Heiko Mell

„Schneller wechseln“ oder „länger bleiben“?

Fragesteller A:

Es ist heute nicht mehr zwingend erforderlich, mindestens fünf Jahre bei jedem Arbeitgeber zu bleiben. Viele unternehmerische Entscheidungen sind heute, abhängig von der Branche, auf einen wesentlich kürzeren Zeitraum ausgerichtet. Dementsprechend werden Mitarbeiter und Führungskräfte gesucht, die in der Vergangenheit bewiesen haben, sich schnell in neue Themenstellungen einarbeiten zu können. Beispielhaft kann ich verschiedene Unternehmen der Computerindustrie und Telekommunikation nennen. Ich möchte nicht behaupten, dass alle Unternehmen dieser Branchen kurzfristig ausgerichtet sind, sondern ein immer höherer Anteil und immer mehr Geschäftsbereiche, insbesondere im internationalen Umfeld. Je höher der erreichte Karrierelevel, desto mehr sind Sie dieser Kurzfristigkeit persönlich ausgesetzt.

Bevor Sie in bekannter Weise spekulieren und mich nun einschätzen: Ja, ich war für sehr viele Arbeitgeber tätig (fünf in achtzehn Jahren Berufsweg nach dem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an der TU …). Der Wechsel war in 80% der Fälle nicht zu meinem Nachteil.

Trotzdem spüre ich langsam eine Form des „Ausbrennens“ und suche in der von mir erreichten Verantwortungsebene als Bereichsleiter eine Position, die ich wirklich für eine lange Zeit bekleiden kann – „möglichst bis zur Rente“. Die Position habe ich jetzt gefunden.

Fazit: Die von Ihnen aufgestellten Regeln für einen erfolgreichen Berufs- und Karriereweg sind in der Vergangenheit sowie in traditionell geprägten Unternehmen definitiv richtig, in einer Fülle anderer Unternehmen nicht zwingend.

Fragesteller B:

Ich lese Ihre Beratung hauptsächlich wegen ihres Unterhaltungswertes. Es ist fast rührend, wenn Sie so manchem Neuling wie ein väterlicher Freund bei den ersten Schritten in die ach so harte Berufswelt zur Seite stehen. Ich genieße es aber förmlich, wenn Sie wieder einen dieser ganz schlauen Überflieger vom Himmel holen und ihn mit Ihrer fast schon übermenschlichen Berufserfahrung in der uns alle umgebenden Normalität wieder erden. Vielen Dank für die kurzweilige Wochenendunterhaltung.Ich will Sie nicht mit noch mehr Lob überhäufen – die Karriereberatung vom 21.01.2011 hatte ohnehin nur mehr entfernt etwas mit dem Titel dieser Rubrik zu tun. Passender wäre der Titel „Heiko Mell Fanpost“ gewesen (sprach“s und fügte ein weiteres Stück Fanpost hinzu – was dann wahrscheinlich einen anderen Leser ärgert; H. Mell).

Ich stimme mit Ihren Sichtweisen meist überein und habe die von Ihnen beschriebenen Gesetzmäßigkeiten in über zwanzig Jahren im Berufsalltag oft bestätigt gefunden. Es steht außer Frage, dass Ihre Grundsätze wie: örtliche Flexibilität, Sorge um die Gunst des Vorgesetzten, Achtung der üblichen Gepflogenheiten im Berufsalltag … einer positiven Karriere förderlich sind. Haben Sie aber nicht in Ihrer langjährigen Tätigkeit als Personalberater die Erfahrung gemacht, dass zu einem erfüllten Berufsleben mehr gehört?

Ist nicht das Festhalten an einem Heimatort mit seinen sozialen Netzwerken, der eigenen Familie, der vertrauten Umgebung und Landschaft und dem vielleicht höheren Freizeitwert einer Landgemeinde – verglichen mit einer Großstadt – eine wertvolle Basis und Kraftquelle für eine anspruchsvolle und fordernde Aufgabe in einem regionalen Unternehmen? (Ganz nebenbei halte ich die „Normverweildauer“ je Unternehmen von drei bis fünf Jahren für eine vermeidbare Schädigung der Volkswirtschaft).

Ich plädiere also für längere Verweilzeiten pro Arbeitgeber – wobei ich das etwas differenzieren möchte. Ich habe nach zwei halbjährigen Praktika bei zwei Konzernen mein berufliches Glück bei zwei klassischen Mittelständlern (einmal sieben und einmal dreizehn Jahre) gesucht. Erfahrungen in verschiedenen Unternehmen sind äußerst wichtig, da sonst eine fatale „Stallblindheit“ droht.

Natürlich lässt sich mit geplanten Arbeitgeberwechseln der berufliche Aufstieg erheblich beschleunigen. Genau das gilt es allerdings zu hinterfragen! In den klassischen Ingenieurberufen folgt nach einem Wechsel des Unternehmens eine ca. einjährige Lernphase (bei einem Wechsel der Branche teilweise noch länger). Richtig sattelfest ist man nach zwei bis drei Jahren im Unternehmen – erst dann, so behaupte ich, arbeitet ein Ingenieur wirklich „gewinnbringend“. Wenn er dann schon wieder nach der nächsten Herausforderung beim nächsten Unternehmen schielt, ist das jener vermeidbare volkswirtschaftliche Schaden, von dem ich spreche. Natürlich liegt damit die Verantwortung vor allem bei den Unternehmen, die interne Entwicklungsmöglichkeiten bieten müssen, um leistungsorientierte Mitarbeiter langfristig im Unternehmen zu halten.

Antwort zu A:

Ich kann, solide aufbauend auf Ihren Fakten, auch eine andere Aussage über die Statistik Ihres Lebenslaufs treffen: In den letzten zwölf Jahren (vorher gab es eine nach den mir vorliegenden Daten nicht ganz klare Phase) haben Sie derzeit den sechsten Arbeitgeber – und dort ist Ihre Dienstzeit noch sehr kurz. Wenn Sie jetzt, besonders belastet durch diese viel zu kurze Tätigkeitsphase beim heutigen Unternehmen, wieder auf Stellensuche gehen müssten, stünde es nicht gut um Sie. Und wie wir beide wissen: Ein Manager kann seine Anstellung sehr plötzlich und ohne eigene Schuld verlieren – dagegen ist man in keinem Wirtschaftsunternehmen gefeit.

Die Unternehmen arbeiten stets nach dem Prinzip: Erlaubt ist, was uns nützt. Sie mögen keine Häufigwechsler – aber wenn sie dringend ein drückendes personelles Loch stopfen müssen, kein vergleichbarer Mitbewerber da ist und dieser eine Kandidat fachlich die Lösung bringen könnte, dann schließen sie notfalls auch Kompromisse, die gegen elementare Grundsätze verstoßen. Der nächste Bewerbungsempfänger kann viel strenger reagieren – oder auch dieses tolerante Unternehmen in seinem nächsten, ein bisschen anders gelagerten Beschaffungsfall.

Der Hinweis auf die zunehmenden kurzfristig angelegten Projekte in bestimmten Branchen ist absolut berechtigt. Aber dafür braucht man flexible Manager und Mitarbeiter, nicht zwangsläufig ständig neue.

Grundsätzlich muss jede aufgestellte Regel auch pauschal immer anwendbar sein. Und da wird klar: Ein klassisches Industrieunternehmen kann nicht mit einer Belegschaft von qualifizierten Angestellten leben, die alle zwei Jahre die Firma wechseln. Im Einzelfall sind – wie immer – Ausnahmen möglich. Aber kein Bewerber kann sich darauf verlassen, dass er stets und auf Dauer als eine solche durchgeht. Auch in Ihrem Fall besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dahingehend, dass Sie Ihre heutige (sehr gute) Managementposition nicht wegen, sondern trotz Ihrer bisherigen kurzen Dienstzeiten bekommen haben.Vielleicht (und warum auch nicht) machen Sie im Gespräch einen so überzeugenden Eindruck, dass Sie alle eventuellen Bedenken überspielen. Wer da ein wenig schwächer wäre als Sie, könnte schon im ersten Durchgang scheitern.

Ich gehe am Schluss noch einmal grundsätzlich auf das Problem sein. Zunächst kommt aber ein Leser, der genau das Gegenteil von mir will: Man solle nicht kürzer „verweilen“ als ich es sage, sondern länger.

Antwort zu B:

Über die Vorzüge des ländlichen Umfelds gegenüber der Großstadt ließe sich trefflich streiten, das wollen wir uns schenken. Beides hat etwas für und aus anderer Sicht ebenso viel gegen sich, es geht um Heimat und die „Gnade der zufällig gegebenen Geburtsregion“. Auch beispielsweise der überzeugteste Bayer muss zugeben, dass seine landsmannschaftliche Zugehörigkeit nicht auf einer abgewogenen Auswahl aus allen deutschen Angeboten und Möglichkeiten beruht, sondern auf der „geostrategischen“ Zufälligkeit seines Geburtsorts: Wären seine Eltern vor seiner Geburt nach Berlin gezogen und dort geblieben, wäre er ein Flachland-Weltstädter mit einem Dialekt geworden, vor dem es ihm heute graust.Halten wir erst einmal fest: Leser A plädiert für häufigere, B hingegen für eher weniger häufige Arbeitgeberwechsel. Und ich? Ich erkläre das zu einem „großen Thema“ und werde grundsätzlich:

Antwort zu A + B: Sieht man sich Lebensläufe an, ist die Dienstzeit pro Arbeitgeber eine von mehreren Möglichkeiten, entscheidende Fehler zu begehen. Natürlich kann ich hier nicht jedem denkbaren Einzel- und Sonderfall gerecht werden. Aber als grundsätzliche Orientierung kann gelten:

1. Dass es überhaupt Arbeitgeberwechsel gibt, ist volks- und betriebswirtschaftlich absolut unverzichtbar. Das einzelne Unternehmen muss Arbeitskräfte abbauen oder hinzugewinnen können, die Arbeitslosigkeit als einziger Puffer dazwischen ist nicht wünschenswert. Und der einzelne Mitarbeiter muss auch ein freier Mensch sein können, der sich in gewissen Abständen eine neue Tätigkeit suchen darf und kann. Ich folge auch dem Argument, dass die zur Kreativität aufgerufenen akademisch gebildeten Arbeitskräfte durchaus mehr als eine Firma kennengelernt haben sollten, zumindest ein großer Teil von ihnen.

Fazit zu 1: Arbeitgeberwechsel müssen grundsätzlich uneingeschränkt möglich sein. Das ist unverzichtbar.

2. Wenn in einem Unternehmen sehr große Teile der Belegschaft sehr oft, etwa jedes halbe oder jedes ganze Jahr, ausgewechselt werden würden, gäbe es kein nennenswertes Know-how mehr, niemand wäre mehr solide eingearbeitet, es bräche Chaos aus.

Fazit zu 2: Dem Arbeitgeberwechsel des einzelnen Mitarbeiters muss durch Regeln und/oder Erfahrungswerte Grenzen gesetzt werden, der Wechsel darf nur „in Maßen“ stattfinden.

3. Als wichtiger Randaspekt: Die vor fünfzig oder auch dreißig Jahren noch recht weitverbreitete Sicherheit, die manche Konzerne ebenso wie mancher private Mittelständler in der Provinz gegen Arbeitsplatzverlust zu bieten schienen (wodurch Arbeitgeberwechsel in der Lebensplanung häufig als „nicht relevant“ eingestuft werden durften), gibt es pauschal nicht mehr. Jeder Arbeitgeber muss heute mit ständigem Wechsel zwischen Personalauf- und -abbau rechnen, jeder Arbeitnehmer muss sich auf die Notwendigkeit zum Unternehmenswechsel einstellen.

Fazit zu 3: Jedes Unternehmen und jeder Arbeitnehmer muss davon ausgehen, dass mit Dienstzeiten von 35 oder 40 Jahren pro Arbeitgeber (also ohne Wechsel vom Berufseinstieg bis zur Rente) nicht mehr gerechnet werden kann.

4. Wenn jeder Arbeitnehmer sowohl mit unfreiwilligen als auch mit freiwilligen Wechseln rechnen muss, dann ist es gut, darauf vorbereitet zu sein. Wesentliches Element dazu ist die Übung. Fehlt diese, sind Misserfolge sehr wahrscheinlich.

Fazit zu 4: Es ist besser, in gewissen Abständen planmäßig zu wechseln – und nicht nach zwanzig Dienstjahren von der Notwendigkeit zum ersten Wechsel vollkommen überrascht zu werden.

5. Was kann nun als Standard gelten (von dem natürlich im Einzelfall auch einmal abgewichen werden kann)?

Zwischen Dienstantritt und letztem Arbeitstag eines berufserfahrenen Akademikers / Managers in einer Firma liegen vier Phasen:

a) Einarbeitungsphase;

b) Frustrationsphase (gefühlte Belastungen werden immer größer, der Wunsch zum Wechsel wird ständig stärker, Bedenken gegen das Verlassen des Arbeitgebers schwinden, der Entschluss fällt);

c) Stellensuchphase (wer zum Wechsel entschlossen ist, muss ja erst einmal über Bewerbungen zum neuen Vertrag kommen);

d) Kündigungsfrist (bis zum Ausscheiden vergehen vertraglich festgelegte Zeiträume, z. B. sechs Monate oder drei Monate zum Quartalsende).

Jetzt setzen Sie der Einfachheit halber jeweils sechs Monate pro Phase an – mal ist es etwas mehr bei der Einarbeitung, dann wieder etwas weniger bei der Kündigungsfrist, das gleicht sich aus.

Zwischen Ein- und Austrittstag liegen also vier Phasen zu je etwa sechs Monaten, in denen der Mitarbeiter praktisch keinen Tag lang die volle, engagierte, freudig erbrachte Leistung zeigt. Das sind zusammen etwa zwei Jahre. Die Gesamt-Dienstzeit sollte nun so lang sein, dass jene zwei Jahre von der uneingeschränkt positiv zu sehenden anteiligen Zeit übertroffen werden. Setzen wir dafür drei Jahre an, dann ergibt das zusammen fünf Dienstjahre pro Arbeitgeber als durchschnittlichen Wert. Dieser wird durch die danach abknickende Erfahrungszuwachskurve ebenso gestützt wie durch die Empfehlung, bei entsprechendem Interesse etwa alle fünf Jahre befördert zu werden (notfalls per Firmenwechsel).

Fazit zu 5: Fünf Jahre bei einem Unternehmen zu bleiben, ist erwünscht (zehn Jahre sind problemlos, fünfzehn Jahre können schon kritisch sein, wenn dann doch gewechselt werden muss). Zu oft zu wechseln ist kritischer als zu selten, und Berufsanfänger dürfen einmalig nach zwei Jahren wieder gehen (aus Sicht der Bewerbungsempfänger, nicht des „alten“ Arbeitgebers!).

Kurzantwort:

Für berufserfahrene Akademiker im industriellen Umfeld sind etwa fünf Jahre pro Arbeitgeber (und nicht sehr viel mehr als zehn Jahre maximal) ein Wert, mit dem man auf dem Arbeitsmarkt stets begehrt bleibt. Für Unwägbarkeiten legt man Dienstzeitpolster an (ruhig einmal sieben Jahre bleiben, wenn alles gut läuft).

 

Frage-Nr.: 2477
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-04-07

Von Heiko Mell

Top Stellenangebote

wenglor sensoric gmbh-Firmenlogo
wenglor sensoric gmbh Entwicklungsingenieur (m/w/d) Mechanische Konstruktion Eching bei München
Greve & Greve GmbH-Firmenlogo
Greve & Greve GmbH Bauleiter (m/w/d) Breiholz
Porsche AG-Firmenlogo
Porsche AG Planer (m/w/d) Pressteile Zuffenhausen
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH-Firmenlogo
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH Entwicklungsingenieur TU/FH (m/w/d) Elektrotechnik/Elektronik Nördlingen
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH-Firmenlogo
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH Projektmanager (m/w/d) Nördlingen
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH-Firmenlogo
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH Entwicklungsingenieur Mechanik (m/w/d) Nördlingen
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH-Firmenlogo
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH Software-Entwicklungsingenieur TU/FH (m/w/d) Nördlingen
Obermeyer Planen + Beraten GmbH-Firmenlogo
Obermeyer Planen + Beraten GmbH Fachplaner Leit- und Sicherheitstechnik (m/w/d) Köln
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH-Firmenlogo
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH Testingenieur (m/w/d) Elektronische Baugruppen für Luftfahrtanwendungen Nördlingen
AWO Psychiatriezentrum-Firmenlogo
AWO Psychiatriezentrum Architekt / Bauingenieur (m/w/d) für den Bereich Bauplanung und Projekte Königslutter

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…