Heiko Mell

Weltreise?

Ist eine12- bis 18-monatige Weltreise für einen Jungingenieur mit zwei bis drei Jahren Berufserfahrung eher hinderlich oder hat man dadurch sein Organisationstalent, seine Sozialkompetenz im Umgang mit verschiedenen Kulturen und seine Flexibilität unter Beweis gestellt?

Ist es sinnvoll, diese Auszeit auch zum Arbeitgeberwechsel zu nutzen oder ist es besser, erst mal wieder im alten Unternehmen Fuß zu fassen?

Antwort:

1. Allgemeine, „offizielle“ Aspekte:

1.1 Das Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer beruht auf einem sehr feingesponnenen Geflecht von Rechten, Pflichten und Abhängigkeiten, vom Wissen um übliche Gepflogenheiten auf der jeweils anderen Seite, von der Spekulation mit Wahrscheinlichkeiten aller Art.

Konkret: Der Arbeitgeber wird nicht nur durch den Buchstaben des jeweiligen Arbeitsvertrages vor unkalkulierbaren Handlungen seiner Angestellten geschützt, sondern auch durch das Wissen darum, dass die Mitarbeiter zwar manches tun könnten, dabei aber mehr Nach- als Vorteile hätten und also eher die Finger davon lassen werden. So wäre es juristisch absolut korrekt, wenn alle Mitarbeiter eines Unternehmens gleichzeitig an einem Tag kündigten. Der Arbeitgeber könnte nichts dagegen tun, das Unternehmen wäre ruiniert. Dennoch schläft kein Arbeitgeber wegen dieser „Gefahr“ schlecht, denn er weiß, seine Mitarbeiter werden das niemals tun. Weil sie auf ihr Einkommen angewiesen sind und also vor der Kündigung erst einen neuen Job haben müssten. Weil für viele der jetzige Zeitpunkt lt. Ihrem Lebenslauf höchst ungünstig für einen Wechsel wäre, weil die meisten sich die bei einer solchen Massenaktion in großem Umfang drohenden Nachteile auf dem Arbeitsmarkt gar nicht leisten könnten und, und, und.

Was für die große Masse der Mitarbeiter gilt, gilt auch für den einzelnen Angestellten: seine Kündigung ist zwar stets denkbar – aber der Betroffene muss darauf achten, einen lückenlosen, jederzeit „verkaufbaren“ Werdegang zu behalten, sonst ruiniert er seinen Wert auf dem Arbeitsmarkt. Also scheiden spontane, ohne Rücksicht auf den beruflichen Werdegang vorgenommene, in die freiwillige Arbeitslosigkeit führende Kündigungen aus, damit braucht der Arbeitgeber nicht zu rechnen – der Mitarbeiter ist grundsätzlich kalkulierbar. Es sei denn, er bricht aus, sprengt den hier umrissenen Rahmen üblichen Verhaltens.

Das wäre z. B. der Fall, wenn die Angestellten plötzliche begännen, sich durch Eigenkündigung für ein bis zwei Jahre aus dem Arbeitsleben zurückzuziehen. Jeder dann, wenn ihm danach ist. Wir können bei unserer derzeitigen Arbeitsorganisation ein solches Verhalten nicht zum Standard erheben.

1.2 Arbeitgeber schätzen Mitarbeiter, die beruflichen Aspekten in ihrem Leben einen hohen Stellenwert einräumen, insbesondere im Vergleich zu privaten Belangen. Ob der Mitarbeiter nun jene zwölf bis achtzehn Monate gar nichts tut, seinem Hobby nachgeht, ein Haus mit eigenen Händen aufbaut oder einen Kriminalroman schreibt, ist völlig gleichgültig. Wer sich aus dem Arbeitsleben ausklinkt, zeigt damit einfach, dass er dazu neigt, plötzlich sein berufliches Engagement auf Null zu reduzieren und irgendwelche privaten Vorlieben dominieren zu lassen.

1.3 Grundsätzlich besteht aus Arbeitgebersicht Wiederholungsgefahr: Sie tun es immer wieder. Heute Weltreise Nr. 1, morgen der private Hausbau, dann Weltreise Nr. 2, dann das generelle Ausspannen. Niemand weiß, wann es vorbei ist.

2. Individuelle Aspekte:

2.1 Der den Werdegang anlässlich einer späteren Bewerbung beurteilende Entscheidungsträger hat wahrscheinlich keine solche „Aktion“ in seinem Werdegang aufzuweisen. Er könnte daher entschieden gegen Kandidaten sein, die in einzelnen Phasen ihres Lebens „alles hinwerfen“, nur „um ihren privaten Wunschvorstellungen“ nachzugehen. Es könnte auch purer Neid sein – die Ablehnung wäre dann umso intensiver.

2.2 Wo viele Menschen handeln und entscheiden, sind Ausreißer aller Art denkbar. Von 1.000 Bewerbungsempfängern könnten durchaus etwa fünf (einfach nur geschätzt) eine Weltreise etc. ganz toll finden. Sei es, dass sie es selbst so gehalten haben, sei es, dass ihr Sohn oder ihre Tochter gerade auf dem Trip ist oder sei es gar, dass sie aus früher Jugend unerfüllte Sehnsüchte dieser Art mit sich herumtragen und jetzt positiv auf jene Auszeit reagieren. Diese Manager könnten dann auch die von Ihnen genannten positiven Aspekte eines solchen Vorhabens entsprechend würdigen. Aber es ist ein sehr kleiner Kreis, der so denkt.

3. Handlungsempfehlung:Wenn Sie nur allgemein und unspezifisch von „Weltreisen“ träumen, gleichzeitig aber dem Aufbau einer erfolgreichen Berufslaufbahn mit Zielsetzung „Führungsposition“ hohen Stellenwert einräumen, lassen Sie es besser. Ein paar unerfüllte Träume sind normal.

Wenn Sie ein konkretes Projekt „Weltreise“ seit Jahren engagiert verfolgen, wenn das auf Ihrer Prioritätenliste ganz oben steht, wenn Ihre beruflichen Ambitionen eher nicht in Richtung „Karriere“ gehen und Sie bereit sind, den zu befürchtenden Preis zu zahlen, dann müssen Sie es eben tun.

Wenn Sie es tun, besteht das größte Problem im späteren Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Sofern Sie eine Möglichkeit haben, mit dem früheren Arbeitgeber eine Absprache zu treffen, nutzen Sie die Chance. Zwei bis drei Jahre nach Rückkehr und mit erneuter Berufspraxis seitdem sind Ihre Chancen dann wieder deutlich besser. Außerdem „adelt“ das anscheinend gegebene Einverständnis des früheren Arbeitgebers mit Ihrem Vorhaben (sonst hätte er Sie danach nicht wieder genommen) das ganze Reiseprojekt.

Kurzantwort:

Sie „dürfen“ jederzeit mitten im Berufsleben mehrjährige private Weltreisen unternehmen; Arbeitgeber jedoch, bei denen Sie sich anschließend bewerben, dürfen eine solche private Auszeit so einstufen, wie sie wollen. Standard ist, dass der Arbeitnehmer zwischen Studienende und Rentenbeginn ohne Pause „schafft“; Abweichungen vom Standard sind stets risikobehaftet.

Frage-Nr.: 2543
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-03-01

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