Heiko Mell

Karriere eines „Ausgezeichneten“

Allwöchentlich lese ich Ihre Karriereberatung . Und dies immer mit voller inhaltlicher Zustimmung und sprachlichem Genuss, oft auch mit Schmunzeln. Mein Sohn und mein Enkel (beide ebenfalls Ingenieure) teilen mit mir die Wertschätzung Ihrer Arbeit.

In der Antwort auf Frage 2.428 raten Sie einem in reiner Berufspraxis unzufriedenen Kollegen, der den TU-Abschluss „mit Auszeichnung“ hingelegt hat, „zu bleiben und das Problem durchzukämpfen“. Mein eigener Berufsweg spricht sehr für die Richtigkeit Ihres Rates.

Nach einem ebenfalls „mit Auszeichnung“ absolvierten Diplom-Studium (Maschinenbau und Chemische Verfahrenstechnik) wurden mir in meiner ersten Industriestellung zunächst nur Aufgaben übertragen, die ein guter Technischer Zeichner ebenfalls hätte erledigen können. In der Abteilung, in die ich hineingeraten war, gab es keine anspruchsvollere Arbeit.

Dennoch war an einen Firmenwechsel nicht zu denken. Ich war frisch verheiratet und das erste Kind war unterwegs. So nutzte ich die überschüssige Kapazität für ein verstärktes politisches Engagement und Volkshochschulunterricht.

Nach knapp zwei Jahren bot sich in einer anderen Abteilung des gleichen mittelständischen Unternehmens eine Aufgabe, in der ich meine Kenntnisse voll nutzen konnte. Daraus ergab sich auch die Möglichkeit einer Promotion neben voller Berufstätigkeit.

Acht Jahre später übertrug mir der Inhaber nach mehreren Aufstiegsstufen die Leitung einer GmbH als Hauptgeschäftsführer. Weitere fünf Jahre spät ging ich als Bereichsleiter in einen Konzern, und während der letzten zehn Berufsjahre war ich Vorstand einer mittelgroßen AG. Mein Weg hätte trotz des ungünstigen Starts kaum besser verlaufen können.

Meine Konzernerfahrungen bestätigen übrigens Ihre These, dass man möglichst nicht aus einem mittelständischen Betrieb in einen Konzern wechseln sollte. Es fiel mir sehr schwer, mich dort zu behaupten. Auch überschätzte ich die Weisheit der Konzernstrategen bei weitem.

Antwort:

Danke für den lebendigen Erfolgsbericht. Ich darf einige Kernpunkte aufgreifen:

1. Übereiltes Verlassen gerade des ersten Arbeitgebers: Das wird, wie man in Lebensläufen sieht und in Vorstellungsgesprächen hört, als vermeintliche Problemlösung „gern genommen“. Zwanzig Jahre später und entsprechend lebens- und berufserfahren sagen die Betroffenen dann oft: „Ich hätte damals einfach bleiben und durchhalten sollen.“ Als Tipp für Berufsanfänger: Den ersten Arbeitgeber nach z. B. zwei Jahren wieder zu verlassen, ist eine Ausnahmehandlung, die nur bei außergewöhnlichen Umständen (etwas Langeweile gehört nicht dazu!) gerechtfertigt ist. Ob Umstände außergewöhnlich sind, kann der Anfänger praktisch noch nicht beurteilen. Faustregel: Wenn das Unternehmen weiterhin einen guten, grundsoliden Eindruck macht und nur Ihr persönliches Umfeld nicht optimal zu sein scheint, bleiben Sie ruhig noch etwas da und warten ab. Zwischen Studium und Rente liegen vierzig Berufsjahre. In denen kann einfach nicht alles „super“ sein.

Außerdem prallen zwei Welten aufeinander: Hier das solide, langjährig erfahrenen Unternehmen mit jahrzehntelanger Erfahrung, in dem die Mitarbeiter wissen, dass gute Lösungen Zeit brauchen – und dort der ehrgeizige, von der Praxis unbeleckte Berufsanfänger, der überzogenen Erwartungen hat und nach der Devise (ich glaube, es gibt einen entsprechenden Schlagertitel) vorgeht: „Ich will alles und ich will es sofort.“ Das muss „knirschen“.

Oder: der hervorragend ausgebildete Berufsanfänger denkt, er könne jetzt endlich die Welt verändern oder wenigstens das Unternehmen. Aber weder die Welt noch das Unternehmen wollen gerade dann verändert werden – und schon gar nicht von einem Anfänger.

Falls jemand ein Beispiel will: Sicher hätte es so manche Hochschule verdient, irgendwie „anders“ strukturiert und in ihren Abläufen verändert zu werden. Aber wer käme auf die Idee, das ausgerechnet von Erstsemestern machen zu lassen?

2. Vom Hauptgeschäftsführer im Mittelstand zum Bereichsleiter im Konzern: Das „knirscht“ sogar an zwei Stellen:

a) Im Konzern ist „alles anders“. Das betrifft die Strukturen, die Abläufe, die Denkprozesse und die Persönlichkeiten des Managements, mitunter auch der Mitarbeiter. Eine kleine Organisation kann noch von einer Person überblickt und notfalls intuitiv sehr erfolgreich gesteuert werden. Eine große Einheit braucht feste Grenzen, vorgegebene Abläufe, klare Regeln (von denen manche überflüssig sind, aber dennoch eingehalten werden müssen).

Je länger ein Mitarbeiter von einem solchen betrieblichen System geprägt wurde, desto schwerer fällt ihm die Umstellung. Dabei gilt: Sich beim Wechsel von „groß“ zu „kleiner“ zu verändern, geht leichter als der umgekehrte Weg.

Nach bis zu fünf Konzernjahren profitiert der Wechsler, der in den Mittelstand will, vom überragenden Image seines Arbeitgebers. So ab etwa zehn Dienstjahren im Großbetrieb riskiert er, als „konzernversaut“ eingestuft zu werden. Der Konzern wiederum ist praktisch nie am Wissen des Bewerbers aus dem Mittelstand über Methoden und Prozesse interessiert. Lediglich sehr gute Kenntnisse eines bestimmten Produkts oder eines bestimmten Marktes könnten interessant sein.

b) Der Hauptgeschäftsführer im mittelständischen Unternehmen war dort „oberster Chef“ und „Herrscher aller Reußen“. Das prägt die Persönlichkeit und „verführt“ zu einem gewissen Arbeitsstil. Beides passt schlecht zu typischen Großbetriebspositionen. Und so mancher ehemalige Hauptgeschäftsführer tut sich schwer, sich nun als „einer von vielen“ Managern (mit einigen Leuten über ihm) in ein größeres Führungsteam einzugliedern.

Da dies alles allgemein bekannt ist, wird man Beispiele von Werdegangsprüngen dieser Art nicht allzu oft finden. Üblich ist, dass der Konzern-Bereichsleiter als Geschäftsführer in den Mittelstand geht. Damit folgt er dem alten Grundsatz für den karriereinteressierten Wechsler: in der Firmengröße runter, dafür in der Hierarchie rauf.

3. Die Weisheit von Konzernstrategen: Strategische Überlegungen müssen mehreren Anforderungen genügen. Da sind die Absichten/Intentionen des „großen Vorsitzenden“, die unbedingt zu beachten sind. Dann die Auswirkungen auf Aktionäre, die Meinung der Wirtschaftsjournalisten und somit der Öffentlichkeit. Nicht schaden kann auch der Blick auf die innerbetrieblichen Machtstrukturen: Wer profitiert davon, wem schadet es und ist es diesem zu gönnen?

Habe ich etwas vergessen? Ach Sie meinen, es müsse doch in erster Linie „um die Sache“ gehen und was gut für dieselbe sei? Da kann ich Sie beruhigen: Um die Sache geht es eher selten. Man kann sich ja nicht um alles kümmern.

Frage-Nr.: 2450
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-12-10

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