Heiko Mell

Alternative gesucht

Frage/1: Ich bin seit neun Jahren als Entwicklungsingenieur bei meinem ersten Arbeitgeber in einer technisch sehr anspruchsvollen Branche tätig. Das Produkt ist fachlich reizvoll, die Bezahlung stimmt und das Arbeitsklima in meiner Abteilung ist so, wie man es sich nur wünschen kann. Interne Wechsel ohne Beförderungen haben meinen Horizont und mein Netzwerk in der Firma erweitert.

Trotzdem stellt sich bei mir mittlerweile ein gewisses Gefühl der beruflichen Perspektivlosigkeit ein. Außerdem schaudere ich angesichts der Ratschläge in dieser Serie bei dem Gedanken, bis zur Rente in meiner Position zu verbleiben und mache mir Gedanken, wie ich meine Laufbahn aktiv sinnvoll gestalten soll.Ich möchte nicht nur mit fünfzig sorgenfrei in die Zukunft blicken können, sondern vom Gefühl begleitet sein, etwas aus meinem Berufsleben gemacht zu haben.

Frage/2: Ich schätze mich beruflich durchaus als engagiert ein und bekleide auch privat Vorstandsämter in Vereinen u. ä., allerdings auch hier in keinem Fall als Vorsitzender oder Führender. Personalverantwortung strebe ich nicht an und sehe auch solch einen Schritt in Anbetracht meiner bisherigen Lebenserfahrung besonders skeptisch. Ohne Not dieses Risiko einzugehen scheint mir töricht, obgleich ich aus Ihrer Serie immer wieder entnehme, eine Laufbahn ohne irgendeinen Aufstieg nach oben sei langfristig alternativlos.

Frage/3: In meiner konkreten Situation sehe ich drei Möglichkeiten:

I. Auf meiner jetzigen Stelle zu bleiben, meine fachliche Qualifikation weiterzuentwickeln und hoffen, in den nächsten 30 Jahren nicht entlassen zu werden. Es gibt zahlreiche und geschätzte Kollegen im fortgeschrittenen Alter, die ihre Nische irgendwo gefunden haben; die Fluktuation ist außerdem gering.

II. Meinen Lebenslauf und Erfahrungsschatz erweitern und den Arbeitgeber wechseln. Der unvermeidliche Ortswechsel mit allen Konsequenzen und das Risiko, das jeder Firmenwechsel mit sich bringt, sind in dieser Serie zur Genüge diskutiert worden. Die Frage ist, worin die Chancen liegen, wenn mit dem Wechsel kein erkennbarer Aufstieg verbunden ist, ich woanders also letztlich den gleichen Job für das gleiche Gehalt mache und über kurz oder lang vor dem gleichen Problem stehen werde.

III. Erkennen, dass ich in der Welt (Sie würden schreiben, „im System“) der Privatwirtschaft nicht richtig aufgehoben bin und etwas ganz anderes machen. Vorstellbar wären etwa ein Wechsel in den öffentlichen Dienst zu einer Aufsichtsbehörde, in die Consultingbranche oder auch etwas Exotisches wie eine Tätigkeit als Entwicklungshelfer.

Die größte Anziehungskraft übt sicher Variante III aus. Ich vermute aber, dass Sie gerade diese besonders skeptisch einschätzen und freue mich auf Ihre Analyse und Ihren Rat.

Antwort:

Antwort/1: Bis hierhin haben wir es mit drei interessanten Ansatzpunkten zu tun:

a) Ihr „gewisses Gefühl der beruflichen Perspektivlosigkeit“ wird, das kann ich Ihnen versprechen, bleiben und wachsen – sofern Sie nicht aktiv etwas dagegen tun.

b) Für einen Angestellten in der freien Wirtschaft gibt es keinen garantiert sorgenfreien Blick in die Zukunft. Das gehört zum Prinzip des Systems. Sorgenarm geht, sorgenfrei nicht.

Stellen Sie sich vor, Sie wären vor einigen Jahren Spezialist für eine spezielle, jetzt täglich in der öffentlichen Diskussion befindliche Kraftwerkstechnik gewesen. Was ursprünglich einmal eine ganz vernünftige Idee hätte sein können. Dann heißt es auf politischer Ebene „Ausstieg aus dieser Technologie“, dann heißt es „Laufzeitverlängerung“ (damit hätte es bei vielen Spezialisten bis zur Rente reichen können), jetzt ist plötzlich „Ausstieg sofort“ angesagt – bis zum nächsten Sinneswandel. Sie können das auch eine Nummer kleiner haben: von immer möglichen Firmenpleiten bis zu Zerwürfnissen mit Chefs.

Nein, dieser Ihrer Wünsche ist nahezu unerfüllbar. Das heißt nicht, entsprechende Existenzsorgen werden garantiert, aber es heißt, Sie sind berufslebenslang zu Wachsamkeit und vorsichtigem Taktieren aufgerufen.

c) Sie wollen eines Tages sicher sein, „… etwas aus meinem Berufsleben gemacht zu haben“. Das ist ein sehr menschliches Bestreben, es ist uralt und kann durch zwei recht bekannte Zitate eingegrenzt werden:

„Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehen“ heißt es in Faust II von Goethe. Ausgedrückt wird der Wunsch des Menschen, etwas von Dauer zu schaffen, etwas „gemacht zu haben aus dem Leben“. In dieser anspruchsvollen Form gelingt das nur wenigen, aber das Prinzip wird deutlich.

„Er lebte, nahm ein Weib und starb“ (aus „Der Greis“ von Ch. F. Gellert) beschreibt das Leben eines Menschen, über den es am Schluss nichts von Bedeutung zu sagen gibt.

Dazwischen orientieren wir uns. Irgendwie. Nun kann nicht jeder Großes hinterlassen. Daher reagiere ich auf Überlegungen dieser Art („etwas aus meinen Berufsleben gemacht …“) mit der Empfehlung: Holen Sie aus sich heraus, was drinsteckt, bringen Sie Ihre individuellen Fähigkeiten zur Entfaltung. Auch dazu noch ein kleines Beispiel: Denken Sie daran, wie unbeliebt sich ein Skatspieler macht, der niemals sein Blatt ausreizt und aus lauter Vorsicht stets hinter dem zurückbleibt, was ihm möglich gewesen wäre.

Antwort/2: Sie haben den letzten Satz missverständlich formuliert. Es müsste „mit irgendeinem Aufstieg“ heißen. Alternativlos habe ich übrigens nie gesagt. Die Praxis zeigt ja auch, dass es mindestens zwei Alternativen zum klassischen Aufstieg mit Personalverantwortung gibt:

a) Sie bleiben einfach Sachbearbeiter bis zur Rente. Wer sich umschaut, sieht: Die Abteilungen vieler Unternehmen sind voller solcher Mitarbeiter, die ja auch einen wertvollen Beitrag zum Erfolg des Ganzen liefern, die vor allem spezielles fachliches Know-how und vielfältige Erfahrungen haben; auf beides kann kaum ein Betrieb verzichten.

b) Sie steigen in eine interne Fachlaufbahn ein – sofern Ihr Arbeitgeber sie anbietet. Dort können Sie auf Spezialistenebene hoch aufsteigen, fachliche Verantwortung übernehmen, mit Führungslaufbahnen vergleichbare gehaltliche Dimensionen erreichen.

Die Einschränkungen dabei: Gedacht sind diese Fachlaufbahnen vorwiegend zur Bindung der entsprechenden Mitarbeiter an das jeweilige Unternehmen und zum Ausbau der hauseigenen Fachqualifikation. Das Instrument gibt es schon sehr lange, es hat auch sehr überzeugende Vorteile für das Unternehmen und auch einige für die Mitarbeiter. Ob es z. B. für Sie mit Ihren neun Berufsjahren noch möglich ist, in einem anderen Unternehmen als externer Bewerber in die Fachlaufbahn hineinzuspringen, kann ich pauschal nicht sagen. Besonders gut geeignet ist dieser Weg für Spezialisten, die von Anfang an im jeweiligen Unternehmen tätig sind.

Ein großes Problem kann sich ergeben, wenn Sie in den gehobenen Stufen der Fachlaufbahn stecken – und wechseln wollen oder müssen. Ihre fachliche Ausrichtung ist dann hochspeziell, die Zahl passender neuer Arbeitgeber ist denkbar klein – und wenn diese dann noch dazu keine Fachlaufbahn haben, können sie nichts mit dem „extrem hoch bezahlten Sachbearbeiter ohne Führungspraxis“ anfangen. Das alles gilt es sorgfältig abzuwägen.

Aber: Ohne Alternative ist ein Berufsleben mit klassischem Aufstieg nicht.

Antwort/3: Streichen Sie I. Das beseitigt Ihr Problem nicht, dieses wird im Gegenteil immer größer. Und wenn Sie mit 45 wechseln müssten, hätten Sie kaum noch Chancen.Sie sind, um Ihren Fall für die anderen Leser transparenter zu machen, Dipl.-Ing. (univ.), Mitte 30, ledig (daher ginge der Entwicklungshelfer), Ihre 1,x beim Abi entspricht exakt der 1,x beim Examen. Ihre Abneigung gegenüber der oder Ihre vermutete fehlende Begabung zur Führung nehme ich hin. Eine Eignung für vierzig Jahre Tätigkeit auf gleicher Ebene in unveränderter Umgebung leugne ich jedoch bei Ihnen.

Sie kennen meine (sehr pauschal zu sehende) 5-Jahres-Regel: alle 5 Jahre einen Aufstieg (falls karriereinteressiert), mindestens 5 Jahre pro Arbeitgeber, Vorsicht bei deutlich mehr als 5 Jahren unveränderter Tätigkeit im selben Job, Warnung vor einer Überschätzung der Erfahrungszuwachskurve, die anfangs steil, nach 5 Jahren nur noch geringfügig ansteigt (außer bei personalberatenden Serienautoren, selbstverständlich). Es scheint als täte dem Menschen eine berufliche Veränderung nach diesem Zeitraum gut.

Auch bei Ihnen verteilen sich Ihre fast zehn Jahre auf zwei verschiedene Tätigkeiten -nun werden Sie unruhig. Und Sie sind ein viel zu wacher Geist, um beim Gedanken an dreißig weitere Jahre etwa nicht nervös zu werden. Ach, versuchen Sie doch einmal herauszufinden, wie hoch der Anteil von 1,x-Examen bei den erwähnten „zahlreichen und geschätzten Kollegen“ ist, die „ihre Nische irgendwo gefunden haben“.

Mir gefällt Nr. II trotz Ihrer – richtigen – Argumente gar nicht so schlecht. Sie kennen bisher nur dieses eine Unternehmen. Es könnte sehr speziell sein. Ein Wechsel würde Sie zu beruflich relevanten neuen Aktivitäten zwingen, Ihnen neue Einsichten vermitteln und Ihnen schließlich eine völlig andere Arbeitsumgebung bescheren. Letztere wird Sie auf anderen Feldern fordern, Ihnen andere Laufbahnbeispiele und andere Führungspersönlichkeiten nahebringen. Vielleicht bringt das Saiten in Ihnen zum Klingen, von deren Existenz Sie noch gar nichts wussten – mit allen möglichen Folgen.

Außerdem: Bis Sie dieses Experiment so richtig verdaut haben, sind dann wieder fünf Jahre vergangen. Sie verändern sich in dieser Zeit, ich wünsche Ihnen eine Frau, drei Kinder und Hypotheken für ein Haus (das Berufsleben ist auf diesen Standardtyp zugeschnitten, der findet auch besser die Antworten auf zentrale Sinnfragen des Lebens).

Die Chancen liegen bei II. also in denkbaren Perspektiven irgendwelcher Art – im Vergleich zur garantierten „gähnenden Langeweile“ heute. Meine Hoffnung dabei: Jemand überträgt Ihnen dort ein tolles, aufreibendes Projekt – und fordert Sie damit fachlich und persönlich(!) bis auf die Knochen.

Mit II. würden Sie also nichts falsch machen und – vermutlich – neue Tore aufstoßen in die große berufliche Welt.

Nun zu III.: „Ich möchte etwas ganz anderes machen“ ist ein oft geträumter Traum von Unzufriedenen. Wäre ich Seelentherapeut, riete ich gelegentlich dazu. Nun bin ich aber Karriereberater in einem mit Minenfeldern gespickten System – und rate eher ab. Teils aus Prinzip, teils weil manche Ratsuchende mir die Argumente „frei Haus“ liefern.

Beispielsweise Sie: Was haben die von Ihnen genannten Alternativen „öffentlicher Dienst/Aufsichtsbehörde“, „Consultingbranche“ oder „Entwicklungshelfer“ mit Ihrer heutigen, in einem freien Land selbst gewählten Tätigkeit als Entwicklungsingenieur zu tun? Was verbindet diese Tätigkeiten miteinander – außer dem sehr, sehr fadenscheinigen Aspekt, jeweils „anders“ zu sein? Wie wollen Sie oder der Empfänger einer entsprechenden Bewerbung hinreichend Sicherheit gewinnen, dass der Neubeginn dann die endgültig gefundene berufliche Richtung ist und dass Sie nicht in zehn Jahren die gleichen Fragen wieder stellen würden? Und als „Wanderer zwischen den Welten“ enden.

Sagte ich in dieser Serie schon, dass es auch ein Kreuz sein kann, mit 1,x-Kandidaten zu tun haben zu dürfen? Und wenn dann auch noch jemand sich weigert, sein heute nicht ausgelastetes großes Leistungspotenzial durch die im System dafür vorgesehene anspruchsvolle, fordernde und angemessene Aufgabe ausreizen zu lassen (weil er sagt: Erheitert mich, aber führen will ich nicht), dann bringt er auch abgebrühte Karriereberater noch in Rage.

Fazit: Sie sind durch Ihre heutige Aufgabe als Entwicklungsingenieur nicht hinreichend gefordert. Abteilungsleiter z. B. klagen seltener über Unterforderung.

Und: Natürlich kann es sein, dass Sie ein ganz toller Entwicklungshelfer sein würden, nur woher soll ich das wissen? Aber falls Sie das nicht bis zur Rente machen könnten oder wollten: Was käme dann in Ihrem Falle danach?

Vielleicht hätten Sie damals (2002) auf der Basis Ihres guten Examens promovieren sollen, eventuell hätte Ihnen das fachlich eine andere Dimension erschlossen. Probieren Sie es jetzt einmal mit Nr. II, das bringt Ihnen in jedem Fall neue Herausforderungen und ggf. auch neue Perspektiven.

Kurzantwort:

1. Ein intelligenter, hervorragend ausgebildeter Akademiker, der sich nach zehn Berufsjahren unausgefüllt fühlt, kann so nicht bis zur Rente weitermachen.

2. Das System sieht als Perspektive, Ehrgeiz vorausgesetzt, den kontinuierlichen Aufstieg vor. Wer sich dem verweigert, sollte wenigstens einen Wechsel auf gleicher Ebene riskieren. Dieser eröffnet neue Chancen und Herausforderungen – und verhindert Stumpfsinn.

3. Undifferenziert „einmal ganz etwas anderes“ tun zu wollen, ist eventuell „menschlich verständlich“, karrieretechnisch jedoch ziemlich gefährlich. „Anders“ ist kein Gütezeichen!

Frage-Nr.: 2498
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-07-07

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