Heiko Mell

Familienplanung oder Arbeitgeberwechsel

Ich (weibl.) wüsste gern Ihren Rat in einem Dilemma, das von Natur aus Frauen vorbehalten ist:

Ich habe vor drei Jahren als Trainee in einem Konzern begonnen. Während des Traineeprogramms habe ich in Projekten an verschiedenen Standorten gearbeitet. Seit knapp zwei Jahren bin ich nun fest bei einer Konzerngesellschaft als Projektleiterin angestellt.

Schon seit einiger Zeit spiele ich aus unterschiedlichen Gründen mit dem Gedanken, mich nach einem neuen Arbeitgeber umzuschauen. Gleichzeitig jedoch befasse ich mich mit Familienplanung, d. h. ich (Ende 20) möchte gerne innerhalb des kommenden Jahres ein Kind bekommen. Da Frauen jedoch gezwungenermaßen bei einer Schwangerschaft mindestens drei bis vier Monate, realistischerweise mit Berücksichtigung der Stillzeit eher sieben bis acht Monate ausfallen, wäre ein Arbeitgeberwechsel zum jetzigen Zeitpunkt wohl eher ungünstig.

Die Gründe, weshalb ich gerne wechseln würde:

a) die derzeitige Tätigkeit entspricht nicht ganz meiner Ausbildung und meinen Interessen;

b) kein vertrauensvolles gutes Verhältnis zum Chef;

c) die sehr hierarchisch geprägte Unternehmenskultur (hohe Machtdistanz);

d) ich möchte gerne auch Erfahrungen in anderen Unternehmen sammeln/andere Unternehmen kennenlernen;

e) Personalabbau aufgrund der derzeitigen schlechten Wirtschaftslage.

Meine Einschätzung: a + b könnten durch internen Stellenwechsel inkl. Wechsel des Vorgesetzten verbessert werden. Diese Möglichkeit habe ich jedoch beim letzten Mitarbeitergespräch schon eruiert, sie ist derzeit nicht praktikabel.

C ist ein Faktor, den man als Anfänger bei anderen Unternehmen natürlich nur schwer einschätzen kann. Ich könnte mir jedoch vorstellen, mich in einem kleineren Unternehmen wohler zu fühlen.

D ist eine prinzipielle Einstellung von mir, die mit meinem Wunsch verbunden ist, auch einmal etwas anderes lernen zu wollen.

E ist momentan in fast allen Unternehmen der Fall, was einen Wechsel zz. natürlich erschwert.

Nun frage ich mich, wie diese beiden Wünsche am besten kombinierbar sind:

1. Ich bleibe zunächst beim derzeitigen Arbeitgeber, werde schwanger und bemühe mich in der Mutterschutz-/Elternzeitpause um eine andere Stelle für den Wiedereinstieg nach der Pause.

Vorteil: Es entstünde keine unschöne Lücke nach kurzer Anstellung beim neuen Arbeitgeber. Nachteil: Der Arbeitgeberwechsel wird auf unbestimmte Zeit hinausgezögert und hängt vom Zeitpunkt der Schwangerschaft ab.

2. Ich bewerbe mich jetzt, werde dann vermutlich noch in der Probezeit schwanger und versuche, die Auszeit so kurz wie möglich zu halten.

Vorteil: Ein schneller Wechsel wäre möglich. Nachteil: Eine Schwangerschaft kurz nach Dienstantritt wird nicht gern gesehen.Seit einigen Jahren lese ich aufmerksam Ihre Beiträge, die manchmal zum Nachdenken anregen und oft meine eigenen Erfahrungen bestätigen.

Antwort:

So, so, tun sie das, meine Beiträge.

Wissen Sie, es gibt in Ihrer überschaubaren Darstellung fünf handelnde oder betroffene Personen oder Institutionen, die von Ihnen so im Vorübergehen ihr Fett abbekommen, die zwar nicht angegriffen, aber doch ein wenig so behandelt werden, dass sie zwar noch nicht beißen, aber doch schon knurren würden, wären sie denn Hunde.

Einer davon hat sich am Beginn dieser Antwort geoutet. Der zweite ist Ihr Chef – wobei sein Verhältnis zu seiner Mitarbeiterin ja wohl ein zweiseitiges ist. Aber man erkennt so gar kein Bemühen Ihrerseits zur Verbesserung; von Ansätzen zur Selbstkritik ist überhaupt keine Rede. Die dritte ist Ihr Arbeitgeber – keine anständige Unternehmenskultur, fertig. Wenn man so will, ist die vierte Ihr Aufgabengebiet: „Entspricht nicht ganz … meinen Interessen“; Pech gehabt, das gute (Gebiet)! Und der fünfte ist der immerhin mögliche neue Arbeitgeber: Dem bleibt eine in der Einarbeitung schwanger werdende Projektleiterin eines Entwicklungsprojektes vielleicht nur deshalb erspart, weil aus Ihrer Sicht die Vorteile einer anderen Lösung doch noch etwas größer sind.

Nehmen wir nur einmal den letztgenannten Aspekt: „Eine Schwangerschaft kurz nach Dienstantritt wird nicht gerne gesehen.“ Das ist, insbesondere bei den von Ihnen jetzt angepeilten kleineren Unternehmen, die Untertreibung des Jahres. Es bewegt sich an der Grenze der Bösartigkeit dem neuen Arbeitgeber gegenüber, eine sorgfältig geplante, bewusst herbeigeführte Schwangerschaft in die Einarbeitungszeit zu legen. Das wird nicht „nicht gern gesehen“, das löst (heimliche) Wutanfälle aus: Und dann hätten Sie eine neuerliche Chance, kurz darauf zu formulieren, es gäbe „kein vertrauensvolles, gutes Verhältnis zum Chef“.

Man hätte sich beispielsweise bei diesem Punkt 2 Ihrer Lösungsansätze wünschen können, Sie hätten etwa geschrieben: „Nachteil: Kann man nicht machen, kommt nicht infrage, so könnte ich ja nie ein gutes Verhältnis zum Chef aufbauen.“ Und für die anderen Punkte gilt das entsprechend auch. Dass ich persönlich dem „Projekt Kind“ 100 Wertpunkte, dem Projekt „Arbeitgeberwechsel im hier dargelegten Gesamtzusammenhang“ jedoch höchstens 30 zuordnen würde, was die Bedeutung für Ihr ganzes weiteres Leben angeht, soll hier keine Rolle spielen.

„Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken“ – steht in der Glocke von Schiller. Stellen Sie sich vor, ich sei so ein alter Löwe und Sie hätten mir zugestanden, meine Beiträge regten „manchmal zum Nachdenken“ an. Ich fühle irgendwie mit Ihrem Chef. Wenn Sie wieder einmal einen „Leu“ treffen, reizen Sie ihn nicht.

So, nun ist es genug mit Form- und Stilfragen, mit Psychologie und älteren Wüstentieren. Wobei ich glaube, dass von „so etwas“ mehr Karrieren abhängen als von Sachfragen. Aber denen widmen wir uns jetzt:Sie haben Ihr Problem richtig erkannt, perfekt analysiert, mögliche Lösungen gefunden, Vor- und Nachteile grundsätzlich richtig gesehen, alles nachvollziehbar dargestellt. Ich sehe zwei wesentliche Aspekte, die zu einer eindeutigen Empfehlung führen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

I. Junge Menschen am Beginn des Berufsweges werfen oft zu schnell das Handtuch, sind mit allem irgendwie unzufrieden und wechseln zu früh. Zehn Jahre später antworten sie auf die Frage nach Fehlern im Karriereaufbau, sie hätten damals beim ersten – insbesondere, wenn er groß und namhaft ist – Arbeitgeber länger durchhalten sollen, woanders sei es eher noch schlechter gewesen.

Ein Arbeitgeber, der so nett war, in Sie als Trainee zu investieren, hat moralischen Anspruch darauf, dass Sie auch ein wenig darüber nachdenken, sich durch etwas mehr Dienstzeit zu revanchieren. Das liegt durchaus auch im eigenen Interesse: Ein Bewerbungsempfänger (eventuell sogar einer in zehn Jahren) könnte anlässlich Ihres Werdeganges die Augenbrauen hochziehen und meinen, Ihr damaliger Arbeitgeber hätte ja nicht viel Freude an Ihnen gehabt. Außerdem gelten Sie erst mit drei bis fünf entsprechenden Jahren als erfahrene Projektleiterin.

Bleibt das Problem mit dem Chef – das er ebenso mit Ihnen hat wie Sie mit ihm, verlassen Sie sich darauf. Man läuft nicht vor ungelösten Problemen davon, man geht erst, wenn man sein Problem gelöst hat. Versuchen Sie also, ein besseres Verhältnis zum Chef aufzubauen. Es spricht unter I alles fürs Bleiben.

II. Kinder plant man nicht in die Probezeit bei einem neuen Arbeitgeber hinein, das bringt nur Ärger, bei dem man den Vorgesetzten verstehen kann. Also gilt auch unter II: Bleiben. Vielleicht sogar ein bisschen über die Elternzeit hinaus.

Erlauben Sie mir noch ein Wort zum Schluss: Sie haben ein recht hohes Anspruchsniveau, Sie wollen vieles, wollen es gleichzeitig und streben nach perfekter Erfüllung Ihrer Vorstellungen. Das Leben lässt das nur sehr bedingt zu, Enttäuschungen sind unvermeidlich, Kompromisse unabwendbar.

Kurzantwort:

Zeitgleich lassen sich zwei so umfassende Projekte wie Schwangerschaft und Arbeitgeberwechsel kaum realisieren. Es gilt, Prioritäten zu setzen.

Frage-Nr.: 2340
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-08-05

Top Stellenangebote

Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm-Firmenlogo
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm Professur (W2) Konstruktion und Fertigungsmesstechnik Nürnberg
BASF Coatings GmbH-Firmenlogo
BASF Coatings GmbH Projektingenieur_in Elektrotechnik / Automatisierungstechnik (m/w/d) Münster
DACHSER Group SE & Co. KG-Firmenlogo
DACHSER Group SE & Co. KG Versorgungstechniker (m/w/d) TGA Kempten
DACHSER Group SE & Co. KG-Firmenlogo
DACHSER Group SE & Co. KG Elektrotechniker (m/w/d) Kempten
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A.-Firmenlogo
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A. Ingenieure / Techniker (m/w/d) für die Gewerke HVAC/S und medizinische Gase, im Geschäftsbereich Krankenhausprojekte Niederanven (Luxemburg)
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A.-Firmenlogo
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A. Ingenieur (m/w/d) Energie & Gebäudephysik Niederanven (Luxemburg)
KfW Bankengruppe-Firmenlogo
KfW Bankengruppe Experte / Sachverständiger (w/m/d) für Umwelt- und Sozialrisikomanagement Frankfurt am Main
Technische Hochschule Bingen-Firmenlogo
Technische Hochschule Bingen Präsident (m/w/d) Bingen
OST – Ostschweizer Fachhochschule-Firmenlogo
OST – Ostschweizer Fachhochschule Professor/in für Industrielle Automation Rapperswil (Schweiz)
Technische Universität Dresden-Firmenlogo
Technische Universität Dresden Professur (W3) für Autonome Systeme / Mitgliedschaft in der Institutsleitung Dresden
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.