Heiko Mell

Richtungswechsel nach 12 Jahren?

Frage:

Ich habe ein TU-Studium in Elektrotechnik und habe in den bisherigen zwölf Jahren meines Berufslebens vorwiegend in der Software-Branche im Projektmanagement/Beratung und als Abteilungsleiter einer Software-Entwicklungsabteilung gearbeitet (bis heute).

Am Ende meines Studiums hatte ich mich leidenschaftlich mit dem Thema regenerative Energien beschäftigt, wohl aber damals nicht den Mut gehabt, mich beruflich in dieser noch sehr jungen Branche zu engagieren.

In den letzten zwölf Jahren ist mir immer bewusster geworden, dass dort meine wahre berufliche Leidenschaft liegt. Jetzt denke ich darüber nach, ob ein Branchenwechsel möglich wäre. Mir ist bewusst, dass eine Grundvoraussetzung für den Erfolg eines solchen Vorhabens die Bereitschaft zu massiven Einschnitten ist. Diese Bereitschaft ist vorhanden, die Einschnitte sind für mich tragbar. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit eines einjährigen Postgraduate-Studiums „Renewable Energies“ in Großbritannien.

Kann ein solches Quereinstiegs-Vorhaben bei potenziellen Arbeitgebern der neuen Branche erfolgreich sein, wenn man die notwendige Bereitschaft (massive Einkommenseinbußen, intensives Lernen, Leidenschaft und Offenheit im Dialog) mitbringt?

Ist es überhaupt ratsam, meine gegenwärtige Position für das neue Studium aufzugeben? Damit kann ich mir zwar Wissen aneignen und Engagement beweisen, andererseits initiiere ich damit einen klaren Bruch im Lebenslauf, der mir beim Nichtgelingen des Quereinstiegs den Rückweg verbauen dürfte. Ist ein solcher Schritt eher mutig und konsequent und damit empfehlenswert oder naiv und zum Scheitern verurteilt?

Antwort:

Antwort 1 (generell): Auch Männer haben ihre biologische Uhr, auch diese tickt hörbar. Da sich Männer sehr häufig über ihren Beruf definieren (ich sage nicht, dass Frauen das nicht tun, ich sage nur, Männer tun es), sieht das etwa so aus (die Zahlenangaben sind zur Untermalung frei erfunden):

Nach dem Abitur mögen dem jungen Mann vielleicht dreihundert berufliche Varianten offenstehen – die Welt ist riesig groß. Nach dem Studium mögen es vielleicht noch fünfzig sein – Staatsanwalt oder Zahnarzt wird der Diplom-Ingenieur nun nicht mehr. Aber noch ist seine Welt groß. Nach den ersten zwei Berufsjahren bleiben vielleicht noch etwa zehn erreichbare Ziele offen – die Welt wird enger. Nach mehr als zehn Berufsjahren sind die noch erreichbaren Ziele auf drei bis fünf geschrumpft, mit jeder weiteren beruflichen Phase werden es weniger.

Denkt der Mann jetzt an die Zeit zurück, in der ihm „alles offenstand“ und ist er in seiner erarbeiteten Variante nicht recht glücklich(!), dann kommt er ins Grübeln. Man müsste noch einmal von vorn anfangen, etwas ganz Anderes machen, frühere Träume verwirklichen. Manche, die sich nicht so eindeutig beruflich definieren, färben sich die Haare, klatschen sich Anti-Aging-Cremes ins Gesicht und probieren, ob nicht in der Disco noch etwas zu machen ist – sie knüpfen nicht bei alten beruflichen Träumen an, sondern trauern ihrer allzu früh abgebrochenen Karriere als jugendlicher Liebhaber nach. Oder so.

Und im Hintergrund droht stets der 50. Geburtstag – „wenn nicht jetzt, wann dann?“.

Um nun doch lieber wieder ganz beim beruflichen Thema zu bleiben: Ob da nun eine alte Leidenschaft aus der Studienzeit durchschlägt oder ob man einfach auf ein neues Gebiet aufspringt, ist nicht von Bedeutung: Irgendetwas lockt, das vor allem anders ist als das bisher Getane. Es ist ein bekanntes Phänomen; dass es hier um den Abteilungsleiter Software-Entwicklung geht, der gern für deutlich weniger Geld und natürlich ohne Führungsfunktion beim Bau von Anlagen im Bereich der erneuerbaren Energien mitwirken will, ist reiner Zufall. Es hätte auch um den Maschinenbauer gehen können, der plötzlich „in Chemie“ machen möchte.Und nun muss ich mich zweiteilen:

Antwort 2 (Heiko Mell als Profi):

Tun Sie es nicht! Dass das Projekt scheitern könnte und Sie dann vor einem Trümmerhaufen stünden, wissen Sie – ich unterstreiche das.

Sie sind Abteilungsleiter – und würden im neuen Metier als „kleiner Angestellter“ ohne Führungsfunktion wieder anfangen müssen. Diesen Abstieg mag das System aus diversen Gründen nicht – und sei es, weil Ihr potenzieller neuer Chef im neuen Metier befürchtet, mit dem Ex-Abteilungsleiter auf dem Anfänger-Job nur Ärger zu bekommen (wo er doch selbst eventuell nur Gruppenleiter ist).

Man kann fast alles irgendwie nachholen, wiederbringen, kann Verluste ausgleichen. Ein heute verlorenes Vermögen kann morgen neu erspekuliert werden, der Entlassung von heute kann die Beförderung morgen folgen – alles ist möglich (ich habe nicht gesagt, es sei alles wahrscheinlich).

Nur verlorene Zeit ist unwiederbringlich dahin. Und da zwischen Examen und Rente nur begrenzte Zeit vorhanden ist, haben Sie „keine Minute zu verlieren“ (die Romanfigur des Seehelden Jack Aubrey von Patrick O“Brian). Deshalb muss von Umwegen abgeraten werden. Bei begrenzter Zeit kommen Sie auf Umwegen niemals so weit wie bei direkter Ausrichtung auf das Ziel vom Start an. Vielleicht erreichen Sie im neuen Metier nicht einmal die Nähe des Abteilungsleiter-Status, bis Sie pensioniert werden.

Misstrauen Sie Ihrer neu entdeckten Leidenschaft. Sie haben zwölf extrem lange Jahre gebraucht, um Ihr heutiges Metier als uninteressant und die schon lange öffentlich heiß diskutierte neue Richtung als „die Lösung für Sie überhaupt“ zu erkennen. Über zwölf Monate könnte man reden, aber wenn etwas um Sie herum zwölf Jahre brennen muss, bevor Sie entflammt werden, dann …

und überhaupt „Leidenschaft für ein Metier“: Sicher brauchen wir auch Ingenieure mit Leidenschaft für ein Produkt. Aber die „kalt“ entfachte, problemlos auch auf ein neues Gebiet übertragbare Leidenschaft eines Profis reicht normalerweise aus – gute Leute können das. Denn wir haben so viele banal klingende Produkte: WC-Schüsseln sind mein Lieblingsbeispiel. Sollen wir wirklich nach Menschen suchen, die dafür Leidenschaft empfinden oder „begnügen“ wir uns mit Design-, Werkstoff-, Produktionsprozess- und Vertriebsprofis, die – engagiert, mit vollem Einsatz – sich heute WC-Schüsseln, morgen Kaffeetassen oder Kugelschreibern widmen. Es gilt tatsächlich die Empfehlung, sich von Produkten, denen die persönliche Leidenschaft gilt, beruflich eher fernzuhalten. Sonst verstellt die Emotion den Blick für wirtschaftliche Erfordernisse. Das gilt für Standard-Angestellten-Funktionen, nicht beispielsweise für Erfinder, Forscher u. Ä.

Letztlich suchen die entsprechenden Firmen immer entweder den „richtig“ (also speziell für dieses Fachgebiet) ausgebildeten Anfänger (Dipl.-Ing., 26, Studienschwerpunkt oder Diplomarbeit in erneuerbaren Energien) oder den Fachmann mit fünfjähriger Praxis in diesem Metier. Sie jedoch wären dann der 40-jährige Anfänger mit zwölf Jahren „falscher Praxis“ – und fielen zunächst einmal durch alle Raster. Tun Sie das sich und den Empfängern Ihrer Bewerbung nicht an.

Antwort 3 (Heiko Mell als Mensch):

Alles, was bisher hier stand, war und ist weiter richtig. Und mir als engagiertem Serienautor wäre wohler, Sie würden Antwort 2 beherzigen und es nicht tun. Aber: Es gibt Fälle, in denen ist nicht mehr die Vernunft gefragt, sondern die Emotion dominiert. Und dann droht dieses Szenario: Sie sind 50, liegen schlaflos im Bett und grübeln. Sie denken an Ihren Beruf, sind immer noch in der Software-Entwicklung und immer noch unglücklich. Und in Ihnen wächst das Gefühl, etwas versäumt, einen ganz großen Fehler gemacht zu haben, indem Sie „damals“ im Jahre 2009 eben nicht den Mut hatten, Ihr Leben auf eine völlig andere, „leuchtende“ Basis zu stellen.

Gefühle dieser Art können Sie zerstören. Sie könnten täglich mit dem Schicksal hadern, zum frustrierten Softwareentwicklungs-Manager werden, der seine Umwelt ständig „nervt“, bis sie ihn ausgrenzt.

Und: Was unter Antwort 2 steht, gilt noch immer. Aber „nur“ für etwa 85 – 95 % der Betroffenen, die andernfalls erst richtig unglücklich würden. Weshalb ich ja abrate. Aber der Einzelne kann durchaus auch sein persönliches Glück finden, indem er gegen viele Regeln verstößt. Wenn er sich des Risikos bewusst und es zu tragen bereit ist, vielleicht keine Frau und drei Kinder ernähren sowie kein Haus abzahlen muss, wenn die „Flamme“ der neu entdeckten Leidenschaft wirklich so heiß brennt (und er mit dem Vorwurf „Spätentwickler“ zu leben bereit ist) – dann bin ich noch immer dagegen, aber ich könnte verstehen, wenn er es dennoch täte (Sie sollten aber die Ernsthaftigkeit Ihres Anliegens durch das neue Studium unterstreichen).

Denn was der Mensch braucht, muss er zu bekommen versuchen. Das gilt mitunter auch dann, wenn es eigentlich unvernünftig ist. Und falls Sie sich entschließen, dann kämpfen Sie um Ihren Weg im geliebten neuen Metier, das Sie hoffentlich nie enttäuscht. Klopfen Sie an hundert Türen, eine wird sich schon öffnen. Schließlich sind Sie nur „verrückt“, nicht gemeingefährlich (nicht böse, schon gar nicht beleidigend, nur im volkstümlichen Sinne gemeint). Vielleicht erkenne ich ja nur den Gleichgesinnten: Wer 25 Jahre diese Serie schreibt, muss wohl auch ein bisschen jenseits der Norm liegen.

Kurzantwort:

Nach zwölf Jahren Berufstätigkeit und erreichtem Aufstieg in Führungspositionen im Metier A ist es grundsätzlich zu spät, um erst ein neues Studium durchzustehen und dann ins Metier E oder F zu wechseln. Von dem Versuch ist abzuraten. Es sei denn … Und: Immer ist eine große Chance mit einem großen Risiko verbunden. Umgekehrt gilt das nicht zwangsläufig.

Frage-Nr.: 2358
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-10-15

Von Heiko Mell

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