Heiko Mell

Praktika und billigste Lobhudeleien

In der Antwort auf Frage 2.400 geben Sie einem Studenten den Tipp, das Studium zugunsten eines Praktikums (gerne auch im Ausland) zu unterbrechen.

Das ist nun ganz daneben. Der Ratsuchende hat ein Bachelorstudium an einer Fachhochschule abgeschlossen. Wenn ihm der Sinn nach Praxis steht, sollte man ihm raten, sich einen Job als Ingenieur zu suchen (der Bachelor-Abschluss an einer Fachhochschule erbringt die gleiche Qualifikation wie das frühere Diplom, das breiteste Anerkennung in der Praxis fand). Sie aber raten ihm, sein Licht unter den Scheffel zu stellen und sich unter Wert zu verkaufen. Herzlichen Glückwunsch!

PS. Ihr Stil, kritische Briefe ganz nach Ihrem Gusto zusammenzukürzen, andererseits aber billigste Lobhudeleien immer wieder in epischer Breite darzubieten, zeugt nicht von Souveränität.

Mit freundlichen Grüßen Prof. Dipl.-Ing. …

Antwort:

Sie werden es noch so weit bringen, dass ich mich ärgere. Nicht über Kritik oder eine abweichende Meinung, aber darüber, dass Sie Ihre Angriffe mit so leichter Hand führen. Sie sollten mir einfach mehr zutrauen und nicht glauben, so schnell hätten Sie mich. Der etwas leichtsinnig vorgetragene schnelle Angriff ist eher etwas für Studenten.

Beginnen wir mit dem Studenten und den Praktika: Dankbar bin ich für Ihre Einschätzung, der Bachelor erbringe die gleiche Qualifikation wie das frühere FH-Diplom (an dessen vorbehaltloser Anerkennung in der Praxis es tatsächlich nichts zu verbessern gab). Warum man jenen Abschluss nicht einfach Bachelor genannt und es an der Stelle dabei gelassen hat, versteht in der Praxis ohnehin niemand, aber das ist ein anderes Thema. Ich bin ganz sicher, dass es gegen die Theorie der „gleichen Qualifikation“ auch Gegenargumente gibt, aber Sie verstehen mehr davon als ich.

Nun zum damaligen Fall: Der Einsender schrieb: „Da während des (Bachelor-)Studiums nicht viel Zeit für Praktika eingeräumt wird, spiele ich mit dem Gedanken, nach dem ersten oder zweiten Semester des Master-Studiums ein Jahr auszusetzen und in dieser Zeit Praktika in verschiedenen Firmen zu machen. Davon erhoffe ich mir, dass ich beim Start ins Berufsleben besser sagen kann, in welche Branche/welchen Bereich ich später gehen will.“

Ich finde das sehr gut überlegt. Der Student wollte Praktika, nicht Praxis. Und er wollte „mehrere in verschiedenen Firmen“, um Orientierungshilfe zu bekommen. Beispielsweise dahingehend, ob er später besser im amerikanischen Konzern in den Vertrieb oder im deutschen Mittelstand in die Arbeitsvorbereitung geht. Genau dazu dienen Praktika: viele, jeweils auf wenige Monate begrenzt und möglichst auch mindestens einen Auslandsaufenthalt einschließend.

Ein einziger Job als Bachelor hätte ihm das nicht gebracht. Abgesehen davon hätte ihn kaum ein Arbeitgeber eingestellt: einen Master-Studenten als Bachelor für ein Jahr? Die Praktika passen zum Studenten, die Unterbrechung des Studiums für ein Jahr, um im „alten Beruf“ befristet zu arbeiten, hätte dazu nicht gepasst. Und mehrere noch kürzere Engagements als Bachelor (die er zum Glück gar nicht bekommen hätte) hätten seinen Lebenslauf ruiniert.

Er sah sich zum fraglichen Zeitpunkt (nach dem ersten und zweiten Master-Semester) als Student – und für den sind Praktika die überzeugende Lösung. Und gebeten, sich vorher an der Hochschule zu informieren, ob der Studienverlauf das Vorhaben zulässt, hatte ich ihn auch noch. Nein, Ihren sarkastischen „herzlichen Glückwunsch“ habe ich wohl doch nicht verdient.

Ernster ist Ihr „PS“: Lesen Sie das einmal mit dem jetzt gegebenen zeitlichen Abstand, dann sehen Sie, wie leicht man beim Schreiben über das Ziel hinausschießt: Lob von Lesern gilt Ihnen pauschal als „billigste Lobhudelei“ – das ist zunächst einmal diesen Einsendern gegenüber nicht sehr nett. Kritische Briefe aber verdienen es vermutlich in „epischer Breite“ abgedruckt zu werden. Aber Kritisierer haben nicht „automatisch“ mehr recht als Lober. Es gibt, rein grundsätzlich gesehen, auch „billigste Kritik“.S

ie waren „Leser E“ in der 2.398 Frage, als es um Diplomarbeits-Noten ging. Sie hatten mir zwei eng beschriebene DIN A4-Seiten geschrieben – wie viele andere Leser auch. Das alles hätte nie in einen Wochenbeitrag gepasst, wir arbeiten hier aber nicht mit „Fortsetzung folgt“. Ich hatte einleitend und gerade auch bei Ihrem Beitrag auf die Notwendigkeit zur Kürzung hingewiesen.

Sehen Sie, und auch bei den – weniger gekürzten – Beiträgen von Einsendern „aus der betrieblichen Praxis“ hatte ich mir etwas gedacht: Diese Serie ist angetreten mit dem Anspruch, den zumeist schon als Arbeitnehmer oder noch als Student tätigen Lesern zu erläutern, wie die betriebliche Praxis „da draußen“ funktioniert, wie Arbeitgeber als Kollektiv und Chefs als Einzelpersonen denken und warum sie so handeln. Das soll denen, die sich dafür interessieren, Orientierungshilfe sein. In diesem Zusammenhang gebe ich seit Jahren Erläuterungen, die für sehr viele Leser derart neu sind, dass sie oft irritiert darauf reagieren.

Da schon der Student, vor allem aber der Berufsanfänger entscheidende Fehler machen und nicht mehr umzustoßende Festlegungen treffen kann (und die Chance dazu auch weidlich nutzt), arbeite ich sehr engagiert daran, meine Akzeptanzquote gerade bei jüngeren Lesern immer wieder zu verbessern. Ein wichtiges Instrument dazu sind veröffentlichte Bestätigungen aus der Praxis wie „So ist es tatsächlich“; besonders wertvoll sind Zuschriften von betrieblichen Entscheidungsträgern, die mir zustimmen. Deshalb wurden diese Zuschriften bei Frage 2.398 ausführlicher abgedruckt als die Meinungsäußerungen der so erfreulich zahlreich schreibenden Hochschullehrer. Ich erledige hier einen Auftrag und dafür habe ich ein Konzept. Das muss Ihnen nicht gefallen, aber mitunter bestätigen mir „billigste Lobhudeleien“, dass es sich über fast zweitausendfünfhundert Fragen hinweg doch irgendwie bewährt hat.

Bleibt die Souveränität: Sie ist, zumindest was mich betrifft, gar kein Kriterium: Die mich beauftragt habende Zeitung hat nicht gesagt: „Nun beweisen Sie hier einmal Ihre Souveränität“, sondern: „Helfen Sie unseren Lesern.“ Notfalls erfülle ich den Auftrag und riskiere dabei, für wenig souverän gehalten zu werden, als mich zu profilieren, die Leser aber ratlos zurückzulassen.

Ob nun Sie sehr souverän reagiert haben mit Ihrer Zuschrift, mögen andere beurteilen.Warum ich dieser Einsendung so breiten Raum widme? Es kommen bei dieser Langzeitserie ständig neue Leser hinzu. Denen muss ich gelegentlich erklären, was wir hier tun und welche Ziele wir verfolgen. Dafür war dies ein guter Aufhänger. Und es heißt: Selbst ein Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird.

Frage-Nr.: 2412
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-05-21

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