Heiko Mell

Über Einser-Kandidaten, Assessment-Center und „Nur-„Ingenieure

Frage/1: Nach Realschule, Berufsausbildung und Erwerb der Fachhochschulreife habe ich Automatisierungstechnik an der Hochschule … studiert (1,35). Schon zu Beginn des Studiums war der Karrierewunsch vorhanden. Ich war nach dem Examen auf ein internationales Traineeprogramm bei den Global Playern A oder B fest fixiert. Von beiden wurde ich zum Assessment-Center eingeladen – und erhielt trotz meiner sehr guten Vorbereitung eine Absage. Besonders bei dem von mir bevorzugten B traf mich das sehr hart. Im Gespräch ließen sich u. a. Gründe herausfiltern wie „mangelnde Konfliktbereitschaft“ oder „noch zu jung = zu unreif“ (ich bin 24).

Frage/2: Ich musste mich umorientieren, die Planungen der Realität anpassen. Ich erhielt durch Vermittlung den Direkteinstieg beim heutigen kleineren Unternehmen, einer Tochter von B. Dort bin ich seit Kurzem als Projektingenieur tätig.

Parallel dachte ich über den Weg „Master + Promotion“ nach und konnte auch schon einen Kontakt zu einem Universitätsinstitut herstellen. Ich könnte die Mastervorlesungen an meiner Hochschule besuchen und die Masterarbeit mit anschließender Promotion an der Universität absolvieren.

Auf der einen Seite glaube ich, mit dem Direkteinstieg die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Die Arbeit macht mir Spaß und ich fühle mich wohl. Auf der anderen Seite denke ich aber, dass Motivation, Ehrgeiz und Interesse für eine Promotion vorhanden wären. Ich könnte mehr erreichen als „nur“ Dipl.-Ing. zu sein, was mein Werdegang und meine Noten verdeutlichen. Man spielt schließlich als Dr.-Ing. in einer anderen Liga und hebt sich von „einfachen“ Ingenieuren deutlich ab. Mir ist klar, dass man für „Karriere“ keinen Dr.-Ing. braucht, sich wohl aber doch Türen leichter öffnen lassen.Ich könnte nun meine ganze Konzentration in die Arbeit beim heutigen Unternehmen stecken. Zunächst als Projektingenieur, später Projektleiter, wahrscheinlich irgendwann mehr orientiert in den wirtschaftlichen Bereich (Richtung Vertrieb). Einen MBA „draufzusetzen“ wäre denkbar. Ich würde hier eine technisch-wirtschaftliche Karriere anstreben.

Oder ich arbeite hier ein bis maximal zwei Jahre, dann bin ich 26 und schlage dann den Weg „Master + Promotion“ ein. Ich würde dann eine technisch-wissenschaftliche Karriere anstreben.

Was halten Sie davon? Würde im Falle einer Promotion ein späterer Arbeitgeber sagen, ich hätte nicht erst ein bis zwei Jahre nach dem Erststudium arbeiten, sondern die Promotion zielstrebig sofort angehen sollen?

Antwort:

Antwort/1: Ihre Wünsche waren legitim, Ihre Versuche, ein solches Traineeprogramm zu erringen, waren es auch.

Aber: Die Assessment-Center sind keine Hürde, die unbedingt zu nehmen ist! Man will – und stellen Sie sich einfach einmal vor, man könnte – herausfinden, ob Sie sich für eine Managementlaufbahn im Konzern eignen. Vertrauen Sie diesem Test – und freuen Sie sich, dass man vorher Ihre nicht gegebene Eignung erkannt hat. Nach Ablauf des Traineeprogramms wegen fehlender Eignung fürs Management entlassen zu werden, ist viel(!) schlimmer. Also gilt es auch nicht, sich möglichst intensiv auf diesen Test vorzubereiten. Nicht genommen zu werden, ist keine Niederlage, sondern eine Hilfe bei der Berufswegplanung.

Ihr Fehler war Ihr nicht begabungsgerechter Wunsch „Managementlaufbahn im Großkonzern“. Es bleiben noch viele Ziele übrig – vom mittleren Management im Konzern über den Geschäftsführer Mittelstand bis zum FH-Professor, vom Unternehmensberater ganz zu schweigen.

Ich würde, müsste ich Eignungstests für Jagdpiloten oder Opernsänger absolvieren, auch mit negativen Ergebnissen rechnen. So etwas muss man als Orientierungshilfe nehmen – es heißt ja nicht, dass man gar nichts kann.Dankenswerterweise haben Sie die Testauswertung des B-Konzerns beigefügt. Verglichen mit einer Autobahnfahrt kratzen Sie ständig links oder rechts die Leitplanke (Extremwerte), halten sich aber nur ganz selten mal dazwischen auf. Als Beispiele: totale Teamorientierung, kaum Konfliktbereitschaft, kaum aktive Problemlösungsfähigkeit, extreme Konsensorientierung, ausgerechnet eine ganz durchschnittliche Leistungsmotivation. Ist das jenes Holz, aus dem man die gehobenen Konzernlenker von morgen schnitzt? Da hilft kein Üben, um im Test besser zu werden. Was vielleicht hilft, ist eine allmähliche Persönlichkeitsentwicklung, vielleicht ist Ihre noch nicht abgeschlossen (hohe Begabung und der dafür eigentlich „falsche“ zweite Bildungsweg führen oft zunächst zu etwas schwerer zu fassenden Persönlichkeitsbildern).

Aber: Dieser Test des Konzerns B will nicht aussagen, was Sie „sonst noch so“ können. Er sagt nur: „Trainee bei uns lohnt sich für unser Haus nicht“, der „Nobelpreis für Physik“ ist damit keineswegs ausgeschlossen.

Übrigens ist es eine weitverbreitete menschliche Eigenschaft, etwas werden zu wollen, was man nicht kann und dafür nicht zu schätzen, was man werden könnte. Wer seine Wünsche an seinen Fähigkeiten orientiert, hat gute Erfolgsaussichten (Wünsche kann man manipulieren, Fähigkeiten hingegen nicht).

Antwort/2: Und dass Sie mal eben im Vorübergehen etwa 80 bis 95 % unserer Leser (die „nur einfache Ingenieure“ sind), massiv auf die Füße getreten haben, stört Sie weiter nicht, nehme ich an. Ist das der Mann, der im Test bei B eben noch bei 99 % Teamorientierung lag und zum Ausgleich dafür eine miserable Konfliktbereitschaft mitbringt? Oder wollen Sie mit Gewalt bestätigen, dass recht hat, wer da „noch zu jung = zu unreif“ gemurmelt hatte? Und Sie wussten genau, was Sie wollten: „Über eine Antwort in den VDI nachrichten würde ich mich sehr freuen“, steht unter Ihrer Einsendung. Nun freuen Sie sich bitte vor allem darüber, dass jene „Nur-„Ingenieure Ihre Adresse nicht kennen …

Am besten wird sein, ich springe gleich mitten hinein in die Problemanalyse mit Handlungsempfehlung:

Die Konzerne A und B haben Ihre Eignung für eine Karriere im dortigen Management (weniger für die Teilnahme an ihren Traineeprogrammen, darum geht es nicht) verneint. Gehen wir einmal davon aus, dass diese Leute Erfahrungen haben und wissen, was sie tun.

Grundsätzlich ist bei Nichtinteresse am oder bei festgestellter Nichteignung für das Traineeprogramm die Wahl des Direkteinstiegs richtig. Da sind Sie jetzt.

Sie müssten dort versuchen, sich auf dem üblichen „kleinen Dienstweg“ zunächst für anspruchsvolle Sach- und dann später ggf. für erste Führungsaufgaben zu qualifizieren. Das ist der Standardweg, der durchaus gangbar ist.

Aber Nr. 1: Sie sind bei einer B-Tochter, die – wie Sie an anderer Stelle schreiben – total in den Konzern integriert werden soll. Also sind Sie bei B – der erklärt hat, Sie taugten nach seinen Maßstäben nicht für eine Karriere dort. Sie aber wollen Karriere, u. a. auch beflügelt durch einen Einser-Studienabschluss (FH) und durch Ehrgeiz.Daraus ergibt sich fast zwingend: Sie müssen da weg, dort haben Sie eigentlich keine nennenswerte Chance (nicht etwa, weil dort im „Panzerschrank“ die Ergebnisse Ihres Tests liegen, sondern weil der Test recht haben könnte). Eine Weiterführung dieses Weges, der mit dem Direkteinstieg begann, würde also zu einem anderen Unternehmenstyp (z. B. Mittelstand) führen müssen. Mit einem Wechsel könnten Sie sich ruhig ein bis zwei Dienstjahre Zeit lassen, vorher wird man weder mit noch ohne Eignung für eine Karriere befördert.

Aber Nr. 2: Sie sind Einser-Kandidat einer FH (die zwar nicht mehr so heißen mag, aber natürlich eine ist). Das bedeutet pauschal (sehr oft, aber nicht in jedem denkbaren Einzelfall geltend): Das leichtere (auch andere, aber eben auch leichtere) Studium dort hat Ihre Kapazitäten nicht hinreichend ausgelastet. Hätten Sie ein gutes Abitur, hätte ich vielleicht Ihre Studienwahl kritisiert. Aber Sie haben keines, Sie kommen über den zweiten Bildungsweg und hatten keine große Wahl.

Nun haben Sie das Gefühl, es stecke „mehr“ in Ihnen und Sie haben „Blut geleckt“, schon entsprechende Fäden geknüpft. Meine Prognose: Sie werden das Gefühl, Sie müssten dieses vermutete „Mehr“ erwerben, nie mehr verlieren. Nur der aktiv betriebene Versuch, das engagierte Ausprobieren dieses speziellen Weges zur Promotion, kann Ihnen wirklich helfen. Tun Sie es nicht, besteht folgende Gefahr: Sie liegen mit 50 schlaflos im Bett, lassen die – unvermeidbaren – Niederlagen Ihres Berufslebens Revue passieren und kommen zu dem Schluss, dass nur die von Ihnen als unzureichend (falsch, aber menschlich) eingestufte, Ihr Potenzial nicht ausgereizt habende Ausbildung (richtig) die Schuld daran trägt, dass Sie nicht Vorstand von B oder mindestens GF einer Tochter geworden sind.

Was der Mensch zu brauchen meint, muss er zu gewinnen suchen – also tun Sie es. Ran an Master und Promotion. Vielleicht formt das Ihre Persönlichkeit, verändert es Ihre Wünsche und Zielvorstellungen. Noch nicht einmal das ist ausgeschlossen: In x Jahren treten Sie erneut zum Trainee-Test bei Konzern B an – und werden sofort genommen, weil Sie dann andere Antworten geben, ein anderes Verhalten zeigen (ich sage ja nicht, es sei wahrscheinlich).

Bleibt Ihre letzte Frage: Was denken spätere Bewerbungsempfänger über die heutige Beschäftigungszeit bei der B-Tochter? Schön, Sie wären dann ein „promovierter Anfänger“ mit früherem Praxisbezug, der hilft immer. Aber es kann auch so interpretiert werden: „Der war damals in der Praxis, die gefiel ihm nicht. Also kroch er noch einmal in die ‚warme heile Welt“ von Hochschule und professoralem Umfeld zurück, wo er sich wohler gefühlt hatte.“ Das wäre nicht gut!

Und so hilfreich die dann „alte“ Praxiserfahrung vielleicht wäre: Erstens haben Sie eine gewerbliche Lehre erfolgreich absolviert, die bereits für Praxisorientierung steht – und zweitens frisst eine Weiterführung der heutigen Praxis Ihre wertvollste Ressource auf, die Sie im Leben haben: Zeit. Sie werden unnötig alt. Wenn Sie dann noch ein schlechtes Zeugnis vom heutigen Arbeitgeber bekommen (bei Leuten mit miserablem Testergebnis z. B. auch in „aktiver Problemlösungsfähigkeit“ ist vieles denkbar), haben Sie nur Nachteile.

Vorschlag: Sie gehen sofort Ihr Master- + Dr.-Vorhaben an, geben sofort Ihren Job auf, lassen die paar Arbeitsmonate entweder später ganz unter den Tisch fallen oder stellen sie als von Anfang an geplante „Übergangslösung bis zur Aufnahme des Zweitstudiums“ dar.

Und über die „nur“ und „einfachen“ Ingenieure, die leider nicht in einer „anderen Liga“ spielen dürfen, denken wir noch einmal reuevoll nach, ja?

Kurzantwort:

1. Ein Assessment-Center für das Traineeprogramm eines Weltkonzerns ist keine Hürde, die man unbedingt überwinden muss, sondern ein spezieller Eignungstest. Man nehme eine Absage gelassen – und freue sich, nicht erst später dort gescheitert zu sein.

2. Einser-Kandidaten von Fachhochschulen haben häufig das Gefühl, eigene Kapazitäten nicht hinreichend genutzt zu haben – und sie glauben oft, erst mit einer Promotion erschlössen sie sich ihnen adäquate Chancen. Das ist sachlich nicht richtig, kann aber zur alles beherrschenden „fixen Idee“ werden – der man dann auch folgen sollte.

Frage-Nr.: 2395
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-03-04

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