Heiko Mell

Ich möchte Spielzeug konstruieren

Nach dem Abschluss meines TU-Studiums (derzeit 3. Semester Maschinenbau) würde ich gern im Bereich der Entwicklung und Konstruktion von Spielzeugen arbeiten. Daher absolvierte ich auch Praktika in Firmen, die sich mit dem Spritzguss von Kunststoffen beschäftigen.

Nun mein Anliegen: Nach dem 4. Semester beginnt mein Hauptstudium, das heißt, ich muss mich auf einen Vertiefungszweig festlegen. Das reicht bei uns vom allgemeinen Maschinenbau über Luft- und Raumfahrttechnik, Produktionstechnik bis zur Textil- und Konfektionstechnik.

Könnten Sie mir eine Studienrichtung empfehlen, welche mir bei meinem Berufswunsch weiterhilft? Leider konnte ich bisher keinen Ansprechpartner für dieses Thema finden. So bemühte ich mich schon zu Studienbeginn, mit Spielzeugherstellern in Verbindung zu treten, um mein Studium an deren Vorstellungen anzupassen. Meine Anfragen blieben jedoch ohne Antwort.

Antwort:

Ihr Anliegen ist berechtigt, verständlich formuliert – und gefällt mir spontan „aus dem Bauch heraus“ nicht. Ich muss herausfinden, warum das so ist. Vielleicht ergibt sich eine Begründung, wenn ich Argumente sammle, ich versuche es (ohne etwa zufällig Branchenkenntnisse auf diesem Spielzeuggebiet zu haben):

1. Es gibt zahlreiche höchst unterschiedliche Branchen. Für einige gibt es ein zielführendes Studium (z. B. Bergbau), in andere (z. B. Automotive) führen sowohl spezielle Studienrichtungen (Fahrzeugtechnik) hinein als auch allgemeine Fächer (Maschinenbau, Kunststofftechnik), der große Rest der Branchen lebt von Mitarbeitern, deren Studienrichtung keinen Hinweis auf eine spezielle Branche enthält. So dürfte der künftige Konstrukteur von Rasenmähern vermutlich kein Studium der Gartenpflegegerätetechnik, sondern allgemein eines des Maschinenbaus oder der Elektrotechnik absolviert haben (und wenn das bei Rasenmähern nicht stimmen sollte, dann nehmen Sie etwa Fahrräder oder Elektrowerkzeuge als Beispiel).

Es ist also durchaus ein normaler, typischer Weg, eines Tages mit einem branchenneutralen Studium über eine spezielle Detailaufgabe in eine spezielle Branche hineinzurutschen, an die man früher gar nicht gedacht hat. Ich glaube nicht, dass ein heute erfolgreicher Konstrukteur von elektrischen Handkreissägen „schon immer“ von der Branche geträumt hat. Er dürfte im Gegenteil ein allgemeines Studium absolviert haben, hat dann am Arbeitsmarkt Angebote geprüft, fand eines besonders interessant und macht nun „in Handkreissägen“. Ebenso gut hätte er bei einem Hersteller von Hochdruckpumpen gelandet sein können – sofern der zu diesem Zeitpunkt (und, seien wir ehrlich, an diesem Ort) eine ähnlich interessante Teilaufgabe in der Konstruktion/Entwicklung angeboten hätte. Später entwickelt unser Kandidat dann eine Leidenschaft, die sich aus der ständigen Beschäftigung mit dem Thema entwickelt, jeweils für Handkreissägen oder eben Hochdruckpumpen. Aber – von Ausnahmen abgesehen – nicht schon im Studium.

2. Der junge Anfänger ist normalerweise nicht gleich Konstrukteur für ein fertiges, branchentypisches Produkt. Also etwa für einen kompletten Bohrhammer bei den Elektrowerkzeugen oder für die komplette Hochdruckpumpe. Er bearbeitet einzelne Bauteile oder Komponenten und wächst mehr und mehr in das ganze Produkt hinein.Deswegen bewirbt er sich beispielsweise (ich erbitte Gnade von den wirklichen Spezialisten der hier zufällig gewählten Branchen) als „Konstrukteur für Kunststoffgehäuse von Elektrowerkzeugen“ oder „Entwicklungsingenieur für Antriebselemente von Hochdruckpumpen“ – nicht jedoch als Konstrukteur kompletter Elektrowerkzeuge oder kompletter Hochdruckpumpen.

3. Es ist also einfacher, wenn man sich mit einer allgemeinen (nicht branchenspezifisch ausgerichteten) Ausbildung von den später angebotenen Aufgaben in verschiedenen Branchen begeistern lässt, als unbedingt und ohne eine bestimmte Teilaufgabe vor Augen in eine spezielle Branche hineinzuwollen.

Beispiel: Der gut beratene Maschinenbau-Ingenieur sagt eines Tages: „Diejenige Branche, die mir die interessantesten Aufgaben offeriert und dabei auch noch die vielversprechendste Langfristperspektive aufzeigt, bekommt mich.“

Man muss das nicht so sehen, auch Ihr Wunsch ist natürlich erlaubt. Aber diese Vorgehensweise wäre systemkonformer.

4. Die Spielzeugbranche scheint mir außerordentlich breit gestreut zu sein. Die Produkte reichen vom Puppenwagen bis zur Hightech-Spielkonsole. Wie viele dieser Produkte überhaupt noch in Deutschland entwickelt werden und wie viele dieser Firmen überhaupt einen Bedarf an TU-Maschinenbauern haben, ist offen.

Sagen Sie doch einmal versuchsweise zu Ihren Professoren, Sie möchten später Spielzeug konstruieren – und schauen Sie einmal, wie die darauf reagieren. Das ist dann zwar nur ein Indiz, kein Beweis in unserem Sinne, aber immerhin. Wenn diese Hochschullehrer nie von einem TU-Maschinenbauer gehört haben, der Spielzeug entwickelt hat, dann dürfte es nur wenige geben.

5. Mein Kernargument ist ein ganz anderes: Jede Branche giert nach Branchenbezug. Nehmen wir als Beispiel einen der typischen Automobilhersteller. Der erwartet vom Bewerber meist einen erkennbaren klaren Bezug zum Auto. Beispielsweise über

  • spezielle Studienrichtung, so vorhanden,
  • branchenbezogene Studien- und Diplomarbeiten,
  • Praktika, Praktika, Werkstudententätigkeiten bei Kfz-Herstellern oder -Zulieferern.

Es reicht dort normalerweise nicht zu sagen: „Ich will Autos konstruieren, ihr dort setzt doch Kunststoffe in den Fahrzeugen ein – ich habe ein allgemeines Kunststoff-Praktikum gemacht, das qualifiziert mich.“ Gesucht ist der Bezug zum Auto.

Wenn man die Gepflogenheiten der Kfz-Branche auf Ihre Zielgruppe überträgt, dann sucht man dort ebenfalls den Branchenbezug, z. B. durch Praktika. Wenn Sie eine so große Leidenschaft für die ja nicht in Ihrem Studium speziell angesprochene Spielzeugentwicklung haben, dann gibt es sicher Argumente, mit denen Sie das untermauern können. „Würde ich gerne tun“, reicht nicht, „ich habe spezifische Erfahrungen gesammelt“, würde eventuell helfen.

6. Wenn Sie das Ziel nach wie vor haben, dann arbeiten Sie weiter daran: Rufen Sie Personalreferenten in entsprechenden Firmen an und fragen Sie die, was gesucht wird, gehen Sie auf Messen für Spielzeuge und knüpfen Sie persönliche Kontakte, stellen Sie fest, ob es einen Verband der Spielzeughersteller gibt und motivieren Sie den zu einer Auskunft. Und bemühen Sie sich um einschlägige Praktika – damit spätere Bewerbungsempfänger sehen, dass es Ihnen ernst ist mit dem Metier.

7. Sie müssen aber auch damit rechnen, dass das Desinteresse von Firmen Ihrer Zielbranche daran lag, dass diese Firmen mit einem TU-Ingenieur Maschinenbau nichts anzufangen wussten.

Kurzantwort:

1. Es ist einfacher, den Berufseinstieg nach dem Studium an einer bestimmten fachlich interessanten Tätigkeit auszurichten als unbedingt in eine bestimmte Branche hinein zu wollen. Bei der Wahl zwischen verschiedenen Angeboten kann die angebotene Branche jedoch ein zusätzliches Entscheidungskriterium sein.

2. Viele Branchen, die beim Berufseinstieg „gut“ aussehen, gibt es bei der Pensionierung in 40 Jahren gar nicht mehr – und viele, die dann attraktiv sind, hat es beim Karrierestart noch gar nicht gegeben. Auch das spricht gegen die frühe Fixierung auf eine bestimmte (kleine) Branche.

Frage-Nr.: 2473
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-03-24

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