Heiko Mell

Zum Teamleiter über das Ausland?

Ich bin Dipl.-Wirtschaftsingenieur, Anfang 30 und seit mehreren Jahren bei einem deutschen Konzern tätig. Nach einer internen Versetzung bin ich jetzt bei einer Tochtergesellschaft tätig, die Aufgaben gefallen mir und mein Chef ist mit mir zufrieden. Allerdings ist der Konzern inzwischen in nachhaltige wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Es deutet alles darauf hin, dass es Einsparungen beim Personal geben wird. Zwar bin ich in einem wachsenden Teilbereich tätig, aber ich sehe weniger Möglichkeiten, eine von mir angestrebte Position als Teamleiter erreichen zu können.

Also habe ich die Idee entwickelt, mir extern eine neue berufliche Aufgabe im Ausland für ca. drei Jahre zu suchen. Danach strebe ich eine Rückkehr an mit dem Ziel, als Teamleiter zu arbeiten. Ich hoffe, dass ich der ungewissen Situation in der Branche und im jetzigen Unternehmen entkomme, bis sich die Lage beruhigt hat.

Als Vorteile dieses Plans sehe ich die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu sammeln und bessere Bewerbungschancen mit der gewonnenen Auslandserfahrung. Nachteilig wären der geringere Kündigungsschutz im Ausland und eventuell schlechtere Bezahlung. Da mein jetziger Arbeitgeber praktisch keine Auslandsentsendung mehr anbietet, müsste ich mir selbst eine Stelle besorgen.

Ist aus Ihrer Sicht mein Plan sinnvoll? Wie könnte ich an aussagefähige Referenzen kommen, die bei Auslandsbewerbungen oft gefordert werden?

Antwort:

Sie waren während des Studiums schon einmal für ein Jahr an einer ausländischen Hochschule, eine gewisse Basiserfahrung ist also da. Gegen den eventuellen Vorwurf, Ihre Nase beruflich noch nie über die Landesgrenzen hinausgesteckt zu haben, sind Sie also gefeit. Ledig sind Sie auch – mit Frau und zwei schulpflichtigen Kindern sowie den üblichen Hypothekenraten „am Hals“ wäre das alles viel schwieriger.

Sie gingen also nicht per Entsendung Ihres deutschen Arbeitgebers ins Ausland, sondern fingen als auf sich selbst gestellter „Ausländer“ im fremden Land an – das ist ein ziemlich großer Unterschied. Lassen Sie sich vorher in Fragen der Renten- und Krankenversicherung beraten, damit es in diesen wichtigen Fragen keine Überraschungen gibt.

Reden wir über Ihr Motiv für das Vorhaben: Ich habe den Verdacht, Sie wollen schlicht gern in ein ganz bestimmtes Land und schieben die Begründung hier einfach nach. Das wäre natürlich auch erlaubt, aber dann wäre es ratsam, dass Sie es sich offen eingestehen. Es könnte sogar sein, dass auch hier gilt: Wenn ein Mann etwas Ungewöhnliches tut, dann muss man nur so lange bohren, bis man auf die Frau stößt, die als eigentliche Ursache anzusehen ist. Aber das sprengt schon unseren Rahmen.

Ich sehe folgende Aspekte, die Sie für sich gewichten müssen:

1. In unserer von Globalisierung geprägten Welt wird beruflich relevante Auslandserfahrung immer wichtiger. Sie ist oft schon Voraussetzung für bestimmte Karrierestufen, formt in jedem Fall die Persönlichkeit und vermittelt wertvolle Erfahrung. Sie ist übrigens ein Wert an und für sich, auf das Land kommt es dabei kaum an: Wer Polen kennt, „kann auch China“ (etwas überspitzt, das gilt natürlich auch umgekehrt).

2. Es hört sich etwas verdreht an, ist aber der Praxis entnommen: Auslandserfahrung macht sich gut im Werdegang, steigert meist auch den Wert einer Bewerbung – aber erst, wenn die Reintegration in den deutschen Arbeitsmarkt erfolgreich abgeschlossen ist. Also so etwa zwei Jahre nach Rückkehr.

3. Die im Ausland verbrachte Zeit sollte drei, höchstens(!) fünf Jahre nicht überschreiten, sonst gilt man schnell als „auslandsverdorben“, wobei manche Länder schwerer wiegen als manche (europäische Nachbarländer sind unkritischer als „exotische“ Regionen).

4. Der Wert von Auslandserfahrungen liegt auf dem „Funktionieren“ im Ausland; die Anforderungen an die Art der Tätigkeit, an die Stellung in der Hierarchie und an die Größe der innegehabten Verantwortung sind nicht ganz so groß wie bei der Betrachtung einer Inlandslaufbahn (man sollte zwar insgesamt einen „roten Faden“ im Werdegang erkennen können, der Faden darf jedoch dünner oder sogar „geknotet“ sein).

5. Grundsätzlich verstößt Ihr Plan gegen zwei Grundregeln der Karrieregestaltung:

a) Man soll im Laufe des Werdeganges eine Position nur wegen ihres sachlichen Inhalts oder der Einordnung in die Hierarchie anstreben – nicht wegen des „Ortes“, an dem sie angesiedelt ist. Auch „Ausland“ ist eine Art „Ort“.

b) Sie fangen mitten in Ihrem Werdegang etwas an, von dem Sie wissen, dass Sie es in absehbarer Zeit wieder beenden müssen. Sie liefern sich damit der völlig unkalkulierbaren Situation aus, die in etwa drei Jahren auf dem deutschen Arbeitsmarkt herrschen wird. Wir hatten in der jüngeren Vergangenheit schon rigorosen Einstellstopp auch in namhaftesten Häusern. Wer ein Studium anfängt, liefert sich ebenfalls diesem Risiko aus – kann aber nicht anders handeln und braucht sich also deswegen keine Vorwürfe zu machen. Außerdem gäbe es für ihn als Abiturient ohne Ausbildung gar keinen Arbeitsmarkt. Sie aber sind schon ausgebildet und haben einen Job, der noch nicht einmal konkret bedroht ist.

6. Wenn Sie eines Tages zurückkehren wollen, haben Sie zwei Probleme vor sich:

a) Sie bewerben sich aus einem anderen Land heraus. Das kann, je nach Region, unterschiedliche Probleme aufwerfen. U. a. das, wie teuer Ihre Anreise zu einem Vorstellungsgespräch (meist sind es mehrere) wird und wer das bezahlt.

b) Sie passen im Augenblick der Bewerbung nur schwer in eines jener Raster, mit denen der angeschriebene potenzielle Arbeitgeber arbeitet. Sie haben dann etwa drei Jahre lang etwas getan, das vielleicht ungewohnt heißt und anders strukturiert ist als in Deutschland und das man schwer einordnen und vergleichen kann. Außerdem müssen Sie sich im Rahmen der deutschen Bürogewohnheiten erst wieder zurechtfinden. Das ist kein allzu großes Problem, wenn Sie hier wieder nichtführend einsteigen wollen. Aber haben Sie in den Augen des Entscheidungsträgers wirklich einen Vorteil gegenüber jenen 30 Mitbewerbern, die auch alle Teamleiter werden wollen, die aber die letzten Jahre hier in vergleichbaren Unternehmen in leicht einschätzbaren Positionen tätig waren? Hilft Ihnen die Auslandspraxis konkret beim Führen eines deutschen Teams?

7. Schließlich werden Sie in der Regel von dem ausländischen Arbeitgeber kein Arbeitszeugnis nach unserem Standard bekommen. Das fällt vor allem dann ins Gewicht, wenn Sie sich später (nach der Rückkehr) erneut bewerben wollen oder müssen.

Dies ist keine pauschale Warnung vor beruflichen Auslandsengagements. Aber es ist der Hinweis darauf, dass die Auslandsentsendung durch einen im Heimatland ansässigen Arbeitgeber mit im Vertrag garantierter Rückkehr nach Deutschland ihre Vorzüge hat. Beim liberalisierten Arbeitsmarkt innerhalb der EU ist das Gehen „auf eigene Faust“ ins Ausland grundsätzlich problemarm. Aber eine pauschale Empfehlung im Sinne Ihrer Planung ist nicht möglich.

Was die Referenzen angeht: Es gibt ja nicht pauschal „das Ausland“, jedes Land oder jede Großregion hat ihre Gepflogenheiten. In Ungarn wird so etwas anders gesehen werden als in Ägypten, beispielsweise. Referenzen neben Arbeitszeugnissen kennen wir bei Führungspositionen auch. Wenn so etwas gefordert wird, denken Sie an frühere Chefs (pensioniert, ausgeschieden), frühere Hochschullehrer (wenn das Studium erst ein paar Jahre zurückliegt), notfalls befreundete Rechtsanwälte oder externe Geschäftspartner. Oder Sie übersetzen ein – hoffentlich vorhandenes – Zwischenzeugnis und betiteln es „To whom it may concern“. Im Ausland ist manches anders – um den Beweis, das aus eigner Kraft bewältigt zu haben, geht es ja.

Kurzantwort:

1. Auslandserfahrung ist grundsätzlich wichtig und für eine Karriere empfehlenswert.

2. Auslandserfahrung im Werdegang entfaltet ihren Wert erst, wenn die Reintegration in den heimischen Arbeitsmarkt seit einigen Jahren erfolgreich abgeschlossen worden ist.

3. „Auf eigene Faust“ ins Ausland zu gehen, sich dort selbst einen Job zu besorgen und anschließend selbst die Rückkehr zu organisieren, um so die Karriere hier zu fördern, ist gewagt.

Frage-Nr.: 2527
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-12-02

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