Heiko Mell

Als Aufsteiger zum alten Arbeitgeber zurück?

Vor knapp zwei Jahren habe ich den Arbeitgeber und die Branche gewechselt – von A, einem der größeren Automobilzulieferer weltweit, wo ich mehr als fünf Jahre als Konstrukteur für Produktionsanlagen gearbeitet habe, zu einem sehr großen Hersteller in einem völlig anderen Metier (B). Hier arbeite ich als Projektverantwortlicher im Bereich Geräte.

Am Beginn der heutigen Tätigkeit sah es sehr positiv aus. Inzwischen gibt es aus diversen Gründen keine Perspektiven mehr. Ich sehe keine Anzeichen für eine Besserung. Es geht nicht um ein konjunkturelles, sondern um ein strukturelles Problem (die Originaleinsendung enthält überzeugende Details dazu, die ich hier im Interesse des Einsenders verallgemeinert habe; H. Mell).

Gleichzeitig werden bei B große organisatorische Änderungen durchgeführt, die in den bisher betroffenen Bereichen zu erheblichem Stellenabbau geführt haben, teilweise wurden Bereiche komplett geschlossen. Demnächst wird der Bereich, in dem ich beschäftigt bin, genauer unter die Lupe genommen, mit erheblichem Abbau ist zu rechnen. Versuche, innerhalb des Konzerns zu wechseln, blieben erfolglos.

In dieser Situation erreicht mich nun das Angebot des Leiters meiner ehemaligen Abteilung bei A, die durch internen Wechsel freiwerdende Stelle meines ehemaligen direkten Vorgesetzten (Gruppenleiter) zu übernehmen. Dieses Angebot ist für mich ungemein reizvoll. Der Wechsel würde meine beschriebenen Probleme lösen und gleichzeitig einen Aufstieg mit erster Führungsverantwortung bedeuten (der lt. Mell anzustrebende „-leiter“ bis 35 wäre erreicht).

Dennoch habe ich einige Bedenken. Die Gründe, die mich vor zwei Jahren zum Wechsel vom Kfz-Zulieferer in die Branche von B bewogen haben, sind nach wie vor gültig. Würde ich mir mit einer Rückkehr zu A nach nur zwei Jahren einen erneuten Wechsel in die Branche von B ein für alle Mal (das schreibt sich tatsächlich so; H. Mell) verbauen? Wie würde innerhalb der Branche von A (Kfz) diese kurze Dienstzeit bewertet? Was gibt es in diesem Zusammenhang noch zu bedenken?

Was ist beim Wiedereintritt im Gegensatz zu einer Einstellung bei einem völlig neuen Arbeitgeber zu beachten? Sind z. B. die Fortführung des Pensionsprogramms und der Verzicht auf Probezeit üblich bzw. möglich? Ich freue mich bereits sehr auf Ihre Analyse!

Antwort:

1. Ihre Begründung, warum Sie bei B nicht gern bleiben möchten und vermutlich wirklich gut beraten wären, nach einem neuen Arbeitgeber zu suchen, ist grundsätzlich überzeugend.

2. Wollten Sie, der Sie eine Gefährdung bei B ja nur befürchten, aber noch völlig ungekündigt tätig sind, lediglich in Ihre alte Position bei A zurück, würde ich abraten (als junger Dynamiker verlässt man nicht voller Pläne sein „Elternhaus“, um geschlagen wieder ins alte „Kinderzimmer“ zurückzukriechen). Der klare Aufstieg zum Gruppenleiter wischt dieses Argument vom Tisch.

3. Das Angebot Ihres alten Chefs von A ist attraktiv – aber bedenken Sie bitte, dass A damit nur eines seiner (personellen) Löcher stopfen will. Um Sie und Ihr Lebensglück geht es A nicht, darauf müssen Sie selbst achten.

Konkret: Das Angebot ist garantiert gut für A – sonst würden „die“ es nicht unterbreiten. Ob es – zufällig – auch gut für Sie wäre (für den „Stopfen“, der das Loch verschließen soll), ist eine völlig andere, damit nicht automatisch beantwortete Frage.

4. Das Angebot ist, rein sachlich betrachtet, sehr interessant für Sie: eine Ihnen bekannte Branche, ein großer Name, eine Ihnen vertraute Tätigkeit, der Aufstieg in eine erste richtige Führungsposition – alles tadellos. Dann entgehen Sie auch noch der drohenden Existenzgefährdung bei B – und Sie müssen sich sagen, dass bei einem sonstigen externen Wechsel (von B nach C) ein solcher Aufstieg wohl nicht gleich beim Einstieg zu erringen wäre. Die Aufstiegschance verdanken Sie der Tatsache, dass Ihr potenzieller neuer Chef bei A Sie kennt – und dringend jemanden auf der Position braucht.

5. Ich sehe drei Nachteile, die dem gegenüberstehen:- Sie kämen zwar nicht in Ihre alte Position „zurückgekrochen“, aber eben in Ihre alte Branche, die Sie – warum auch immer – hatten verlassen wollen. Sie zahlen den Preis, nun wieder sehr fest in dieser Branche (Kfz) verankert zu sein. Es ist immerhin denkbar, dass nach einigen Monaten bei A Ihre alte Abneigung gegen die Branche wieder durchschlägt und Ihre alten Zweifel wieder hochkommen.

Für grundsätzlich berechtigt halte ich eine pauschale Abkehr von dieser anspruchsvollen Branche nicht. Und eine endgültige Sicherheit gibt es auch „an fremden Ufern“ nicht, wie Sie gerade erlebt haben. Den Punkt können nur Sie allein gewichten, für mich sieht das so aus: Ihre alte Branche (A) schlägt sich insgesamt deutlich besser als Ihr heutiges Unternehmen B.

– Die grundsätzlich problematische Rückkehr zum alten Arbeitgeber muss auch hier als kritisch gesehen werden. Sie hatten – damals wegen der Branche, vielleicht aber auch wegen des Tätigkeitsfeldes, in dem Sie sich bewegten – das ursprüngliche Band, das einen Angestellten mit dem Arbeitgeber verbindet, schon einmal zerschnitten. Jetzt wird es wieder geknüpft, aber es erweist sich oft als nur geknotet, ist nicht so stabil wie ein neues. Das Urvertrauen, das Arbeitgeber und Arbeitnehmer verbinden soll, ist dann nicht mehr so stabil wie bei einem völlig unvorbelasteten Engagement. Man ist schon einmal gegangen, man ist gegenüber der eigenen Rückkehr misstrauisch („war das wirklich eine weise Entscheidung?“) und man geht oft schneller wieder weg, Lebensläufe zeigen das.

Vieles wird hier allerdings ausgeglichen durch den echten Aufstieg, der Ihnen jetzt winkt. Noch besser: Sie brauchen sich nur auf den Standpunkt zu stellen, die fehlende Beförderung sei damals der zentrale Grund für die Kündigung von A gewesen, dann ist jetzt „alles gut“ und nur wenig spricht noch gegen eine Rückkehr.

Was bleibt, ist die Tatsache, dass Sie in den nächsten Jahren nicht gut von A wieder weggehen könnten. Das würde Ihren Lebenslauf der Lächerlichkeit preisgeben. Jeder Fremde kann zu A gehen und kurz danach erklären, dort gefiele es ihm nicht. Sie dürfen das nicht

– Sie kannten ja alles, konnten alte Kollegen fragen etc. Und Sie hätten – das gilt aber für jeden anderen neuen Arbeitgeber auch – dann schon zwei kurze Dienstzeiten nacheinander.

– Sie würden Vorgesetzter Ihrer alten Kollegen. Das ist nie ganz unproblematisch, wird aber schon durch die zwei Jahre Abwesenheit gemildert.

Zu Ihren konkreten Fragen:Wenn Sie jetzt zu A zurückkehren und drei oder fünf Jahre bleiben, ist die Branche B für Sie nicht mehr relevant.Der kurze Ausflug nach B stört die Branche A nicht, weil Sie ja den Wiedereinstieg über Ihr Angebot von A realisieren und sich frühestens in drei Jahren wieder irgendwo bewerben könnten. Sie hätten dann etwa zehn Jahre in Branche und Firma A, das dominiert alles.

Die Fortführung des Pensionsprogramms bei A können Sie dort ansprechen. Vermutlich gibt es dafür Vorschriften, die Sie akzeptieren müssen.Für die Probezeit eines Rückkehrers wird es keine Vorschriften geben, dafür ist der Fall zu selten. Achtung: Arbeitgeber verstehen die Angst mancher Bewerber vor dieser Testphase des Beschäftigungsverhältnisses nicht. Sie sehen darin ein Zeichen für mangelndes Selbstbewusstsein: Nur wer zu versagen fürchtet, meidet Probezeiten. Und die Wirtschaftskrise mit der Gefahr pauschaler Entlassungen ist vorbei. Außerdem sind Sie als Gruppenleiter unerfahren, eine „Probe“ wäre berechtigt. Wie heißt es im marktwirtschaftlichen System: kein Geschäft ohne Risiko. Wer nichts riskiert, wird auch nichts. Dieses Thema würde ich also nicht ansprechen.

Falls Sie mich direkt fragen: Ja, ich würde es tun! Ein renommiertes Top-Unternehmen (es spielt keine Rolle, dass man dort auch nur mit lauwarmem Wasser „kocht“) bietet Ihnen den Sprung in die Führung an. Das überstrahlt hier alle – berechtigten – Einwände!

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2462
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-01-27

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