Heiko Mell

Fern, so fern dem Heimatland …

Frage/1: Ich habe vor 1,5 Jahren mein Studium der …-Technik erfolgreich an einer Uni (mit dem Notendurchschnitt 3,1) abgeschlossen. Nach einem halben Jahr Jobsuche und diversen Anstrengungen sowie Hilfestellungen habe ich letztendlich einen Job gefunden.

Frage/2: Mein Wunschgebiet ist die Branche X. Zufällig war meine einzige Zusage (nach einer einstelligen Zahl von Vorstellungsgesprächen) in genau diesem Bereich.

Probleme sind aber u. a. die 500 km Entfernung zur Freundin und auch zu allen anderen mir nahestehenden Menschen. Zusätzlich bin ich in dem Unternehmen, das als AG mit in- und ausländischen Investoren neu in den Markt startet und bisher noch nichts in der Praxis aufgebaut hat, als Neuling ohne Berufserfahrung mit dem Gehalt am unteren Ende der Skala für Anfänger angesiedelt. Inzwischen ist die Gefahr einer Insolvenz nahezu ausgeräumt, ist meine Probezeit gut und mit Lob überstanden. Das Niveau und der Umfang meiner Aufgaben sind extrem angestiegen, aber ich komme bisher damit sehr gut klar.

Ich habe diese Chance für meinen beruflichen Anfang trotz aller negativen Vorzeichen wahrgenommen und bin mit meiner Arbeit, mit dem Arbeitsklima (familiäres Gefühl, komme mit allen Mitarbeitern gut bis sehr gut zurecht) und mit allen anderen Gegebenheiten in der Firma rundum glücklich. Außerdem gibt mir mein Chef immer das Gefühl, meine Arbeit gut zu machen, überträgt mir auch schwierige Aufgaben und bestätigt mich darin, diese meistern zu können. Ich habe einen 40h-pro-Woche-Vertrag, Überstunden werden nicht bezahlt. Dafür gibt es keine Zeitkontrolle, auch ist es überhaupt kein Problem, mal an einem Tag mittags nach Hause zu gehen.

1. Macht es Sinn, beim ersten Arbeitgeber vor einem Zeitraum von drei Jahren einen Wechsel anzustreben, wenn man sich doch eigentlich wohlfühlt?

2. Inwieweit ist es generell unglücklich, Bewerbungen innerhalb kleinerer, überschaubarer Branchen zu schreiben? Hat es eventuell negative Auswirkungen auf das aktuelle Arbeitsverhältnis, wenn Vorgesetzte erfahren, dass man sich anderweitig bewirbt?

3. Nach welcher Zeit macht es als Berufsanfänger Sinn, über das Gehalt zu verhandeln, wie sollte man vorgehen und wen sollte man ansprechen?

4. Ich weiß, dass Sie niemals zu einem Wechsel aus privaten Gründen raten. Aber auch der Ort hier ist nicht der, an dem ich leben und alt werden möchte. Wenn ich aber hier Aufstiegschancen für mich sehe und die Arbeit weiter meinen Vorstellungen entspricht, würden Sie mir dann überhaupt zu einem Wechsel raten? Wenn ja, bis wann spätestens?

Antwort:

Antwort/1: Ich will mir hier nicht die Maßstäbe verderben lassen. Ersetzen Sie (bei 3,1!) „erfolgreich“ durch „mit Ach und Krach“ – und wir bleiben Freunde. Eben aus diesem Grund hat es besonders lange mit der ersten Anstellung gedauert, brauchten Sie diese besonderen Anstrengungen und Hilfestellungen.

Antwort/2: Die Überschrift über dem Beitrag ist nicht etwa purer Bosheit meinerseits entsprungen, sie entstammt dem von Freddy Quinn (geschätzt: 1957) gesungenen Schlager „Heimweh“. Was man doch alles so speichert in den vielen Jahren …

Also: Sie haben einen Job, nach dem sich der Durchschnittsarbeitnehmer Ihrer Ausbildungskategorie alle zehn Finger lecken würde. Gut, sagen wir neun Finger, denn irgendetwas ist ja immer. Aber Sie müssen Ihre persönliche Ausgangssituation damals (auch: Lage auf dem Arbeitsmarkt) bedenken – Alternativen hatten Sie keine, vielleicht außer der, zwar in den Armen der Freundin zu liegen, aber dauerhaft arbeitslos zu sein. Wer will das schon? Gemessen daran haben Sie es sehr gut getroffen. Sie hatten damals nur ein einziges konkretes Angebot. Typisch übrigens, wie alles wieder zusammengepasst hat: Firma mit Problemen (verdient noch kein Geld, regionale Lage, fast insolvent) stellt Bewerber mit Flecken auf der Weste ein (schwächeres Examen, arbeitslos seit etwa einem halben Jahr) und bezahlt ihn schlecht. Das ist kein Zufall!

Für die Sache mit der Freundin und Ihrem Wohn- und Arbeitsort habe ich keine spontane Lösung. Außer der: Es ist ja vorübergehend, eine Weile halten Sie das durch. Sie sollen weder dort begraben werden, noch ewig von Tisch und Bett getrennt leben. Außerdem kann man auch an neuen Orten neue Freunde finden – und so wie Sie zur Freundin ziehen könnten, so könnte doch auch sie umgekehrt … Andere Leute gehen – zusammen oder getrennt – ins noch wesentlich fernere Ausland, beispielsweise.

Vergessen Sie nicht: Ihr Lebenslauf enthält bisher mit der nicht berauschenden Examensnote und der anschließenden längeren Arbeitslosigkeit zwei Auffälligkeiten. Fügen Sie nicht ohne Not eine dritte hinzu (kurze Dienstzeit). Und Sie wissen nie, was noch kommt. Stellen Sie sich vor, Sie wechseln jetzt allzu früh in eine neue Anstellung, die Sie bald danach wieder verlieren. Wie stehen Sie dann da? Nein, es gilt, in „guten Zeiten“ ein Polster zu bilden, sicherheitshalber.

Bliebe das Geld. Sehen Sie, derzeit denken Sie nur darüber nach, wie Sie Ihrem Arbeitgeber „mehr Geld“ aus der Nase ziehen. Führen wir doch mal eine völlig neue Dimension in die Betrachtung ein: Ja hat er überhaupt Geld, das er verteilen könnte? Ich glaube, er hat keines, wenn ich Ihre Aussagen dazu analysiere. Die haben dort noch nichts verkauft, absolut nichts verdient, leben vom eingeschossenen Kapital. Die kennen bisher nur Kosten, Kosten, Kosten – und waren fast schon pleite. Ist es da originell, wenn jetzt ein ganz junger Angestellter kommt und sagt, er wolle noch mehr Kosten verursachen?

Ihre Zielsetzung sollte sein: „Nach zwei Jahren in der ersten Anstellung akzeptiert der Markt einen Wechsel – ich mit meiner Vorbelastung bleibe mindestens drei, besser fünf. Ich warte, bis die Firma das erste Geld verdient. Bis dahin werde ich mich durch Leistung + Einsatz praktisch unentbehrlich gemacht haben – die sollen zittern bei dem Gedanken, ich könnte gehen. Wenn ich dann die Gehaltsfrage auf den Tisch lege, habe ich eine viel stärkere Verhandlungsposition. Vielleicht bleibe ich sogar hier und bewege meine Freundin zum Umzug.“ Ich kenne Fälle, da hat ein Heiratsantrag den Ausschlag gegeben, aber das sollten Sie selbst am besten wissen. Vor zehn bis zwölf Dienstjahren bei dieser Firma stehen Sie unter keinem Druck, nur „aus Prinzip“ wechseln zu sollen.

Konkret zu den Einzelfragen:

Zu 1: Ich rate zunächst zum Bleiben.

Zu 2: Je kleiner die Branche, desto größer das Diskretionsrisiko. Ihr Arbeitgeber dürfte ebenso negativ reagieren, wenn ihm vorzeitig Bewerbungsaktivitäten bekannt werden, wie Ihre Freundin im Falle von ihr entdeckter Kontaktanzeigen, mit denen Sie sich auf jenem Feld neu bewerben. Eine denkbare Lösung: Sich gegebenenfalls zwar innerhalb der Branche bewerben, aber nicht beim direkten Wettbewerber, z. B. vom Anlagenbauer zu einem Zulieferer oder umgekehrt.

Zu 3: Zum Zeitpunkt habe ich etwas gesagt; Ansprechpartner ist der direkte Vorgesetzte.

Zu 4: Der Mensch gewöhnt sich an vieles. Warten Sie ab, geben Sie der Entwicklung eine Chance: Wenn man Ihr Gehalt aufstockt, wenn Ihre Freundin dort hinzieht (zumindest in die Region) und man Ihnen intern Perspektiven eröffnet, dann gefällt Ihnen auch die Gegend schon viel besser. Verstehen Sie meine Warnungen bitte richtig: Ich habe ja nichts gegen das Wohnen am Wunschort, ich sehe nur, dass die daraus resultierenden Probleme im Beruf oft (bis meist) größer werden als diejenigen, die man privat hatte lösen wollen.

Kurzantwort:

Besser ein Job in der Fremde als arbeitslos zu Haus.

Frage-Nr.: 2425
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-08-25

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