Heiko Mell

Passt der Start zum Ziel?

Ich studiere Fahrzeugtechnik und werde in Kürze als Dipl.-Ing, (FH) erfolgreich abschließen. Trotz gut abgeschlossenen Studiums, einer Teamleitertätigkeit in einem angesehenen studentischen Projekt sowie einer sehr guten Diplomarbeit bei einem Fahrzeug-OEM erweist sich die Stellensuche als schwierig. Ich habe jedoch ein Angebot über eine Festanstellung als Projektleiter bekommen; vorerst ginge es um kleinere interne Projekte, später dann um größere externe. Ich würde mir die Aufgabe auch zutrauen. Es handelt sich um ein renommiertes mittelständisches Unternehmen mit einigen 100 Mitarbeitern, das Anlagen für die Produktion erstellt und besonders für namhafte Fahrzeughersteller arbeitet. Da ich meine Zukunft definitiv nicht als Detailspezialist, sondern eher in der Projektbetreuung mit Personalverantwortung sehe, sagt mir das Angebot zu.

Aber: Inwiefern verbaue ich mir dadurch einen etwaigen späteren Wechsel in andere Fahrzeugbranchen (auch OEM)? Die Einstiegsposition prägt, die relativ geringe Größe des Unternehmens erleichtert mir diesen Weg wahrscheinlich nicht. Ich weiß noch nicht, ob ich diesen Branchenwechsel später überhaupt will, möchte mir aber keine Optionen verbauen. Ist ein Wechsel von einem Fahrzeug-Systemlieferanten zu einem Fahrzeughersteller oder -zulieferer realistisch gesehen möglich? Wie sind die weiteren Aufstiegschancen eines Projektleiters meiner dann gegebenen Ausrichtung? Langfristig will ich in das gehobene Management eines international in der Fahrzeugindustrie tätigen Unternehmens. Aus heutiger Sicht spricht mich der Mittelstand mehr an als der Konzern.

Antwort:

Ich liste einfach alle mir einfallenden Aspekte auf:

1. Es ist absolut vernünftig und sinnvoll, dort sein Berufsziel zu suchen, wo der Studienschwerpunkt lag. Auch Ihre Branche (Fahrzeugtechnik) wird sich erholen – wir alle wollen weiter individuell mobil bleiben.

2. Achtung, Falle: Ihr möglicher Arbeitgeber liefert Produktionsanlagen u. a. für große Fahrzeugbauer – ist damit aber kein Mitglied der Branche Fahrzeugbau, er bleibt z. B. Werkzeugmaschinenhersteller oder Lackieranlagenproduzent, ist Lieferant, kein Zulieferer im klassischen Sinne. Natürlich ist es denkbar, dass auch schon einmal ein Projektleiter einer solchen Anlage zum Fahrzeughersteller gewechselt hat, aber Standard ist das nicht! Ihr potenzieller Arbeitgeber plant, baut, installiert monatelang eine einzige Anlage, bis sie endlich läuft – beim OEM werden pro Stunde x Fahrzeuge vom Band gerollt. Das ist eine völlig andere Baustelle, es ist der uralte Konflikt zwischen Anlagenbauer und Großserienproduzent.

Wer die Lackierstraße für VW liefert, ist in der Lackierstraßenbranche, nicht vorrangig im Fahrzeugbau. Und „Systemlieferant“ ist er auch nicht; das sind Zulieferer, die nicht mehr Türgriffe oder Fensterhebemotoren liefern, sondern komplett einbaufähige Türen – aber für die Serie, nicht als Hilfsmittel für die Produktion. Das ist keine Wertung, einfach nur ein Definitionsversuch.

3. Die Größenproblematik sehen Sie richtig. Nach ein paar Jahren beim jetzt anstehenden kleinen Arbeitgeber gibt es kaum noch eine Chance, auf entsprechender Ebene zu VW, Mercedes, BMW o. Ä. zu wechseln. Dass Sie dann „nicht einmal“ Autos oder Teile davon gebaut haben, kommt hinzu. Vom großen Unternehmen zum kleinen geht stets leichter als umgekehrt.

4. Das vorliegende Angebot beinhaltet dennoch eine tolle Chance. Typisch: Der überschaubare Mittelständler überträgt Ihnen von Anfang an mehr Verantwortung und offeriert konkretere Aufstiegschancen als der Konzern. Und Sie können auf diesem Wege zu einem „großen Tier“ der Lackieranlagenbranche (natürlich ist die hier von mir erfunden, ich will das richtige Metier aus verständlichen Gründen verschleiern) werden, z. B. eines Tages technischer Geschäftsführer eines solchen mittelständischen Hauses.

Aber: Wenn Sie vom Bereichsleiter bei VW träumen, fangen Sie am besten direkt bei VW an. Und wenn die Sie nicht nehmen, träumen Sie eben von etwas anderem („Zielwechsel“). Versuchen Sie aber gar nicht erst, dort gleich als Projektleiter anzufangen …

Das Metier Ihres potenziellen Arbeitgebers hat Zukunft, wegen der stark auf Fahrzeugbau ausgerichteten Kundenstruktur ist man bei diesem speziellen Unternehmen an einem „Fahrzeugbauer“ wie Ihnen interessiert. Bei einem der später üblichen Firmenwechsel innerhalb der Branche, z. B. zu einem Hersteller von „Lackieranlagen“ für Kühlschränke, passt Ihre Studienausrichtung dann nicht mehr so toll – Sie müssten bis dahin so tief in der Lackierbranche drinstecken, dass man Ihre eigentlich „falsche“ Studienrichtung einfach übersieht (das geht, ist aber jetzt für Sie schwer vorstellbar).

5. Wenn Ihr Ziel im Mittelstand liegt (dann aber eben nicht im OEM-Bereich der Fahrzeugindustrie), können Sie problemlos im Mittelstand anfangen, werden wahrscheinlich mehrmals zu anderen mittelständischen Arbeitgebern wechseln und dabei aufsteigen. Sie dürfen dann nur nicht auf der Hälfte des Weges vom Job eines VW-Vorstands zu träumen beginnen, beispielsweise.

Wie immer gilt: Je klarer das Ziel des Berufsweges ist, desto eindeutiger liegt der Weg vor Ihnen.

6. So nach etwa zwei bis drei Jahren beim ersten Arbeitgeber sind durch Firmenwechsel Korrekturen auch von Branche und Tätigkeit durchaus noch möglich – aber es ist einfacher, wenn man im ersten Unternehmen noch nicht „zu viel“ geworden ist. Ein Projektingenieur ist dabei leichter neu zu positionieren als ein Projektleiter mit 20 zu steuernden Mitarbeitern.

So, nun die „Gebrauchsanweisung“ zu meiner Auflistung: Die einzelnen Punkte überschneiden sich, teilweise widersprechen sie sich. Das ist „Leben pur“, das bleibt so. Gehen Sie die Einzelheiten durch, gewichten Sie die Aspekte nach Ihrem Empfinden – und dann müssen Sie das tun, was den künftigen Manager auszeichnet: entscheiden, ohne die letzte oder auch nur die vorletzte Sicherheit zu haben. Als Trost: Sie erfahren nie, ob Sie etwas falsch gemacht haben – weil Sie nicht wissen, was bei den Alternativen herausgekommen wäre. Mehr kann ich leider nicht für Sie tun.

 

Frage-Nr.: 2364
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-10-30

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