Heiko Mell

Ich bin zu nett

Frage/1:
Auch ich zähle zu dem großen Kreis Ihrer Fans, die seit vielen Jahren die „Karriereberatung“ verschlingen und zumindest versuchen, möglichst viele Tipps im Berufsleben anzuwenden. Ich muss allerdings zugeben, dass mir das nur sehr unvollständig gelungen ist; Sie werden mir nach Durchsicht meines Lebenslaufes sicher zustimmen.

Warum? Nun, ich war gar nicht an einer Karriere interessiert, ich wollte nur einen Job, in den ich meine Fähigkeiten optimal einbringen kann. Dann hatte ich ein paar Mal Pech in letzter Zeit. Oder? Sehen Sie Grundsätzliches oder Gemeinsamkeiten bei meinen letzten drei (Fehl-)Versuchen, im Berufsleben wieder Fuß zu fassen?

Frage/2:
Nach siebzehn Berufsjahren bei der Tochter eines sehr großen internationalen Konzerns als Versuchsleiter und Technischer Leiter eines Produktbereichs wurde meine Stelle wegrationalisiert. Ich hätte – als einer von vielen – an einem größeren Standort der Firma weiterwurschteln können, entschied mich aber für einen Wechsel.

Frage/3:
Dieses zweite Arbeitsverhältnis war mein Traumjob. Leider musste die Gesellschaft wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten verschlankt werden, von acht Führungskräften wurden vier entlassen, ich war dabei (Sozialauswahl). Ich fand meine nächste Stelle als Konstruktionsleiter in spe bei einem anderen Mittelständler.

Während meiner Probezeit kam allerdings nicht ein einziger Auftrag, zuletzt gab es 100% Kurzarbeit. Außerdem hatte der Mann, dessen Nachfolger ich werden sollte, keine Lust, mich anzulernen – trotz mehrfacher Beschwerde auch beim GF. Ursprünglich war eine zweijährige Einarbeitungszeit geplant; dieser Plan wurde fallengelassen und der Stelleninhaber zur Weiterarbeit überredet, ich wurde in der Probezeit entlassen.

Frage/4:
Nach einjähriger Arbeitslosigkeit nahm ich eine Stelle als Entwickler (ohne Personalverantwortung) an. Ich wurde wieder nach der Probezeit entlassen, weil, wie ich später erfuhr, mein Vorgesetzter Angst um seine Stelle hatte (er war sehr viel jünger und vollkommen unerfahren als Vorgesetzter).

Nach einem weiteren halben Jahr Arbeitslosigkeit versuchte ich mich als Projektingenieur – wieder ohne Erfolg. Meine Erfahrung reichte dazu noch nicht (meine Einschätzung), außerdem war der Inhaber ein herrschsüchtiger Diktator, wir gerieten gelegentlich persönlich aneinander.

Frage/5:
Ich habe lange über die Gründe für meine Probleme gegrübelt und eine Gemeinsamkeit erkannt: Ich bin zu nett. Ich hätte bei den letzten drei Anstellungen jeweils höher aufgestellte, unfähige Leute „über die Klinge springen“ lassen müssen. Aber in der Probezeit?

Was nun? Ich würde gern wieder als Leiter Konstruktion und Entwicklung arbeiten, ich denke, da bin ich genau richtig. Aber ich fürchte, ich bin dermaßen „verbrannt“, dass meine Bewerbung sofort im Müll landet. Was bieten sich überhaupt für Alternativen an?

Antwort:

Antwort/1:

Die Erklärung für die Überschrift (Zitat aus Ihrer Einsendung) kommt später. Wir steigen auch gleich in die Analyse Ihres Berufslebens ein. Zwei Erklärungen vorab:

a) Ich nun bin eigentlich nicht zu nett. Das ist beim Autor einer solchen Serie auch gut so, denn ich muss leider oft den Finger in Wunden legen und dann noch ein bisschen darin herumbohren. Seien Sie also gefasst, worauf auch immer.

b) Wie wir sind, was wir können, das schlägt sich in einem – vor allem einem längeren – Lebenslauf nieder. Wenn sich die Dinge häufen, wird aus einem Verdacht schnell Gewissheit. Mehren sich die Symptome dort, gibt es auch eine „Krankheit“ dahinter.

Beginnen wir nun mit der Analyse der Basis, auf welcher Sie ins Berufsleben eingestiegen sind:

Abitur 3,4. Das kann man machen, aber es ist gefährlich. Ein oder zwei Zehntelnoten später nämlich wird man „erschossen“, viel schlechter geht also gar nicht. Ein solches Resultat sollte zur Demut erziehen. Man sollte erkennen, dass die eigenen Bäume nicht in den Himmel wachsen werden. Man soll nicht versuchen, auf ein schwaches Fundament ein großes Haus zu setzen. Sie nun wählten den Sprung von dieser schwachen Basis in die dünne Luft der Elite: Studium einer auch noch besonders anspruchsvollen Fachrichtung an der TU. Sechs Jahre(!) später hatten Sie herausgefunden, was ich hier oft verbreitet habe (wenn es auch mancher gar nicht gerne hört, warum auch immer): Mit einem Abitur von 3,x sollte man die Universität besser meiden. Sonst droht, was Sie dann erlebten: Studium ohne Abschluss.Wechsel auf die FH. Den Unterlagen liegt ein Diplom bei, aber kein Blatt mit Hinweisen auf Noten. Nun, die Lebenserfahrung lehrt, dass dieses Vorgehen nicht typisch wäre z. B. für Einser-Kandidaten.

Mit 29 hatten Sie dann Ihr FH-Examen, über dessen Güte wir eben nichts wissen. Und – Sie müssten das Gemüt eines Fleischerhundes haben, wäre das nicht so – die Niederlage des nicht erreichten TU-Abschlusses nach so vielen Jahren hat ganz sicher auch Schaden an Ihrem Selbstbewusstsein angerichtet, so etwas steckt man nicht so einfach weg.

Antwort/2:

Das klingt an jedem Stammtisch überzeugend. Ich aber bin von Beruf misstrauisch und habe die Zeugnisse vorliegen. Das Dokument auf dem Briefbogen des großen Konzerns (Sie wissen schon: „wie in Marmor gemeißelt“) bestätigt die siebzehn Jahre. Als Versuchsingenieur. Nix Leiter, weder vom Versuch, noch von einem Produktbereich. Keinerlei Veränderung während der extrem langen Tätigkeit dort.

Die „Schulnote“ des für die lange Dienstzeit kurzen Dokumentes ist gut, nicht sehr gut.

Wenn große Unternehmen den Job eines langjährigen, bewährten und tüchtigen Mitarbeiters wegrationalisieren und dieser also unschuldig rausgedrängt wird, sind sie oft großzügig bei den Abfindungen, aber praktisch immer großzügig bei Zeugnisformulierungen. Die Note wird entsprechend (Papier kostet ja nichts) geschönt. So etwa um eine halbe bis eine Note. Die zieht der Fachmann beim Lesen wieder ab. Wo aber bin ich dann in diesem Fall? Bei 2,5 oder 3 – nicht akzeptabel bei siebzehn Jahren Tätigkeit in solch einem Konzern.

Ihre Hochstapelei mit dem „Leiter“ ist unakzeptabel.

Und noch etwas: Wenn es heißt, „Herr X mordet weiter“, dann hat er vorher schon gemordet. Sie, geehrter Einsender, hätten lt. Ihrer Darstellung am Ihnen angebotenen anderen Arbeitsplatz „weiterwurschteln“ können. Also haben Sie auch vorher schon gewurschtelt. So etwa mag das Unternehmen es auch gesehen haben, diese Vermutung haben Sie selbst genährt. Das Zeugnis dieses Konzerns und ersten Arbeitgebers bescheinigt Ihnen das Ausscheiden auf eigenen Wunsch – nun sollten Sie auch in der schriftlichen und mündlichen Darstellung dabei bleiben (Sie allein wollten weg, ein Wegrationalisieren hat es nie gegeben).

Nach jenen siebzehn Jahren als ausführender Ingenieur haben Sie dann lt. Ihren Unterlagen bei einem kleinen Mittelständler die Leitung der Technik und der Konstruktion übernommen. Das Arbeitsverhältnis lief zwei Jahre, die Zeugnisbewertung ist „gut“, das Ausscheiden war unfreiwillig aus „konzernstrategischen Umstrukturierungsmaßnahmen“. Man beschreibt Sie als „unternehmerisch handelnde Führungskraft“.

Antwort/3:Wie wäre es mit etwas „ingenieurgerechter“ Präzision? Bei dieser letztgenannten Stelle – schreiben Sie im Lebenslauf „Konstruktionsleiter“, – schreiben Sie im Brief an mich „Konstruktionsleiter in spe“, – schreibt das Zeugnis (das bloß eine Arbeitsbescheinigung ohne Bewertung ist) „stellvertretender Konstruktionsleiter einer Sparte“.

In Bewerbungen gilt: Das „Zeugnis“ hat recht, wer davon abweicht, hat gelogen. In der Sache ist das alles eher unwichtig, aber es wirft kein gutes Licht auf Sie. Außerdem ist diese Bescheinigung nicht gut, sie bestätigt die Entlassung, spricht von „konjunkturellen Gründen“, bedauert aber nichts.

Antwort/4:

Vom vorletzten Arbeitgeber (Entwickler) gibt es ein ausführliches Zeugnis. Das bestätigt eine arbeitgeberseitige Entlassung, bedauert sie(!), gibt aber keinerlei Begründung. Das ist nicht gut.

Die bisher letzte, auch bereits abgeschlossene Position nennen Sie im Brief an mich „Projektingenieur“, im Lebenslauf „Projektleiter“, ein Zeugnis gibt es nicht.Man gerät übrigens nicht als kleiner Angestellter mit einem Inhaber (oder auch Geschäftsführer/Vorstandsmitglied) „aneinander“. Das klingt nach dem Kampf auf gleicher Ebene – die hier nicht gegeben ist, ganz und gar nicht. Formal müssten Sie sagen: „Leider gab ich meinem höchsten Chef Gelegenheit, mit mir äußerst unzufrieden zu sein. Da hat er mich, wie zu erwarten war, gefeuert.“ Aber lassen Sie das lieber bleiben.

Antwort/5:

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen noch helfen kann. Zusätzlich sind Sie inzwischen auch schon 51 Jahre alt. Das geht im Führungsbereich noch einigermaßen, bei ausführenden (Sachbearbeiter-)Stellen ist das eine hohe Hürde. Aber in jedem Fall ist dies hier ein gutes Lehrstück, mit dem ich anderen Lesern zeigen kann, was man tut und was besser nicht.

Also sehr geehrter Einsender, ich glaube, ein zentraler Kern Ihrer Probleme liegt hier: Es fehlt Ihnen an Demut. Das gilt für die Beurteilung eigener Qualitäten, Abschätzung von Möglichkeiten, die Sie haben, Wertschätzung von Chancen und Umgang mit Informationen. Sowie für den Umgang mit Chefs!

Ich versuche zunächst einmal eine Auflistung von Fehlern und unglücklichen Entscheidungen, basierend auf falscher Einschätzung der eigenen Möglichkeiten etc.:

1. Ihr Umgang mit Informationen in Ihren Unterlagen ist absolut nicht zu akzeptieren. Daran allein muss jede ernsthafte Bewerbung bei seriösen Unternehmen scheitern. Niemals(!) dürfen Sie „mehr“ aus sich machen (Anschreiben und/oder Lebenslauf) als das Zeugnis hergibt.

2. Das Durchziehen Ihrer Ausbildung (Studium) war bereits ein sehr schlechter beruflicher Start. Dass man mit so einem miesen Abitur ein TU-Studium versucht und nach sechs Jahren(!) merkt, dass das nicht geht, hätte Ihnen zeigen müssen – und zeigt jedem Bewerbungsleser immer wieder neu –, dass es da Grenzen gibt. Auf jener Basis „gar nicht an Karriere interessiert zu sein“, war eigentlich vernünftig.

3. Sie hatten dann beim ersten Arbeitgeber über lange Jahre einen dazu passenden Job als …-Ingenieur. Warum müssen Sie den gegen die Zeugnisformulierung zum „Leiter“ aufblasen, warum erklären Sie, Sie hätten den angebotenen Ersatzjob, in dem Sie „einer von vielen“ am anderen Standort gewesen wären, als unter Ihrer Würde betrachtet? Hätten Sie, nachdem Sie Ihren ersten Job ja nun eine so entsetzlich lange Zeit hindurch mitgemacht hatten, in diesem Unternehmen einfach „weitergewurschtelt“, stünden Sie sehr viel besser da als heute.

4. Die Position Nr. 2 als Leiter Konstruktion war Ihr Traum. Bekommen hatten Sie die übrigens aufgrund einer Bewerbung mit dem Lebenslauf, der Sie als „Leiter“ bei Arbeitgeber Nr. 1 auswies – das anderslautende Zeugnis ohne „Leiter“ gab es ja erst nach Ihrem Ausscheiden. Wer will ausschließen, dass Ihre Chefs dort diese Diskrepanz später bemerkt und Sie – auch – deshalb auf die Entlassungsliste gesetzt hatten? Und: Von seiner Traumposition hat man ein „traumhaftes“ Zeugnis, z. B. ein sehr gutes (noch dazu, wenn man den „Rabatt“ wegen der „unschuldigen“ Entlassung einrechnet).

Und vor allem: Selbst wenn hier alles perfekt wäre, es handelt sich dann immer noch um nur eine von fünf Positionen, um nur zwei von insgesamt zweiundzwanzig Dienstjahren. Das ist keine überzeugende Bilanz.

5. Sie sahen sich in der ersten Position als „Leiter“, Sie waren es in der zweiten. Die – tapferen – Versuche, danach nur ausführend/nichtleitend zu arbeiten, waren Hochrisikoabenteuer. Man hat äußerst schlechte Erfahrungen mit dem Einsatz von ehemaligen – auch von nur „gefühlten“ – Führungskräften auf niederrangigen Positionen. Lesen Sie Ihre entsprechenden eigenen Darstellungen: Es wimmelt nur so von unfähigen oder unwilligen Vorgesetzten, bösartigen Inhabern etc.

Bis hierher ist meine Aussage eindeutig und fundiert. Nun erwarten Sie einen Rat für die Zukunft, möglichst mit Erfolgsgarantie. Letztere kann es niemals geben.Als Rat: Gehen Sie in sich und prüfen Sie, ob ich nicht vielleicht recht habe mit meiner Analyse. Dann akzeptieren Sie, dass Sie eine seriöse Leitungsposition nicht mehr bekommen werden bei dieser „Vorbelastung“ des Lebenslaufes. Überarbeiten Sie Ihren Lebenslauf und Ihre mündliche Darstellung. Sie waren nie leitend tätig. Der einzige Punkt, in dem so etwas auftaucht, ist die Position Nr. 2.

Ziehen Sie die im Lebenslauf auf „Konstrukteur, verantwortlich für eine Produktgruppe“ herunter und schreiben Sie im Lebenslauf darunter: „(intern vor allem wegen der Wirkung auf Kunden als Abteilungsleiter bezeichnet, dem kam aber im Tagesgeschäft des kleinen Unternehmens keine Bedeutung zu)“, lassen Sie schriftlich und mündlich jegliche Kritik an Vorgesetzten weg – und akzeptieren Sie, dass Sie wegen „selbst gemachter Fehler“ da sind, wo Sie sind.

Dann bewerben Sie sich breit auf Ausführungsebene, vermarkten Sie Ihre/eine fachliche Spezialqualifikation, denken Sie auch an Firmen an unattraktiven Standorten und an Arbeitnehmerverleiher.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2585
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-10-17

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