Heiko Mell

Meine Frau geht ins Ausland

Ich bin ca. 30 Jahre alt, in einem Ostblockland geboren, bin seit dem Hauptstudium an einer deutschen TU in Deutschland ansässig und inzwischen deutscher Staatsbürger. Nach dem Studium („gut“) arbeitete ich zunächst befristet bei einem Ingenieurdienstleister meines Fachgebiets. Nach einer Initiativbewerbung wurde ich vor zwei Jahren als technischer Sachbearbeiter bei einem deutschen Großunternehmen angestellt.

Diese unbefristete Anstellung bedeutet eine relativ große Sicherheit und bietet viele andere Möglichkeiten wie eine Freistellung. Für das berufliche Aufsteigen habe ich mich noch nicht entscheiden können. Ich weiß nicht, ob das etwas für mich wäre. Ich sehe ein, dass es ohne Fleiß keinen Preis gibt und möchte auch keineswegs eine „ruhige Kugel“ schieben, aber ich möchte nicht nur für die Arbeit leben oder dauerhaft 55 Stunden pro Woche arbeiten.

Meine zukünftige Frau ist bei einem anderen international aufgestellten Großkonzern beschäftigt. Sie möchte Karriere machen und will demnächst innerhalb des Konzerns für zwei Jahre in ein anderes europäisches Land wechseln. Ich würde ihr auch folgen, möchte aber meinen Arbeitsvertrag nicht kündigen. Ideal wäre es, innerhalb meines Unternehmens eine entsprechende Versetzung zu erreichen, das ist aber nicht sehr wahrscheinlich.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, mich von meinem Arbeitgeber für diese Zeit freistellen zu lassen und im Ausland in meinem Beruf für diese Zeit eine andere Stelle zu finden (wenn es mein jetziger Arbeitgeber zulässt) oder dort eine Weiterbildung zu absolvieren.

Wie kann ich herausfinden, ob Führung etwas für mich wäre? Halten Sie eine solche „Auszeit“ für karriereschädlich? Verschlechtert sie meinen Marktwert auch für den Fall, dass ich gar nicht aufsteigen will? Ab welchem Zeitpunkt soll ich meinen Vorgesetzten einbinden?

Antwort:

Wir haben es mit mehreren Problembereichen zu tun:

a) Ihre allgemeine Situation: Ich habe Ihre Darstellung gekürzt und sprachlich bereinigt, dies als Erklärung. Ich vermute, dass Sie derzeit gerade auch im mündlichen sprachlichen Ausdruck (Akzent) noch sehr stark als ehemaliger Ausländer zu erkennen sind. Es mag für andere immer noch etwas anstrengend sein, Ihnen über längere Strecken hinweg zuzuhören. Und Sie haben die Gegebenheiten dieses Landes nicht „mit der Muttermilch“ aufnehmen können. Wer hier geboren und aufgewachsen ist, hat zwanzig Jahre Vorsprung vor Ihnen.Ich führe auch Ihre Unentschlossenheit in Sachen „Aufstieg“ teilweise darauf zurück.

Das alles sind Feststellungen, keine kritischen Anmerkungen (für die es keinen Grund gäbe).

Aber: Wenn Sie sich langfristig in diesem Land (das als durchaus „schwierig“ gilt) beruflich erfolgreich etablieren wollen, dann müssen Sie jede Chance ergreifen, Ihre Integration entschlossen voranzutreiben. Dazu müssen Sie- kontinuierlich und aufmerksam Erfahrungen sammeln über Land, Leute, berufliches Umfeld, Spielregeln etc.,- deutsch sprechen, deutsch sprechen, deutsch sprechen; je perfekter Sie werden, desto besser für Sie und Ihre Chancen,- mehr lernen über sich, Ihre beruflichen Ambitionen, Ihre Wünsche und Fähigkeiten (letztere im Vergleich mit anderen Mitarbeitern eines Unternehmens in Deutschland).

Für alle diese Teilziele ist es kontraproduktiv, jetzt dieses Land wieder zu verlassen und in die (auch sprachlich) völlig andere Welt eines fremden Landes einzutauchen.

Auch Ihre Situation auf dem Arbeitsmarkt würde sich durch zwei Jahre Unterbrechung (falls es überhaupt eine Unterbrechung wird und Sie nicht richtig kündigen müssen) eher verschlechtern: Sie hätten dann zu bieten:

– knapp 1,5 Jahre Praxis beim Dienstleister,

– knapp zwei Jahre Praxis beim heutigen Arbeitgeber,

– ca. zwei Jahre „Unterbrechung“ entweder mit Weiterbildung oder Zwischen-Job.

Sie müssten dann nach Rückkehr mindestens drei bis fünf Jahre in einer Position (beim heutigen oder einem neuen Arbeitgeber) arbeiten, bevor sich aus dem ganzen Chaos ständiger Wechsel wieder ein solider Weg abzeichnen würde.

Also: Ja, ich halte in Ihrem Falle die mögliche Auszeit für eher schädlich. Vor allem, weil Sie ja „nebenbei“ noch herausfinden müssen, was Sie letztlich wollen, was im Ausland noch schwerer ist als hier, wo Sie ja Ihre Heimat finden wollen. Anmerkung: Sie behaupten, eine Beurlaubung ohne Bezüge bei Ihrem Arbeitgeber sei möglich. Ich kann dazu nichts sagen – kann mir aber nicht vorstellen, dass Ihre Chefs begeistert sein werden. Entweder man ist ein wertvoller Mitarbeiter, dann wird man gebraucht. Oder es macht nichts, wenn man mal zwei Jahre nicht da ist – dann ist das Karrierepotenzial eher fraglich. Immerhin bin ich ziemlich sicher, dass man Ihnen während einer Beurlaubung nicht erlauben wird, woanders „gegen Geld“ zu arbeiten.

Daher rate ich Ihnen ganz klar: Ihre beruflichen Belange sprechen gegen eine Veränderung ins Ausland aus privaten Gründen. Ich kann das auch einfacher sagen: Fünf Jahre ununterbrochener (erfolgreicher!) Beschäftigung pro Arbeitgeber sind anzustreben. Davon wären Sie meilenweit entfernt. Als Trost: Sie müssen natürlich nicht meinem Rat folgen. Aber Sie haben gefragt …

b) Ihre spezielle Frage, ob Führung etwas für Sie wäre: „Führung – was denn sonst“, sagen sowohl der geborene als auch der überehrgeizige „Möchtegern“-Führer – beides sind Sie daher schon einmal nicht. Es gibt Menschen, die kommen an Führungspositionen „wie die Jungfrau zum Kind“, andere rackern sich für dieses Ziel berufslebenslang ab. Der große „Rest“ liegt dazwischen, er peilt dieses Ziel an und schafft problemarm die Realisierung.

Generell gilt: Um irgendwann zu führen, müssen Sie das erst einmal wollen. Und Sie müssen Ihren Lebenslauf entsprechend steuern, sich – ggf. über externe Bewerbungen – Perspektiven dafür erarbeiten. Ob Sie das wollen, können nur Sie allein entscheiden.Ob Sie Talent haben (also auch führen können), ist erst danach von Interesse. Lösen Sie zunächst einmal die Geschichte mit dem Wollen. Dabei gilt die Empfehlung: Wenn Sie langfristig unsicher sind, ob Sie überhaupt wollen, lassen Sie die Finger davon. Als Trost: Sie sind jetzt etwa 30 Jahre alt, mit der endgültigen Entscheidung haben Sie noch etwa fünf Jahre Zeit.

Also lautet, zusammengefasst aus a + b, Ihr Ziel für die nächsten Jahre: beim derzeitigen Arbeitgeber im Lande bleiben, einen hervorragenden „Job machen“, sich überdurchschnittlich engagieren (das schadet nie) und bis etwa 35 selbst herausgefunden haben, ob Sie nun führen wollen oder nicht. Parallel beobachten Sie die Kollegen und die Chefs, vergleichen sich mit denen, analysieren im Vergleich Ihre Stärken und Schwächen. Und dann lösen Sie so nebenbei auch noch das Problem, ob Sie „können“. Eine wesentliche Hilfe dabei ist Ihr Chef. Der weiß nach ein paar Jahren sehr genau, ob Sie das Potenzial für den Aufstieg haben oder nicht. Dieses Wissen müssen Sie nur aus ihm herauslocken. Das geht unbedingt, wenn man es zielstrebig betreibt.

c) Bliebe das Problem mit den angeblichen 55 Stunden/Woche. Zunächst einmal: Es gibt kein „Gesetz“, das solche Arbeitszeiten vorschreibt. Es gibt zwar diesbezüglich oft einen „Stil des Hauses“, dem man sich anpassen muss, viel größeren Einfluss auf diese Frage aber hat folgender Aspekt:

Eine Führungskraft trägt Verantwortung für Menschen und für „Sachen“ (Maschinen, Geld, Kundenzufriedenheit, sinnvoller Einsatz ihr anvertrauter Ressourcen). Das macht sie gern, danach strebt sie, dafür engagiert sie sich. Auch gern, übrigens. Und nun arbeitet sie, bis sie mit dem Resultat zufrieden ist, bis etwas Vorzeigbares erreicht wurde, bis ihr vorgegebene und von ihr selbst gesetzte(!) Tagesziele erfüllt sind. Dieses Prinzip dominiert, nicht die Zahl der Wochenstunden. Manchmal geht diese Führungskraft um 17.00 Uhr nach Hause, manchmal um 19.30 Uhr. Wenn sie sich – im Gespräch mit anderen, z. B. – definiert, dann spricht sie von allen hier genannten Aspekten, teils „leuchtenden Auges“, nicht jedoch von Wochenstunden.

So, nach so viel Vorbereitung darf ich auch einmal ganz einfach formulieren:Eine Definition wie „Führen ist, wenn man 55 Stunden/Wochen arbeitet“, taugt nichts. Die tägliche Arbeitszeit ist ein eher unbedeutender Randaspekt. Wer das anders sieht, gehört nicht in eine solche Position.

Bei der Gelegenheit: Lassen Sie sich nicht täuschen: Viele der Überstunden sind überflüssig, sind Leerlauf, Showeffekte oder sonst etwas in der Art. Manchmal muss man auch „vorsichtshalber“ bleiben, weil man von höheren Vorgesetzten noch gebraucht werden könnte. Aber sagen Sie nie: „Ich will nicht führen, weil ich die Überstunden nicht akzeptiere“, sagen Sie dann lieber: „Ich will nicht führen, weil ich diese Verantwortung nicht tragen möchte und weil mir auch die Fähigkeiten fehlen.“ Ich glaube nicht, dass es unter unseren älteren nicht führenden Mitarbeitern viele unentdeckt gebliebene Talente gibt, die problemlos „Leiter“ hätten werden können, aber wegen der leidigen Überstunden auf eine solche Laufbahn verzichtet haben.

Ich z. B. bin allein deshalb nicht Opernsänger geworden, weil ich durch und durch unmusikalisch bin, nicht weil mir die Tätigkeit in den Abendstunden lästig gewesen wäre. Und Bundeskanzler bin ich nicht deswegen nicht geworden, weil mir etwa der Dienstsitz nicht gepasst hätte (hingegen Literaturpreisträger nicht, weil ich solche Sätze konstruiere). Seien wir ruhig etwas ehrlicher zueinander.

Ihre privaten Pläne: Ihre künftige Frau scheint wild entschlossen zu sein, ihr Vorhaben in jedem Fall durchzuziehen. Dann müsste sie aber auch akzeptieren, dass Sie sich derzeit ein Mitgehen ins Ausland nicht leisten können. Welche Schlüsse Sie beide daraus ziehen, ist Ihre Privatsache. Nur einmal so am Rande: Wenn Sie sich zwei Jahre lang nur einmal im Monat sehen (beispielsweise) und die Hochzeit unmittelbar nach Rückkehr Ihrer Verlobten planen, kann das doch auch sehr romantisch sein.

PS: Nur damit niemand meine Aussagen falsch interpretiert: Könnte unser Einsender für seinen heutigen Arbeitgeber befristet in jenes Land gehen, spräche nichts dagegen, im Gegenteil. Er gewänne noch wertvolle Auslandspraxis, ohne dafür einen größeren „Preis“ zu bezahlen. Aber das geht nun einmal nicht bei diesem (mir gegenüber benannten) Konzern.

Kurzantwort:

1. Wenn zwei anspruchsvoll ausgebildete Partner (Akademiker) ihre jeweiligen Berufswege erfolgsorientiert und regelgerecht gestalten wollen, ergeben sich früher oder später Konflikte aus Standortdifferenzen. Eine pauschale Lösung gibt es nicht, es bleibt nur der individuelle Kompromiss.

2. Wer behauptet, nur wegen der mitunter längeren Arbeitszeit nicht Führungskraft geworden zu sein, hat zwar das falsche Argument genannt, aber die richtige Entscheidung getroffen (sofern er überhaupt entscheiden durfte).

Frage-Nr.: 2448
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-12-03

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