Heiko Mell

Ich will Kinder

Frage/1: Ich bin Studentin im 7. Semester an einer technischen Universität. Seit einiger Zeit lese ich mit großem Interesse Ihre Artikel in den VDI nachrichten, da sie mir einen ersten Einblick in die Arbeitswelt ermöglichen.Täuscht mich mein Eindruck oder sind tatsächlich die meisten Anfragen von Männern gestellt worden?

Frage/2: Ich will Kinder. Ich weiß, dass man das am besten niemandem sagen sollte, erst recht nicht dem künftigen Arbeitgeber.

Noch vor dem Studium erzählte man uns: „Kinder am besten im Studium. Dann sind sie, wenn ihr anfangt zu arbeiten, aus dem Gröbsten raus“. Das erscheint mir tatsächlich sinnvoll zu sein, nur dass wir zu diesem Zeitpunkt noch keine Kinder möchten.

Bald werde ich in einem Beruf arbeiten, in dem man nicht nebenbei Kinder erziehen kann, und in dem sich Ausstieg und Wiedereinstieg schwierig gestalten. Meine größte Sorge ist es, dass ich nach meinem Erziehungsurlaub keine vernünftige Anstellung in meinem Arbeitsbereich bekomme. Ich möchte, dass die Kinder während der ersten Zeit durch mich oder meinen Partner betreut werden. Ist so eine Auszeit allgemein akzeptiert oder hat man danach Probleme, wieder voll einzusteigen?

Die Frage, die sich mir stellt, ist die folgende: Muss ich tatsächlich schon jetzt meine Karriere auf Kinder ausgerichtet planen? Muss ich mich also schon jetzt bevorzugt bei Firmen bewerben, die auch Teilzeitmodelle anbieten?

Eine Professorin erklärte mir, dass viele Frauen eine (oft schlechter bezahlte) wissenschaftliche Karriere machen würden, weil das besser mit einer Familie zu vereinbaren sei. Stimmt das? Und wie wird man überhaupt Professorin?

Antwort:

Antwort/1: Haken wir diese „Vorrede“ erst einmal ab, Sie haben ja auch Ihre eigentliche Anfrage in einen separat angehängten Brief gepackt (was völlig in Ordnung ist).

Ja, die Männer überwiegen bei den Einsendern zu dieser Serie deutlich. Das entspricht aber auch dem üblichen Eindruck von einem typischen Bewerberfeld auf eine Stellenanzeige für Ingenieure. In ganzen Tätigkeitsbereichen wie z. B. Betriebsingenieur/Leiter Fertigung/AV/Technische Leitung/Technischer GF tauchen so gut wie nie Frauen auf. Und bei der Gelegenheit: Leute wie ich fragen sich, wo jene Politiker, die derzeit „Quotenfrauen“ im Management wollen, diese überhaupt herzunehmen gedenken. Aber das, so werden sie sagen, sei nicht mehr ihr Problem.

Es ist ein gutes Zeichen, dass Sie diese Frage überhaupt stellen. Das bedeutet doch, dass Sie den Anteil weiblicher Ingenieur-Studenten zumindest an Ihrer Uni als deutlich höher empfinden.Und um möglichen Verdächtigungen gleich entgegenzutreten: Ich bevorzuge sogar Frauen, wenn ich Fragen auswähle. In Wirklichkeit ist der Anteil weiblicher Einsender eher noch geringer. Vielleicht liegt das an mir, vielleicht zielen die beruflichen Probleme von Frauen tatsächlich weniger auf „Karriere, Aufstieg, Fortschritt, Macht“ als dies bei Männern der Fall ist.

Und wegen dieser bevorzugten Behandlung weiblicher Einsender habe ich jetzt auch die Verpflichtung übernommen, mich mit Ihrem Hauptproblem im Detail auseinanderzusetzen. Seien Sie versichert: Einfach wird das nicht. Und ob mir das jemand dankt, ist auch völlig offen.

Antwort/2: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“, sagt man (Sprichwort + Luther). Es bedeutet: Was dem Menschen mehr als alles andere am Herzen liegt, davon spricht er und das setzt er an den Anfang (längerer Ausführungen oder auch Aufzählungen). Bei Ihnen ist das „Ich will Kinder“.

Das ist zunächst – ich fange bewusst ganz einfach und vorsichtig an – relativ problemlos möglich, sofern medizinisch alles stimmt. Irgendwie lässt sich das Projekt realisieren. Sie haben an der Stelle nicht gesagt, Sie wollten Kinder + Karriere gleichermaßen und als gleichberechtigte Ziele nebeneinander realisieren. Das wäre schwieriger geworden, und ich hätte auch von einer derartigen Formulierung abgeraten. So aber lässt sich etwas machen.Ich rate in meiner beruflichen Tätigkeit seit sehr vielen Jahren sehr vielen Menschen zum regel- und situationsgerechten Verhalten innerhalb des nun einmal bestehenden beruflichen Systems (das ich weder geschaffen habe noch, realistisch betrachtet, verändern kann). Dabei hat sich ein Ansatz außerordentlich bewährt, der zwar im Denkprozess zu mitunter als schmerzhaft empfundenen Entscheidungen oder Festlegungen zwingt, aber bei der Realisierung dieser Planungen erstaunlich viele Vorteile bringt:

Stellen Sie eine Prioritätenliste all Ihrer Wünsche und Ziele zu einem Themenkomplex auf. Nummerieren Sie die einzelnen Positionen/Plätze durch. Dabei können Sie durchaus einzelne davon unbelegt lassen, aber ein anderes Prinzip sollten Sie eisern durchhalten: Auf jedem Platz steht nur ein Ziel! Keine faulen Kompromisse: nur ein Ziel.

So ist es ja in fast allen Bereichen des Lebens auch: Ein gesuchtes Auto, bei dem Platz 1 der Prioritätenliste gleichberechtigt besetzt wäre mit „billig, umweltfreundlich, sehr schnell, mit hohem Markenprestige ausgestattet“, wäre kaum zu finden. Man muss entscheiden, was oben steht. Der Rest kommt abgestuft mit etwas geringerer, dann mit deutlich geringerer Priorität.

Ich sage nicht, dass dieses Prioritätenprinzip theoretisch in jeder Diskussion über Lebensphilosophie überzeugt. Aber es hilft enorm bei dem Versuch, mit den nun einmal vorhandenen Widrigkeiten des Lebens zurechtzukommen.“Ich will Kinder.“ Es klingt, als wäre das Ihr Nr. 1-Platz. Dann wäre ein „So viel Karriere wie unter den durch Nr. 1 bedingten Vorgaben irgend möglich“ beispielsweise die Nr. 2. Dann könnten Sie auf dem schon deutlich tieferen Platz 3 etwa sagen: „Es wäre schön, wenn das alles rund um Bremerhaven stattfände.“ Damit ist klar: Auf Kinder verzichten, nur um Bremerhaven zu halten, kommt nicht infrage. Umgekehrt ginge es jedoch.

Und da ich das unbewusste Gefühl habe, dass ich mit meiner eisernen Regel für diese Liste nicht nur Begeisterung wecke, hier noch ein recht „hautnahes“ Beispiel: Ein Mädel von 16 Jahren könnte durchaus auf ihrer Liste für den „Traumprinzen“ auf Platz 1 etwa schreiben: „gut aussehend, sexy, lieb, klug, Frauenversteher, vermögend, im Haushalt helfend, unbedingt treu“ oder etwas in der Art. Die erfahrene Frau hingegen würde wohl eher raten, sich vorrangig auf eines der Kriterien zu konzentrieren und die anderen jeweils etwas tiefer einzuordnen.

Machen wir einmal einen Sprung ans Ende Ihres Beitrages: Die sicher lebenserfahrene Professorin sagt ja im Prinzip genau das, was ich mit der Prioritätenliste meine: Wenn die „Familie“ sehr wichtig ist, rückt die Karriere etwas tiefer. Allerdings verstehe ich zu wenig von der Laufbahn einer Universitätsprofessorin, um das im Detail beurteilen zu können.

Wobei, um auch das einmal zu sagen, diese professorale Aussage eine Klage auf sehr hohem Niveau wäre: Ich habe auf Karriere verzichtet, habe mich mit der wissenschaftlichen Laufbahn „begnügt“ und bin eben „nur“ Professorin geworden. Schließlich rangiert der Professor im gesamtgesellschaftlichen Ansehen eher deutlich über einem Hauptabteilungs-/Bereichsleiter der Industrie. Da müsste schon ein Vorstand eines sehr großen Konzerns kommen, um einen klassischen Universitätsprofessor „auszustechen“. Das Geld spielt dann plötzlich gar keine Rolle mehr. Und um das zu unterstreichen: Viele gehobene Manager gäben außer ihrer Position auch noch ihren linken Arm, machte man sie nur zum ordentlichen Hochschullehrer mit entsprechendem Titel.Sie, geehrte Einsenderin, dürften mit Ihrem Einser-Abitur (das zwangsläufig zu einem Einser-Examen führt, was wiederum die Promotion nahelegt und den Gedanken an eine wissenschaftliche Laufbahn zumindest erlaubt) zu den Privilegierten gehören, die solche Alternativen überhaupt haben. Andere sind weniger glücklich dran.

Zum Grundsätzlichen: Alle gesellschaftlichen Prozesse sind ständig im Umbruch, so gerade auch der hier angesprochene Aspekt. Teils setzt die Politik Akzente, teils kommt Druck aus der Bevölkerung (was oft zusammenhängt), teils führt der Leidensdruck der Arbeitgeber (Fachkräftemangel) zu neuen Denkansätzen, teils zwingt z. B. die demografische Entwicklung zu innovativen Lösungen. Wo wir in dieser Frage in zwanzig Jahren stehen werden, weiß jedoch niemand.

Ein bisschen spielt jenseits aller Vernunft immer auch der Zeitgeist hinein. Was mir einen Schlagertext ins Ohr bringt, der etwa lautet: „Ich will alles, und ich will es sofort.“Gehen wir grundsätzlich ins Thema hinein. Da ist gleich am Anfang die Aussage fällig, dass es „den“ zentralen, überall gangbaren und jederzeit zu empfehlenden Weg zum Ausgleich von Berufs- und Familieninteressen nicht gibt. Vorrangig muss eine individuelle Lösung gesucht und gefunden werden. Einflussfaktoren, von denen jeder einzelne die Gesamtlösung in eine bestimmte Richtung drücken kann, sind vor allem

  • der Partner,
  • die familiären Möglichkeiten,
  • der Arbeitgeber (Typ, Größe, Branche, Gepflogenheiten, Aufgeschlossenheit),
  • der Chef,
  • das gerade aktuelle öffentliche „Meinungsklima“,
  • der gesetzliche Rahmen,
  • die persönliche Prioritätenliste.

Das unterstreicht, dass jede Frau ihre individuelle Lösung finden muss.

Nehmen wir nur einmal die Kombination Arbeitgeber/Chef. Das fängt so an: Der Ausfall einer wertvollen, schwer ersetzbaren Arbeitskraft ist in jedem Fall ärgerlich. Ein paar Wochen, das ginge an, aber wenn jemand drei oder sieben Jahre wegbleibt, ist das eine kleine Katastrophe. Inzwischen muss der Job gemacht werden, Aushilfen dafür gibt es nicht. Deshalb gilt hinsichtlich der Elternzeit offiziell für den Arbeitgeber: „Nach Ablauf der Elternzeit leben die Leistungspflichten mit dem bisherigen Inhalt wieder auf, allerdings besteht kein Anspruch auf Weiterbeschäftigung auf einem konkreten Arbeitsplatz.“ Anders geht es nicht.

Sind Arbeitskräfte extrem knapp, wird der Arbeitgeber zwar noch bei Ausfall wegen Elternzeit mit den Zähnen knirschen – aber nur heimlich. Und er wird alles tun, um die junge Mutter als potenzielle Mitarbeiterin im Unternehmen zu erhalten und zum schnellen beruflichen Wiedereinstieg zu bewegen. Und wenn er dafür sogar attraktive Jobs neu einrichten (Teilzeit) und Betriebskindergärten unterhalten muss. Stets ist Mangel (hier an Arbeitskräften) der beste Nährboden für innovative Lösungen. Überschütten jedoch über Jahre hinweg hochqualifizierte Bewerber mit ihren Anfragen das Unternehmen, sinkt dessen Bereitschaft deutlich, sich gegenüber jungen Frauen als attraktiver Arbeitgeber zu profilieren und beispielsweise unbequeme Überlegungen in Richtung Teilzeit anzustellen.

Und Sie sehen die Wertlosigkeit eines pauschalen Rates (hier: Kinder am besten schon im Studium bekommen), wenn die persönliche Situation gerade nicht dazu passt. Auch von einer „allgemeinen Akzeptanz“ so einer Auszeit kann man nicht sprechen. Manches Unternehmen macht in der Öffentlichkeit gute Miene zum bösen Spiel. Aber auch dort gibt es Chefs, die haben drei wichtige Mitarbeiterinnen nacheinander durch Schwangerschaft/Elternzeit verloren und fassen die Bewerbung einer jungen Frau im gebärfähigen Alter nicht mehr mit der Kneifzange an. Darüber aber spricht offiziell niemand.

Mein Rat lautet pauschal: Kümmern Sie sich erst einmal um den Berufseinstieg, setzen Sie den vorläufig auf die Nr. 1 der Liste. Erklären Sie in Vorstellungsgesprächen, jetzt ginge der Beruf vor, für Kinder gäbe es noch keine konkrete Planung (das ist stets juristisch unverbindlich). Wenn dann der Zeitpunkt gekommen ist, planen Sie so gut es geht, häufig kommt es ohnehin anders als gedacht. Im positiven Fall gibt es dann eine neue Prioritätenliste mit „Ich will Kinder“ auf Nr. 1. Später denken Sie über den beruflichen Wiedereinstieg nach – und was aus den Kindern wird, wie und ob eine Teilzeitbeschäftigung zu haben ist – und welchen Anteil Ihr Partner leistet. Dann gibt es ggf. eine neue Prioritätenliste.

Es ist erstaunlich, was alles geht, wenn man es wirklich will. Niemand sagt, dass es einfach ist. Als „Trost“: Für den Berufseinstieg brauchen Sie und Ihr Partner je einen Job in vertretbarer Entfernung zueinander. Auch das ist schon ein Problem. Wenn Sie den Einstieg in die Praxis zu einem Zeitpunkt, in dem Sie noch gar keine Kinder haben, durch eine Liste komplizieren, auf der gleichberechtigt stehen „toller Job, fachlich anspruchsvoll, berufliche Perspektiven, aussichtsreiche Branche, sichere wirtschaftliche Verhältnisse, nahe am Arbeitsort meines Partners, Kinderfreundlichkeit, Teilzeitarbeit“, dann sind Sie so weit wie meine 16-Jährige.

Und was Sie persönlich angeht: Die Promotion steht an, während dieser Zeit sind Sie im Normalfall wissenschaftliche Mitarbeiterin, können neu planen – auch im Hinblick auf eine wissenschaftliche Karriere (für die eine Promotion Mindestvoraussetzung ist). In dieser Zeit sehen Sie auch, wie man Professorin wird. Und Sie sind Angestellte im öffentlichen Dienst. Dieser Status könnte auch unter das fallen, was Ihre Professorin meinte.

Kurzantwort:

Bei komplexen Planungen im beruflichen wie privaten Bereich empfiehlt sich jeweils eine Prioritätenliste – mit nur einem Ziel auf einem Platz. In gewissen Zeitabständen sollte diese Rangfolge neu durchdacht werden.

Frage-Nr.: 2471
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-03-10

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