Heiko Mell

Einser-Kandidat, beratungsresistent, Ex-Trainee, frustriert …

Frage/1: Nach dem Abschluss meines Studiums entschied ich mich für ein Traineeprogramm bei einem deutschen Industriekonzern. Trotz Ihres wiederholt geäußerten Ratschlages, dass „Einser“-Kandidaten besser eine Promotion anstreben sollten, entschied ich mich zum damaligen Zeitpunkt bewusst gegen vorliegende Promotionsangebote. Wesentliche Gründe hierfür waren die damals gute wirtschaftliche Situation, das verlockende Trainee-Angebot und der Wunsch, nach einem sehr theorielastigen Studium endlich praktisch in der Industrie tätig zu werden.

Frage/2: Nach erfolgreicher Beendigung des Programms übernahm ich eine Position als Entwicklungsingenieur. Schon zu Beginn zeigte sich die Tendenz, dass ungeachtet der interessanten Inhalte meiner Arbeit der Umfang der mir übertragenen Aufgaben bei Weitem nicht Zeit füllend ist. Während ich mir diese Tatsache zunächst mit der gewöhnlichen Einarbeitungsphase erklärte, hat sich auch danach diese Situation, trotz eines Gesprächs mit meinem Vorgesetzten, nicht wesentlich geändert.

Obwohl mein Vorgesetzter im jährlichen Beurteilungsgespräch seine Zufriedenheit mit meinen Leistungen zum Ausdruck brachte, habe ich mich kritisch hinterfragt, inwieweit ich zu der mangelnden Übertragung von Aufgaben beitrage.

Frage/3: Das Gespräch mit einigen Kollegen zeigte allerdings, dass nicht nur ich von der ungenügenden Auslastung betroffen bin. Den wesentlichen Grund hierfür sehe ich in meinem Vorgesetzten, der fachliche Themen oft gerne persönlich in die Hand nimmt, anstelle diese zu delegieren. Bevorzugt überträgt er Aufgaben an erfahrene Kollegen, anstatt die neueren Mitarbeiter enger ins Geschehen einzubinden.

Frage/4: Die Situation ist für mich unbefriedigend, da ich es gewohnt bin, Leistung und Engagement zu zeigen, dafür allerdings nicht ausreichend Möglichkeiten bekomme. Derzeit möchte ich nicht den Arbeitgeber wechseln.Ein Wechsel in eine andere Entwicklungsabteilung des Hauses hätte den Vorteil, das bereits aufgebaute Netzwerk weiterhin nutzen zu können. Dabei fürchte ich, dass mein heutiger Vorgesetzter von der Sache erfährt, bevor sie „in trockenen Tüchern“ ist. Wie geht man vor, ohne beim heutigen Vorgesetzten in Ungnade zu fallen?

Obwohl ich für meine momentane Situation eine fehlende Promotion nicht für ausschlaggebend halte, ziehe ich diese als weitere Alternative ernsthaft in Erwägung. Ich hätte die letzte Möglichkeit einer Promotion in noch halbwegs akzeptablem Alter. Sie hatten erwähnt, dass später der jetzt anstehende Wechsel aus der Industrie an die Universität kritisch gesehen würde. Wie wird eine Promotion an einem industrienahen Forschungsinstitut bewertet?

Antwort:

Antwort/1: Liebe andere Leser, hier gibt es etwas zu lernen: Unaufdringlicher kann man die Information „Ich bin ein Einser-Mann“ kaum unter die Leute bringen, ein ehrliches Kompliment von mir.Leider ist in Wirklichkeit alles noch viel schlimmer: Sie, geehrter Einsender, waren 24 Jahre, als Sie fertig waren – und Sie hatten „mit Auszeichnung“ bestanden. Für den Fall, dass jemand so etwas nie oder nur selten zu Gesicht bekommt: Da stehen dann auf dem Examens-Zeugnis Einser-Noten in jedem verdammten einzelnen Fach (das öffentliche Fluchen in Zeitungsartikeln ist erst Autoren mit deutlich mehr als 40 Jahren Praxis erlaubt).

Wissen Sie, was das heißt? Es bedeutet, dass das Studium nicht zur Demut vor dem überlegenen Wissen anderer Leute erzogen hat (weil: „Ich kann alles“), auch meinen bescheidenen Rat haben Sie ja missachtet („ich weiß auch alles besser“). Das war eine spekulative Bemerkung von mir, aber jetzt kommt eine abgesicherte: Es bedeutet auch, dass das Studium Sie nicht ausgelastet, Sie nicht an Ihre Grenzen geführt hat. Das ist schlecht (erzieherisch gesehen), weil Sie diese Grenzen nun immer noch nicht kennen.

Und es ist der Verstoß gegen eine sehr bewährte Grundregel, die sich mir in den vielen Praxisjahren aufgedrängt hat: Man hole aus sich so viel wie möglich von dem heraus, was drinsteckt. Alles andere rächt sich früher oder später.

Wo ich gerade dabei bin, mich warmzulaufen: Vermutlich haben die Kommilitonen von damals nicht alle ein Auszeichnungsexamen erreicht – wie denn auch. Also sind Sie auf diesem Gebiet aus der Masse herausragend. Kein besserer Mensch, aber in dem Bereich, der durch ein Ingenieurstudium abgedeckt wird, irgendwie Elite. Ist es dann erstrebenswert, Positionen oder Laufbahnen anzustreben, die auch Menschen offenstehen, die nicht so ein extrem gutes Potenzial haben? Und eben ohne die „höheren Weihen“ sofort in die Praxis zu enteilen?

Nein, ein Mann wie Sie (mit Ihren Fähigkeiten) sollte einfach aus Prinzip eine Ausbildungsstätte erst verlassen, wenn er alles mitgenommen hat, was für ihn problemlos erreichbar war. Übrigens: Ganz oben an der Spitze Ihres Konzerns haben mehr als die Hälfte der Vorstandsmitglieder nicht nur den Dr. im Namen, sondern auch noch die eine oder andere Stufe mehr. Das beweist nichts, taugt aber als Indiz.

Bleibt Ihre Anmerkung, Sie wollten nach einem „theorielastigen“ Studium endlich praktisch arbeiten. Das nenne ich ein echtes Luxusproblem! Wer mit der Theorie Schwierigkeiten hat und sie endlich loswerden möchte, hat mein volles Verständnis. Aber wenn man diese Theoriephase mit Auszeichnung durchsteht, dann kann die Abneigung ja wohl nicht so groß gewesen sein. Schließlich noch eine kleine Provokation zum Schluss dieses Kapitels: Sie waren für die Theorie super begabt (mit Auszeichnung). Was glauben Sie denn, wie begabt Sie nun für das Überleben in den Niederungen des praktischen Alltags sind? Noch begabter? Ein wandelndes Universalgenie? Das in der völlig anders gelagerten Praxis erst seine wahre Begabung zeigen würde? Die Lebenserfahrung spricht dagegen. Sehen wir einmal, was kam:

Antwort/2: Das war eine gute Idee, auch ich würde vermuten, dass die Ursachen zumindest zum Teil bei Ihnen liegen. Was wissen wir sicher:

a) Sie sind ein Einser-Kandidat. Positiv daran ist, dass solche Leute jedes lösbare fachliche Problem in kürzester Zeit richtig lösen (da kommen die guten Noten ja her). Aber oft sind sie auch besserwisserisch, lassen sich schwer überzeugen, diskutieren gern, erkennen keineswegs die Überlegenheit eines Chefs nur aus dem Grund an, weil er Chef ist. Wir kennen den Ausbildungsstatus und die Noten Ihres Vorgesetzten nicht – aber vielleicht interpretiert der Ihre sicher immer völlig richtigen Anmerkungen, Fragen und Diskussionsbeiträge völlig zu Unrecht als „Ihren“ Versuch, jederzeit zu beweisen: „Ich bin klüger.“

Sagen wir es so: Im Studium ist es empfehlenswert, etwa 110% dessen, was man weiß, auf den Tisch zu legen (in Seminaren, bei Klausuren etc.). In der betrieblichen Praxis sollen Sie nicht mehr gut sein – dafür gibt es keinen allgemeingültigen Maßstab. Sie sollen hingegen Ihren Chef dazu bringen, Sie für gut zu halten. Erst dann sind Sie gut im Rahmen des Systems. Und da kann es in vielen Situationen durchaus ratsam sein, nur etwa 70 – 85% dessen zu sagen, was man weiß. Weil eben das Ziel nicht heißt: „Ich muss beweisen, dass ich gut bin“, sondern: „Ich muss erreichen, dass er denkt, ich sei gut.“

Noch eine gewagte Behauptung: Der Professor erträgt seine Einser-Kandidaten. Weiß er doch, sie gehen wieder. Aber der Chef hat Sie „dauerhaft am Hals“ – und könnte einen allzu provokativ-klugen Kopf auch noch als Bedrohung empfinden. Oder wenigstens als lästig.

b) Sie neigen zu recht umständlichen Formulierungen. Nehmen Sie nur einmal den zweiten Satz von “

Frage/2″. Kombiniert man a mit b, dann ergibt sich die grundsätzliche Gefahr, dass Sie Ihre Chefs „nerven“.

Die gute Leistungsbeurteilung in Ehren. Aber vielleicht steckt irgendwo in den einzelnen Bewertungskriterien ein aufschlussreicher Aspekt, der eher dem Bereich „Persönlichkeit“ statt der „Leistung“ zuzurechnen ist.

c) Ungeachtet dessen gilt: Konzerne sind eher langsam. Mitarbeiter, die voller Ungeduld schnell etwas erreichen wollen, holen sich oft blutige Nasen. Wenn Sie einem langjährig konzernerfahrenen Menschen sagen, Sie hätten im letzten Jahr nicht so viel zu tun gehabt wie Sie hätten leisten können, dann wird er lächeln und fragen: „Und sonst war nichts Aufregendes?“ Konzerne haben ihren ureigenen Rhythmus, dem man sich am besten anpasst. Und seien Sie ganz sicher: Irgendwo in Ihrem Konzern stöhnen andere junge Akademiker über unzumutbare Überlastung. In einem solchen Unternehmen ist man nicht, um etwas zu bewegen (damit tun sich sogar Vorstände schwer), sondern um beizeiten etwas zu werden (z. B. irgendwann sogar Vorstand).Antwort/3: Also sind die auch schlecht ausgelasteten Kollegen Anfänger wie Sie, die erfahrenen Leute jedoch haben zu tun. Sehen Sie es einmal aus der Chef-Sicht: Er hat Aufgaben zu lösen, dafür steht ihm ein Apparat zur Verfügung. Wie löst er seine Tagesprobleme am schnellsten und am besten? Wenn er „es selber macht“ oder an die erfahrenen Leute verteilt. Kann man es ihm verdenken? Natürlich sollte er auch Sie stärker einbinden, damit Sie etwas lernen. Aber er weiß vermutlich: Kaum hat er Sie mühsam eingearbeitet, wollen Sie aufsteigen (typisch für Ex-Trainees). Das geht bei ihm nicht, daher werden Sie seine Abteilung verlassen. Also empfindet er Sie als lästig oder so. Kann man es ihm übel nehmen? Prüfen Sie einmal die Geschichte mit seiner Ausbildung: Wenn er auch ein TU-Examen mit Auszeichnung hat, spendiere ich Ihnen eine Flasche Sekt (fragen Sie aber bitte nicht ihn, sondern die erfahrenen Kollegen).

Lösung für Sie: Schnellstens auf einem Gebiet oder mehreren zum Super-Fachmann werden, der wertvoll für den Chef ist. Sie müssen sich Aufgaben suchen(!), Prozesse auf eigene Initiative optimieren, sich nützlich machen. Achtung: Ihr „Chef, ich habe hier nicht genug zu tun“ ist der Vorwurf „Du bist als Führungskraft unfähig, verwaltest das Geld unseres Arbeitgebers falsch bzw. schlecht“.

Schauen Sie sich an, mit welchen Problemen sich Ihr Chef herumschlägt – und schlagen Sie ihm für ein paar davon Lösungen vor, die Sie ausgearbeitet haben.

Antwort/4: Ein interner Wechsel ist vom Lebenslauf her weitgehend unkritisch, in der Durchführung aber oft problematisch. Meist gilt das Grundprinzip: Wir nehmen einer Führungskraft nicht gegen ihren Willen und ohne ihr Einverständnis Mitarbeiter weg – also muss und wird man vor den „trockenen Tüchern“ irgendwie Ihren bisherigen Chef einbeziehen. Im schlimmsten Fall sitzen Sie dann zwischen zwei Stühlen. Fragen Sie das Personalwesen, wie so etwas bei Ihnen im Detail läuft – dort kennt man die Brisanz des Problems und wird zumindest Ihre Anfrage vertraulich behandeln (garantieren kann ich das jedoch nicht).

Die Promotion an der Uni oder am Institut nach Kündigung Ihrer derzeitigen Anstellung ist in der Sache problemlos möglich, gräbt sich aber unauslöschbar in Ihren Lebenslauf ein: Super-Top-Examen, Traineeprogramm bei Top-Unternehmen, dann dort so etwa ein Jahr Praxis, alles hingeworfen und mit vermutlich eher mäßigem Zeugnis zurück zu Mutti, äh Uni. Toll ist das nicht. Und wenn dann noch die erste Industrieanstellung nach der Promotion im Chaos endet (und sei es, weil Menschen, was sie einst taten, immer wieder tun), dann haben wir Perlen vor die Säue geworfen. Das ist mir zu riskant (im Detail: industrienahes Forschungsinstitut wäre für Sie etwas besser als Uni).

Mein Vorschlag:

1. Bleiben und das Problem erfolgreich durchkämpfen und lösen. Meckern Sie nicht gemeinsam mit den anderen Anfängern, reden Sie mit den erfahrenen Kollegen, eifern Sie denen nach. Sie sollen dort nicht pensioniert werden. Ihr Konzern hat in seine Trainees investiert, er will, dass sich das auszahlt (für ihn). Also werden Sie in ein bis zwei weiteren Jahren (mit hoffentlich glänzender Beurteilung durch Ihren Chef!) dort wegbefördert – sofern Sie niemanden enttäuschen. Verlassen Sie Ihren heutigen „Kampfplatz“ als Sieger. Wofür haben Sie denn sonst all Ihre geistigen Fähigkeiten? Oder:

2. Natürlich hätten Sie promovieren sollen – und gerade Sie sollten es auch jetzt noch tun, wenn es irgend geht. Es geht in Ihrem Fall besser mit dem Konzern, nicht ohne ihn. Reden Sie mit der Personalabteilung über die Möglichkeit einer nebenberuflichen Promotion bei reduziertem Einkommen oder über die unbezahlte Beurlaubung mit Wiedereinstellung nach Abschluss der Promotion. Vielleicht hilft man auch gegen eine Verpflichtung von Ihnen, danach wieder dort zu arbeiten. Irgendwer im Konzern wird früher schon ein solches Projekt durchgezogen haben.

Nun suchen Sie sich eine Variante aus und ziehen sie durch. Einfach wird es nicht, aber wofür hat man seine Begabung. Zeigen Sie einmal, dass Sie auch bei Gegenwind Ihr Ziel erreichen.Was wäre ich bloß ohne meine „Einser-Kandidaten“, mit denen ich immer wieder fühle, auch wenn es oberflächlich gesehen nicht so aussieht (um Missverständnisse vorzubeugen: Ich gehöre nicht dazu und neidisch bin ich auch nicht).

Kurzantwort:

Wer Ihnen ein verlockendes Angebot macht (hier: Traineeprogramm statt Promotion) will eines seiner Probleme lösen, nicht eines der Ihren.

Frage-Nr.: 2428
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-09-08

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