Heiko Mell

Soll ich meinem Chef folgen?

Ich (Anfang 30) habe nach mehreren Jahren praktischer Tätigkeit relativ spät berufsbegleitend studiert (FH) und hatte bei meinem letzten Arbeitgeber (A) zuletzt die fachliche Leitung eines Teams.

Kürzlich habe ich den Arbeitgeber gewechselt und bin jetzt als „Senior XY“ bei B tätig. Meine Wechselgründe waren Ausbau meiner fachlichen Basis und Gehaltsverbesserung (wegen meiner damaligen nichtakademischen Ausbildung war ich damals sehr niedrig eingestiegen und konnte mich beim Wechsel um 50% verbessern). Ich schied mit einem sehr guten Arbeitszeugnis bei A aus.

Der Einstieg beim neuen Arbeitgeber B verlief absolut erwartungsgemäß. Auch die Chemie zwischen meinem direkten Vorgesetzten und mir stimmte. Ich hatte auch das Gefühl, dass er sich sehr für die persönliche Entwicklung „seiner“ Leute interessiert und einsetzt.

Leider haben sich überraschend organisatorische Veränderungen im Hause B ergeben, mein Vorgesetzter hat das Haus verlassen und steigt anderswo ranghoch ein. Im Zuge unseres Abschiedsgesprächs deutete er an, er stehe einer weiteren Zusammenarbeit mit mir im neuen Unternehmen (C) aufgeschlossen gegenüber. Inzwischen haben wir einen Gesprächstermin in dieser Angelegenheit vereinbart.

Ist es sinnvoll, meinem Chef in das neue Unternehmen C zu folgen? Dabei könnten diese Aspekte eine Rolle spielen, zunächst die negativ zu sehenden:Die sehr kurze (einige Monate) Beschäftigungsdauer bei B wäre ein Schwachpunkt meines Lebenslaufs.

Ich habe derzeit in einem kritischen Projekt eine „tragende Rolle“, mein kurzfristiger Ausstieg würde für Turbolenzen sorgen. Ein gutes Arbeitszeugnis wäre also unwahrscheinlich.Ob ich bei C eine bessere Position bekäme als ich sie jetzt bei B habe, ist absolut ungewiss.

Positiv wären zu sehen:Ich erwarte beim vertrauten Chef bessere Karrieremöglichkeiten, da er sich bei meiner Einstellung bei B und jetzt wieder bei seinem Wechsel zu C für mich entschieden hat.

Da mein früherer B-Chef bei C in der Hierarchie aufsteigt, sehe ich tendenziell dort auch bessere Chancen für meinen Karriereweg.C ist größer als B und genießt am Markt einen noch besseren Ruf.

Vermutlich würde ich mich beim Wechsel finanziell noch einmal verbessern können.

Antwort:

Ich halte es für denkbar bis wahrscheinlich, dass große, als siegreich in die Geschichte eingegangene Feldherrn für den Fall einer Niederlage gar keinen Plan hatten. Sie setzten schlicht alles „auf Sieg“ – wir kennen fast ausschließlich diejenigen, bei denen das zu einem guten Ende kam. Von den Verlierern redet man selten bis gar nicht (es sei denn, sie hatten ihren Ruhm schon vorher in anderweitigen Schlachten erworben). Oder kennen Sie die Namen der Gegner von Nelson aus den Seeschlachten bei Abukir und Trafalgar? Wer siegte, ging in die Geschichte ein, wer verlor, war nur noch etwas für die Historiker späterer Generationen.

Nun gibt es jedoch einige Unterschiede zwischen dem Feldherrn von damals und dem Angestellten von heute. Dessen Ziel heißt nicht Siegen um jeden Preis, sondern Überleben. Er kann in der Regel weniger dauerhaften Ruhm ernten, muss dafür aber auch nicht „alles“ riskieren. Aber er braucht einen tragfähigen Plan für den Fall, dass sich Hoffnungen nicht erfüllen.

Wenn also „Überleben“ das zentrale Anliegen sein muss (heißt: mit 67 aus einem rundum befriedigenden Job glücklich in Rente zu gehen), dann sind die Risiken sehr sorgfältig abzuwägen. Dabei gibt es keinerlei Sicherheit, weder im Bereich der Chancen, noch in dem der Risiken. Und wer gar nichts riskiert, kann auch gar nichts gewinnen.

Auf dieser komplizierten Basis zum konkreten Fall: Sie haben alles richtig aufgelistet und geordnet, ich würde nun aber bei der Gewichtung ansetzen:Ihr früherer B-Chef, der jetzt zu C geht, sitzt dort noch gar nicht fest im Sattel, ist noch lange nicht etabliert und wird zunächst einmal in Probezeit tätig sein. Wenn er dort hinausfliegt, fliegen Sie noch vor oder gleich nach Dienstantritt mit. Und dann?

Und wofür das alles? Für einen unklaren Job, für keine Verbesserung gegenüber heute – und für den Verzicht auf freiwilliges Verlassenkönnen dieses C-Arbeitgebers für viele Jahre (wegen der kurzen B-Zeit).

Nein, diesem erheblichen Risiko steht absolut keine adäquate Chance gegenüber. Bleiben Sie mit diesem früheren Vorgesetzten in lockerer Verbindung, warten Sie ab und versuchen Sie, auf mindestens zwei bis drei Dienstjahre bei B zu kommen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2489
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-05-26

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