Heiko Mell

Wann geht man?

Frage/1: Ich bin Mitte 40 und arbeite seit rund acht Jahren als …-Ingenieur in der Fertigung eines mittelständischen Unternehmens. Frühere Dienstzeiten in anderen Unternehmen waren deutlich kürzer.

Mit den fachlichen und sozialen Gegebenheiten hier komme ich sehr gut zurecht. Jedoch sehe ich intern für mich keine Entwicklungsmöglichkeit. Außerdem ist das Geschäft sehr regional orientiert, d. h. es wird fast kein Englisch benötigt.

Optimal wäre es, wenn alles so bliebe wie es ist.

Frage/2: Leider muss ich seit Jahren feststellen, dass sich die Lage der Firma verschlechtert. Die alten Cash Cows sterben aus, neue Produkte haben nur geringe Margen und leiden unter erheblichen Designmängeln. Diese werden in die Fertigung gedrückt, erzeugen dort viel Trouble Shooting, werden aber letztlich nur selten gelöst.

Frage/3: Auch verzettelt man sich bei der Produktentwicklung: Die Sortenvielfalt wird immer unüberschaubarer. Das alles scheint bereits zu einer Ertragskrise zu führen. Die „Aktionen“ werden immer verbissener, ohne dass eine Trendwende erkennbar wird.

Das alles führte zu meinem Entschluss, mir einen anderen Aufgabenbereich zu suchen. Mein Hauptziel ist eine fachlich und produktspezifisch passende Anschlussaufgabe, bei deren Lösung ich meine Erfahrungen einbringen kann.

Ferner versuche ich, in einem größeren Unternehmen unterzukommen. Dort vermute ich ein größeres Innovationspotenzial und somit eine bessere Zukunft. Vermutlich sind solche Situationen, in denen es leise Gründe gibt, aktiv zu werden, recht häufig. Ich möchte Sie um Ihre Meinung und ihre Kritik bitten.

Antwort:

Antwort/1: Erledigen wir einen Punkt vorab, dann stört er später unsere Konzentration auf das Zentralthema nicht mehr:

a) Sie sagen, Sie sehen für sich intern keine Entwicklungsmöglichkeit. Das versteht ein Leser; er sieht Sie als einen Mann, der solche Perspektiven gezielt sucht, der sich weiterentwickeln (von mir aus auch weiter entwickeln) will.

b) Sie sagen, wie es ist, sei es super. Als Einzelaussage versteht der Leser auch das.Was er nicht versteht, ist die Kombination von a und b. Der Sache fehlt die Logik. Entweder Sie suchen Entwicklungsmöglichkeiten, haben aber keine – dann ist das höchst unbefriedigend. Oder es gibt keine, Sie suchen aber auch keine, dann mag das in Ordnung sein, vielleicht sogar optimal.Mir begegnet so etwas oft auch in Bewerbungsanschreiben, daher lenke ich Ihre Aufmerksamkeit darauf.Lösungsansätze dafür: Am besten lassen Sie den Satz mit den fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten einfach weg. Oder Sie formulieren (korrekt, aber vielleicht vom Leser etwas kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen): „Zwar gibt es derzeit keine Entwicklungsmöglichkeiten für mich, ich suche jedoch auch vorrangig keine.“

Aber oben beim heutigen Status etwas zu vermissen und unten eben diese Zu- und Umstände optimal zu finden, das geht nicht. Volkstümlich ausgedrückt (sehr stark umgangssprachlich): Optimal ist erst dann, wenn ich nichts mehr vermisse.

Der professionelle Leser sieht „Entwicklungsmöglichkeiten“ vorrangig als Aufstiegschance, als hierarchisch orientierten Weg z. B. vom Sachbearbeiter zum Team- oder Gruppenleiter. Sofern Sie das gar nicht meinen, sprechen Sie lieber von der „Möglichkeit zur fachlichen Weiterentwicklung“.

Antwort/2: Ich habe versucht, gegen meine Natur anzugehen, war damit jedoch erfolglos: Nehmen Sie einmal den letzten Satz, dann verstehen Sie meine Bauchschmerzen. Begänne er mit „Sie“, bezöge er sich auf die „neuen Produkte“ davor. So aber, mit „Diese“, bezieht man ihn auf die Designmängel, was hier vermutlich weniger Mängel in der Formgebung als in der Konstruktion bedeutet. Mängel jedoch drückt man nicht in die Fertigung, mangelbehaftete Produkte könnte man jedoch durchaus (drücken). Weder die Mängel noch die Produkte „erzeugen“ ein Troubleshooting, sie haben ein solches zur Folge oder führen dazu, lösen es aus. Und „gelöst“ werden weder Mängel noch Produkte. Letztere könnten nur verbessert oder optimiert werden, Mängel nur beseitigt ober behoben. Ich will Sie damit nicht kritisieren, davon hätte ich ja nichts. Aber ich möchte im Rahmen meiner Möglichkeiten den Blick der Leser für sprachliches Gefühl und „Logik des Ausdrucks“ schärfen.

Antwort/3: Also in den „leisen Gründen“ sehe ich eine originelle Wortschöpfung, daher halte ich mich da ein bisschen zurück (kann aber nicht auf den Hinweis verzichten, dass weder „leise“ zu „Gründe“ passt, noch „laute“ passen würde). Aber während „Ihre Meinung“ noch korrekt war, darf es in der persönlichen Anrede fremder Erwachsener „ihre Kritik“ nicht heißen, es muss schon „Ihre“ sein.

Zur – wichtigeren – Sache gelten in Ihrem Fall diese Regeln und Empfehlungen:

a) Es wird generell eher zu schnell als zu selten gewechselt. Fünf Jahre pro Arbeitgeber sind ein Orientierungsrahmen, bei Abweichungen ist eine steigende Tendenz deutlich besser als eine fallende.

Mit zwei kürzeren Zeiten vorher und etwa acht Jahren heute haben Sie eine steigende Tendenz, die acht Jahre decken die kürzeren Zeiten davor weitgehend zu, gleichen sie also aus. Von daher spricht nichts gegen einen Wechsel jetzt.

b) Es ist zwar von großer Bedeutung, dass Sie mit den fachlichen Aspekten Ihrer Aufgabe und mit dem sozialen Umfeld zufrieden sind – aber das ist nicht alles.

c) Man will ja auch eine Zukunft haben, unabhängig von eventuellen konkreten Karriereplänen. Und so, wie Sie Ihr Unternehmen schildern, hat es in Ihren Augen keine besonders „große“ Zukunft, eher im Gegenteil. Ihr subjektives Empfinden reicht schon aus, um unzufrieden zu werden. Sie brauchen ein „Urvertrauen“ in die positive Entwicklung Ihres Arbeitgebers – und das haben Sie verloren.

d) Die Analyse Ihrer Situation kann man auch einfacher gestalten: Anzustreben ist ein bestimmter Grad von Zufriedenheit im Beruf. Und genau den haben oder erreichen Sie nicht mehr.

e) Fazit bis dahin: Ein Arbeitgeberwechsel ist angesagt, dabei besteht kein besonderer zeitlicher Druck (eine geradezu ideale Basis für ein solches Vorhaben).

f) Es fragt sich, welche Position in welchem Unternehmen Sie anstreben (sollten):

f1) Da ist zunächst die Frage der „Entwicklungsmöglichkeit“, die Sie ganz oben angeschnitten haben:Wenn man mit hoher fachlicher Qualifikation, ausgeprägtem Ehrgeiz (ein positiver Begriff!) sowie nennenswertem Anspruch an die zu lösenden Aufgaben und an das entsprechende Umfeld beruflich tätig ist, dann stellt sich schon irgendwann die Frage, wieviele Jahre lang man von einer immer irgendwie ähnlich strukturierten Tätigkeit auf rein ausführender Ebene ausgefüllt sein kann. Prüfen Sie, ob Sie nicht inzwischen Ansprüche an Ihren Job mit allen seinen Details stellen, die nach Ihren – geschätzt – etwa fünfzehn Berufsjahren eigentlich nur erfüllt werden können, wenn Sie mitgestaltend, verantwortlich, mitführend tätig sind.

Vielleicht sind Sie ohne es zu merken inzwischen über Positionen dieser bisherigen Art hinausgewachsen und sollten nun z. B. eine Position als Projekt-, Team- oder Gruppenleiter anstreben. Bedenken Sie auch, dass praktisch ausnahmslos alle Stellenanzeigen auf Sachbearbeiter- oder Ausführungsebene, wenn sie denn Berufserfahrungen fordern, höchstens fünf Jahre davon nennen (oder meinen).

Wenn das richtig ist, dann gilt auch: Wer 300% eines geforderten wichtigen Anforderungsdetails mitbringt, stellt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch Anforderungen an einen Job, denen der nicht mehr gerecht werden kann (Überqualifikation führt zur Unzufriedenheit).Und wenn man dem nun nicht folgen will oder glaubt, die Fähigkeiten für eine solche persönliche (hierarchische) Weiterentwicklung nicht zu haben? Dann ist ein Verbleib im bisherigen Rahmen natürlich erlaubt, aber man soll dann auch nicht allerhöchste Ansprüche an seine Position und das Umfeld stellen, es ist Kompromissbereitschaft gefragt.

f2: Der Wechsel vom Mittelstand ins (deutlich) größere Unternehmen ist grundsätzlich schwieriger zu realisieren als umgekehrt, er ist in Ihrem Alter schon gewagt: Sie würden sich dort zwischen lauter Kollegen mit ca. fünfzehn Jahren Großbetriebspraxis bewegen und sich auf dem „glatten Eis“ ungewohnter Strukturen bewähren müssen. Diese Strukturen sind sehr viel „anders“ als die im Mittelstand.Und: Ein „Doppelsprung“, also „nach oben in der Firmengröße“ sowie gleichzeitig „nach oben in der Hierarchie“ (oder auch nur im Verantwortungsumfang) geht im Regelfall gar nicht.

f3) Also gilt die Empfehlung: Bleiben Sie besser im grundsätzlich vertrauten Umfeld mittelständischer Unternehmen. Viele davon sind innovativ, zukunftsträchtig, fortschrittlich, gewähren besonders große Gestaltungs- und Entscheidungsfreiheit. Und viele Großunternehmen machen ihre Mitarbeiter auch nur sehr bedingt besonders glücklich.

Kurzantwort:

1. Ein Angestellter sollte glauben können, dass sein Unternehmen „Zukunft hat“. Zweifelt er daran, ist ein Wechsel angesagt.

2. Beim Arbeitgeberwechsel gilt: Der zusätzliche Wechsel der Dimension des Unternehmens nach oben hin ist ebenso wie eine neue Branche oder eine neue Unternehmenskultur ein zusätzliches Risiko.

Frage-Nr.: 2569
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-07-05

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