Heiko Mell

Warnschuss mitten im Berufsleben

Frage/1: Ich bin knapp über 50, im mittleren Management eines Industrieunternehmens tätig – und mit meinem bisherigen Karriereweg zufrieden. Ich durfte anspruchsvolle, spannende und komplexe Projekte umsetzen und erfreute mich der Wertschätzung meiner Mitarbeiter und Vorgesetzten.

Frage/2: Wohl aufgrund der jahrelangen extremen Stressbelastungen erlitt ich einen leichten Herzinfarkt.

Ich nehme nun Unsicherheiten meiner Vorgesetzten hinsichtlich meiner weiteren Laufbahn wahr. Deren ambivalente Haltung besteht darin, dass sie es einerseits schon gerne hätten, dass ich als ehedem bekannter Leistungsträger wieder voll in den Job einsteige, andererseits scheint aber die (berechtigte) Befürchtung vorhanden zu sein, dass ich irgendwann komplett zusammenklappe. Ich stelle mir vor, dass aus Sicht des Managements ein jüngerer unverbrauchter Ersatz (sofern dieser gefunden wird) und mein Abgang für das Unternehmen die beste Lösung wären.

Frage/3: Welche alternativen Lösungsstrategien habe ich?

I. Aus gesundheitlicher Sicht wäre natürlich die Sofortrente die Variante mit der höchsten Lebenserwartung. Leider auch die unrealistischste. Mir fehlt Vermögen, eine Berufsunfähigkeitsrente wegen eines leichten Herzkasperls gibt es auch nicht.

II. Im Unternehmen ein stressfreies Biotop suchen. In meinem Unternehmen gibt es das nicht; zurück ins operative Geschäft als einfacher Ingenieursachbearbeiter geht auch nicht, ich bin dort zu lange „raus aus dem Geschäft“.

III. Jobwechsel in ein stressfreieres Unternehmen: in meinem Alter mit der gesundheitlichen Problematik unmöglich.

IV. Den gesundheitlichen Warnschuss ignorieren und zu 100% wie vorher weitermachen. Das wäre meinen Chefs am liebsten. Aber diese Variante ist gesundheitlich die riskanteste.

V. Ich könnte versuchen, mich irgendwie durchzulavieren, stressreduzierende Maßnahmen einzuführen, aber trotzdem den alten Tätigkeitsbereich beizubehalten. Das ist ein Eiertanz, eine Kompromisslösung „bewusste Performanceeinbuße vs. gesundheitlicher Benefit“.

Antwort:

Antwort/1: Handeln wir dieses Detail schnell ab, bevor es im Hauptthema untergeht: Der Mensch neigt dazu, bei Aufzählungen das für ihn Wichtigste nach vorn zu setzen. Das geschieht ganz instinktiv.

Eine mittlere Führungskraft ist nun aber nicht vorrangig dazu da, die Wertschätzung ihrer Mitarbeiter zu erringen. Das ist zwar mitunter auch nützlich, aber eingesetzt und bezahlt wird sie von den Vorgesetzten, deren Erfüllungsgehilfe sie in ihrem Zuständigkeitsbereich ist. Machen Sie da bloß keinen Fehler in der Verteilung der Prioritäten! Auch im Denken nicht. Es sind Situationen vorstellbar, in denen Führungskräfte durchaus einmal ohne die Wertschätzung der Mitarbeiter auskommen müssen und können (Stichwort „Personalabbau in der Abteilung“). Aber es ist keine Situation denkbar, in der sie ohne Wertschätzung ihrer Vorgesetzten überleben können.

Antwort/2: Bevor wir zur Diskussion der von Ihnen gesehen Handlungsmöglichkeiten im Detail kommen (Frage/3), hier einige grundsätzliche Aussagen (wobei wir nichts über die medizinische Prognose oder dringende Empfehlung der Ärzte wissen; außerdem bin ich medizinischer Laie, aber alle anderen Beteiligten sind es auch):

1. Was Ihnen geschehen ist, gilt allgemein als „Warnschuss“. Er zeigt, dass Ihre Leistungskraft endlich ist. Jeder geht davon aus, dass sich so etwas wiederholen kann, wobei Sie keine Garantie dafür haben, dass es dann bei „leichten“ Infarkten bleibt.

Fazit: In Ihrem ureigenen Interesse können Sie nicht weitermachen wie vorher. Das bisherige berufliche Leben ist vorbei, es muss eine Veränderung für Sie geben. Diese Veränderung kann nur in Richtung „Karriere light“ gehen: weniger Stress, weniger Einsatz, weniger der zentrale Leistungsträger, weniger der (fast) unentbehrliche Macher, dafür Bereitschaft zum Zurückgehen.

Ihr bisheriges berufliches Leben muss sterben, damit Sie weiterleben können. Denken Sie vermehrt an sich, seien Sie – neben allem anderen – auch egoistisch.

Akzeptieren Sie diesen Punkt – und stellen Sie sich den Konsequenzen.

2. Es ist immer hilfreich, sich einmal schonungslos über den eigenen Marktwert klar zu werden – unter der Voraussetzung, dass einfach alle die volle Wahrheit wüssten. Eine sehr kurze Überlegung ergibt: Als Mann über 50 mit gerade überstandenem ersten Herzinfarkt sind Sie als Bewerber chancenlos. Sie mögen noch so kompetent und – ehemals – leistungsstark gewesen sein; jetzt gelten Sie als unkalkulierbares Risiko. Nein, Ihre (nahezu einzige) Chance liegt innerbetrieblich, in dem Umfeld, das Sie kennt, schätzt, das um Ihre Verdienste weiß. Aber: Ewig und gegen alle Beeinträchtigungen schützt Sie auch das nicht.

Gefordert von Ihnen sind Sensibilität, ein Hineinversetzen in die Denkstrukturen Ihrer Vorgesetzten und die Bereitschaft, sich so weit zurückzunehmen, dass Sie in den Augen des Unternehmens nicht zum ständigen Ärgernis werden.

3. Ihre Vorgesetzten werden Ihnen zunächst durchaus menschliches Mitgefühl entgegenbringen und ein daraus abgeleitetes Verständnis für Sie und Ihre Situation zeigen. Schließlich sind sie auch Männer, auch über 50 (oder werden es bald sein) und auch Führungskräfte. Wenn sie eines Tages „dran“ sind, wollen sie auch einigermaßen anständig behandelt werden. Aber: Ihre Chefs sind darüber hinaus auch abhängig Beschäftigte, die sich für die sinnvolle Verwaltung der ihnen anvertrauten Ressourcen im Sinne der Gewinnoptimierung verantworten müssen. Und ein Unternehmen klassischer Art ist kein Sozialbüro. Viele Betriebe sind durchaus auch sozial, aber nie vorrangig.

Ihre Chefs müssen also einen Kompromiss finden zwischen maximaler Effizienz ihres unterstellten Apparates, der dem jeweiligen Vorgesetzten obliegenden Fürsorgepflicht für jeden einzelnen Angestellten, der Auswirkung ihrer Maßnahmen auf die inner- und außerbetriebliche Öffentlichkeit usw. Danach suchen sie, diese noch bestehende Unsicherheit erscheint Ihnen als Ambivalenz. Hinzu kommt: Für Fälle wie Ihren gibt es kein vorgegebenes Schema, hier muss man sich an eine halbwegs befriedigende individuelle Lösung herantasten.Besonders problematisch ist, dass es medizinisch für Sie keine klare Prognose gibt. Niemand weiß genau, welche Belastungen Sie tragen können, ob und wann der nächste Infarkt kommt und was danach sein wird. Gegenbeispiel: ein komplizierter (mechanischer) Beinbruch. Da gibt es meist Prognosen mit x Wochen Krankenhaus und y Monaten Reha bis zur völligen Wiederherstellung.

Ihre Chefs haben es also auch nicht ganz leicht. Sie hätten als wichtigste Basis gern Planungssicherheit – die es hier gar nicht geben kann. In jedem Fall erwarten sie Hilfe: von Ihnen; Sie sind das Problem, von Ihnen sollte die Lösung kommen. Und es gibt noch drei Aspekte, die man sehen muss – und die auf Dauer auch die Sichtweise Ihrer Chefs beeinflussen werden:

a) Es gibt keinen Beweis, dass Ihr Herzinfarkt auf besondere betriebliche Be- oder gar Überlastung zurückzuführen ist. Auch Pensionäre am Strand von Malibu erleiden so etwas, manche Menschen scheinen anfälliger zu sein als andere.

b) Grundsätzlich sind die Leistungen eines Angestellten in der Vergangenheit mit dem Gehalt von gestern und vorgestern abgegolten. Für seine Zukunft im Unternehmen zählt praktisch nur der Wert, den er in dieser haben wird.

c) Ich erinnere daran, dass unser berufliches System keine Gerechtigkeit kennt – auf den Produktmärkten gibt es auch keine. Das System ist auch nicht ungerecht, es kann einfach mit der Forderung nach Gerechtigkeit nichts anfangen.

4. Es sollte also von Ihnen ein Lösungsvorschlag kommen, mit dem Sie leben können (ohne einen Preis zu zahlen, kommen Sie aus dieser Situation nicht hinaus), von dem Sie glauben, er könnte für Ihre Chefs akzeptabel sein und er könnte sachlich „funktionieren“. Denken Sie nicht wieder vorrangig an Ihre Mitarbeiter, Sie haben jetzt nicht mehr die Kraft, diese vor unliebsamen Veränderungen zu bewahren.

Dieser Vorschlag muss Ihr Engagement reduzieren, Stress für Sie abbauen, dem Unternehmen dienen (indem Ihre Kompetenz und Ihre Erfahrungen erhalten und verwertbar bleiben). Macht-, Einfluss-, Hierarchie- und Geldeinbußen inbegriffen. Machen Sie deutlich, dass Sie weiter arbeiten und sich engagieren wollen, dass Sie das im vorgeschlagenen Rahmen auch ärztlicherseits dürfen, dass Sie das jetzt in Ihrer Person liegende Risiko keineswegs einseitig dem Unternehmen aufbürden möchten und dass Sie wissen, dass die Angelegenheit auch für das Unternehmen und Ihre Chefs äußerst schwierig ist. Geben Sie einen größeren Teil Ihrer bisherigen Funktion ab. Beschäftigen Sie sich nicht weiter mit dem Gedanken, ob man Sie am liebsten loswerden würde. Denken Sie an Punkt 1, in dem es heißt: Seien Sie auch egoistisch. Aber machen Sie schnell, Ihre Chefs brauchen eine Lösung.

Antwort/3: So furchtbar weit auseinander sind wir nicht. I – IV kommen für uns beide nicht in Frage. Ich plädiere für ein verschärftes V., aber ohne den Kerngedanken, „den alten Tätigkeitsbereich beizubehalten“. Das wird nicht gehen. Schlagen Sie vor, die Abteilung aufzuteilen oder sie einem anderen Leiter zu geben oder selbst auf die Leitung der Gruppe X zurückzugehen oder Abteilungsleiter zu bleiben, aber die Gruppe Y an einen Kollegen zu geben oder direkt Ihrem Chef zu unterstellen. Für vermutlich damit verbundene Mehrkosten werden Sie ein finanzielles Opfer akzeptieren müssen. Zu überleben ist wichtiger als möglichst viel Geld zu verdienen.

Kurzantwort:

Ein erster Herzinfarkt mit 50 verändert für die Führungskraft nahezu alles. Um beruflich weiterleben zu können, wird sie einen Preis zahlen müssen.

Frage-Nr.: 2587
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-10-31

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