Heiko Mell

Staat oder Wirtschaft?

Vor einigen Jahren beendete ich mein TU-Studium mit einem Einser-Schnitt. Danach erhielt ich von einem kleinen mittelständischen Unternehmen ein Stellenangebot mit der Möglichkeit zur Promotion. Letztere konnte ich in weniger als drei Jahren erfolgreich abschließen. Ich bin jetzt 30 Jahre alt, derzeit bin ich noch mit der Abwicklung von Projekten beschäftigt, die ich während der Promotionszeit in diesem Unternehmen begonnen hatte.

Vor Kurzem ist eine auf meinem Fachgebiet tätige Bundesbehörde mit einem attraktiven Angebot an mich herangetreten (es gibt geschäftliche Kontakte zu meinem Arbeitgeber).

Während der letzten Jahre hatte ich Einblick sowohl in das theoretisch orientierte Leben an Hochschule und staatlichen Institutionen als auch in die praxisorientierte Wirtschaft, welche mir eigentlich besser zusagte.

Ist mit dem ersten Firmenwechsel eine so deutliche Festlegung der zukünftigen Karriererichtung verbunden, dass man den anhaftenden Stallgeruch nicht mehr los wird? Ist im konkreten Fall eine spätere Rückkehr von der Behörde in die freie Wirtschaft überhaupt noch möglich und aus Karrieresicht sinnvoll, oder gilt man dann als so „verdorben“, dass man den Schritt zur Behörde gar nicht erst wagen sollte?

Antwort:

1. Bevor wir uns der Frage widmen, sind einige Klarstellungen erforderlich. Sie gehen mit Begriffen und Einstufungen etwas arg „großzügig“ um:

1.1 Ihre Unterscheidung zwischen dem „theoretisch orientierten Leben an Hochschule und staatlichen Institutionen“ und der praxisorientierten Wirtschaft kann so nicht stehen bleiben. Auch Hochschulen (Lehrstühle, Uni-Institute) arbeiten heute praxisorientiert z. B. an Industrieaufträgen; auf der anderen Seite gilt zwar „Forschung“ als „theoretisch“ ausgerichtet, Behördenarbeit aber keinesfalls, jedenfalls nicht pauschal. Und dann ist Ihr Arbeitgeber ein so überaus kleines Unternehmen, dass Sie nicht davon ausgehen können, dort „die praxisorientierte Wirtschaft“ kennengelernt zu haben.

1.2 Von einem „Firmenwechsel“ kann man nur sprechen, wenn Sie zwischen zwei „Firmen“ wechseln. Ihr heutiges Unternehmen ist eine solche, die Behörde jedoch nicht. Also wäre der Eintritt bei dieser zwar ein Arbeitgeber-, aber kein Firmenwechsel.

1.3 Während der Promotionszeit ist man zumeist irgendwo angestellt und erwirbt irgendwie Berufserfahrungen bzw. erfährt man eine Art Vorprägung durch den jeweiligen Arbeitgeber. Nur „zählt“ diese Phase nicht so richtig, da die Hauptzielrichtung in der Promotion gesehen und die Beschäftigung im Angestelltenverhältnis als eine Art „Nebenkriegsschauplatz“ gewertet wird.

Beispiel: Ein Standardfall der Promotionsphase ist die begleitende Anstellung des Kandidaten als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Uni-Institut. Dort ist dieser Mensch etwa fünf Jahre lang Angestellter im öffentlichen Dienst, mit nahezu allen Besonderheiten desselben. Verlässt er nach Promotionsabschluss das Institut, gilt er auf dem Markt jedoch nicht(!) als irgendwie vorgeprägt durch den öffentlichen Dienst. Diese Anstellung war nur Mittel zum Zweck, also nur Weg zum Ziel, sie fällt weiter nicht ins Gewicht. Jedoch nach Studienende ohne Promotionsabsicht fünf Jahre im öffentlichen Dienst angestellt gewesen zu sein, das hätte völlig andere(!) Auswirkungen.

2. Zur konkreten Frage:Die erste Anstellung nach Abschluss der kompletten Ausbildung (zu der auch noch die Promotion gehört), prägt die weitere Berufslaufbahn entscheidend. In manchen Fällen ist später eine Korrektur noch gut möglich, in manchen Fällen nur noch unter Anstrengungen und Opfern, in anderen Fällen gar nicht mehr.

Faktoren, auf die sich diese Aussage bezieht, sind:- Typ des Arbeitgebers,- Branche,- Tätigkeit/Fachgebiet. Für jeden dieser Faktoren gibt es Dinge, die beim Wechsel „gehen“, die „vielleicht gehen“, die „eher nicht gehen“. Wenn man nur in einem Faktor eine spätere Änderung wünscht, die beiden anderen aber beibehält, hat man es leichter als beim Versuch, alle drei Faktoren beim Wechsel zu variieren. Konjunkturelle Entwicklungen und damit Gegebenheiten auf dem Arbeitsmarkt können Vorbehalte gegen solche Faktorenwechsel verstärken oder auch die Toleranz gegenüber einem solchen Vorhaben vergrößern. Stets gibt es auch Ausnahmen, so dass im Einzelfall zumindest ein Fünkchen Hoffnung bleibt.

Beispiele für gegebene oder eben nicht gegebene Wechselchancen nach einigen Berufsjahren:

Arbeitgebertyp:
Geht von größer zu kleiner, geht vielfach von freie Wirtschaft zu öffentlichem Dienst;geht eher nicht vom Kleinbetrieb zum Großkonzern, von öffentlichem Dienst zur freien Wirtschaft.

Branche:
Geht vom Automobilzulieferer zu allgemeinem Serien-Geräte- oder Komponentenbau;geht eher nicht vom Anlagen- zum Großserienhersteller.

Tätigkeit:
Geht von der Entwicklung in den Vertrieb, von der Produktion in die Instandhaltung; geht eher nicht vom Vertrieb in die Entwicklung, von der Instandhaltung in die Produktion.

Direkt mit dem Arbeitgebertyp sind wir bei Ihnen. Die Vorbehalte der Wirtschaft gegen Bewerber aus dem Bereich des öffentlichen Dienstes mögen ja alles reine Vorurteile sein – sie bestehen aber nun einmal. Dabei geht es bei erst wenigen Dienstjahren noch nicht einmal darum, ob jemand durch die meist weniger leistungsorientierten Systeme des öffentlichen Dienstes wirklich schon „verdorben“ werden konnte – man unterstellt unterschwellig, dass sich nur entsprechend veranlagte Kandidaten zur Tätigkeit z. B. in einer Behörde hingezogen fühlen. Und während im Strafrecht zu einer Verurteilung Beweise erforderlich sind, reicht bei Bewerbungen der Verdacht (oder ein Vorurteil) zur Absage aus.

Es gibt Ausnahmen, in denen ganz gezielt das Gegenteil praktiziert wird: So suchen die Steuerabteilungen großer Firmen gern Mitarbeiter aus der öffentlichen Finanzverwaltung. Ob die dann aber später über die engen Fachbereichsgrenzen hinausgehende Karrierechancen haben (kfm. Leiter/GF/Vorstand), ist eine offene Frage.Verschärft werden die Probleme, die immer dann entstehen, wenn man beim Wechsel mehr als nur den Arbeitgebernamen verändern will, durch hierarchische Überlegungen. Da im Normalfall auch noch ein Aufstieg angestrebt wird, ist ja allein dadurch eine Veränderung größeren Ausmaßes gegeben. Wenn dann auch noch versucht wird, „bei der Gelegenheit“ z. B. Branche und/oder Tätigkeit zu verändern, steht man schnell vor einer unüberwindlichen Hürde.

Also: Je ähnlicher beim Wechsel die neue Position der alten ist (nach Arbeitgebertyp, Branche und Tätigkeit/Fachgebiet), desto leichter geht das Vorhaben über die Bühne – und umgekehrt. Und der öffentliche Dienst gilt als sehr viel „anders“ als die freie Wirtschaft. Deshalb ist es am besten, man trifft von Anfang an eine Richtungsentscheidung und bleibt dabei.

Kurzantwort:

Der Einsteiger ist gut beraten, wenn er eine grundsätzliche Entscheidung für oder gegen den öffentlichen Dienst fällt und auch später dabei bleibt. Dieser Arbeitgebertyp ist in vielen Bereichen so ausgeprägt „anders“ als die freie Wirtschaft, dass ein späterer Wechsel kaum noch möglich ist. Bei Karriereambitionen gilt das verstärkt.

Frage-Nr.: 2344
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-08-27

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