Heiko Mell

Der Dr. ist stärker gefordert

Zu Ihrer Antwort auf die Frage 2.522, ob sich eine Promotion lohnt, vermisse ich (bei Zustimmung zu all Ihren Punkten) einen Aspekt, der nach meiner Vermutung nicht nur mich betrifft: Hat man einmal den Titel, steht man unter besonderer Beobachtung seiner Mitmenschen!

Das geht von Bewunderung (eher selten) über Neid (häufiger, wenn auch nicht offen) bis hin zu höheren Ansprüchen, die man an „uns“ (promovierte Mitmenschen) stellt. Wobei die höheren Ansprüche gefühlt immer erkennbar sind. Nicht promovierte Vorgesetzte lassen einen das manchmal schon spüren, jedenfalls dann, wenn sie sich selbst in dieser Hinsicht „unvollkommen“ fühlen – was öfter vorkommt, als man gemeinhin denkt. Bei promovierten Vorgesetzten hat man oft einen Vertrauensvorschuss, der aber unbedingt gerechtfertigt werden muss.

Ich jedenfalls habe diesen erhöhten Anspruch an mich immer gespürt und das als Ansporn für mich genommen. Sicherlich auch deswegen bin ich bis jetzt einigermaßen erfolgreich durch das Arbeitsleben gekommen.

Es besteht aber auch eine Gefahr! Ein promovierter guter Bekannter von mir konnte das nicht als Herausforderung annehmen, sondern ist letztlich mit seiner Promotion sehr unglücklich geworden, obwohl dafür nach rein rationalen Kriterien kein Grund vorlag.

Wenn junge Leute also vor der Entscheidung „Promotion ja oder nein“ stehen, sollten sie m. E. diesen Aspekt bei der Entscheidungsfindung mit berücksichtigen. Nicht jeder will sich ständig beweisen müssen (was ja auch nicht ehrenrührig ist), mit dem Titel hat man aber keine Wahl mehr.

Antwort:

Ihre Zuschrift hat zwei besondere Reaktionen bei mir ausgelöst:

1. Warum hat in den vielen Jahren, in denen wir hier schon über „Promotion ja oder nein“ diskutieren, noch nie jemand diesen eigentlich nachvollziehbaren Effekt angesprochen? Das muss, so entschied ich, an Ihnen liegen. Also habe ich den Rest Ihres längeren Briefes aufmerksam studiert – und bin fündig geworden. Sie schreiben (zu einem anderen Thema) dort: „Ich bin sicherlich kein Überflieger, meine Promotion habe ich über den zweiten Bildungsweg in doch recht hohem Alter (38) hart erarbeitet – und wahrscheinlich nur angestrebt, um mir (und meinem Vater …) etwas zu beweisen.“

Ihr beruflich relevanter Lebenslauf weist einen FH- und danach einen Uni-Abschluss, dann eine Zeit an einem namhaften Institut aus. Und man sollte auch festhalten, dass Sie inzwischen Geschäftsführer sind.

Ich glaube, dass Ihr spezieller Weg und die im fortgeschrittenen Alter abgeschlossene Promotion Sie für Beobachtungen der geschilderten Art sensibilisiert haben. Kürzer gesagt: Es gab für Sie ein längeres „Vorher“, das eine solide Basis liefern konnte für den Vergleich mit „nach der Promotion“. Der heutige und künftige junge Mensch – mit frühem Abitur und ohne Bundeswehr – wird etwa mit 29 promovieren, wenn er den klassischen Weg beschreitet. Dann ist er neun Jahre jünger als Sie damals waren.

Und vergessen Sie auch nicht: Der typische Promotions-Kandidat des 1. Bildungsweges hat- ein Abitur von etwa 1,5- einen TH/TU/Uni-Abschluss mit mindestens 2, meist 1,x- weiß schon länger, dass er promovieren wird (er ist Teil der Uni-Elite und nimmt an Abschlüssen mit, was greifbar ist – die Krönung dessen ist nun mal die Promotion); für ihn ist das alles ein klarer, kurzer Weg, auf dem praktisch keine Zeit bleibt, richtige Berufserfahrungen als Nichtpromovierter zu sammeln.

Wenn er dann auch noch – durchaus typisch – direkt beim Start in eine Abteilung mit vielen promovierten Kollegen gerät, wenn der Chef Dr. ist und dessen Chef auch, dann wächst er heran und weiß gar nicht, wovon Sie reden.

Aber ich habe dennoch in meinem Gedächtnis gegraben, nach einzelnen Begebenheiten und selbst erlebten oder mir berichteten Vorfällen gesucht – und für alles, was Sie schildern, tatsächlich Bestätigungen gefunden.Besonders für die Unfähigkeit mancher(!) Vorgesetzter, die keine Promotion haben, unbefangen mit promovierten Mitarbeitern umzugehen (wenn so etwas vorkommt, scheinen Chefs mit FH-Abschluss anfälliger zu sein als solche von der TH/TU).

Achtung, ein spezieller Hinweis: In der Technik, also im Umfeld von Ingenieuren, sind die Empfindlichkeiten hinsichtlich der Ausbildungshierarchie deutlich größer als z. B. unter Kaufleuten. Nehmen wir einmal diese „Treppe“ als gegeben an: Techniker, Dipl.-Ing. (FH), Dipl.-Ing. TH/TU, Dr.-Ing. Dann ist die Unterstellung eines Mitarbeiters, der selbst einen solchen Abschluss mitbringt,- unter einen Chef mit höherem Abschluss (eine oder mehrere Stufen) absolut unproblematisch,- unter einen Chef mit gleichwertigem Abschluss grundsätzlich unproblematisch,- unter einen Chef mit einem Abschluss aus einer niederrangigen Kategorie oft schon bei einer Stufe problematisch,- unter einen Chef mit einem Abschluss aus einer niederrangigen Kategorie bei zwei oder mehr Stufen sehr problematisch.

Das gilt auch, wenn Chef und Mitarbeiter beide nicht promoviert sind, zur heutigen Frage passen natürlich besonders die Konstellationen, in denen ein Dr.-Ing. vorkommt. Natürlich gibt es Einzelfälle, in denen man dennoch harmoniert, aber verlassen Sie sich nicht darauf.

Die erhöhten Anforderungen, die mitunter an promovierte Mitarbeiter gestellt werden, empfinden Menschen, die den vorstehend umrissenen Standardweg gegangen sind, oft gar nicht mehr. Wer mit einem Einser-Abitur anfängt, gewöhnt sich an solche Erwartungen der Umwelt schon in früher Jugend.

2. Ich glaubte, selbstverständlich immun gegen die „erhöhten Anforderungen“ zu sein, die man als Chef ohne an einen Mitarbeiter mit Promotion stellen könnte („ich doch nicht“). Leider wollte ich mir das bestätigen lassen. Wir hatten vor ca. fünfzehn Jahren, da hatte ich meinen Dr. E. h. noch nicht, einen promovierten Berufsanfänger eingestellt, der heute noch hier ist und meine Nachfolge antreten wird. Ich fragte ihn – und er erinnerte sich noch ziemlich lebhaft an Aussagen von mir ihm gegenüber wie: „Sie sind doch promoviert, da müssten Sie das doch wissen“ und andere „Sprüche“ dieser Art. Autsch!

Sollte etwa die Grundregel lt. 1. in Sachen „FH-Ing. als Chef von Promovierten“ auch für mich gegolten haben? Ich entscheide, dass

a) nicht sein kann, was nicht sein darf,

b) die Regel hier gar nicht gilt, weil der damalige junge Mann kein Ingenieur war und immer noch keiner ist und

c) ich ihn ja nicht vergrault und gemobbt habe, sondern nach Kräften ge- und befördert. Aber dennoch erinnert er sich an solche Geschichten. Man kann also nicht vorsichtig genug sein.

Und falls das ein junger Ingenieur liest, der nun immer noch nicht weiß, ob er promovieren soll, wiederhole ich meine frühere Aussage: Von den vielen Dr.-Ingenieuren, die ich in Vorstellungs- und Karriereberatungsgesprächen kennengelernt und fast immer entsprechend befragt habe, hat noch keiner gesagt, er bereue die Promotion und würde es nicht wieder tun.

PS: Wer meine Ausführungen stets aufmerksam liest, weiß auch, dass dieses letztgenannte Argument eigentlich gar keine Bedeutung hat. Aber es beruhigt doch ganz ungemein, nicht wahr?

Frage-Nr.: 2548
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-03-15

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