Heiko Mell

Umzug, väterlicher Betrieb u. a.

Frage/1: Ich habe nach Abschluss meines Maschinenbaustudiums (Dipl.-Ing. univ.) als Trainee bei einem Automobilzulieferer begonnen. Das Programm wurde erfolgreich beendet, ich bin seitdem im Zielgebiet beschäftigt. Von Anfang an konnte ich dort Kundenprojekte mit hohem Anspruch übernehmen.

Vor Kurzem wurde leider aus strategischen Gründen der Standort der Abteilung geändert, mir wurde keinerlei Anreiz geboten, dem zu folgen. Dazu hat auch beigetragen, dass ich intern in eine Stelle wechseln konnte, die oberflächlich gesehen gleichwertig und auch in dem Betätigungsfeld sehr ähnlich war. Allerdings sehe ich seitdem kaum noch Möglichkeiten, mich zu profilieren und karrieretechnisch weiterzukommen (kleine Projekte, lange Projektdauer, wenig Engineering). Und das trotz ausschließlich positivem Feedback bezüglich meiner Arbeit.

Frage/2: Früher oder später werde ich den gut gehenden elterlichen Betrieb (Metallverarbeitung, weniger als 10 Mitarbeiter) mit nationalem und internationalem Kundenstamm übernehmen. Da ich unzufrieden in meiner jetzigen Position bin, stellt sich für mich die Frage, ob ich die Firma wechseln oder den elterlichen Betrieb gleich übernehmen soll. Im letztgenannten Fall würde ich evtl. BWL im Fernstudium nebenbei vertiefen.

Wie würden die Chancen stehen, falls ich in ferner Zukunft wieder als Angestellter arbeiten will – wenn ich zuvor in einer anderen Branche selbstständig war?

Antwort:

Antwort/1: Es gibt eine goldene Regel: Keine(!!!) berufliche Veränderung aus regionalen Gründen. Man wechselt weder den Arbeitgeber, um einen bestimmten Wohnort möglich zu machen, noch wechselt man die Stelle, um einer Standort-Unbequemlichkeit zu entfliehen. Und wenn man es dennoch tut (ich setze ja nicht ohne Grund drei Ausrufezeichen), dann wundere man sich wenigstens nicht. Fast immer endet es so wie hier: Man will ein kleines (privates) Problem vermeiden – und handelt sich stattdessen ein großes (berufliches) ein.

Schön, ein Familienvater mit drei schulpflichtigen Kindern, davon eines kurz vor dem Abitur, mit einem gerade bezogenen, derzeit unverkäuflichen Haus und einer auf seine Pflege angewiesenen Oma am alten Standort muss sorgfältig abwägen – aber ein junger Mann von – geschätzt – etwa dreißig Jahren? Wenn der nicht mobil ist, wer ist es dann?Sehen Sie bitte auch, dass ein zentrales Argument von Ihnen nicht stimmt: Die Abteilung wurde verlagert – und Ihnen wurde „keinerlei Anreiz gegeben, dem zu folgen“. Es gab schon einen Anreiz, einen großen sogar: „Gehe mit uns an den neuen Standort, dann behältst du deinen rundum zufriedenstellenden, äußerst anspruchsvollen Job im vertrauten in- und externen Umfeld. Bleibst du hier, könntest du es wesentlich schlechter treffen als vorher.“

Natürlich darf man hoffen, nach einem nicht gewollten Abteilungswechsel bessere oder vergleichbare Umstände anzutreffen – aber die Lebenserfahrung lehrt, dass man damit besser nicht rechnet. Rundum als positiv empfundene Rahmenbedingungen sind so kostbar, dass man sie nicht ohne zwingende Gründe aufs Spiel setzen soll.

Jetzt hängen Sie da herum mit etwa diesen Fakten:- abgeschlossenes Traineeprogramm,- etwa ein Jahr im „guten“ ersten Job,- weniger als ein Jahr im „schlechten“ zweiten Job (alles in einem Unternehmen).

Das ist zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig, ist also noch nicht ausreichend, um sich mit der Aussicht auf Erfolg extern neu zu vermarkten. Sie müssten als Bewerber dauernd Erklärungen abgeben – und hätten vermutlich zusätzlich das Problem, kein rundum sehr gutes Zeugnis zu erhalten. Und das alles, um einen Ortswechsel bei der Abteilungsverlagerung zu vermeiden.

Antwort/2: Das ist ein ganz anderes Thema mit eigenen Regeln. Die wichtigsten:

a) Vom Angestellten zum Selbstständigen geht immer. Niemand fragt den Selbstständigen, ob er vorher drei oder sieben Arbeitgeber hatte, ob er entlassen wurde oder arbeitslos war. Vom Selbstständigen will man lediglich Beweise dafür, dass er kann, was er bei oder für seinen Kunden tun will (Referenzkunden bzw. -projekte).

Sie werden ein bestehendes Unternehmen leiten, also können Sie auf deren Kundenbeziehungen aufbauen. Nur wenn Sie bei den Kunden gar zu jung und unerfahren wirken sollten, könnten Sie Probleme bekommen. Aber der Sohn des alten Inhabers bekommt einen Vertrauensvorschuss, den ein fremder neuer Chef nicht bekäme.

b) Man betrachte den Weg in die Selbstständigkeit grundsätzlich und vorsichtshalber als „Weg ohne Wiederkehr“. Es gibt Ausnahmen, aber man rechne besser nicht damit.Bei einer eventuellen Rückkehr müsste man Bewerbungen schreiben, die fast immer an Menschen gerichtet werden, die stets „nur“ Angestellte waren. Man käme nach einem Scheitern zurück – und man hätte durch den damaligen Wechsel in die Selbstständigkeit gezeigt, dass man eben nicht mehr ein sich bereitwillig unterordnender Angestellter sein wollte. Die Tätigkeit als Chef ohne Fremdkontrolle hat den Selbstständigen für ein späteres Angestelltendasein „verdorben“.

Man passt auch nirgends mehr so richtig hin. Man war z. B. alleiniger Chef einer kleinen Firma. Eine andere Position dieser Art bekommt man als angestellter Geschäftsführer nicht, weil man mit der eigenen Unternehmung gerade in die Insolvenz gegangen ist – und der alleinige Leiter einer kleinen Gesellschaft lässt sich kaum noch als Abteilungsleiter in eine große integrieren.

c) Alle Einschränkungen unter b sind vor allem abhängig von den zeitlichen Relationen:10 Jahre als Angestellter und 1,5 Jahre anschließende Selbstständigkeit sind für eine Rückkehr weit weniger problematisch als der umgekehrte Fall.

Bei Bewerbern um Angestellten-Positionen werden frühere und evtl. heutige (entfällt hier) Angestellten-Tätigkeiten sehr genau unter die Lupe genommen. Bei Rückkehrern aus der Selbstständigkeit gilt das doppelt. Eine hinreichend lange, solide, nach den gängigen Regeln aufgebaute und mit sehr positiven Zeugnissen abgeschlossene frühere Angestellten-Tätigkeit wäre also die beste „Lebensversicherung“ für Sie.

Die Sache ist ganz einfach: Wer zurückkehren will, knüpft vor allem an die frühere Angestelltenbasis wieder an. Taugt die nichts, ist der Versuch noch schwieriger als ohnehin schon.

d) Vorsichtshalber sage ich, dass die Vorbehalte gegen Ex-Selbstständige in hohem Maße auf „soliden Vorurteilen“ beruhen. Mit Sachargumenten ist dagegen wenig auszurichten. Der Versuch, in einer Bewerbung seitenlang Gegenargumente aufzulisten („Ich finde, dass die Erfahrungen aus meiner Selbstständigkeit nicht nur ebenso wertvoll sind wie solche aus angestellter Tätigkeit, sondern dass ich sogar unter Beweis gestellt habe, ….“), ist nicht hilfreich. Wenn etwas eventuell helfen kann, dann Einsicht in die Probleme („Mir ist bewusst, dass die Wiedereingliederung in Angestellten-Positionen als problematisch angesehen wird und von mir besondere Anpassungsbereitschaft sowie Flexibilität verlangt. Ich bin absolut dazu bereit.“).

e) Aus dem Zusammenhang ergibt sich, dass in Ihrem Falle jetzt ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für den Einstieg in die Selbstständigkeit wäre: Die Dienstzeiten in den einzelnen Angestellten-Funktionen sind noch zu kurz, mit einem hervorragenden Zeugnis (das Ihre Eignung zum Angestellten unterstreicht) ist derzeit nicht zu rechnen.

Es ist nicht wichtig, ob Sie derzeit „rundum glücklich“ sind in Ihrem Job. Engagieren Sie sich dennoch überdurchschnittlich, damit anschließend Lebenslauf und Arbeitgeberzeugnis übereinstimmend sagen: „Ein hervorragender, absolut überzeugender Angestellter, den wir gern behalten hätten.“

Und falls Sie eines Tages zurückkommen, dann bitte eher nach zwei als nach zwanzig Jahren.

Kurzantwort:

1. Wenn es in einem Arbeitsverhältnis gerade „rundum gut läuft“ (Tätigkeit, Chef, Perspektiven, Freude an der Arbeit usw.), ist das Gold wert. Dieser Job sollte nicht ohne wirklich zwingenden Grund aufs Spiel gesetzt werden.

2. Den Weg in die Selbstständigkeit sollte man pauschal als Einbahnstraße sehen. Er bringt deutlich schwerwiegendere Folgen mit sich als ein klassischer Arbeitgeberwechsel. Die – schwierige – Rückkehr wird erleichtert durch einen erstklassigen Arbeitnehmerwerdegang vor dem Einstieg in die Selbstständigkeit.

Frage-Nr.: 2438
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-10-15

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