Heiko Mell

Ich kann nur schwer mündlich kommunizieren

Frage/1: Seit fünf Jahren lese ich nun schon Ihre Beiträge. Ich habe mir die Ratschläge und Hinweise sehr zu Herzen genommen, da ich sie für logisch und nachvollziehbar halte. Mein Erststudium zum Dipl.-Ing. (FH) habe ich mit Auszeichnung nach ca. neun Semestern abgeschlossen. Das Verfassen von Bewerbungen gemäß Ihren Empfehlungen war für mich absolut kein Problem und hat mir sogar Freude bereitet. Ich erhielt viele Einladungen zu Bewerbungsgesprächen, in denen mein Lebenslauf häufig gelobt wurde.

Trotz alledem habe ich in dem Jahr nach Abschluss des Studiums keine Stelle bekommen. Eine Übernahme bei der Firma, die mein Partner bei der Diplomarbeit war, scheiterte aus wirtschaftlichen Gründen. Kommilitonen haben mit teilweise schlechteren Ausgangsvoraussetzungen fast mühelos eine Anstellung gefunden.

Diese Erfahrung hat mich sehr frustriert. Ich habe mich oft gefragt, was denn nun schief läuft. Glücklicherweise fand ich noch für einige Monate einen Aushilfsjob. Und ich absolviere, gemäß Ihrer immer wieder geäußerten Empfehlung, einen Aufbaustudiengang zum Wirtschaftsingenieur.

Allmählich reifte nun in mir die Erkenntnis, dass ich anders bin als die anderen. Mit der verbalen und nonverbalen Kommunikation hatte ich, soweit ich mich erinnern kann, schon immer Probleme. In der Grundschule wurde ich als sehr ruhiger und zurückhaltender Schüler beschrieben. Noch heute habe ich Schwierigkeiten damit, Gespräche in Gang zu halten. Häufig weiß ich nicht, was ich sagen soll. Im Gegensatz dazu stehen jedoch meine fachlich durchaus guten Leistungen im Studium.

Frage/2: Vor Kurzem stieß ich zufällig auf eine Erklärung für mein Verhalten: Das Asperger-Syndrom, eine leichte Form des Autismus. Zwar ist das bisher nur eine Vermutung, nach ausführlicher Lektüre einiger Bücher halte ich es aber für sehr wahrscheinlich.

Frage/3: Diese Art von Störung macht es mir schwer, mündlich mit Personen zu kommunizieren, auf ihre Argumente einzugehen und sie zu überzeugen. Im Umgang mit Menschen verfüge ich über nahezu keine Intuition. Deswegen war ich nicht in der Lage, mich in den Vorstellungsgesprächen zu „verkaufen“. Die Beeinträchtigung ist nicht heilbar. Die Schwierigkeiten lassen sich jedoch durch intensives Training mildern. Für eine detaillierte Beschreibung weiterer Symptome verweise ich auf die entsprechende Fachliteratur.

Frage/4: Realistisch betrachtet kommt für mich daher keine „normale“ Stelle infrage. Kommunikationsfähigkeit, Interpretations- und Verhandlungsgeschick, Durchsetzungskraft, Flexibilität und Belastbarkeit sind bei mir nicht ausgeprägt. Nichtsdestotrotz fühle ich mich im Bereich meines Spezialinteresses, Finanzthemen und allgemein wirtschaftlicher Fragestellungen, sicher.

Welche Möglichkeiten gibt es für Personen wie mich, sich in unser auf einen Standardtyp-Mitarbeiter fixiertes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem produktiv einzubringen?

a) Tätigkeit im Steuerberatungs-/Unternehmensberatungsbereich in kleineren Unternehmen. Mein enormes fachliches Wissen und Verständnis für wirtschaftliche Fragestellungen und Finanzthemen bildet meiner Meinung nach eine gute Basis dafür.

b) Beschäftigung in der Lehre (Hochschule). Auf meinem Spezialgebiet kann ich stundenlange Vorträge halten. Häufig habe ich bei einigen Lehrveranstaltungen das Gefühl, mehr zu wissen als der Professor. Auch denke ich, dass es mir leichter fällt, anderen mündlich etwas zu erklären als mündliche Erklärungen anderer zu verstehen. Aber ich erfülle die formalen Voraussetzungen für eine FH-Professur nicht.

c) Sonstige Tätigkeit im öffentlichen Dienst. Durch meine Störung bin ich nach meinem Wissen zu mindestens 50 % behindert. In Stellenanzeigen heißt es, dass Schwerbehinderte bevorzugt eingestellt werden.Mir scheint a am sinnvollsten, dann b, während c den absoluten Notnagel darstellt.

Antwort:

Antwort/1: Handeln wir das Vorgetragene erst einmal bis dahin ab:

1. Sie waren bei Abschluss Ihres FH-Studiums 25, hatten tolle Noten (1,3 Stufen besser als beim Abitur, also voll im Rahmen meiner langjährigen Beobachtungen), wurden nach Bewerbungen oft eingeladen und dann auch noch für Ihren Lebenslauf gelobt – wenn dann keine einzige Anstellung dabei herauskommt, liegt es mit absoluter Sicherheit an dem persönlichen Bild, das Sie in den Vorstellungsgesprächen vermitteln.

Sich selbst und seine Fähigkeiten überzeugend präsentieren zu können, ist heute eine erfolgsentscheidende Standardanforderung. Dabei wird für normale Positionen keineswegs ein „strahlender Wahlkampfcharmeur“ gesucht. Aber wer auf eine engagiert vorgetragene, mehrfach gestaffelte Erklärung mit angehängter Frage im Vorstellungsgespräch nach längerer Pause ein einsames „Ja“ (oder „Nein“) anbietet und dann wieder verstummt, ist chancenarm. Wer während des ganzen Arbeitgebervortrags keine Miene verzieht, weder lächelt, noch wortlos Interesse zeigt, hat sehr schlechte Karten.

2. Dass Sie in Ihrem Alter und bei Ihrer Begabung für das FH-Studium jetzt die Zeit zum Aufbaustudium nutzen, ist positiv. Sie profitieren mehrfach:- im Lebenslauf ist in dieser Phase nicht von Arbeitslosigkeit, sondern von Studium die Rede;- die Zusatzqualifikation schmückt jeden Ingenieur und schadet nie;- Sie gewinnen Zeit, um konsequent an die Lösung Ihres offensichtlichen Problems heranzugehen.

3. Aber: Sie sind ein intelligenter junger Mann. Wenn Sie schon nicht reden können, so sprechen Ihre Studienergebnisse doch zweifelsfrei dafür, dass Sie zuhören, beobachten, Schlüsse ziehen können.

Sie hatten bisher festgestellt, dass Sie in der Grundschule als sehr ruhig und zurückhaltend galten und hatten in der Kommunikation, soweit Sie sich erinnern können, „schon immer Probleme“.

In der mir eigenen Bosheit liste ich einmal auf: Sie haben nach der Grundschule

– eine Realschule (mit Abschluss), ein Gymnasium (mit Abschluss) absolviert,
– einen Zivildienst im Krankenhaus (das ist eine Institution, in der lauter Ärzte herumlaufen) abgeleistet,
– ein ganzes und ein angefangenes zweites FH-Studium vorzuweisen,
– 5 Praktika bei Firmen mit insgesamt ca. 367.000 Mitarbeitern durchgezogen,
– einen mittelständischen Firmenpartner für die Diplomarbeit gefunden,- einen Arbeitgeber für Aushilfstätigkeiten und einen für eine Werkstudententätigkeit gehabt,
– Gleichgesinnte im Aktienklub und beim Sport kennengelernt.

Das sind etwa vierzehn Institutionen, die Sie intensiv kennengelernt haben, bei denen mindestens je zwei vernünftige Menschen tätig gewesen sein sollten, was ungefähr dreißig Ihnen halbwegs wohlgesonnene, lebenserfahrene und überwiegend auch hilfsbereite Menschen ergibt – die Ihnen im Laufe der letzten fünfzehn Jahre Reflexionen Ihres Verhaltens und evtl. Eigenarten gegeben haben müssten.

Wenn Sie es schaffen, in Ihrer Diplomarbeit ein Automatisierungskonzept für … zu entwickeln, dann müssten Sie doch auch in all den Jahren sehr deutlich bemerkt haben, was eventuell mit Ihnen „los“ ist. Und das bedeutet dann, Ärzte zur Diagnose, ggf. Therapie hinzuzuziehen, zumindest aber eine Strategie zu entwickeln, wie mit dieser Besonderheit umzugehen ist.Sie könnten sich beispielsweise für Ihre letzten Bewerbungen ganz schlicht die falschen Positionen ausgesucht haben. Projektingenieure oder Trainees wären Jobs, bei denen Sie zwangsläufig durchfallen müssten. Berechnungsingenieure oder manche Softwareentwickler andererseits werden auf dem Gebiet Kommunikation viel weniger gefordert.Ich habe absolut weder das Recht, noch die Absicht, Ihnen Vorwürfe zu machen. Aber ich glaube, Sie haben die Chance, rechtzeitig herauszufinden, was mit Ihnen los ist, nicht genutzt. Zwei oder drei Personen von jenen dreißig hätten Ihnen auf Befragen hin sicher gern ihre Einschätzung Ihrer Stärken und Schwächen mitgeteilt.A

ntwort/2: Der Rest Ihres fast dreiseitigen, eng beschriebenen Briefes unterstellt nun einfach, dass Sie dieses Syndrom haben. Sie philosophieren über Einstein und Bill Gates (die vermutlich auch betroffen seien), sind am Schluss bei den Ursachen der jüngsten Bankenkrise und appellieren an mich und die VDI nachrichten, „dieser Problematik den Raum zu geben, den sie verdient hat“. Alles auf der Basis eines Patienten, der nach Lesen einiger Bücher als Laie (wenn auch betroffener Laie) eine Selbstdiagnose stellt – und auf dieser extrem(!) schwachen Basis argumentativ lostobt (in absolut seriöser Form, wie ich gern einräume).

Sie bauen jetzt die kompletten Planungen für Ihr weiteres Leben auf dieser Selbstdiagnose auf – das ist doch nicht zu verantworten! Erst einmal müssen Sie eine klare ärztlich-fachmännische Diagnose haben, dann müssen Sie dort erfahren, ob es zumindest Therapieansätze gibt, und dann können Sie planen. So jedoch besteht die Gefahr, dass Sie diese Bücher und Ihre Symptome falsch interpretieren und sich eventuell diese Krankheit stärker einreden als sie tatsächlich ist. Es soll männliche Medizinstudenten geben, die ihr Studium hinwerfen, nachdem sie bei sich selbst einwandfrei alle Symptome einer Schwangerschaft „erkannten“, die sie in ihren Büchern beschrieben fanden.

Antwort/3: Sie kannten mich vorher und wussten, was Sie hier erwartet. Natürlich bin ich medizinischer Laie – es ist möglich, dass Ihre Selbstdiagnose stimmt und ich Ihnen genau das vorwerfe, was krankheitsbedingt nicht zu ändern ist. Aber das erkenne ich erst nach Vorliegen einer fachärztlichen Bestätigung Ihres Syndroms an. Ihr Hinweis auf Fachliteratur ist fast ein wenig naiv. Ich will ja nicht Ihre Diagnose prüfen oder Fachmann werden, mir oder sonst jemandem hilft dieser Verweis auf Bücher nicht.

Antwort/4: Ich weiß natürlich, dass ich mich hier auf glattem Eis bewege und will dem – vielleicht – Kranken schon gar nicht seine spezifische Schwäche vorhalten. Aber dieses fällt mir auf:

I. Woran es Ihnen auch mangelt, Selbstbewusstsein gehört nicht dazu.

II. Ihr „Spezialgebiet“, über das Sie stundenlange Vorträge halten können, liegt außerhalb Ihrer Studienschwerpunkte und ist bereits „Hobby“. Wenn es möglich ist, auf einem Hobby-Gebiet so weit zu kommen, dass man – bei sonst fehlender Begabung – stundenlange Vorträge darüber halten kann, dann müsste es doch möglich sein, sich unter fachkundiger Anleitung einem zweiten Interessengebiet wie „zwischenmenschliche Kommunikation“ so intensiv zu widmen, dass man am Schluss auch auf diesem Gebiet endlos reden kann.

III. Sie sind ein Dipl.-Ing. (FH) der Automatisierungstechnik mit sehr gutem Abschluss. Der Rest Ihrer Qualifikation ist nur Aufbau und Ergänzung. Ihre ganzen neueren Berufswünsche entfernen sich von Ihrer Basis. Für den Steuerberatungsbereich fehlt Ihnen die fachliche Ausbildung, das Aufbaustudium dürfte nicht reichen. Und: Dort braucht man früher oder später das Steuerberaterexamen – wer will schon seine Steuerangelegenheiten einem Amateur anvertrauen? Und mit der Steuerberaterausbildung tun sich selbst ausgewachsene Dipl.-Kaufleute ziemlich schwer.

Den Lehrbetrieb sollten Sie streichen. Professoren, die über ihr Spezialgebiet stundenlang reden, nicht zuhören können und nicht zu alltäglicher Konversation fähig sind, fehlen uns gerade noch.

Was den restlichen öffentlichen Dienst angeht: Sprechen Sie einmal mit dem Schwerbehinderten-Beauftragten oder -Vertrauensmann, den jede größere organisatorische Einheit hat. Der kann Ihnen wertvolle Tipps geben. Achtung: Für den Bereich der freien Wirtschaft hat eine offizielle Anerkennung als Schwerbehinderter nicht nur Vorteile!

Fazit: Sie merken es schon, ich bin nicht so ganz zufrieden mit Ihnen und den bisherigen Bemühungen zur Problemlösung: Vor allem: Wenn Ihnen ein Abitur möglich war, wenn Sie ein Studium (das ja auf das Berufsleben vorbereiten soll) mit hervorragendem Ergebnis abschließen konnten, wenn Sie sich erfolgreich um vier Praktika bei z. T. sehr anspruchsvollen Großunternehmen bewerben konnten, wenn Sie Ihre Anstellung als Diplomand bei einem fünften Unternehmen erst zustande gebracht und dann sehr gut durchgestanden haben, wenn letzteres Unternehmen Sie dann sogar als Aushilfe weiterbeschäftigt hat und wenn Sie für Ihr Aufbaustudium auch noch ein Praktikum bei einer Ihnen völlig fachfremden Steuerberatungsgesellschaft gefunden haben – dann müsste, wenn Sie das wirklich wollen, auch noch eine passende Ingenieurstelle in Deutschland auf dem Bewerbungsweg zu erringen sein. In der man „ingenieurmäßig“ still vor sich hinarbeitet und nicht so viel verbal kommunizieren muss. Denn schreiben können Sie sehr flüssig, da gibt es überhaupt keine Einschränkungen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2440
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-10-29

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