Heiko Mell

Fahrrad contra Leitenden-Status

Ich habe einen Migrationshintergrund, meine Eltern stammen aus der Türkei. Ich habe die Hauptschule besucht und mich immer weiter entwickelt: Lehre, Abitur, Dipl.-Ingenieur. Die Diplomarbeit bekam eine Auszeichnung.

Vor etwa vier Jahren habe ich in meine zweite Stelle gewechselt. Die Arbeit dort hat mir viel Spaß gemacht, die Arbeitskollegen waren super. Es war alles sehr harmonisch und sehr gut. Ich bin sehr gerne zur Arbeit gefahren, mit dem Fahrrad hat es ca. 15 Minuten gedauert. Wenn ich morgens etwas zu erledigen hatte, konnte ich das ohne weiteres tun oder auch nachmittags früher gehen. Mit meinem Vorgesetzten hatte ich ein Verhältnis, das super, super, super war. Er ist für mich mehr gewesen als ein Chef, ich konnte mich bei ihm ohne Bedenken aussprechen. Er fehlt mir jetzt. Allerdings gab es in dieser Anstellung wenig Abwechslung. Auch wollte ich meine Auslandsorientierung ausbauen, fand dafür aber keine Gelegenheit.

Im Intranet meines großen Arbeitgebers habe ich eine interessante Stellenausschreibung gefunden und mich erfolgreich beworben (mehr Einkommen, Einstufung als Leitender Mitarbeiter, mehr Projektverantwortung, auch internationale Tätigkeit). Ich habe mich auf die Arbeit sehr gefreut, war und bin dafür hoch motiviert. Es gibt neue Herausforderungen, ich lerne neue Verfahren kennen und habe hier auch noch Möglichkeiten, mich weiter zu entwickeln. Im früheren Bereich hätte ich noch drei Jahre warten müssen, um in die heutige Gehaltsstufe zu kommen. Auch die neuen Kollegen scheinen in Ordnung zu sein; der neue Vorgesetzte ist ein guter, netter Mensch, soweit ich es bisher beurteilen kann.

Was stimmt nicht? Bei der alten Arbeitsstelle wohnte ich „um die Ecke“ und fuhr mit dem Fahrrad – kein Stau, keine Autofahrt. Die neue Stelle ist 65 km entfernt. Ich fahre diese Strecke jetzt seit fünf Tagen (Sie werden sagen, das ist ja noch nichts – das würde ich eigentlich auch sagen). Ich hatte mich auch vorher schon gedanklich auf die Fahrt eingestellt, kannte die Strecke von gelegentlichen Dienstfahrten und Seminarbesuchen. Jetzt habe ich erschreckt festgestellt, dass ich nicht für diese Pendelfahrten mit dem Auto einschließlich der Staus geeignet bin. Ich werde auch nicht umziehen (Familie hat sich am bisherigen Wohnort eingelebt, ich sorge für meine alten Eltern).

Mit meinem früheren Vorgesetzten habe ich offen gesprochen, er würde mich sofort zurücknehmen (aber nicht als Leitenden Mitarbeiter und zu geringerem Gehalt). Er hat Entwicklungschancen angedeutet – ich würde in ca. drei Jahren höher eingestuft, müsste dann aber länger auf die nächste Höherstufung warten. Was kann ich machen? Wie kann ich herausfinden, was für mich besser ist?

Antwort:

Wer täglich mit Bewerbern umgeht, hält auch das hier durchaus für möglich, soviel vorab. Wir wollen nur hoffen, dass unsere chinesischen Freunde – oder gegen wen wir uns auf dem Weltmarkt sonst durchsetzen müssen – auch solche Probleme haben. Ich meine: zum Ausgleich, wegen der Chancengleichheit und so.

Zur Sache: Wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis. Das ist ein deutsches Sprichwort, beschreibt Ihre Situation in der „alten“ Stelle und enthält, ich sage das zur Vorsicht, keinerlei herablassende Elemente Ihnen gegenüber. Aber so ist das – wenn es den Leuten zu gut geht, verlassen sie das Paradies (hat schon Adam ähnlich praktiziert, ihm war wohl auch ein wenig langweilig geworden). Aber: Grundsätzlich war Ihr Entschluss, trotz guter Begleitumstände die alte Stelle zu verlassen und zum Zwecke der persönlichen Weiterentwicklung zu „neuen Ufern“ aufzubrechen, absolut richtig. So etwas wird irgendwann einfach „fällig“.

Bei der Gelegenheit: Gehen Sie unter keinen Umständen an die alte Stelle zurück! Sie waren dort damals gelangweilt – und würden es nach ein paar Tagen wieder sein. Blicken Sie vorwärts, nicht zurück!

Niemand liebt lange tägliche Pendelfahrten und nur äußerst eigensinnige Menschen lieben Staus. Aber beides ist nun einmal in diesem Lande der Preis, den man für einen guten Job zahlt. 65 km sind etwas weit, bis zur Rente sollten Sie das nicht tun. Aber so drei bis vier Jahre ist das in Ihrem jugendlichen Alter grundsätzlich zumutbar. Dafür haben Sie ja auch etwas bekommen. Dass man für das Erreichen von Zielen Preise zahlt, wird Ihnen noch öfter unterkommen. Es gibt beim Aufstieg keine rundum idealen Umstände, ganz bestimmt nicht. Zeigen Sie, dass Sie das Zeug zum Leitenden haben und halten Sie einfach durch! Vor den ersten Problemen gleich wegzulaufen, ist keine Lösung.

Kurzantwort:

Die Forderung, neue, weiterführende Positionen stets mit dem Fahrrad erreichen zu können, ist fast ein bisschen naiv.

Frage-Nr.: 2501
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 33
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-08-12

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