Heiko Mell

Wann ist der Lebenslauf „ruiniert“?

Frage/1: Ich lese seit gut einem Jahr sehr gerne Ihre Antworten mit unterschiedlichen Regungen (die völlig intuitiv sind, weil ich als Student keine praktische Erfahrung habe): Zustimmung, Belustigung, Ablehnung und nicht selten ein gewisses Maß an Verzweiflung bzw. großer Unsicherheit in Bezug auf meine eigene Zukunft.

Frage/2: Sie schreiben von Zeit zu Zeit in Bezug auf den Lebenslauf solche beängstigenden Worte wie „ruiniert“ u. Ä., wenn jemand zum Beispiel in kurzer Zeit schnell die Arbeitgeber wechselt. Was macht man denn, wenn man erst einmal solch einen „ruinierten“ Lebenslauf hat? Was soll das denn nun heißen: „ruiniert“? Wird so jemand nur noch Verkäufer in der Würstchenbude?

Frage/3: Mein „Maß an Verzweiflung“ (siehe Frage 1) rührt von einem Blick auf meinen eigenen (zugegebenermaßen nicht sehr langen) Lebenslauf und dem, was Sie über Bewerber schreiben, wie sie lt. Ihnen erwünscht sind:
Abitur 2007 mit 2,5;2 Semester Physik an einer Uni in Berlin;Oktober 2008: Beginn des Maschinenbaustudiums an der TU Cottbus (Ziel: Bachelor), 2 Semester;seit Oktober 2009: Fortsetzung des Maschinenbaustudiums an einer anderen Uni (TU) in Berlin (Ziel: Bachelor), bis jetzt 4. Semester.
Zur Erklärung: Ich hatte mich nach dem Abitur für Maschinenbau an der TU beworben, konnte aber den NC nicht erfüllen. Alternativ hatte ich mich für Physik beworben, hatte dort aber große Motivationsschwierigkeiten und daraus resultierend untragbare Noten. Zur TU Berlin konnte ich wegen des NCs immer noch nicht wechseln, daher ging ich nach Cottbus. Der Wohnort blieb Berlin, weswegen nach zwei Semestern der Wechsel zur TU dort erfolgte. Das Studium macht Spaß, die Noten sind allerdings durchschnittlich und eine Vorstellung, was nach dem Studium kommen soll, ist nicht vorhanden. Praktika habe ich bisher auch nicht vorzuweisen (das überfällige Grundpraktikum wird in diesem Sommer absolviert).

Mein Lebenslauf sollte, wenn ich Sie richtig interpretiere, wegen der vielen Wechsel, der fehlenden Praktika und der (voraussichtlichen) durchschnittlichen Noten nicht gefallen. Ist dieser Lebenslauf nun ruiniert?
Sehen Sie die Sachen nicht manchmal ein wenig schwarz bzw. drücken Sie sich zu drastisch aus?

Antwort:

Antwort/1:
Für Ihren Status ist diese Reaktion völlig normal im Sinne von üblich. Nach etlichen Jahren Berufserfahrung schreiben mir die Leser dann, genau so wie ich sie schildere sei die Praxis tatsächlich. Erfahrungsgemäß kann ich keineswegs alle Studenten dazu bringen, mir zu glauben. Daher habe ich meine Ansprüche an diese Gruppe reduziert: Ich will Menschen wie Sie vorrangig dazu bringen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, darüber zumindest nachzudenken.

Oder sagen wir es noch einfacher: Ich kann einem Studenten helfen, wenn er meine Beiträge wenigstens regelmäßig liest, noch skeptisch ist, aber doch logisch denkt: Wenn diese renommierte Zeitung diesen Autor seit mehr als 25 Jahren diesen „Unsinn“ hier Woche für Woche verzapfen lässt, dann muss an eben diesem „Unsinn“ ja wohl irgendetwas dran sein. Sonst hätten erfahrene Leser (Ingenieure mit zehn oder mehr Jahren Praxis, Manager und Personalabteilungs-Mitarbeiter) pausenlos Protestbriefe geschrieben und beispielsweise schon 1985 ein Ende der Serie erreicht.

Nur von Verzweiflung rate ich ab, dazu besteht kein Anlass, wenn man noch so jung ist. Wir kommen noch darauf.Ich drehe bei Gelegenheiten wie dieser den Spieß gerne um: Unterstellen wir einmal (auf der Basis meiner Autorenschaft über diese lange Zeit hinweg), die Verhältnisse seien in etwa so wie von mir beschrieben. Wenn dann unser Nachwuchs für diese Arbeitswelt (Studenten) oft noch nicht einmal versteht und selten akzeptiert, was ich in fast übertriebener Ausführlichkeit immer wieder darstelle, erläutere und begründe – dann ist das ein Zeichen dafür, wie schlecht dieser Nachwuchs auf sein Einsatzziel „Berufswelt“ vorbereitet ist und wie wenig er darüber weiß. Eltern, Lehrer und Professoren sowie die Studenten selbst sollten sich über diese unzureichende Informationsbasis einmal selbstkritische Gedanken machen.

 

Antwort/2:
Ich wette, Sie kommen nie darauf, womit ich diese Antwort jetzt beginne. Aber wenn man so seine Erfahrungen hat, wird so etwas selbstverständlich:Wir beginnen mit der Ehrenrettung von Würstchenverkäufern. Das ist ein respektabler Beruf, man kann sich damit selbstständig machen und eines Tages Unternehmer mit zwanzig „Buden“ werden. Und es ist sehr viel ehrenwerter als irgendwo „ohne Perspektiven“ herumzuhängen und sich von der steuerzahlenden Gemeinschaft unterhalten zu lassen. Ich rede hier nicht von unverschuldeten Schicksalen, ich spreche von gezielt betriebener Lebensplanung „ohne zu arbeiten“.

Und dann stellen Sie in meinen Augen auch noch die falsche Frage, gerade Sie als Student: Nicht „Was macht man mit einem ruinierten Lebenslauf?“, sondern „Wie vermeidet man einen solchen Ruin?“, ist zielführend.Aber klären wir erst einmal den Begriff: Wir bewegen uns auf einem Arbeitsmarkt, auf dem etwas angeboten und verkauft und etwas gesucht und gekauft wird. Es geht um die Arbeitskraft eines Menschen. Diese hat einen Wert, den man in Euro ausdrücken kann. Er bestimmt sich durch Angebot und Nachfrage, wird politisch (Gesetze) und machtpolitisch (Gewerkschaften / Arbeitgeberverbände / Tarifverträge) beeinflusst – und ist schon deshalb niemals „gerecht“, weil es auf Märkten keine Gerechtigkeit gibt. Diesen Wert einer Arbeitskraft kann man „Marktwert“ nennen. Und korrekt gesagt, ruiniert man, wenn man ruiniert, genau den. Er hängt entscheidend von dem ab, was im Lebenslauf steht; streng genommen ist ein „ruinierter Lebenslauf“ eine unzulässige Begriffsverkürzung (die auch ich gelegentlich verwende).

Ein Angestellter, der von seinem Gehalt leben will, braucht mindestens einen Arbeitgeber, in dessen Augen er einen angemessenen Marktwert hat und der ihn freiwillig einstellt. Dieser Marktwert ist subjektiv, hängt u. a. auch von der individuellen Betrachtung und Einstellung des Arbeitgebers ab – und eben auch von der Situation auf dem Arbeitsmarkt. Achtung: Ein Recht auf Arbeit gibt es nicht, eben auch keines auf Einstellung. Der Arbeitnehmer muss zusehen, einen berufsrelevanten Lebenslauf zu präsentieren, den Arbeitgeber gern „kaufen“ (das Gehalt ist der gezahlte „Preis“).

Es ist, ich greife Ihr Beispiel auf, wie bei einer Würstchenbude: Wenn der Würstchenverkäufer eine verdorben riechende, höchst unsauber aussehende Ware anbietet, kauft niemand bei ihm. Er hat den Marktwert seines Angebots ruiniert und geht in die Insolvenz.Weshalb Würstchenverkäufer und Arbeitnehmer sehr gut beraten sind, ihre Würstchen oder ihre berufliche Qualifikation an den Vorstellungen der Leute auszurichten, die ihre Produkte oder ihre Arbeitskraft „kaufen“ sollen. Es gibt für deren Erwartungen keine absoluten Maßstäbe, es gibt nur das, was Würstchenkäufer oder Arbeitgeber jeweils „schön“ finden.

Wer also den Status des Arbeitnehmers anstrebt (Alternativen sind z. B. „reich erben“, „reich heiraten“, „Lottogewinner“ oder „freier Künstler“), der sollte seinen Lebenslauf so gestalten, dass er auf dem Arbeitsmarkt stets einen hohen Marktwert hat, also gern und zu einem hohen Gehalt eingestellt wird.

Nur mal am Rande gesagt: Wem das furchtbar banal und absolut selbstverständlich vorkommt, der gehe hin und lehre dieses die Mehrheit akademisch gebildeter Bewerber. Denn es wartet eine große Aufgabe auf ihn. Ich finde es ja auch banal – ich lese aber auch ständig Bewerbungen, und das bringt mich immer wieder zum Verzweifeln (ich in meinem Alter darf das sein).

Nun noch als Trost: So ganz richtig total ruinieren kann man seinen Marktwert mit konventionellen Methoden nur schwer. Auf der Seite der Bewerbungsempfänger sitzen Menschen – mit höchst individuellen Empfindungen. Und was der eine davon entrüstet von sich weist, das erinnert den anderen an seinen eigenen Sohn oder Neffen, der doch auch … – und schon stellt er jemanden ein, der anderswo keine Chance hätte. Mit jedem Regelverstoß sackt der Bewerber ein wenig tiefer und kommt einem „Ruin“ des Marktwertes ein wenig näher. Mal ist er einer von hundert, die in ein Elitegroßunternehmen in einer attraktiven Großstadt streben, mal ist er einer von dreien, die sich bei einem unbekannten Mittelständler am ungeliebten Provinzstandort um eine von Elitebewerbern gemiedene Tätigkeit bemühen – mal hat er keine Chancen, mal doch noch.

Ich liebe das Vergleichen des Bewerbers mit einem Gebrauchtwagen. Auch dessen Marktwert können Sie gedankenlos oder systematisch ruinieren: keine Lack- und Innenraumpflege, keine Wartung, viele Beulen und Dellen und Roststellen sowie ein bis zwei „satte“ Unfallschäden. Irgendwie findet sich aber immer noch ein Käufer – nur niemals in der Preisdimension, die ein topgepflegter Gebrauchter unfallfrei erreicht hätte.

Um mal etwas Originelles zu sagen: Sie brauchen nur mein „Spielregelbuch“ zu kaufen und die meisten der dort deutlich werdenden Fehler nicht zu machen, dann sind Sie auf der sicheren Seite (schön, das ist Reklame, aber dem Autor bleibt am Verkaufspreis eines solchen Sachbuchs nicht genug, um damit auch nur Neid zu wecken).

Warum haben Sie Angst vor diesem „Ruin“? Er droht doch, wo wir gehen und stehen: Sie fahren Auto? Ein albernes Geschwindigkeitsschild zu übersehen, kann den Führerschein kosten, die unverantwortliche Regelübertretung beim Alkohol kostet ihn noch sicherer. Oder ein Fußballspieler: Wenn der ständig sichtbar nach Gegenspielern tritt, fliegt er – erst vom Platz, dann aus der Mannschaft. Das bedeutet: Wir sind ständig gezwungen, irgendwelche Regeln einzuhalten, sonst droht – na sagen wir Ungemach jedweder Art.

 

Antwort/3: Als Trost für Sie: Mit „häufigem Wechsel“ sind in dieser Serie Arbeitgeberwechsel gemeint, das betrifft also nur „fertige“ Akademiker. Für Hochschulwechsel gibt es keine Regeln – hier bleibt nur das Risiko, beim Leser der Bewerbung auf ein höchst individuelles Hochziehen der Augenbrauen zu stoßen. Womit Sie bereits rechnen müssen. Wenn Sie aber an Ihrer letzten Hochschule ein Examen mit noch akzeptablen Noten schaffen, ist keine fundamentale Ablehnung zu befürchten.

Damit andere etwas daraus lernen können, hier meine subjektive Analyse Ihres Weges: Ideal für ein Maschinenbau-Studium an der TU ist ein Abitur von 2,0 oder besser, jeweils mit Leistungskurs Mathematik. Ihre 2,5 sind fast schon ein Grenzfall (Leistungskurse sind nicht bekannt). Ihre heute zu erwartenden Noten entsprechen der allseits bekannten Lebenserfahrung: Wie das Abi, so das Uni-Examen (± eine halbe Note). Wenn man dann noch ein wenig die Zügel schleifen lässt und sich nicht mehr anstrengt als auf dem Gymnasium, droht ein eher darunter liegendes Resultat.

Aus Ihren Darstellungen entnehme ich, dass Sie mit ziemlichem Aufwand (Uni- und Fächerwechsel) das Studienziel verfolgen, TU-Bachelor zu werden und dabei das Risiko schwächerer Noten eingehen. So ganz verstehe ich das nicht. Sagen wir es einmal so: Als Bachelor mit schwächeren Noten wird Ihnen die ganze Quälerei an all den Unis nicht viel bringen. Ein noch praxisorientierterer FH-Bachelor mit einer statistisch zu erwartenden Note oberhalb Ihres Abitur-NCs wäre aus meiner Sicht als zentrales Ziel mehr gewesen. Vor allem als Sie merkten, dass die TU Sie mit Ihrem NC nicht hatte haben wollen.

Das Ausweichen auf Physik war grundsätzlich harmlos, das nach Cottbus auch. Aber warum sind Sie dann nicht dort geblieben? Die Wohnsitzverlagerung ist für einen Studenten in der Regel ja nicht so kompliziert.

Fazit: Wenn ich von Lebensläufen spreche, denen der „Ruin“ droht, dann meine ich die harte Phase ab Eintritt ins Berufsleben. Was vorher war, ist später aus der Sicht der Praxis nur eine Art Vorstufe. Mit besseren Studienresultaten erleichtern Sie sich den Kauf einer Eintrittskarte für das Berufsleben, nicht mehr und nicht weniger. Schlimmstenfalls reichen Ihre Mittel dann nur für eine Eintrittskarte, die erst einmal nur für „billigere Plätze“ gilt. Dann müssen Sie später umso härter kämpfen.

Eine „Vorstellung davon, was nach dem Studium kommen soll“, erarbeitet man sich u. a. in Praktika. Ich weiß, dass diese ins dicht gedrängte Bachelorstudium nicht einfach zu integrieren sind, versuchen Sie es dennoch! Und als Mahnung zum Schluss: Ein Berufsweg nach dem Studium mit so vielen Wechseln von Firmen und Tätigkeiten wie jetzt in Ihrem Ausbildungsweg würde Ihren Marktwert tatsächlich ruinieren.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2419
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-07-15

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