Heiko Mell

Feierabenderfinder: zwischen „Durchbruch“ und Tragik

Frage/1: Ich bin Mitte 40 und seit vielen Jahren als Produktentwickler und Konstrukteur in der Automobilentwicklung tätig.

Seit über einem Jahrzehnt beschäftige ich mich privat mit Luftströmungen und der mathematischen Durchdringung des aerodynamischen Verhaltens der Luftströmung an Tragflügeln und Rotorblättern. Ich habe in all den Jahren kleine Propeller, Tragflügel und Rotorblätter zu Hause aus Papier, Pappe, Holz und Kunststoff nachgebaut, einen Haarföhn daran gehalten, die Strömung gemessen und Gleichungen aufgestellt.

Ich bin mit meinen Formeln zu der optimalen Rotorblatt- und Tragflügelgestaltung gekommen; meine Formeln beschreiben ganz genau, welche Länge, Breite, Dicke und Krümmung ein optimales Rotorblatt haben soll, um den größtmöglichen Wirkungsgrad bzw. die bestmögliche Energieausnutzung zu erzielen.

Ich habe nun ein Problem damit; Wer bezahlt mir diese Leistung? Soll ich lieber versuchen, meine Entwicklung mit Patenten absichern zu lassen oder wird mir ein Unternehmen die Ergebnisse meiner jahrzehntelangen privaten Forschungsarbeiten, die ich zu Hause während meiner Freizeit geleistet habe, abkaufen?

Frage/2: Ich habe nun eine Stellenausschreibung der Firma XY gesehen, in der ein Mitarbeiter für die Rotorblattentwicklung (Windenergie) gesucht wird. Ich frage mich: Soll ich mich dort bewerben? Könnte ich dort meine Kenntnisse und Fähigkeiten auch umsetzen? In meinem Beruf als Konstrukteur in der Automobilentwicklung habe ich nie meine nur privat, aber leidenschaftlich betriebene Strömungsmechanik benötigt oder anwenden können. Das war meine Leidenschaft nach Feierabend, von der niemand etwas wusste. Bekannte oder Freunde hatte ich nicht viele – zu wenig Zeit und auch kein Interesse. Meine Frau fragte mich oft, was ich so lange in der Garage oder im Keller mache. Ich sagte dann nur, ach ich berechne was, probiere da mal was aus. Bei anderer Gelegenheit erklärte ich ihr, dass ich versuchen möchte, eine Windmühle für unseren Garten zu bauen. Das verstand sie dann.Ich sehe für mich folgende Strategien:

a) Ich wechsele zur Firma XY, um dort meine Leidenschaft in berufliche Tätigkeit umzusetzen, um dort einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung dieser Branche zu leisten.

b) Ich bleibe beim jetzigen Arbeitgeber und konstruiere putzig und munter weiter die vom Kunden geforderten Autoteile. Und ich versuche, mein privat erworbenes Know-how nebenbei an Windkraftunternehmen zu verkaufen. Könnte es da zu Konflikten und Neid bei meinem Arbeitgeber kommen, wenn das bekannt wird?

c) Ich betrachte meine oben beschriebene Leidenschaft als Hobby, bleibe im jetzigen Job und stelle mir einfach eine selbstgebastelte Modellwindmühle in meinen Garten mit selbstentwickelten Rotorblättern – und erfreue meine Frau damit.

Antwort:

Antwort/1: Von Ihren Berechnungen verstehe ich gar nichts, ich bin aber ein allgemein technisch interessierter Mensch. Mir drängen sich spontan ein paar Überlegungen und Fragen auf, wenn ich Ihre Einsendung bis zu diesem Punkt gelesen habe:

1. Propeller, Tragflügel und Rotorblätter zu berechnen und mithilfe mathematischer Simulationsmodelle für den jeweiligen Einsatzzweck zu optimieren, dürfte doch schlicht „Stand der Technik“ sein (Literaturrecherche). Seit der Entwicklung einer ME 109, einer Spitfire und der ersten Hubschrauber kann ich mir gar nichts anderes vorstellen. Ich halte es für äußerst unwahrscheinlich(!), dass Sie mit Ihren Papiermodellen und Ihrem Föhn auf Erkenntnisse gestoßen sind, über die Profis in den Entwicklungsabteilungen nicht bereits verfügen. Soweit ich – laienhaft – weiß, gehen doch die Geschwindigkeiten von Propellerspitzen längst in den Überschallbereich, da kommt der Amateurbastler schlicht nicht mehr mit. Also lautet mein erster Einwand: unwahrscheinlich (aber nicht unmöglich).

2. Was ich in Ihrer Darstellung vermisse, ist das Wort „besser“. Nur das interessiert doch! Dass Sie es „auch“ könnten, was es da zu berechnen gilt, begeistert niemanden. Erst wenn Sie Profile entwickelt hätten, die mit 20 % weniger Materialaufwand und 10 % weniger Motorleistung X % mehr „bringen“ als andere Lösungen, hörte man Ihnen zu. Und das müssten Sie in jeder Diskussion beweisen, am besten vorführen können. Nun übersteigt es Ihre Möglichkeiten, einen kompletten Hubschrauber aufzubauen, aber es gibt doch Flugmodelle. Es gibt motorgetriebene ferngesteuerte Modellhubschrauber etc. Bauen Sie einem davon einen von Ihnen berechneten Rotor ein und zeigen Sie, dass er mit gleichem Motoreinsatz „besser“ fliegt – und schon wird man aufmerksam. Mit einem Effekt allerdings müssen Sie rechnen: Profis sperren sich immer gegen „Erkenntnisse“ von Amateuren auf ihrem Fachgebiet. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, sind sie mehr als nur skeptisch. Schon die Bereitschaft, Ihnen überhaupt zuzuhören, dürfte äußert gering sein (wäre sie bei mir auf meinem Fachgebiet zugegebenermaßen auch). Sollten Sie den Fußball-Bundestrainer irgendwo treffen, will der auch nichts von den heißdiskutierten Ideen des Stammtischs „Noch ein Helles“ zur Mannschaftsaufstellung wissen. Weil das so ist, bleibt vielen guten Ideen der Durchbruch versagt, das System schützt sich aber auch davor, über Tausende von Schrottideen überhaupt reden zu müssen.

3. „Wer bezahlt mir diese Leistung?“ – das ist ein toller Einfall. Ich sehe eine Antwort in mehreren Stufen:

3.1 Noch ist nicht beweisen, dass Sie auf eine wirkliche Leistung stolz sein können, noch ist es reiner Aufwand, den Sie getrieben haben.

3.2 Sie müssen sich systemkonform bewegen, nicht „Wanderer zwischen den Welten“ sein:

Als Angestellter werden Sie mit Festgehalt dafür bezahlt, dass Sie weisungsgebunden Aufträge ausführen – ob letztere sinnvoll sind oder nicht, muss Sie nicht interessieren. Als Selbstständiger entwickeln Sie eine Leistungspalette und tragen das Risiko, einen Käufer (Kunden) zu finden. Weder ein Angestellter noch ein Selbstständiger kann/darf irgendetwas „basteln“, dafür hohen Aufwand treiben und dann fragen, wer das bezahlt.

Beim Angestellten hieße die Gegenfrage: Hat Ihr Chef das angeordnet? Hat er nicht, also kein Anspruch auf Bezahlung. Beim Selbstständigen hieße diese Kontrollfrage: Welches Marketingkonzept hatten Sie, wo und wem wollten Sie Ihre Erkenntnisse verkaufen, als Sie anfingen? Solch ein Konzept hatten Sie nicht, also fehlt auch der zumindest moralische Anspruch auf Vermarktungserfolg.

3.3 Ein Patent ist nur mit weiterem Aufwand und hohen Kosten zu erreichen. Immerhin wird dabei geprüft, ob Ihre Ideen wirklich neu sind. Bekommen Sie ein solches Patent, sind die Verhandlungen mit möglichen Käufern der Idee vielleicht einfacher (stelle ich mir vor).

3.4 Falls Sie einen Käufer finden, interessiert den nur das Resultat Ihrer Bemühungen und vor allem die Gewinnaussicht für ihn. Ob Sie zehn Minuten oder zehn Jahre dafür gebraucht haben, bis Sie Ihre Formel hatten, ist für ihn ohne Belang. Sie denken als Angestellter, handeln als Selbstständiger und möchten nun wie ein Angestellter aufwandsbezogen entlohnt werden. Das läuft so nicht.

Antwort/2: Also ich glaube nicht, dass ich einer der ganz großen Frauenversteher auf diesem Planeten bin. Aber nach 44 Jahren Ehe wage ich doch diese Empfehlung: Jede freie Minute mit dem Föhn im Keller oder in der Garage und alle zwanzig Jahre eine frauenfreundliche Windmühle für den Garten – das ist irgendwie nicht viel. Seien Sie bloß vorsichtig. Es ist schon ein Kreuz mit diesen introvertierten Tüftlern …

Aber im Ernst: Sie haben einen Traum. Den zu werten, steht uns nicht zu. Aber Sie haben die freie Kapazität vieler, vieler Jahre hineingesteckt. Ihnen jetzt einfach zu raten, das alles zu begraben, das bringe ich nicht fertig. In solchen Fällen bin ich dafür, es einfach auszuprobieren – Sie haben für all diese Tüftelei gekämpft, kämpfen Sie nun auch noch für die Realisierung dieses Traums.

Natürlich können Sie scheitern – aber wenn Sie dann mit 55 Jahren schlaflos im Bett liegen, bleibt Ihnen die Gewissheit: Ich habe es wenigstens versucht! Viel schmählicher wäre das Eingeständnis: Ich habe mich nicht getraut (und dann werden Sie stets denken: Vielleicht hätte es ja geklappt).

Obwohl ich also glaube, dass Sie keine reale Chance haben, sage ich: Nutzen Sie sie! (Das ist ein relativ bekanntes Wortspiel, es entzieht sich der logischen Analyse.)

Ich rate Ihnen dazu, sich bei XY zu bewerben (noch haben Sie den Job ja nicht!). Warten Sie einmal, wie die Profis dort auf den Amateur-Tüftler reagieren. Entweder sind die angetan von dem Stand, den Sie erreicht haben oder sie gähnen. In jedem Fall müssen Sie schon in der schriftlichen Bewerbung versuchen, sich interessant zu machen – ohne als „verbohrter Spinner“ zu erscheinen, der „denkt, er kann uns zeigen, wie man solche Aufgaben angeht“. Das wird nicht einfach. Bedenken Sie auch, dass es in der Anzeige heißt: „idealerweise erste Berufserfahrung“ – das steht für 27,5 Lebensjahre, die man auch bezahlen will. Aber vielleicht reißt Ihre – kurze, prägnante(!) – Darstellung Ihrer (Er)Kenntnisse die potenziellen Chefs dort vom Stuhl.

Wenn das nicht klappt, reden Sie mit einem Patentanwalt über ein Patent. Damit – oder wenn das nichts wird, auch ohne – bieten Sie den Geschäftsführungen aller deutschen Firmen jener Branche Ihre Arbeit an. Das kann sehr wohl Konflikte mit Ihrem heutigen Arbeitgeber bringen.

Meist heißt es im Arbeitsvertrag: „Jede auf Erwerb gerichtete Nebentätigkeit ist ausgeschlossen.“ Reden Sie vorher mit einem Anwalt, bevor Sie sich in Schwierigkeiten bringen.

Wenn auch das zu nichts führt – haben Sie es zumindest probiert. Dann war Ihr Traum eben nur ein solcher und hat der Realität nicht standgehalten. Die Windmühle können Sie immer noch bauen. Vielleicht mit einem kleinen Generator drin und einem Akku – dann kann sie sich nachts auch noch selbst beleuchten. Als Trost: Wir alle haben irgendwann Träume als solche erkennen und dann begraben müssen. Aber wie leer wäre das Leben ohne sie.

Frage-Nr.: 2417
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-06-25

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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