Heiko Mell

Wieviel verkraftet ein Lebenslauf?

Frage/1: Mein erstes Anliegen kann man so umreißen: Wieviele fachliche Sprünge verkraftet ein Lebenslauf, oder kann man beliebig zwischen Positionen mit und ohne Führung wechseln?

Ich habe nach dem Studium (Dipl.-Ing. TU, Mitte 40) fast vier Jahre im Vertrieb ohne Personalverantwortung gearbeitet, war dann je drei Jahre selbstständig und Vorstand einer kleineren AG, die mich aufgekauft hatte und danach wieder rund sieben Jahre im Vertrieb ohne Personalverantwortung tätig.

In meinem Berufsleben konnte ich somit Kompetenzen in Vertrieb, Beratung, Projektmanagement, Software-Entwicklung und Mitarbeiterführung erlangen. Dabei war ich vorwiegend in kleineren Unternehmen (unter 100 Mitarbeitern) tätig, aktuell arbeite ich für eines mit weniger als 30 Beschäftigen.

Nun bietet sich mir die Chance, für ein sehr viel größeres Unternehmen, das in eine Gruppe mit mehr als 50.000 Mitarbeitern integriert ist, als Abteilungsleiter für 15 Mitarbeiter etwas aufzubauen. Die Stellenbeschreibung vermittelt den Eindruck, dass ich mein gesamtes Kompetenz-Spektrum einbringen könnte. Dies sieht auch mein möglicher neuer Vorgesetzter nach ersten Gesprächen so.

Ich wäre allerdings nicht mehr hauptsächlich im Vertrieb tätig. Kundenbesuche machen mir aber sehr viel Spaß, und ich genieße heute die Freiheit, vom Home-Office aus zu agieren.

Würde die Annahme dieses Angebots meinen Lebenslauf nicht noch mehr in eine Zick-Zack-Linie bringen und möglicherweise später Probleme verursachen? Falls mein Herz doch mehr am Vertrieb hängt und ich mich neu orientiere? Ich habe jetzt seit rund sechs Jahren wenigstens fachlich (Vertrieb) eine Stabilität im Lebenslauf.

Frage/2: Der bisherige Abteilungsleiter (Vorgänger) beim möglichen neuen Arbeitgeber möchte ein Jahr Auszeit nehmen und will eine Weltreise machen (Information im Bewerbungsgespräch). Bis dahin arbeitet er jetzt als normaler Mitarbeiter und würde mir angeblich bei der Einarbeitung helfen. Wie realistisch ist es, dass man in einer Führungsposition einfach ein Jahr Pause macht? Angeblich hat er keinen Anspruch mehr auf die Position „Abteilungsleiter“, wenn er zurückkommt. Er würde als Mitarbeiter weiterarbeiten. Könnte es nicht sein, dass ich nach seiner Wiederkehr durch ihn ersetzt werde und man also nur eine Vertretung sucht?

Antwort:

Antwort/1: Sie sind ein typischer Vertriebsmann. Irgendwie ist das alles so gewesen, aber der Teufel steckt im Detail – was jedoch den in der Wolle gefärbten Vertriebsmann nur selten wirklich kümmert.So waren lt. Lebenslauf Ihre „fast vier Jahre Vertrieb ohne Personalverantwortung nach dem Studium“ aus meiner Sicht fast fünf, verteilen sich aber auf drei Arbeitgeber. Dann kommt die eigene Firma mit zwei Mitarbeitern, Übernahme durch eine kleine AG, dort tatsächlich Vorstand mit zwanzig geführten Mitarbeitern. Darüber gibt es dann aber kein Zeugnis, danach folgen die fast sechs führungslosen Vertriebsjahre, die sich wiederum auf drei Arbeitgeber verteilen.

Die Zeugnisse sind unterschiedlich, es gibt auch gute – es gibt aber auch eines mit Rausschmiss, „weil wir uns nicht über die Rahmenbedingungen einigen konnten“. Und Sie lieben Ihre Home-Office-Freiheit, würden dann aber Leiter einer Sachabteilung ohne Vertrieb und letztlich dem strengen Reglement eines Konzerns unterworfen. Was nach menschlichem Ermessen nicht zu Ihrer Persönlichkeit passt.

Nein, ich bin fest überzeugt, dass das nichts würde. Sie hängen an Ihren anspruchsvollen Einzelkämpfer-Vertriebsjobs, weit weg von Chefs und Verwaltungsvorschriften. Mit Mitte 40 hat man erreicht, was grundsätzlich möglich war – bleiben Sie dabei.Aber wir haben ja noch weitere Informationen:

Antwort/2: Eigentlich hätte an den Schluss meiner Antwort/1 noch ein Satz gehört: „Unter Würdigung aller Umstände hätte jenes Unternehmen Ihnen dieses Angebot niemals machen dürfen.“ Da ich schon genug Argumente hatte, habe ich mir das geschenkt, nun aber brauche ich das wieder. Im Umfeld der angebotenen neuen Position gibt es nämlich mehrere Besonderheiten:

a) Einjährig pausierende Abteilungsleiter sind selten, unsere Strukturen sind darauf nicht ausgerichtet. Etwas bösartig betrachtet, gilt: Wer ein Jahr lang entbehrlich ist, kann auch auf Dauer entbehrt werden.

b) Einen Arbeitsmarkt für – zwangsläufig nomadisierende – hochqualifizierte Jahres-Vertreter gibt es nicht, schon gar nicht für akademisch gebildete Führungskräfte.

c) Jeder vernünftige Bewerber, der diesen Job grundsätzlich ausfüllen könnte und sich auch dafür interessiert, zuckt sofort zurück, wenn man ihm sagt, das sei nur für ein Jahr.

d) Einen internen Mitarbeiter für ein Jahr zu ernennen und ihn dann wieder zurückzustufen, ist hochgefährlich – man darf einem Angestellten alles geben, aber ihm niemals etwas wegnehmen (siehe auch g).

e) Fazit: Der Chef dieses Abteilungsleiters bekommt in der Regel keine einwandfreie Lösung dieses Problems hin. Etwas muss aber geschehen, also bleibt nur ein Vorgehen nach einem Prinzip, das ich „mauschel, mauschel, brumm, brumm“ nenne.

f) Die gefundene „Lösung“ sieht so aus: Der bisherige Abteilungsleiter, der ja etwas will (ein Jahr unbezahlten Urlaub), muss eine Vorleistung erbringen. Diese besteht darin, dass er schon vorher die Leitungsposition abgibt und seinen „Nachfolger“ als diesem unterstellter Mitarbeiter zur Einarbeitung zur Verfügung steht. Damit wird „glaubhaft“: Nach dem Jahr kommt er als einfacher Mitarbeiter zurück.

Ein Neuling von außen, der – wie Sie – eine solche „Traumposition“ ohne all diese Merkwürdigkeiten niemals bekommen hätte(!), wird angeheuert. Und nun hat der Chef des Abteilungsleiters zwei Optionen: Entweder der „Neue“ packt das überraschenderweise doch, vielleicht sogar besser als der alte Abteilungsleiter, dann ist es ja gut. Oder er packt es nicht, dann wird er gefeuert, der alte bekommt die Leitungsposition zurück.

Der Chef des Abteilungsleiters hat nun eine Lösung, mit der er sich im Konzern sehen lassen kann; der Abteilungsleiter, der ohnehin nicht so an seiner Karriere hängt, hat seine Weltreise – und Sie haben das volle Risiko, sind eine Art „Bauer“ auf dem Schachfeld.

g) Unabhängig von allen anderen Details gilt: Man übernehme niemals(!) eine Führungsposition, wenn der Vorgänger als einfacher Mitarbeiter in der Abteilung verbleibt. Ob das nun eine Zwangsdegradierung oder ein freiwilliger Rückschritt war, ein solcher Mann ist eine tickende Zeitbombe. Entweder zeigt er, dass er alles weiß, das meiste davon besser und ist schwer führbar – oder er ist frustriert, deprimiert, fühlt sich unausgefüllt und ist ebenfalls schwer zu führen.

Also muss ich Ihnen abraten, Ihr Lebenslauf ist „zerklüftet“ genug, eine weitere kurze „Problem-Anstellung“ könnte ihn endgültig ruinieren. Bleiben Sie bei dem, was Sie können: Vertrieb in engem persönlichen Kundenkontakt vom Home-Office aus. Wer dabei tüchtig ist, darf sicher sein: Das ernährt seinen Mann und selbstverständlich würde es das auch mit einer Frau tun.

Kurzantwort:

1. In einem gewissen Umfang sind Arbeitgeber gegenüber „Verwerfungen“ in Lebensläufen durchaus tolerant. Aber immer gibt es auch jenen einen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, dann ist Schluss.

2. Wer einen „belasteten“ Lebenslauf hat, muss damit rechnen, dass ihm offerierte Stellenangebote genau so große und viele „Haken und Ösen“ haben wie sein Werdegang. Damit tragen dann beide Seiten ein erhöhtes Risiko.

Frage-Nr.: 2519
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-11-11

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