Heiko Mell

Promotion mit 42?

Nach einem zugegebenermaßen langen Studium des Bauingenieurwesens mit einem Jahr Auslandsaufenthalt und nun ca. acht Jahren Berufserfahrung als Bauingenieur in unterschiedlichen Bereichen (Planung, Projektmanagement) liegt mir eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch für eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter vor. Die Möglichkeit zur Promotion wird gegeben. Derzeit bin ich 37 Jahre alt; es ist mit ca. fünf Jahren Promotionszeit zu rechnen.

Wie wird eine so späte Promotion bewertet? Zeugt es von Fortbildungs- und Weiterentwicklungsdrang oder wirkt sich die „Auszeit“ vom Wirtschaftsleben negativ in der CV-Bewertung und für einen weiteren beruflichen Werdegang aus?

Antwort:

Mitunter sind es Kleinigkeiten, an denen man die Antwort auf wichtige Fragen ablesen kann: Sie schreiben im „Betreff“ Ihrer Zuschrift: „Promotionsbeginn mit 37“, ich habe versucht, gleich zum Wesentlichen vorzustoßen. Schließlich ist es weniger von Bedeutung, wann Sie etwas anfangen, entscheidend ist nicht nur, „was hinten rauskommt“ (Helmut Kohl), sondern eben auch, wann das zentrale Ziel Ihrer Aktion erreicht werden würde. Also nenne ich Ihren Fall „Promotion mit 42“.

Sagen wir es so: „Karrieremäßig“ bringt ein solches Vorhaben generell gar nichts, Sie müssten sogar mit Nachteilen rechnen. In fünf Jahren sind Sie ein „promovierter Edel-Berufsanfänger“ mit 42 – da sind andere schon Geschäftsführer. Ihre aktuelle Berufspraxis aus heutiger Tätigkeit ist dann veraltet. So mancher Bewerbungsempfänger wird denken: „Aha, in der harten Welt der beruflichen Praxis ist er nicht zurechtgekommen, also ist er in die – aus seiner Sicht – heile, warme Welt der Universität zurückgegangen.“ Niemand hat ein Raster, in das Sie dann hineinpassen, niemand kann so recht etwas mit Ihnen anfangen. Und für eine Universitätskarriere wären Sie zu alt.

Von daher gilt: Tun Sie es lieber nicht.Aber es gibt zwei andere Überlegungen, die man in die Entscheidungsfindung mit einbeziehen kann:

1. Über Bewerbungen entscheiden Menschen, berufliche Erfolge werden von Menschen beeinflusst. Diese Menschen sind „den Zufällen des Lebens“ unterworfen, haben selbst unterschiedliche Schicksale und sind oft „bauchgesteuert“. Will heißen: Es gibt keine „Garantie“, dass Sie mit 42 nicht zufällig auf jemanden stoßen, dem das imponiert, der das auch so gemacht hat oder dessen Neffe auch gerade dabei ist, im hohen Alter noch zu promovieren.

Möglich ist alles, darauf setzen können Sie jedoch nicht. Warum ich diese eher unwahrscheinliche Möglichkeit überhaupt erwähne? Weil mir sonst mit Sicherheit jemand schreibt, er habe oder sein Onkel habe damals auch … – und das spräche doch gegen meine Aussage. Es seien der Nation – ich bin großzügig – zwei spät promovierte, danach erfolgreich gewesene Onkel zugestanden.

2. Jetzt wird es ein bisschen berufs- und allgemeinphilosophisch: Es ist gut möglich, dass Sie mit einem solchen Vorhaben („Spätpromotion“) Ihre Karrierechancen drastisch verschlechtern. Im Fall einer Branchenkrise in fünf Jahren können Sie als Frischpromovierter sogar arbeitslos werden.Andererseits könnte es sein, dass Karriere weder in Ihrem Interesse, noch innerhalb Ihres Begabungsspektrums liegt. Und natürlich könnten Sie auch ohne Promotion arbeitslos werden. Vielleicht liegen Ihre Ansprüche auch eher im rein fachlichen Bereich, vielleicht genügt Ihnen ja auch ein ausführender Job fürs Leben. Vielleicht ist die Promotion, ist der Dr.-Ing. vor dem Namen für Sie so wichtig, trägt er so entscheidend zu Ihrer persönlichen Zufriedenheit bei, dass alles andere daneben verblasst. Wer will darüber richten? Und dann müssen Sie „es“ eben tun. Trotz allem.

Nur „rechnen“ im Sinne einer Investitionsbetrachtung wird es sich aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht.

Aber „es gibt Wichtigeres im Leben“, lässt der geniale Loriot seinen Herrn Müller-Lüdenscheidt in der Badewanne sagen. Ob das für Sie auch zutrifft, entscheiden Sie ganz allein.

Kurzantwort:

Eine sehr „späte“ (hier elf Jahre zu späte) „hauptberufliche“ Promotion wird sich „karrieremäßig“ nicht mehr lohnen, sie kann sogar die Gesamtbilanz deutlich verschlechtern. Aber je nach Persönlichkeit und Anspruch kann eine daraus erwachsende größere persönliche Zufriedenheit das aufwiegen.

Frage-Nr.: 2583
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-10-10

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