Heiko Mell

Der Ingenieur: mehr als ein Diplominhaber

Ich bin 32 und verfüge über ein vor fast sechs Jahren erworbenes Diplom im Fach Materialwissenschaften.

In der Zwischenzeit habe ich ein Aufbaustudium in Elektrotechnik begonnen, das ich nicht abschloss, habe längere Zeit gejobbt, die Probezeit meiner ersten Anstellung an einem Forschungsinstitut nicht bestanden (die Arbeit gefiel mir, jedoch stimmte die Chemie mit dem Vorgesetzten bald nicht mehr) und nach einigen Monaten Arbeitslosigkeit in einem fachfremden Gebiet als Redakteur gearbeitet, das ich nach einer verlängerten Probezeit im gegenseitigen Einvernehmen verließ.

Hinter mir liegen nun bereits mehr als sechs Monate Arbeitslosigkeit und etwa 40 Bewerbungen mit einigen erfolglosen Vorstellungsgesprächen.

Abitur: 1,7 ohne große Anstrengungen an einem bayerischen naturwissenschaftlichen Gymnasium.

Studium: heimatnah an einer Universität; Probleme während des sechsmonatigen Pflichtpraktikums, das mir zeigte, wie wenig Ahnung ich vom Arbeitsleben hatte; dreizehn Semester (Regelstudienzeit überschritten, Note 2,0).

Diplomarbeit: 1,5; Thema aus der Halbleitertechnik, dazu musste ich mir Programmierkenntnisse und elektrotechnische Grundlagen aneignen, was ich gern getan habe. Abschluss nach Fristverlängerung in zehn Monaten.Aufbaustudium: motiviert durch die Erfolge bei der Diplomarbeit, Fachrichtung ist der Elektrotechnik verwandt; Abbruch wegen verschiedener Faktoren (u. a. falscher Rat des Studienberaters).

Nebenberufliches „Engagement“: neben dem Studium zwei romanische Sprachen autodidaktisch erworben, ebenso fortgeschrittene Kenntnisse des Japanischen; Selbststudium habe ich bisher als für mich effektivste Methode kennengelernt, möchte daher von weiteren Studien eigentlich absehen.

Retroperspektive: In Schule und Studium ziemlich „verwöhnt“, es gab keine korrektiven Maßnahmen meiner Sozialisationsinstanzen; in den letzten Jahren habe ich gelernt, mich besser anzupassen, verhalte mich diplomatischer und habe Selbstmanagement gelernt.

Problem: Ich frage mich, ob ich ein im Grundstudium erkanntes Talent bei der Lösung konstruktiver Probleme nicht hartnäckig genug gefördert habe (anbei Ansichten eines selbst entwickelten Spritzgussobjekts).

Fragen: Meine bisherigen Bewerbungen auf dem Gebiet Kunststoffspritzgießen/Konstruktion führten nur selten zum Vorstellungsgespräch und blieben erfolglos.

1. Bevorzugt man bei diesen Stellen eher Maschinenbauingenieure?

2. Ich wäre gern bereit, geeignete Zusatzqualifikationen zu erwerben. Welche?

3. Können Sie zu einem Praktikum in diesem Bereich raten?

4. Bei Bewerbungen ergänze ich meine Unterlagen um das angeführte Beispiel meines selbstentwickelten Spritzgussobjektes, welches 2002 bei einem internationalen Wettbewerb ausgezeichnet wurde. Soll ich besser darauf verzichten?

Antwort:

Nur zur Information der anderen Leser: Nur die beiden ersten Absätze sind mit der Original-Einsendung identisch, den Rest habe ich (notgedrungen) gestrafft und gekürzt.

Ich kenne nur diese verbale Schilderung Ihres Problems, habe also keine Bewerbungsunterlagen vorliegen (kann sie mir aber vorstellen). Es ergibt sich das Bild eines Menschen, der durchaus irgendwelche Talente hat – aber an mehreren Stellen unübersehbare Indizien vorlegt, nach denen er für das klassische Arbeitsleben absolut ungeeignet ist oder doch war. Das wird als Aspekt der Persönlichkeit gesehen und ist nur bedingt von irgendwelchen fachlichen Details abhängig.

Das zusätzliche Problem dabei: Diese grundsätzliche Nichteignung klebt an Ihnen und wirkt noch jahre- bis jahrzehntelang als Vorbelastung bei Bewerbungen. Mit einem einfachen „Ich habe mich geändert“ oder nur einem „Ich will mich ändern“ ist es nicht getan. Die Bewerbungsempfänger wollen ernsthafte Bemühungen sehen, keine Absichtserklärungen. Und: An einem einzigen Tag mit einer einzigen Fehlhandlung lässt sich ein positiv verlaufenes Arbeitsleben von zehn Jahren ruinieren. Sie jedoch haben kaum Positives, aber sehr viel Kritisches aufzuweisen …

Zunächst müssen wir – schon für die hier stets im Vordergrund stehenden anderen Leser – Ihre berufsrelevante Vergangenheit aufarbeiten:

a) Ihr Abitur war vom Ergebnis her eine tolle Basis für alles, was danach kommen würde (+ + +).

b) Ihr Studium war vom Ergebnis her eine noch gute Basis, die Zeitüberschreitung allein ist vergleichsweise harmlos (+ +).

c) Ihr Pflichtpraktikum von sechs Monaten im Studium zeigte „Probleme“. Das war ein sehr ernstzunehmendes Warnzeichen, ist aber absolut gesehen noch relativ harmlos – nur hätten Sie dort erkennen müssen, dass Ihre (beruflichen) Bäume nicht in den Himmel wachsen würden (-).

d) Die Fachrichtung des Studiums scheint, bezogen nur auf Ihre Person, eine klare Fehlentscheidung gewesen zu sein. Ihre Materialwissenschaften hätten Sie besser durch Kunststofftechnik (z. B. Maschinenbau/Kunststofftechnik) ersetzt. Wählt man die falsche Fachrichtung (gemessen an Begabung und Interessen), steckt man schnell in einem Käfig. Nach dem Vordiplom hätten Sie wechseln sollen. Und: Wegen der inzwischen verstrichenen Zeit ist Ihre Qualifikation in den damaligen Studienfächern „tot“ (- -).

e) Die Diplomarbeit passte nicht zur Studienrichtung. So reizvoll zusätzlich erarbeitete „fachfremde“ Kenntnisse sein können, sie schwächen die Kompetenz auf dem Hauptgebiet, ihr Erwerb kostet Zeit und Sie geraten auf ein Fachgebiet, auf dem Sie nicht konkurrenzfähig sind (-).

f) Ihr offenbar in Vollzeit durchgeführtes „der Elektrotechnik verwandtes Aufbaustudium“ passte überhaupt nicht zum Hauptstudium, der Abbruch ohne Abschluss ist schon für sich allein eine Katastrophe. Das war vertane (stets kostbare) Zeit (- – -).

g) Die erste Probezeit nicht bestanden („Chemie“ mit dem Vorgesetzten), das war eine ziemlich massive zweite Warnung nach dem unter c behandelten Praktikum. Falls alles andere stimmt, kann man so etwas überleben. Falls … (- -).

h) Aus dem fachfremden Job eines Redakteurs trotz verlängerter Probezeit geflogen, das war nun (nach so vielen Reinfällen und Niederlagen) wirklich nicht nötig, es verstärkt das Misstrauen des Lesers Ihrer Bewerbung (-).

i) „Kleinigkeiten“ im Lebenslauf nach abgeschlossenem Hauptstudium („habe gejobbt“, „war arbeitslos“) sind zusätzliche Belastungen (-).

j) Ihr Sprachtalent, dem Sie Raum gegeben haben, hat Ihnen eine Qualifikation beschert, die Sie bisher nicht genutzt haben; das autodidaktische Lernen hat aber auch Zeit und Energie gekostet, die Sie auf einem „Nebenkriegsschauplatz“ vergeudet haben. Immerhin können Sie jetzt irgendwelche Sprachen (- +).

k) Die jüngste Arbeitslosigkeit von „mehr als sechs Monaten“ reduziert Ihren Wert auf dem Arbeitsmarkt zusätzlich, sie würde das auch bei sonst tadellosen „Begleitumständen“ tun (- -).

l) Die Gesamtbetrachtung zeigt: keine Linie, kein roter Faden, ständige Richtungswechsel (Materialwissenschaft haben Sie, Elektrotechnik wollten Sie, Kunststofftechnik möchten Sie, Sprachen können Sie); nichts passt zusammen, niemand vermag Sie irgendwo einzuordnen; wo man Sie in der Praxis arbeiten ließ, sind Sie gescheitert (- – -).

Ergebnis bis dahin: Sie sollten rein vom Zeitablauf und von Ihrer Ausgangsposition her heute so etwa 10 Plus-Bewertungspunkte aufweisen können. Bei meiner praxisorientierten Rechnung kommen Sie jedoch im Saldo auf ca. 11 Minus-Punkte. Selbst wenn jemand irgendwo einen Punkt anders setzen wollte, bliebe das Ergebnis extrem(!) schwach.

Aus meiner Sicht bieten sich folgende Empfehlungen an, die Ihnen vielleicht weiterhelfen:

I. Sie haben durchaus auch berufsrelevante Begabungen. Es besteht der Verdacht, dass Sie einen völlig falschen Beruf gewählt haben.Mit Ihrem inzwischen erreichten Alter, mit Ihrem inzwischen „aktenkundigen“ beruflichen Vorleben, bei Ihrer bisher gezeigten Unstetigkeit und Ihrer fehlenden zentralen Zielsetzung sowie eingedenk der Tatsache, dass es keine wirklich erfolgversprechende Möglichkeit gibt, den zu Ihnen passenden anderen Beruf zu ermitteln und unter Berücksichtigung Ihrer geäußerten Abneigung gegen ein weiteres Studium rate ich von völlig neuen Wegen der beruflichen Orientierung inklusive neuer Grundausbildung ab.

Ich kann das auch kürzer sagen: Eine tragende Idee, wohin eine (neue) „Reise“ eventuell gehen könnte, hätte inzwischen längst vorliegen müssen. Sie liegt nicht vor, also ist diese Variante erledigt.

II. Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie haben (das sind z. T. auch die Pfunde, mit denen Sie ggf. wuchern können):

– die solide allgemeinbildende Basis eines guten Abiturs;

– den erfolgreichen, vorzeigbaren Universitätsabschluss mit akademischem Grad (Dipl.-Ing. univ.), die dazugehörende Fachrichtung ist dabei nicht mehr so wichtig;

– offenbar gute Kenntnisse in mehreren Sprachen sowie die Fähigkeit, jederzeit weitere zu erlernen, noch dazu im Selbststudium;

– die Erkenntnis, dass Sie sich ändern müssen, wenn es im Arbeitsleben halbwegs funktionieren soll, dass Sie sich anpassen, dem Status eines Angestellten als dem stets abhängig Beschäftigten Rechnung tragen, in Zukunft viel diplomatischer sein müssen und dass Ihr Wert auf dem Arbeitsmarkt bei klassischen Bewerbungen extrem gering ist;

– dass es ein Fachgebiet gibt, das Sie lieben (hoffentlich ist das von Dauer), in dem Sie vor vielen Jahren einmal einen kleinen Erfolg hatten und in dem Sie – trotz fehlender Ausbildung – gern arbeiten möchten.

III. Ich versuche einmal eine kleine Liste von möglichen Richtungen aufzuzeigen, die Ihr Berufsweg bei halbwegs realistischer Betrachtung nehmen könnte. Schließen Sie nicht spontan etwas aus, denken Sie in Ruhe nach. Und: Einen beruflichen Traumjob werden Sie spontan nicht finden – für die ganze Misere zahlen Sie in jedem Fall einen Preis. Also dann:

– Vertrieb geht oft noch, wenn andere Dinge nicht gehen. Sie könnten z. B. versuchen, in die Laufbahn eines Vertriebsingenieurs für Kunststoffprodukte für industrielle Abnehmer einzusteigen. Wenn Sie das mit Ihren Fremdsprachen kombinieren, hätte das Zukunft (entweder auf Auslandsmärkten oder für einen z. B. japanischen Konzern in Deutschland oder Europa). Das späte Entdecken der – erforderlichen – Leidenschaft für den Vertrieb wird dadurch gemildert, dass Vertrieb im klassischen Ingenieurstudium praktisch nicht vorkommt, dass also viele Ingenieure Zeit brauchen, bis sie ihre „wahre Begabung“ für diesen Bereich entdecken (Bewerbungsleser kennen das).

– Nach Vorbereitung hier und Bewährung(!) käme ein längerer Auslandseinsatz für ein deutsches Unternehmen oder auch ein sofortiges Engagement direkt bei einem ausländischen Arbeitgeber infrage (Prinzip: Hauptsache ist, Sie arbeiten). Nicht in allen Ländern ist man bei der Bewerberbeurteilung so „streng“ wie hier. Vielleicht wäre dabei sogar eine Wiederbelebung Ihrer „alten“ materialwissenschaftlichen Qualifikation möglich.

– Oder Sie versuchen, hier in die Kunststofftechnik hineinzukommen. Für die Konstruktion sind Sie nicht ausgebildet, Ihre Entwicklung von vor zehn Jahren ist ein bisschen wenig. Daher bleibt nur der Einstieg über ein Praktikum verbunden mit der Hoffnung, sich dabei fachlich und vor allem persönlich(!) qualifizieren zu können und dann später für irgendeinen halbwegs anspruchsvollen Job übernommen zu werden. Vielleicht können Sie dann eine nebenberufliche Weiterqualifizierung in Kunststoff/Konstruktionstechnik betreiben. Ihr Aufstieg in diesem Bereich könnte auch mit dem Schleppen von Kisten in der Kunststoffproduktion beginnen, also ganz unten.

– Immer aber gehört dazu, dass Sie im schriftlichen wie im mündlichen Bewerbungsprozess „kleine Brötchen“ backen, Fehler zugeben und vertragliche Risiken (z. B. Befristung, Einstieg auf freiberuflicher Basis) übernehmen. Ein fundiertes Misstrauen Ihnen gegenüber müssen Sie akzeptieren.

Kurzantwort:

1. Ein junger Mensch darf auch einmal etwas falsch machen. Die Betonung liegt dabei stark auf „einmal“, sonst wird man schnell als „Wiederholungstäter“ eingestuft.

2. Das Herausarbeiten aus einem beruflichen „Loch“ ist ungleich schwieriger als es die Bemühungen gewesen wären, gar nicht erst hineinzufallen.

Frage-Nr.: 2558
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-05-10

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