Heiko Mell

Bleiben, wechseln mit Abfindung, aufsteigen?

Frage/1: Ich bin Mitte 40 und als Projektmanager im konzerninternen Engineering von Produktionsanlagen in einem Großunternehmen der Chemie beschäftigt. Außerhalb des jeweiligen Projektteams habe ich keine Mitarbeiterführung.

Seit mehr als fünfzehn Jahren bin ich bei diesem Unternehmen tätig und eigentlich recht zufrieden. Leider werde ich schon lange von meinem Management in Sachen Aufstieg vertröstet. Dabei ginge es mir vorrangig um eine Gruppenleiterposition ohne disziplinarische Führungsverantwortung. Ich weiß wohl, dass mir als FH-Ingenieur in der chemischen Industrie die höheren Ränge wie z. B. der eines Abteilungsleiters praktisch verschlossen bleiben.

Frage/2: Meine letzten Hoffnungen, noch karrieretechnisch zu steigen, sind seit Kurzem zerstoben, da der Konzern sich personell deutlich verschlanken will. Der Prozess hat schon begonnen, es wird zu Entlassungen und auch zum Outsourcing von einzelnen Bereichen kommen.

Es werden auch hohe Abfindungsprämien angeboten, falls man das Unternehmen freiwillig verlässt.

Frage/3: Ich überlege derzeit, den Konzern zu verlassen und in einem anderen Unternehmen ähnlicher, ggf. etwas geringerer Größe eine Position mit Personalführung anzustreben, mit dem praktischen Effekt, die Abfindung dann „mitzunehmen“.

Frage/4:
a) Ist es sinnvoll, in dieser Situation zu kündigen und anderswo die Möglichkeit zur Personalführung zu erhalten?
Eine mündliche Zusage, bei einer anderen Firma als Projektleiter ohne Mitarbeiterführung anfangen zu können, liegt vor, aber das ist nicht mein Primärziel.
b) Ist es besser, die Füße still zu halten und den „Feuersturm“ der Entlassungswelle abzuwarten? Es gibt deutliche Zeichen dafür, dass ich nicht betroffen sein werde.
c) Ist es überhaupt sinnvoll, in meinem Alter noch zu wechseln? Wenn es in einer neuen Stellung Probleme geben sollte, bin ich 50 und muss dann wieder auf den Arbeitsmarkt.
d) Wenn ich wechsele, würde ich natürlich auch gern die Abfindung mitnehmen. Würde das negativ vom alten bzw. neuen Arbeitgeber aufgenommen werden?
e) Wie beurteilen Sie Risiken und Chancen für das Gehen oder das Bleiben? Soll ich als solider Familienvater lieber bleiben oder heißt es „letzte Chance, durchstarten“?

Antwort:

Antwort/1: Die im letzten Satz des vorstehenden Frageteils umrissene Besonderheit muss nicht für jedes einzelne Chemieunternehmen gelten, aber die Branche hat nun einmal dieses logisch zu untermauernde Image. Es beruht darauf, dass – leicht nachzuvollziehen – die chemische Industrie von Chemikern geprägt und in weiten Bereichen auch dominiert wird. Der klassische Chemiker nun hat ein Universitätsstudium und – eine Besonderheit dieser Fachrichtung – nahezu immer auch eine Promotion.Daher stellt man traditionell den vielen promovierten Chemikern im Unternehmen auch in den technischen Abteilungen gern (promovierte) TH-/TU-/Uni-Ingenieure als Partner zur Seite.

Das muss nicht mehr überall so sein, aber wie unser Einsender ausführt, ist das in diesem Konzern (Umsatz im elfstelligen Euro-Bereich) weiterhin so.

Antwort/2: Da haben wir des Pudels Kern (frei nach Faust, Goethe). Und im Zusammenhang mit dem Auftauchen des Pudels, der sich kurz darauf als Mephisto entpuppt, sagt Faust vorher noch: „Und irr ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel / Auf seinen Pfaden hinterdrein.“Wir werden auf Einzelheiten noch kommen. Tasten wir uns an den Kern heran:

Antwort/3: Halten wir einmal fest, was wir bis hierhin an größeren Themenbereichen haben:- Oben in „Frage/1“ schreiben Sie: „Leider werde ich schon lange von meinem Management in Sachen Aufstieg vertröstet.“ Gerade weil Ihr Unternehmen so groß ist, müssen wir das sehr ernst nehmen: Nach mehr als fünfzehn Jahren wollen Ihre Vorgesetzten immer noch nicht, dass Sie auch „nur“ Gruppenleiter werden. Auf fehlende Chancen für einen solchen Aufstieg können sich Ihre Chefs nun wirklich nicht hinausreden. Sehen Sie der Wahrheit ins Auge: Ihre Vorgesetzten halten Sie letztlich nicht für geeignet. Denn:“Vertröstet“ heißt, man hat darüber geredet. Das wiederum bedeutet, dass Ihre Chefs ganz genau wissen, dass Sie Ambitionen in dieser Richtung haben. Dann wissen diese Vorgesetzten auch (garantiert!): „Wenn wir dem Mann nicht geben, was er so sehnsüchtig will, besteht die Gefahr, dass er geht.“ Aber sie haben entschieden: Soll er gehen, aber Gruppenleiter wird er hier nicht.

Gerade bei großen Unternehmen gilt: Hier hat nicht ein misslauniger, unfähiger Chef Ihre Beförderung abgewehrt, sondern „das System“ hat negativ entschieden. Denn gerade bei großen Arbeitgebern gilt: Die Vorgesetzten sind zwar individuell denkende und handelnde Individuen, repräsentieren aber doch recht weitgehend „die Industrie in dieser Branche und Unternehmensgröße“.

Seien Sie also vorsichtig: Diese Leute könnten ja recht haben, dann könnten Sie in einem anderen ähnlich strukturierten Haus auch scheitern. Ich halte das für eine reale Gefahr. Gestützt wird meine Sicht durch folgende Überlegung:Der Mann, der aus dem Holz ist, aus dem man Gruppenleiter oder noch höherrangige Führungskräfte schnitzt, leistet irgendwo fünf Jahre sehr gute Arbeit und profiliert sich. Seien wir großzügig, lassen wir ihn sieben Jahre so arbeiten. Dann haben, wenn alles gut läuft, seine Chefs ihn von sich aus befördert. Sollten sie es riskiert haben, diesen tollen Leistungsträger nicht entsprechend „belohnt“ zu haben, meldet der seinen Anspruch höflich, aber unüberhörbar an. Dann gibt er seinen Chefs maximal noch ein Jahr Zeit – und dann ist er weg.

Die daraus für Sie zu ziehenden Schlüsse lauten nun nicht: Ich bin ungeeignet als „Gruppenleiter und mehr“, sondern geschmeidiger formuliert: „Ich entspreche vermutlich nicht den Idealmaßstäben des Managements eines solch großen Konzerns; das wiederum könnte überall so gesehen werden. Also wechsele ich den Unternehmenstyp, strebe gezielt als Gruppenleiter in den Mittelstand, dann habe ich zusätzlich noch den ‚Bonus“ der Herkunft von einem größeren, renommierteren Unternehmen, das meinem neuen Arbeitgeber imponieren wird.“ Oder Sie lassen ganz die Finger von diesem Projekt. Das müssen Sie entscheiden.

– Die Abfindung: Halten Sie einmal einer Gruppe von Menschen ein Glas Senf hin und ermuntern sie, das auszulöffeln. Niemand wird „anbeißen“. Nun bieten Sie 100 EUR, irgendjemand wird sich schon finden, wegen dieser „Prämie“ etwas zu tun, was er sonst nicht tun würde. Da haben Sie das Prinzip der Abfindung: Sie werden dadurch zu einer im Interesse der anderen Seite liegenden Handlung verleitet, die Nachteile für Sie hat und die Sie ohne diese Prämie nicht ernsthaft erwägen würden.

Das Risiko besteht darin, dass Sie sich, verleitet durch das „leicht verdiente“ Geld, zu etwas hinreißen lassen, dessen Nachteile Sie sich „schönreden“. Die Sache ist jenen Dollarzeichen vergleichbar, die Onkel Dagobert den Blick auf alles um ihn herum verstellen, wenn er irgendwo Geld wittert. Es kommt hinzu, dass Abfindungsangebote meist zeitlich befristet sind, dass Sie also unter Zeitdruck einen neuen Job finden müssen. Das tut der Sache ohnehin nicht gut.Dann kann es sein (fragen Sie vorher), dass Sie ein Zeugnis bekommen, aus dem die Absicht des Arbeitgebers, Sie loswerden zu wollen (während er andere behält), berufslebenslang ersichtlich wird. Das kann Ihnen – je nach weiterem Verlauf Ihres Werdegangs – empfindlich schaden.

Aber kann man denn nicht, wenn man ohnehin gerade wechseln wollte und den neuen Arbeitsvertrag schon als Entwurf auf dem Tisch liegen hat, die Chance nutzen und die Abfindung mitnehmen? Lesen Sie den vorigen Absatz mit dem Zeugnis noch einmal – und denken Sie an die Wahrscheinlichkeit der ganzen Konstellation. Nein, das Unternehmen will Mitarbeiter zum Wechsel bewegen, die sonst bleiben würden. Und selbst wenn die Umstände so günstig wären (ein neues Angebot liegt zufällig vor), besteht immer noch die Gefahr, dass Sie unterschreiben, wo Sie sonst nicht unterschrieben hätten. Geld ist nun einmal eine der ganz großen Versuchungen. Seien Sie sich wenigstens der Gefahren bewusst. Mit dem Ergebnis „Geld auf dem Konto, Laufbahn ruiniert“ ist Ihnen auch nicht geholfen.

Vergessen Sie nie, wessen Interessen hier dominieren: Das Unternehmen will Mitarbeiter loswerden und lockt mit Geld. Es geht weniger darum, Sie glücklich zu machen.

Anmerkung: Es könnte so aussehen als würde ich die Pläne der Unternehmen zur Belegschaftsreduzierung dadurch torpedieren, dass ich die Mitarbeiter davor warne, Abfindungsofferten zu akzeptieren. Zu solchen Bedenken besteht kein Anlass: Geld, mit dem jemand winkt, ist eine so starke Versuchung, dass sich immer Menschen finden, die dafür ein „Glas Senf auslöffeln“.

Antwort/4: Im Grunde hatten Sie längst Ihren Frieden mit Ihrer heutigen Situation gemacht – nur die Sache mit der Abfindung bringt Sie jetzt auf „Ideen“.

Ich rate Ihnen unter Berücksichtigung aller Aspekte:

4.1 Geben Sie das Ziel, Personalführung auf dem Weg einer externen Bewerbung erlangen zu wollen, auf (wenn sich intern noch etwas ergibt, greifen Sie zu).Personalführung anzustreben, weil ein Abfindungsangebot den Gedanken daran ausgelöst hat, ist ohnehin Unsinn. Sie müssten ein Doppelziel (Abfindung mitnehmen, Führungsposition erringen) unter dem Zeitdruck einer befristeten Abfindungsaktion erreichen, das führt ins Chaos.

4.2 Nach dem bewährten Prinzip „mit jeder Bewerbung soll ein(!) Fortschritt erzielt werden“, könnten Sie jetzt risikoarm auf gleichem Niveau (ohne Führung) wechseln und dabei die verflixte Abfindung mitnehmen. In der läge dann der Fortschritt – Sie könnten sich zusätzlich einreden, in der heutigen Chef-Umgebung hätten Sie keine Weiterentwicklungschancen, in der neuen aber könnte das sein. Dieser Wechsel in eine Position, die Sie aus Ihrer heutigen Tätigkeit heraus beherrschen und bei der das Risiko eines Scheiterns gering wäre, ließe sich vertreten. Für das Abfedern des immer verbleibenden Risikos hätten Sie ja die Abfindung.

4.3 Nur der guten Ordnung halber: Gekündigt wird erst nach der Unterschrift unter einen neuen Arbeitsvertrag, und denken Sie an die erwähnte Frage, was im Zeugnis stehen wird (wer hat wem gekündigt?).

4.4 Der alte (heutige) Arbeitgeber will ja Mitarbeiter loswerden, dafür bezahlt er schließlich sogar. Er wird sich also freuen, wenn Sie gehen. Ihr Chef könnte traurig sein, muss aber mit solchen Kündigungen rechnen.Dem neuen Arbeitgeber müssen und sollten Sie nichts von der Abfindung erzählen. Wenn er es herausfindet, war das zeitliche Zusammentreffen von Wechsel und Abfindung eben Zufall. Da Sie auf gleicher Hierarchieebene wechseln und nicht als Führungskraft, sind die Anforderungen an die „Geschichte“, die Sie erzählen müssen, nicht extrem hoch.

4.5 Wenn Sie immer noch unsicher sind, dann tun Sie um Gottes Willen, was Sie auch ohne Abfindungsangebot getan hätten.Vergessen Sie nicht: Man will Sie mit Geld zu etwas verleiten, was vermutlich nicht gut für Sie ist (sonst müsste man ja keine „Unternehmensverlassensprämie“ zahlen). Die Geschichte mit „Ich wollte ohnehin gehen, da kann ich doch die Abfindung …“ ist äußerst unwahrscheinlich: Wenn die Mitarbeiter ohnehin gegangen wären, hätte man keine Prämie dafür ausloben müssen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2595
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-12-07

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