig sein könnte), warten Sie mit dem Ärgern darüber zwei bis drei Tage, entscheiden Sie sich für eine Variante, dann toben Sie los: Revolutionieren Sie die Fachwelt durch die Entwicklung völlig neuer Methoden auf Ihrem Gebiet, arbeiten Sie – wenn es hilft und gesehen wird – gelegentlich bis tief in die Nacht, machen Sie sich bei Ihrem Teamleiter unentbehrlich und beglücken Sie die Abteilung B mit ungeheurem Einsatz sowie ungeahnten Ergebnissen. Sie sprühen vor Arbeitsfreude und Kreativität, löschen das Beiwort aus dem „verkannten Genie“ und leben den verbleibenden Rest. Wofür ist man ein Einser-Kandidat?

Und denken Sie daran, Einser-Kandidaten brauchen diesen Hinweis, es geht kaum jemals nur um die Sache, es geht immer auch um Taktik, um Verkaufen, den richtigen Zeitpunkt – und stets in besonderem Maße um Fortüne. Die wünsche ich Ihnen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2599
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-01-04

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