Heiko Mell

Rechtzeitig aussteigen aus „Sackgassentechnologie“?

Ich bin Ende 20 und habe an der TU Elektrotechnik studiert. Während meiner Diplomarbeit habe ich mich bei einem sehr großen Kfz-Zulieferer beworben, arbeite dort seither in einem Spezialbereich der Verbrennungsmotoren-Technologie und bin mit meiner Arbeit zufrieden.

Nun mache ich mir jedoch immer mehr Gedanken bezüglich der Zukunftsträchtigkeit meiner Branche, da Politik und Automobilhersteller sich zunehmend der Elektromobilität widmen. Nun stelle ich mir die Frage, wann man einen Zug verlassen sollte, der in eine Sackgasse fährt.

Noch bin ich jung und wäre bei anderen Unternehmen und Branchen akzeptabel; man würde mir zutrauen, dass ich mich in andere Themengebiete einarbeiten kann. In zehn Jahren wäre das wohl deutlich schwieriger, da ich dann als ein Vertreter einer veralteten Technologie gelte und als ein solcher Ingenieur nicht mehr annehmbar bin. Da es meinen Job irgendwann nicht mehr gibt, muss ich irgendwann wechseln. Nur wann?

Eine weitere Frage wäre, warum man einem Ingenieur generell nach zehn bis zwanzig Jahren nicht mehr zutraut, sich in ein ganz neues Themengebiet einzuarbeiten. Ich bin dann doch noch derselbe Mensch mit immer noch derselben Universitätsausbildung. Zum Zeitpunkt meiner Einstellung hatte ich z. B. auch noch kein Wissen im Bereich der Technologie, in der ich mich heute bewege, und habe mich neu eingearbeitet. Wann hat der Ingenieur sein Verfallsdatum im Hinblick auf einen Branchenwechsel erreicht?

Antwort:

Zunächst zum besseren Verständnis: Ihr Fachgebiet klingt wirklich sehr speziell (ich habe es verallgemeinert, es hängt tatsächlich voll am Verbrennungsmotor). Dieses Thema ist von weitreichender Bedeutung für sehr viele Ingenieure. Es ist besonders komplex – zum „Ausgleich“ dafür haben wir kaum Fakten und sind auf ungewisse Prognosen angewiesen. Ich liste in bewährter Form unterschiedliche Argumente auf:

1. Niemand, absolut niemand kann die Entwicklung der Technik und des Arbeitsmarktes für die nächsten 35 Jahre vorhersagen. Weder ist sicher, welche Technologie wann stirbt, noch welche der neuen oder heute schon bekannten Technologien innerhalb dieses Zeitraums dominieren werden.

Als Anhaltspunkt: Vor 35 Jahren gab es kein Internet und keine Handys im heutigen Sinne, um nur zwei populäre Beispiele zu nennen. Die mobile Kommunikation hat andere Techniken schwer geschädigt (Festnetztelefonie), das Internet hat zu Umwälzungen geführt, die man hier gar nicht alle aufzählen könnte.

Hätten Sie also diese Frage vor 35 Jahren gestellt, hätten Sie lauter falsche Antworten erhalten. Und: Die Entdeckung einiger neuer Ölfelder, ein paar technische Durchbrüche bei der Effizienzsteigerung von Verbrennungsmotoren, neue Forschungsergebnisse im Klimabereich mit der Entdeckung anderer Ursachen für Veränderungen oder plötzlich auftauchende Aversionen in der Bevölkerung gegen Millionen und Abermillionen extrem großer Akkumulatoren (Beispiel: Kernenergie) können zu heute noch nicht erkennbaren anderen Entwicklungen führen. Diese wiederum würden die Zukunft Ihres Arbeitsgebietes in der einen oder anderen Richtung beeinflussen. Nach meiner – unmaßgeblichen – Meinung ist die Dominanz des Elektroautos heutiger Art keinesfalls sicher. Auch sehe ich noch keine zigtausend Lkw-Züge rollen, bei denen die Akkumulatoren einen ganzen Anhänger ausfüllen. Außerdem wäre es denkbar, dass wir hier zwar auf neue Antriebstechnologien setzen, dass aber sowohl bei uns als auch in zahlreichen Entwicklungs- und Schwellenländern der Verbrennungsmotor noch jahrzehntelang verkauft wird.

Übrigens fällt nahezu jede heute bekannte Technologie unter den Vorbehalt, dass sie innerhalb der nächsten 35 Jahre „sterben“ kann. Eine totale Sicherheit, dass der heutige Beruf oder die heutige Branche seinen Mann oder seine Frau innerhalb des genannten Zeitraums noch ernährt, gibt es nicht. Also: Viele andere Ingenieure sind – in ganz anderen Branchen – ebenfalls ebenso „bedroht“ wie Sie, ohne es allerdings zu wissen. Und: Es ist durchaus möglich, dass Sie als Experte Ihres Gebiets in Vollbeschäftigung Ihr Rentenalter erreichen. Wir reden hier über eine der typischen Unwägbarkeiten des Berufslebens.

2. Der Verbrennungsmotor wird – falls überhaupt – keinesfalls etwa plötzlich sterben, sondern höchstens allmählich. Geschieht das, werden Sie reichlich „Vorwarnzeit“ haben.

3. Für den Fall, dass Ihr Arbeitsgebiet mehr und mehr an Bedeutung verliert: An „sterbenden“, aber noch existierenden Produktbereichen wird oft besonders gut verdient. Junge Nachwuchskräfte meiden den Bereich (wenn das Sterben absehbar wird), die paar verbleibenden Fachkräfte können sehr begehrt werden.

4. Sie sind ein einzelner Mann, der über begrenzte Informationen verfügt und ja neben allen Überlegungen dieser Art auch noch arbeiten muss. Lassen Sie Ihren großen Konzern mit seinen zahlreichen Marktfachleuten und seinen überall über Kontakte verfügenden Entscheidungsträgern für Sie tätig werden: Wenn Ihr Unternehmen, das ganz bestimmt „die Flöhe husten hört“, in Ihrem Fachbereich negative Entscheidungen trifft, die Investitionen überproportional herunterfährt, die Mitarbeiterzahl Ihrer Abteilung deutlich stärker als in anderen Bereichen reduziert, dann ist es Zeit für die „Ratten“, das sinkende Schiff zu verlassen (oder ernsthaft darüber nachzudenken).

5. Wenn der Verbrennungsmotor geht, wird das Elektroauto in gleichem Maße kommen. Dann wird Ihr Konzern auf den Zug aufgesprungen sein und händeringend berufserfahrene E-Ingenieure suchen. Sie werden dann einer sein – sogar aus der Kfz-Umgebung. Sie müssten sich dann „nur“ um einen internen Wechsel bemühen – der stets leichter ist als der externe.

6. Jeder Fachgebietswechsel wird leichter, je höher man in der Hierarchie bereits geklettert ist. Das gilt in- wie extern. Ein „einsamer Spezialist“ von 45 Jahren kann nur, was er da tut, ein Abteilungsleiter mit zwanzig Mitarbeitern ist längst nicht so tief im Detail verankert. Er managt die Arbeit seiner Fachleute. Das ist seine Fachqualifikation. Die Ingenieure, die er leitet, sind heute Spezialisten für X, morgen führt er Experten für Y. Dieser Wechsel ist auch nicht völlig problemlos, aber einfacher als auf der ausführenden Ebene.

7. Jetzt, wo Sie noch jung und Ihre Erfahrungen überschaubar sind, wäre ein genereller Wechsel des Fachgebiets noch relativ einfach möglich. Anders gesagt: So leicht wird es nie wieder. Nur: Ob Sie im neuen Metier langfristig glücklich werden und ob die neue Ausrichtung überhaupt langfristig „trägt“, garantiert niemand. Sie können auch vom Regen in die Traufe kommen (Atomenergie in Deutschland galt einmal als besonders zukunftsträchtig).

8. Nun zu Ihrer Frage nach dem „Verfallsdatum“ eines Ingenieurs im Hinblick auf einen Branchenwechsel: Was ist Erfahrung? Da kommt beim Versuch einer Definition viel zusammen. Pauschal sagen kann man:

Die Erfahrung zerfällt (mindestens) in zwei Teile: einen allgemeinen beruflichen Teil (wie bewege ich mich in einer Arbeitsumgebung, wie behandele ich Chefs, Kollegen und ggf. Kunden, wie gehe ich mit – ggf. unberechtigter – Kritik um, wie löse ich Konflikte etc.?) und einen speziellen fachlichen Teil, der sich auf Ihr Arbeitsgebiet bezieht.

Der erstere Teil bleibt Ihnen beim Wechsel als positives Element erhalten, im zweiten fangen Sie wieder „bei null“ an. Natürlich können Sie auch diesen neuen Bereich wieder erlernen. Aber die höchste Lernfähigkeit hat man eher in jüngeren als in älteren Jahren. Vor allem aber: Was sind Sie mit 40 Jahren, gerade im Wechsel begriffen? Ein „hochqualifizierter Anfänger“, eine „reife Persönlichkeit ohne relevante Fachqualifikation“ – oder „ein sehr teurer(!) Lehrling“. Denn – und das ist auch Kern des Problems – Sie sind dann mit ca. 14 Jahren Praxis und Ihrem äußerst fundierten Wissen im alten Gebiet ziemlich teuer. Im neuen Gebiet wollen Sie ebenso viel verdienen wie zuvor, sind aber erst einmal Anfänger: Sie fallen durch jedes Standard-Raster. Und: Firmen, bei denen man als externer Bewerber auftritt, bewerten bei ausführenden Positionen einschlägige Fach- und Branchenkenntnisse stets außerordentlich hoch! „Kommt aus unserem Metier“ ist immer eine Top-Empfehlung!

Vergessen Sie nicht: Ein externer Bewerber kann ein doppeltes Risiko darstellen: Seine Persönlichkeit ist nicht bekannt und auch im Bewerbungsprozess nicht vollständig erfassbar (unabwendbares Risiko jedes Bewerbers „von draußen“). Wenn er dann auch noch neu im Fachgebiet ist, verkörpert er schon zwei Risiken – eines aber gilt als „genug“. Aus diesem Grunde darf ein interner Bewerber (den man persönlich in allen Details zu kennen glaubt) über Fachgrenzen hinweg springen, ein externer aber eher nicht.

Auf die Frage, wann der „Verfallsprozess“ beginnt, gibt es keine klare Antwort: Nach einem Berufsjahr ist ein externer Wechsel des Metiers problemlos, nach drei Jahren ist er möglich, nach zehn Jahren stellt er eine große Hürde dar. Im Einzelfall kommt es auf die „Umstände“ an. Auch darauf, wie viele Elektroingenieure der gesuchten Richtung gerade auf dem Markt sind und was Sie „sonst so“ für einen Eindruck machen.

Irgendwo in dieser langen Antwort auf Ihre klare Frage liegt die Lösung Ihres Problems. Als Trost: Sie können sich ihr nur annähern – solange Sie nicht wissen, was die Zukunft so bringt. Das ist „Abenteuer (Berufs-)Leben“ in purer Form. Jeder ist seines Glückes Schmied. Aber wann Sie wo auf Ihr spezielles „heißes Eisen“ schlagen müssen, sagt Ihnen niemand. Noch nicht einmal ein Berater.

Frage-Nr.: 2387
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-02-04

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