Heiko Mell

Gelangweilt, unterfinanziert, ambitioniert

Ich bin Chemieingenieur, 31 Jahre alt, habe einen ganz guten TU-Abschluss, persönliche Ausstrahlung, gute Sprachkenntnisse … kurz, ich kann mich durchaus sehen lassen.

Nach meinem Studium habe ich vier Jahre lang im Anlagenbau (Energiebereich) gearbeitet. Da mich aber eigentlich etwas ganz anderes interessiert, nämlich biotechnologische Forschung, habe ich vor Monaten den alten (mich zu Tode langweilenden) Job gekündigt und fulltime mein lange erträumtes Projekt begonnen, nämlich die Gründung einer eigenen Firma in meinem genannten Interessengebiet.

Alle damit verbundenen Risiken habe ich bewusst in Kauf genommen. Nun hängt dieses Projekt vor allem an einer erfolgreichen Finanzierung, und ich muss derzeit die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass diese trotz aller Bemühungen nicht zustande kommt, bevor meine finanziellen Reserven aufgebraucht sind. Daher muss ich wohl oder übel beginnen, wieder nach einer Alternative als Angestellter zu suchen, und es stellen sich mir folgende Fragen:

1. Ich möchte auf keinen Fall in die Energiebranche zurück, die hat mich entsetzlich angeödet. In die Biotechnologie würde ich durchaus als Angestellter gehen, aber ich habe nun das leichte Stigma, bislang auf einem anderen Gebiet tätig gewesen zu sein. Wie soll ich mich damit verkaufen?

2. Ich werde „bis zum Schluss“ weiter sämtliche Möglichkeiten ausschöpfen, doch noch meine Firma zum Laufen zu bringen. Auf der anderen Seite müsste ich einem potenziellen Arbeitgeber natürlich vermitteln, dass ich an seiner Stelle dauerhaft interessiert bin. Wie argumentiere ich hierbei?

3. Als Sachbearbeiter habe ich mich furchtbar unterfordert gefühlt, mit einer unternehmerischen Tätigkeit fühlte ich mich hingegen sehr wohl (zugegeben, ich habe bislang weder Mitarbeiter geführt noch den operativen Alltag als Geschäftsführer erlebt). Daher würde ich gern auch entsprechende Verantwortung bei einem zukünftigen Arbeitgeber bekommen, aber ist das überhaupt ad hoc möglich oder ein zu hoher Anspruch, und wonach müsste ich für so eine Stelle Ausschau halten?

Ich freue mich auf Ihre Anregungen, Rechtschreibkorrekturen und die gnadenlose Zerstörung meiner Illusionen!

Antwort:

Fangen wir mit den Rechtschreibkorrekturen an: Da haben Sie und andere Einsender ein völlig falsches Bild von mir. Zwar muss richtiges Schreiben – das ich auch nur unvollkommen beherrsche – ebenso sein wie richtiges Sprechen, aber denken Sie doch bloß nicht, dass Sie all meine Korrekturbemühungen hier sehen. Etwa 95 % aller Fälle korrigiere ich beim Abdruck stillschweigend.

Warum ich mich überhaupt damit belaste? Nun, eine Zeitung dieses Formats hat auch Vorbildcharakter. Und ob ein Wort in der „Frage“ oder in einer „Antwort“ falsch ist, spielt keine Rolle: Der weniger gefestigte Leser nimmt es auf, es prägt sich ein. Das will ich nun absolut nicht!

Jetzt möchten Sie natürlich in dem Zusammenhang noch etwas zu Ihrer Einsendung lesen. Also Beispiel 1: Sie schreiben am Schluss des zweiten Absatzes „Interessensgebiet“, es heißt aber „Interessengebiet“, ohne jenes dritte „s“. So etwas korrigiere ich ohne Aufsehen, darüber verliere ich kein Wort. Eigentlich. Es sei denn, jemand gibt dem Affen Zucker.

Beispiel 2: Im vorletzten Satz verwenden Sie „ad hoc“. Mein Bauchgefühl rät an der Stelle davon ab. Fremdwörter oder -begriffe sind ein heikles Thema, vielleicht haben andere Leser etwas von einer Auseinandersetzung darüber:

Sie meinen vermutlich an der Stelle etwa: Ist das überhaupt kurzfristig möglich?

Ad hoc aber bedeutet nun entweder „[eigens] zu diesem Zweck [gemacht]“ oder „aus dem Augenblick heraus [entstanden]“ (Definitionen lt. Fremdwörterduden). Ersteres passt hier gar nicht, Letzteres nicht richtig. Man kennt z. B. die „Ad hoc-Entscheidung“, die gut zu der Duden-Definition („aus dem Augenblick heraus“) passt. Dem Begriff hängt stets eine Art kritischer Unterton an, so in Richtung „nicht sorgfältig überlegt und vorbereitet“.

Zum sachlichen Kern Ihrer Frage fallen mir diese Argumente ein:

1. Die von Ihnen nach dem Studium selbst gesuchte Branche hat Sie „entsetzlich angeödet“, der konkrete Job hat Sie „zu Tode gelangweilt“. Sie möchten in das ganze Umfeld „auf keinen Fall zurück“. Diese „brutale“ Ablehnung von Position, Tätigkeit und Branche klingt zunächst einmal gewöhnungsbedürftig, vorsichtig gesagt. Schließlich sind andere in diesem Umfeld ganz glücklich. Vielleicht sind Sie in großem Umfang „anders als andere“?

2. Sie können also nicht sagen, dort sei alles unzumutbar miserabel (was Sie ja auch so nicht formulieren). Ihnen bleibt nur die Feststellung, dort passten Sie absolut nicht hin. Das ist zwar Ihr gutes Recht, wirft aber in dieser krassen Form ein besonderes Licht auf Sie: Einmal war das Hingehen zu diesem Unternehmen Ihr Fehler; Sie hatten entweder vorher zu wenig über dieses Umfeld recherchiert, sich zu wenig Gedanken gemacht und/oder Sie hatten zu wenig über sich, Ihre Stärken und Schwächen, Ihre Vorlieben und unüberwindlichen Abneigungen gewusst. Beides wäre nicht schmeichelhaft für Sie.

3. Ihr Sprung in der Hinwendung vom Anlagenbau der Energietechnik zur biotechnologischen Forschung ist schon ein sehr extremer, ziemlich unmotiviert erscheinender. Vorsicht: Spätere Bewerbungsempfänger könnten Sie als sprunghaft einstufen und sich fragen, was denn wohl das nächste Lieblingsthema sein könnte (und wann Sie das jetzt angestrebte Tätigkeitsfeld in Grund und Boden stampfen werden). Siehe auch Mell: „Sie tun es immer wieder.“

4. Gleichgültig, worum Sie sich jetzt bewerben, gerade in Ihrem etwas spektakulär aussehenden Fall wird jeder potenzielle neue Arbeitgeber einen interessiert-kritischen Blick auf Ihr letztes Zeugnis werfen (von dem Arbeitgeber, dessen Umfeld Sie in Bausch und Bogen verdammen). Ob das wohl so gut ist, dass es die Skepsis eines solchen Bewerbungsempfängers besänftigt?

Zur allgemeinen Warnung: Ein guter Mitarbeiter (und nur an solchen ist man interessiert) hat nur gute Beurteilungen. Seinen Job nicht zu mögen, ist sein gutes Recht, aber seine mit der Tätigkeit eines Angestellten übernommene Verpflichtung lautet, stets und uneingeschränkt zur besonderen Zufriedenheit der Arbeitgeber gewirkt zu haben. Wenn er geht, dann bevor die Chefs gemerkt haben, dass die Sache dort ihn anödet.

5. Ein Bewerber „verkauft“ sich auf dem Arbeitsmarkt dann am besten, wenn er nachweislich erfahren ist in dem, was im neuen Job zu tun ist. Ich will es immerhin gesagt haben: Am interessantesten wären Sie für eine Firma im Anlagenbau der Energietechnik. Gegenüber der Arbeitslosigkeit könnte dies das deutlich kleinere Übel sein. Sie könnten dann nach ein paar Jahren nach einer Chance zum Branchenwechsel suchen.

6. Ein Bewerbungsempfänger sieht u. a. diese Probleme in Ihrem Werdegang:

a) Der damalige Sprung vom ersten Aufgabengebiet zum Thema der Selbstständigkeit erscheint völlig unmotiviert. Auf dem damals neuen Zielgebiet lagen gar keine Erfahrungen vor, der Schritt scheint unüberlegt gewesen zu sein.

b) Wer selbstständig wird, setzt sich dem „Verdacht“ aus, einen bewussten Schritt vom Angestelltendasein weg vollzogen zu haben – weil er dort nicht hinpasst, weil er den speziellen Anforderungen an einen erfolgreichen Angestellten nicht gewachsen ist und/oder weil er nicht mehr in der abhängigen Funktion arbeiten will. Daher ist die reumütige Rückkehr ins Angestelltendasein grundsätzlich schwierig.

c) Ihre erste (angestellte) Tätigkeit war ein Misserfolg. Wenn Sie sich jetzt wieder bewerben, war auch die Selbstständigkeit ein solcher. Das sind immerhin 100 % Ihrer bisherigen beruflichen Projekte. Wir leben in einer Erfolgsgesellschaft. Misserfolge sind gefährlich, auf die Gründe dafür kommt es weniger an.

d) Sofern Ihr finanzielles Problem erkennbar wird, steht das Problem „Überschuldung/ drückende finanzielle Belastung“ im Raum. Solche Angestellten hat man nicht gern.

7. Erste Kernfrage für Sie ist: Um welche Art von Angestellten-Position bewerben Sie sich jetzt?

– Zur Hierarchie: Ihre Theorie „Als Gefreiter tauge ich nicht, man gebe mir eine Stellung als General, weil dort meine wahren Talente liegen“ akzeptiert der Markt nicht. Es führt kaum ein Weg daran vorbei: Eine tadellose Bewährung „unten“ ist die unverzichtbare Voraussetzung für den weiteren Weg nach „oben“. Das ist auch zumutbar – so einseitig kann eine Führer-Begabung gar nicht sein, dass sie einige erfolgreiche Jahre als Geführter ausschlösse.

Fazit: Realistisch ist, was nach vier Berufsjahren mit mindestens einem (vermutlich erkennbar sogar zwei) gescheiterten beruflichen Engagement bleibt: Wiedereinstieg auf ausführender Ebene – als Sachbearbeiter. Dann durch erfolgreiche Arbeit aufsteigen.

– Zum Fachgebiet: Das ist der schwerste Brocken bei Ihnen überhaupt. Anlagenbau/Energietechnik dominiert Ihre Erfahrung, dort wollen Sie nicht wieder hin. Biotechnologie begeistert Sie, dort fehlen Ihnen Qualifikation und Erfahrung. Die gescheiterten Bemühungen um den Aufbau der Selbstständigkeit zählen noch nicht. Ganz im Gegenteil: Sie unterstreichen eher die fehlenden Kenntnisse auf dem Gebiet – es muss ja einen Grund haben, dass Sie sich so blauäugig in das Experiment auf dem unvertrauten Gebiet gestürzt haben.

Sie können natürlich versuchen, über zusätzliche Bewerbungen in Ihrer geliebten Biotechnologie unterzukommen. Das ginge aber dann vermutlich nur auf einer ganz tiefen (Anfänger-)Ebene.

Am solidesten scheint mir jedoch der Weg zu sein, den Wiedereinstieg in einem Tätigkeitsgebiet des Anlagenbaus auf ausführender Ebene anzustreben – in einem Job, der Ihrem alten entspricht, nur in einer anderen Branche (ich kenne Ihre damals geltende Tätigkeitsbezeichnung nicht, daher muss ich mich so unbestimmt ausdrücken).

8. Zweite Kernfrage: Wie argumentieren Sie, welche Informationen geben Sie dem Bewerbungsempfänger?

– Bei Ihrem alten Arbeitgeber haben Sie selbst gekündigt, also steht das im damaligen Zeugnis. Eine zeitlich nahtlos anschließende neue Angestelltenposition haben Sie nicht vorzuweisen. Verschweigen Sie Ihre Selbstständigkeit, sind Sie heute „auf eigenen Wunsch arbeitslos“ – eine unmögliche, geradezu undenkbare Konstellation.

– Am schlimmsten ist die Wiederholungsgefahr („Sie tun es …“). Also geben Sie an, dass Sie damals auf eine scheinbar extrem überzeugende, einmalige(!) Chance gestoßen sind, die Ihnen ein Bekannter offeriert hat. Sie sind selbstverständlich nicht der Typ, der morgen wieder die „Klamotten hinwirft“ und damit dem jetzt angestrebten Job untreu wird. Es gibt keine Wiederholungsgefahr!

– Ihr alter Job war toll, Sie waren toll, daran besteht kein Zweifel (wer sich einmal tödlich langweilt, tut das auch wieder).

– Sie geben die Selbstständigkeit jetzt auf. Nicht aus Geldmangel. Das nämlich würde Überschuldungsgefahr ebenso bedeuten wie: „Aufhören muss ich nur, weil das Geld alle war, sonst hätte ich das weitergemacht – und ihr hättet euren blöden Job behalten können.“ Wer ist schon gern „zweite Wahl“. Nein, Sie haben eingesehen, dass das alles eine Schnapsidee war, dass Sie dafür nicht geeignet sind – und Sie sind „geheilt fürs ganze Leben“. Das alles nicht wörtlich, aber dem Sinne nach.

Ich wünsche Ihnen viel Glück. Und wissen Sie, was ich glaube: Sie werden es tatsächlich wieder tun.

Kurzantwort:

Die Bewerbung eines ehemals Selbstständigen zurück in die Angestelltentätigkeit ist schwierig bis sehr schwierig. Gründe dafür: Wiederholungsgefahr, bewusste Abkehr vom Angestelltenstatus, fehlende Eignung für eine abhängige Beschäftigung, mindestens ein berufliches Scheitern.

Frage-Nr.: 2470
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-03-03

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